Tumorkachexie, seltener kanzeröse Kachexie genannt, ist die Bezeichnung für eine als Folge einer Krebserkrankung bei Patienten auftretende Stoffwechselstörung, die zu Auszehrung (Kachexie) und Abmagerung bei den Betroffenen führt. Eine Tumorkachexie ist eine häufige Komplikation bei Krebserkrankungen, insbesondere bei bösartigen Tumoren des Verdauungstraktes, die sich ungünstig auf Krankheitsverlauf, Lebensqualität und Prognose auswirkt und selbst unmittelbar lebensbedrohlich werden kann. Die Tumorkachexie ist ein wesentlicher Faktor für die hohe Sterberate bei Krebserkrankungen.M. J. Tisdale: Cachexia in cancer patients. In: Nature Reviews Cancer, 2, 2002, S. 862–871, PMID 12415256.J. Inagaki u. a.: Causes of death in cancer patients. In: Cancer, 33, 1974, S. 568–573, PMID 4591273.
Die molekularen und biochemischen Ursachen, die zu einer Tumorkachexie führen, sind hochkomplex und noch nicht vollständig aufgeklärt. Eine wichtige Rolle bei der Ausbildung dieses Syndroms spielen Stoffwechselprodukte des Tumors und Botenstoffe, die – als Folge der Krebserkrankung – vom Körper der Betroffenen gebildet werden. Hinzu kommen noch psychologische Faktoren sowie Nebenwirkungen krebstherapeutischer Maßnahmen, die zu einem Appetitverlust der Patienten führen können. Im Gegensatz zu dem Gewichtsverlust bei einer Unterernährung werden bei der Tumorkachexie nicht nur Fettreserven abgebaut, sondern auch die Skelettmuskulatur.
Eine wirksame kurative Behandlung gibt es derzeit nicht. Alle therapeutischen Ansätze sind bisher palliativ, das heißt lediglich krankheitslindernd.
Einordnung und Definition mini|Die Entwicklung einer Krebserkrankung bis zum letalen StadiumR. D. Lohberg u. a.: In: CA Cancer J Clin, 57, 2007, S. 225–241, PMID 17626119 (Review).
Die meisten Autoren bevorzugen für die Tumorkachexie den Begriff Syndrom. Diese Bezeichnung wird dem komplexen Sachverhalt gerechter als die Einordnung als eigenständige Erkrankung.A. M. Lindsey: Cancer cachexia: effects of the disease and its treatment. In: Semin Oncol Nurs, 2, 1986, S. 19–29, PMID 3513270. In der angelsächsischen Fachliteratur wird meist vom cancer cachexia syndrome (CCS) oder auch cancer anorexia-cachexia syndrome (CACS) gesprochen. Kachexie ist ein Kofferwort aus dem griechischen κακὸς = kakos = „schlecht“ und ἕξiς = hexis = „Zustand“.R. Wahrig-Burfeind: WAHRIG Fremdwörterlexikon. Bertelsmann Lexikon Verlag, 2007, ISBN 3-577-09030-8.T. Ohnuma: (PDF; 486 kB) In: Holland-Frei Cancer Medicine, 6. Edition, D. W. Kufe u. a. (Editoren), Verlag B. C. Decker Inc, Hamilton, Ontario, 2003, ISBN 1-55009-213-8, Sektion 38: Complication of Cancer and its Treatment, Kapitel 144: Cancer Anorexia and Cachexia. S. 2425–2441. (Gesamtwerk).
Die Kachexie wird im Allgemeinen als multifaktorielles Syndrom, das jeden Bereich des Körpers erfasst und am einfachsten in seiner fortgeschrittenen Form durch den massiven Verlust von subkutanem Fett und Skelettmuskulatur festgestellt werden kannK. C. Fearon: Cancer cachexia: developing multimodal therapy for a multidimensional problem. In: European Journal of Cancer, 44, 2008, S. 1124–1132, PMID 18375115 (Review). beschrieben. Es gibt derzeit weder für die Kachexie noch für die Tumorkachexie eine verbindliche oder standardisierte Definition,J. Springer u. a.: The need for a standardized definition for cachexia in chronic illness. In: Nat Clin Pract Endocrinol Metab, 2, 2006, S. 416–417, PMID 16932326.K. C. Fearon u. a.: Definition of cancer cachexia: effect of weight loss, reduced food intake, and systemic inflammation on functional status and prognosis. In: American Journal of Clinical Nutrition, 83, 2006, S. 1345–1350, PMID 16762946 (Review). was bei der hohen Prävalenz und Schwere dieses Syndroms wiederholt als unzulänglich angemahnt wurde.M. Lainscak u. a.: How does cachexia influence survival in cancer, heart failure and other chronic diseases? In: Curr Opin Support Palliat Care, 1, 2007, S. 299–305, PMID 18685379 (Review). Das Gleiche gilt bezüglich einer Klassifikation. Einer der Gründe hierfür ist das Fehlen von zuverlässigen Biomarkern, mit denen die Tumorkachexie diagnostisch mit Messwerten erfasst und klassifiziert werden könnte. Durch die fehlende Klassifikation gibt es derzeit keine dem Grad des Syndroms angepasste Behandlungsschemata.
