mini|hochkant=1.3|Aktion „Lethe-Bomben“ vor dem Reichstagsgebäude, 2009
Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) ist ein 2008 gegründeter Zusammenschluss von über 100 Aktionskünstlern und Kreativen (Stand: November 2023) unter der Leitung des Aktionskünstlers Philipp Ruch.Eva Marie Kogel: Politik-Querulant: Ein Aktionskünstler wühlt die Berliner Republik auf. In: Welt Online. 21. Mai 2014, abgerufen am 2. Dezember 2017.
Selbstverständnis und Ziele mini|hochkant|Nina van Bergen, die „Informelle Bundeskanzlerin“ des Zentrums für Politische Schönheit, 2009 mini|Philipp Ruch, 2017 mini|hochkant|Stefan Pelzer, 2017
Die Mitglieder des Zentrums für Politische Schönheit sehen ihre Gruppe als eine Denkfabrik, die Menschenrechte mit Aktionskunst verbinden soll. Ziel sei es, durch künstlerische Interventionen („Bewusstmachung“) auf „humanitäre Themen“ und den „Schutz von Menschenleben“ aufmerksam zu machen.Konzeption. ZPS-Website. Genozide, Flüchtlingsbewegungen und politische Untätigkeit sind die bevorzugten Themen. Wiedererkennungsmerkmal der Künstler sind mit Kohle geschwärzte Gesichter; die Asche soll als mahnendes Symbol an untergegangene Hochkulturen erinnern.
Ruch geht davon aus, dass „die politischen Hoffnungen in Deutschland so überschaubar sind. Es hat sich ein Zynismus breitgemacht, der besagt, dass es uns besser gehe, wenn wir visionslos umherirren“. Die humanitären Katastrophen in Syrien und Nordafrika fänden nicht genügend Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zur Hilfe sei unzureichend. Deshalb „bauen [wir] beim Zentrum moralische Hochdruckkammern. Und da dürfen auch mal Köpfe platzen, ja. Denn das Sterben geht einfach weiter an unseren Außengrenzen.“
Ansatz des ZPS ist es, den Wert einer Handlung nicht nach dem aktuellen Nutzen, sondern aus der Perspektive zukünftiger Generationen zu beurteilen. Den Mitgliedern des ZPS geht es nach eigenem Bekunden darum, „die menschlichen Antriebe im reichsten und mächtigsten Land der Europäischen Union: Deutschland“ zu hinterfragen und darüber nachzudenken, „was wirklich große Ziele seien und wie politische Unternehmungen aussehen, die der Nachwelt als Akte strahlender Schönheit erscheinen können“. So wolle man „ein Bewusstsein dafür schaffen, in welch privilegiertem Zustand die Menschen innerhalb der westlichen Zivilisation leben und daran erinnern, welche Verpflichtungen an dieses Privileg geknüpft sind“. Daher sei das ZPS „eine Ideen-, Gefühls- und Handlungsschmiede für Menschen, die umtreibt, wie sie etwas Schönes und Großes tun können“.
Im 2019 erschienenen Buch Schluss mit der Geduld erklärt Philipp Ruch das Funktionsprinzip hinter den Aktionen des ZPS so: „Kunst kann Gegenwirklichkeit herstellen. Von ihr wird erwartet, dass sie Fiktion ist. Deshalb empören sich in der Kunst auch so viele Fachleute über das Zentrum für Politische Schönheit. Wir sind ein umgedrehter Claas Relotius-Fall für die Kunst: Wo Fiktion erwartet wird, ist bei uns Wirklichkeit.“
Die Gruppe erzielte mit ihren Aktionen zum Teil ein breites Medienecho: So berichteten unter anderem Kulturzeit (3sat), Mitschnitt Kulturzeit (3sat). Spiegel TV, Tageszeitungen, Online-Angebote, und mehrere Radioprogramme. Der Gedenktag für die Opfer des Massakers von Srebrenica erzeugte 2009 ein internationales Presseecho.
Aktionen
Die Re-Formation der Geschichte Diese erste Aktion der Gruppe begann am 8. Mai 2009 mit einem „Thesen-Anschlag auf den Deutschen Bundestag“ und bezog dann Menschen in der Warteschlange vor dem Reichstagsgebäude mit ein. Verkündet wurde unter anderem die Absicht, „ein Bündnis der Künste schmieden, das den Politikern hilft, die höchste Form aller Künste ins Werk zu setzen: gute und schöne Politik.“ Das ZPS erreichte 2009 mit einer geplanten eBay-Versteigerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Während des Festivals Steirischer Herbst 2012 stellte die Gruppe die Performance Chancellor gone underground vor, bei der es um das allgemeine Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik geht.