Für klinische Studien wurden bisher sehr unterschiedliche Definitionen für die Tumorkachexie herangezogen, die sich beispielsweise am prozentualen Verlust an Körpermasse oder dem Unterschreiten eines bestimmten Wertes beim Body-Mass-Index orientierten. Das Fehlen einer verbindlichen Definition erschwert den Vergleich klinischer Studien erheblich.
Je nach gewählter Definition ergeben sich unterschiedliche Prozentsätze an Krebspatienten, die auch an einer Tumorkachexie leiden. Beispielsweise wurde eine Gruppe von 8541 Krebspatienten mit soliden Tumoren nach vier unterschiedlichen Kriterien analysiert. Nach der ICD-9-Diagnose Kachexie als Kriterium hätten 2,4 Prozent dieser Patienten eine Tumorkachexie. Bei einer erweiterten ICD-9-Klassifikation mit Kachexie, Anorexie, abnormalem Gewichtsverlust oder Problemen bei der Ernährung wären es 5,5 Prozent gewesen. Wird die Verschreibung von Arzneimitteln, wie Megestrol, Oxandrolon, Somatotropin oder Dronabinol, die auf eine Medikation einer Tumorkachexie hinweisen, als Kriterium herangezogen, so fielen 6,4 Prozent der Patienten unter dieses Kriterium. Wenn ein Verlust an Körpermasse von über 5 Prozent die Definition für die Tumorkachexie wäre, so hätten 14,7 Prozent dieser Krebspatienten dieses Kriterium erfüllt.K. M. Fox u. a.: Estimation of Cachexia among Cancer Patients Based on Four Definitions. In: J Oncol, 2009:693458, PMID 19587829.
Das Fehlen einer Definition der Kachexie hat negative Auswirkungen auf die Diagnose und Behandlung betroffener Patienten. Ebenso ist die Entwicklung und Zulassung von potenziellen Wirkstoffen dadurch erschwert. Am 13. und 14. Dezember 2006 wurde daher im Rahmen der Cachexia Consensus Conference in Washington, D.C. eine neue Definition der Kachexie vorgeschlagen. Danach ist die Kachexie „ein komplexes Stoffwechsel-Syndrom, das durch eine chronische Erkrankung bedingt ist und durch den Verlust an Muskelmasse, mit oder ohne Verlust an Körperfett, charakterisiert ist. Anorexie (Appetitlosigkeit), Entzündungen, Insulinresistenz und ein erhöhter Abbau von Muskelproteinen sind häufige Begleiterscheinungen einer Kachexie. Von der Kachexie, die mit einer erhöhten Morbidität verbunden ist, sind zu unterscheiden: Unterernährung, altersbedingter Verlust von Muskelmasse, primäre Depressionen, Malassimilation (verminderte Nährstoffausnutzung) und Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)“.W. J. Evans u. a.: Cachexia: a new definition. In: Clinical Nutrition, 27, 2008, S. 793–799, PMID 18718696.
Eine aktuelle Empfehlung definiert eine Kachexie, wenn der
Verlust an Körpermasse über 5 Prozent innerhalb von zwölf oder weniger Monaten beträgt und wenn gleichzeitig mindestens drei der fünf folgenden Kriterien erfüllt sind: Abnahme der Muskelkraft Fatigue Anorexie niedriger Fettfreie-Masse-Index (FFMI, fat-free mass index) abnormale biochemische Werte: erhöhte Markerwerte für Entzündungen Anämie (Hb <12 g/dl) niedriger Wert an Serumalbumin <3,2 g/dl
Dieser Definitionsvorschlag wurde allerdings bisher weder in epidemiologischen noch in klinischen Studien angewendet.
Epidemiologie und gesundheitspolitische Bedeutung Art der Krebserkrankung Inzidenz von Gewichtsverlust Pankreastumor83 % Magenkrebs83 % Speiseröhrenkrebs 79 % Kopf-Hals-Karzinom72 % Kolorektales Karzinom55 bis 60 % Bronchialkarzinom50 bis 66 % Prostatakrebs56 % Brustkrebs10 bis 35 % Alle Krebserkrankungen zusammen durchschnittlich 63 %
Etwa 50 Prozent aller Krebspatienten sind im Laufe ihrer Erkrankung von einer Tumorkachexie betroffen. Die Wahrscheinlichkeit einer Tumorkachexie ist dabei sehr stark von der Art der Krebserkrankung abhängig.J. A. Palesty, S. J. Dudrick: What we have learned about cachexia in gastrointestinal cancer. In: Dig Dis, 21, 2003, S. 198–213, PMID 14571093 (Review). Nach der Sepsis (Blutvergiftung) ist die Tumorkachexie die häufigste Todesursache bei Krebserkrankungen. Je nach Autor liegt der Anteil der Tumorkachexie bei den Todesursachen von Krebserkrankungen bei 20 bis 50 Prozent.G. Ollenschläger: Ernährungsprobleme in der Palliativmedizin. In: Lehrbuch der Palliativmedizin E. Aulbert und D. Zech (Hrsg.), Verlag Schattauer, 1997, ISBN 3-7945-2361-X, S. 556–565.L. Stepp, T. S. Pakiz: Anorexia and cachexia in advanced cancer. In: Nurs Clin North Am, 36, 2001, S. 735–744, PMID 11726350 (Review).E. Bruera: ABC of palliative care: anorexia, cachexia, and nutrition. In: BMJ, 315, 1997, S. 1219–1222, PMID 9393230 (Review).S. Warren: The immediate causes of death in cancer. In: American Journal of Medical Science, 184, 1932, S. 610–616.N. J. Espat u. a.: Cytokine-mediated alterations in host metabolism prevent nutritional repletion in cachectic cancer patients. In: J Surg Oncol, 58, 1995, S. 77–82, PMID 7844987 (Review). Die Schwankungsbreite bei den Prävalenzdaten (Krankheitshäufigkeit) ist ursächlich auf die bereits verwiesene fehlende Definition der Tumorkachexie zurückzuführen.
Für die Wahrscheinlichkeit der Ausbildung einer Tumorkachexie spielt die Art der Krebserkrankung eine große Rolle. So versterben beispielsweise etwa 80 Prozent der Patienten mit Pankreastumor und 30 bis 50 Prozent der Patienten mit einer Krebserkrankung im Bereich des Magen-Darm-Traktes an einer Tumorkachexie. Bei bis zu 85 Prozent aller Patienten mit einer gastrointestinalen (Magen/Darm) Krebserkrankung kommt es im Krankheitsverlauf zu einer Tumorkachexie.C. Deans, S. J. Wigmore: Systemic inflammation, cachexia and prognosis in patients with cancer. In: Curr Opin Clin Nutr Metab Care, 8, 2005, S. 265–269, PMID 15809528. Bei soliden Tumoren ist die Wahrscheinlichkeit einer Tumorkachexie deutlich höher als bei Krebserkrankungen des blutbildenden Systems (Leukämien, Myelodysplastische Syndrome und andere hämatologische Neoplasien). Eine Ausnahme bei den soliden Tumoren bildet das Mammakarzinom. Hier ist die Wahrscheinlichkeit für eine Tumorkachexie signifikant niedriger.K. C. H. Fearon, A. G. W. Moses: Cancer cachexia. In: Int J of Cardiology, 85, 2002, S. 73–81, PMID 12163211. Die Ausbildung der Tumorkachexie verläuft auch bei der gleichen Tumorart je nach Patient sehr individuell. Die Tumorkachexie kann bei betroffenen Patienten in allen Stadien der Krebserkrankung beobachtet werden, ist aber vor allem im terminalen Stadium der Erkrankung besonders häufig vorzufinden.
Kinder und ältere Menschen sind von einer Tumorkachexie signifikant häufiger betroffen.A. Inui: In: CA Cancer J Clin, 52, 2002, S. 72–91, PMID 11929007 (Review).
Auch absolut gesehen ist die Tumorkachexie eine der häufigsten Todesursachen. In Deutschland sterben grob geschätzt etwa 50.000 Menschen pro Jahr an einer Tumorkachexie.S. Blanke: Einfluss einer nutritiven oralen Supportivtherapie auf den Ernährungszustand von Tumorpatienten einer strahlentherapeutischen Abteilung. Dissertation, Medizinische Fakultät der Charité, 2007. Exakte Daten sind wegen der fehlenden Definition der Tumorkachexie und der üblichen Totenscheinpraxis nicht verfügbar.
Klinisches Bild mini|Verteilung der Körpermasse bei kachektischen Patienten mit einem Bronchialkarzinom (rechts), im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe (links)K. C. H. Fearon: The mechanisms and treatment of weight loss in cancer. In: Proc Nutr Soc, 51, 1992, S. 251–265, PMID 1438334 (Review).