Lethe-Bomben Im Jahr 2009 erinnerte die Gruppe mit Bomben-Attrappen, sogenannten „Lethe-Bomben“, vor dem Reichstag daran, dass die Krematorien im KZ Auschwitz von den Alliierten nicht angegriffen wurden. Die Aktion ging auch den Hintergründen des militärischen Falls der UN-Schutzzone von Srebrenica im Bosnienkrieg 1995 nach. Fiktive „Vorstudien zum Zustand der Gesellschaft“ wurden in einer ZeitkapselDie Zeitkapsel-Versuche. ZPS-Website, abgerufen am 20. Januar 2018. eingeschlossen. Beim „Forum der verlorenen Hoffnungen“ trat ein fiktiver CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender aus dem Jahr 2034 auf.
Die Säulen der Schande Das ZPS initiierte 2010 das Mahnmalprojekt „Die Säulen der Schande“, das die – so die Sichtweise der Gruppe – westliche Mitverantwortung für das Massaker von Srebrenica in Erinnerung rufen sollte: Geplant war die Errichtung einer etwa acht Meter hohen und 16 m breiten Betonskulptur. Diese sollte aus 16.744 Schuhen (für 8.372 Opfer) in der Form eines „U“ und eines „N“ (Abkürzung für United Nations) bestehen. Philipp Ruch bezeichnete die Skulptur und ihre Projektierung als „eine Medienwaffe“: „Je mehr Schmerzen sie verursacht, desto mehr Respekt dürfen wir von der UNO gegenüber den Müttern von Srebrenica erwarten.“
In einem offenen Brief an den Generalsekretär der Vereinten Nationen erklärte die Gruppe: „Wenn wir weiter in der moralischen Gewissheit leben wollen, etwas aus den schlimmsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts gelernt zu haben, können wir Ihren Machenschaften nicht länger zusehen. […] Die UNO ist das einzige Instrument, das wir besitzen, um Genozide zu unterbinden. Menschen wie Raphael Lemkin sind Helden der Geschichte. Sie haben Akte von unfassbarer politischer Größe, Tragweite und Schönheit ins Werk gesetzt. Aber was die UNO in Bosnien angerichtet hat, lässt den Traum zerbrechen, dass wir heute in der Lage wären, den Bau von Auschwitz zu verhindern.“
Belohnung: 25.000 Euro Diese Aktion fand am 21. Mai 2012 statt.Wegen Saudi-Deal – D: Webgemeinde jagt ‚Panzerfamilie‘ per Kopfgeld. In: krone.at. 21. Mai 2012, abgerufen am 3. Juli 2020. Das Zentrum bot demjenigen 25.000 Euro, der dabei hilft, die Eigentümerfamilie der Firma Krauss-Maffei Wegmann („Panzerfamilie“) ohne Bewährung ins Gefängnis zu bringen. Burkhart Braunbehrens, einer der Erben des Unternehmens und Gegner von Waffenexportgeschäften, schrieb einen offenen Brief an Bundespräsident Joachim Gauck und wurde anschließend aus dem Aufsichtsrat des Unternehmens abgewählt.Krauss-Maffei Wegmann - Haben keinen Panzerauftrag aus Saudi-Arabien. In: Focus Online. 18. Juni 2012, abgerufen am 18. Oktober 2022. Das ZPS informierte im Juni auf der Website der Aktion,Webdokumentation der Aktion: 25.000-Euro Belohnung. In: politicalbeauty.de, abgerufen am 20. Januar 2018. dass gegen das Kunstprojekt Klage eingereicht wurde.Klage gegen das Kunstprojekt „25000-Euro“. Bei: heise.de, 30. Juni 2012. Vorausgegangen waren eine Abmahnung und die Androhung einer Klage durch Rüdiger von Braunbehrens über ein Stuttgarter Rechtsanwaltsbüro.Waffenhersteller Krauss-Maffei: Das Halali ist geblasen. In: Badische Zeitung, 5. Juli 2012. Das Ansehen des Mandanten sei in der Bevölkerung herabgewürdigt worden, der Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht durch Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit nicht gedeckt. Die Aktivisten unterschrieben daraufhin eine Unterlassungserklärung – nach Angaben Philipp Ruchs aus rein finanziellen Gründen.Braunbehrens stoppt „Kopfgeld“-Aktion. In: taz, 5. Juli 2012; abgerufen am 15. Juli 2020.
Sarkophag Oberndorf Im September 2012 warb die Gruppe damit, einen Sarkophag aus Beton nach dem Vorbild von Tschernobyl über der als vergleichbar bezeichneten „Todeszone“ des Rüstungsunternehmens Heckler & Koch mit Sitz in Oberndorf am Neckar zu errichten. In: wp.de, 22. Oktober 2012, abgerufen am 15. Juli 2020. Das ZPS argumentiere, die Waffenfirma Heckler & Koch habe in den letzten 25 Jahren abseits von allen Schlagzeilen 375 Mal so viele Menschenleben gefordert wie die Atomkatastrophe von Tschernobyl, daher wolle man denselben Sarkophag, der die Strahlung in Tschernobyl zurückhält, über die Waffenfabrik in Oberndorf bauen, damit ihr keine tödlichen „Produkte“ mehr entweichen können.
Kindertransporthilfe des Bundes Im Mai 2014 veröffentlichte das ZPS Werbespots, Anzeigen, Broschüren eine Webseite mit Antragsbögen, Formblättern und Gesetzestexten. Um 55.000 syrische Kinder vor dem Krieg zu retten, wurden dort vermeintlich im Namen des Familienministeriums von Manuela Schwesig Pflegefamilien für deren Aufnahme gesucht. Interessierte konnten sich telefonisch beraten lassen, sechs Schauspieler nahmen die Anrufe entgegen. Innerhalb der ersten 48 Stunden meldeten sich nach Angaben des ZPS weit über 1.000 Familien, um ein syrisches Kind in Pflege zu nehmen. Das ZPS bezeichnet die Aktion selbst als „kein[en] Fake, sondern ein fertiges Konzept zur Rettung von 55.000 syrischen Kindern, man wolle der Bundesregierung ein ‚schlüsselfertiges Hilfsprogramm‘ an die Hand geben, das diese nur noch umsetzen müsse.“ Die Aktion wurde auch unter 1aus100 beworben, da nach Angaben von UNICEF damals 5,5 Millionen syrische Kinder akut hilfsbedürftig waren, von denen ein Prozent, also 55.000 vorübergehend aufgenommen werden sollten.Martin Kaul: Aktionskünstler fordern Regierung heraus – Ihr Kinderlein kommet. In: taz.de, 12. Mai 2014, abgerufen am 7. Dezember 2019.Pseudo-Hilfsaktion bringt Schwesig in Bedrängnis. In: zeit.de. 13. Mai 2014, abgerufen am 15. Juli 2020.
Erster Europäischer Mauerfall Anlässlich des 25. Jahrestages des Berliner Mauerfalls und des Endes des Kalten Krieges wollte die Gruppe im Herbst 2014 auf Flüchtlinge und tausende Tote an den EU-Außengrenzen aufmerksam machen. Gedenkkreuze der Berliner Maueropfer wurden entwendet, allerdings kurze Zeit später in renoviertem Zustand wieder aufgestellt. Es entstanden Fotos von Reproduktionen der Kreuze gemeinsam mit Flüchtlingen an europäischen Außengrenzen.Georg Diez: Aktion zum Mauerfalljubiläum – Knackt die Festung Europa! In: Der Spiegel, 3. November 2014 Parallel wurde eine Crowdfunding-Aktion initiiert, bei der Geld für Busfahrten eingeworben wurde. Die organisierten Busse sollten an die europäischen Außengrenzen fahren, um dort die Zäune „abzubauen“. Zwei Busse fuhren wenig später tatsächlich an die europäischen Außengrenzen in Bulgarien und Griechenland. Die dortigen Behörden ließen sie jedoch nicht in Sichtweite der Grenzanlagen fahren.
Insbesondere in Deutschland löste die Gruppe eine hochemotionale Debatte aus. Auch internationale Medien berichteten über das Projekt.Art group removes Berlin Wall memorial. In: The Guardian. 3. November 2014. Die strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Gruppe wegen des Entfernens der Gedenkkreuze wurden im April 2015 eingestellt.Tobias Bütow: Mauerfall 2014. In: Der Tagesspiegel, 8. November 2014, abgerufen am 15. Juli 2020.Ermittlungen wegen Mauerkreuz-Aktion eingestellt: Denkmäler ausleihen? Das ist erlaubt. In: taz, Ausgabe 10.695, 22. April 2015, S. 6.
Die Toten kommen mini|Beerdigung eines syrischen Flüchtlings auf dem Landschaftsfriedhof Gatow; zahlreiche Mitglieder der Bundesregierung und des Innenministeriums waren symbolisch geladen worden