Attikos war ein antiker griechischer Philosoph in der Tradition des Platonismus. Er lebte in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Seine Lebenszeit fiel in die Epoche des Mittelplatonismus, zu dessen namhaftesten Vertretern er gehörte.

Aus den nur fragmentarisch überlieferten Schriften des Attikos ist ersichtlich, dass er konservativ gesinnt war und die ursprüngliche reine Lehre Platons, von deren Richtigkeit er überzeugt war, von Verfälschungen reinigen wollte. Insbesondere wandte er sich gegen das Eindringen von Elementen des Aristotelismus. Als Platon-Ausleger dachte Attikos philologisch und trat für eine wörtliche, nicht metaphorische Interpretation der Schöpfungslehre des Schulgründers ein. Daraus ergab sich für ihn die Annahme, die Welt habe einen zeitlichen Anfang. Damit und auch mit seinem Verständnis des Schöpfergotts und der Ideenlehre sowie seiner antiaristotelischen Einstellung vertrat Attikos eine dezidierte Gegenposition zu Auffassungen, die später zum Kernbestand des Gedankenguts des spätantiken Neuplatonismus gehörten.

Leben

Über die Herkunft des Attikos ist nichts bekannt, über sein Leben sehr wenig. In der spätantiken Chronik des Eusebios von Caesarea, die Hieronymus ins Lateinische übersetzte, ist seine philosophische Tätigkeit in einem knappen Eintrag zum Jahr 176 erwähnt. Da 176 das Jahr war, in dem Kaiser Mark Aurel in Athen vier philosophische Lehrstühle einrichtete, deutet die Jahresangabe möglicherweise auf einen Zusammenhang mit dieser Maßnahme; vielleicht war Attikos der erste Inhaber des Lehrstuhls für Platonische Philosophie.Irmgard Männlein-Robert: Attikos. In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/1), Basel 2018, S. 594–601, hier: 594 f. Zu seinen Schülern zählte Harpokration von Argos.Franco Ferrari: Harpokration von Argos. In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/1), Basel 2018, S. 601–604, hier: 601.

Werke

Von den Werken des Attikos sind nur Fragmente erhalten, die vor allem Eusebios von Caesarea in seiner Praeparatio evangelica überliefert.Die Fragmente aus der Praeparatio evangelica sind zusammengestellt in der Edition von Édouard des Places: Atticus: Fragments, Paris 1977, S. 38–69. Einige von ihnen sind allerdings umfangreich und vermitteln einen detaillierten Eindruck von seinen Positionen. Die meisten Fragmente stammen aus Attikos’ Kommentar zu Platons Dialog Timaios; die längsten, die in der kritischen Ausgabe weitaus am meisten Platz einnehmen, sind seiner Abhandlung Gegen diejenigen, die Platons Lehren durch die des Aristoteles erklären wollen entnommen.George E. Karamanolis: Plato and Aristotle in Agreement?, Oxford 2006, S. 151f. bezweifelt, dass der traditionell angenommene Titel des letztgenannten Werks der authentische ist. Ferner verfasste er einen Kommentar zu Platons Dialog Phaidros. Ob er auch Platons Phaidon kommentierte und eine Abhandlung über die Seele (oder über die Weltseele) schrieb, ist unsicher. Unwahrscheinlich ist die Hypothese, dass er auch die Kategorien des Aristoteles kommentierte.George E. Karamanolis: Plato and Aristotle in Agreement?, Oxford 2006, S. 177f. Als Kommentator war Attikos in erster Linie ein gewissenhafter Philologe; er hielt sich streng an den Wortlaut des kommentierten Textes, statt von eigenen philosophischen Spekulationen auszugehen.Matthias Baltes: Zur Philosophie des Platonikers Attikos. In: Horst-Dieter Blume, Friedhelm Mann (Hrsg.): Platonismus und Christentum, Münster 1983, S. 38–57, hier: 39; Irmgard Männlein-Robert: Attikos. In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/1), Basel 2018, S. 594–601, hier: 595f.

Lehre Kritik am Aristotelismus

Ein Anliegen des Attikos, auf das er großes Gewicht legt, ist eine klare Abgrenzung zwischen platonischer und aristotelischer Philosophie. Nachdrücklich wendet er sich gegen Versuche, eine Harmonie zwischen Platon und Aristoteles zu konstruieren und Platons Werke mit Hilfe aristotelischer Lehren zu deuten. Die Ansätze des Aristoteles hält er für verfehlt. Er meint, dieser Denker habe seine Philosophie systematisch als Gegenkonzept zum Platonismus angelegt.George E. Karamanolis: Plato and Aristotle in Agreement?, Oxford 2006, S. 158–190; zu den Einzelheiten siehe Paul Moraux: Der Aristotelismus bei den Griechen, Bd. 2, Berlin 1984, S. 564–582. Ein Vorwurf, den er gegen Aristoteles richtet, lautet, er habe gegen die Regeln der Naturbetrachtung verstoßen, denn er habe den Grundsatz missachtet, dass der Naturbetrachter keine Gesetze aufzustellen hat, sondern die von der Natur gegebenen Gesetze erforschen soll. Die aristotelische Lehre von den Himmelskörpern widerspreche den beobachtbaren Phänomenen und erfülle somit nicht die Aufgabe, die Erscheinungen zu erklären.Charlotte Köckert: Christliche Kosmologie und kaiserzeitliche Philosophie, Tübingen 2009, S. 55f. und Anm. 20.

Theologie und Ontologie

Attikos betrachtet den Demiurgen (Weltschöpfer) des Timaios als den höchsten Gott. Ontologisch sieht er in ihm das oberste Prinzip; er identifiziert ihn mit der platonischen Idee des Guten, dem Guten an sich, das in Platons Politeia als höchste Gottheit erscheint. Damit folgt er der auch von Albinos vertretenen konservativen Richtung im Mittelplatonismus und widerspricht der Ansicht des prominenten Mittelplatonikers Numenios. Numenios hatte – ebenso wie später die Neuplatoniker Plotin und Proklos – den Demiurgen ontologisch als eine separate, dem „Guten an sich“ untergeordnete Instanz aufgefasst.Matthias Baltes: Zur Philosophie des Platonikers Attikos. In: Horst-Dieter Blume, Friedhelm Mann (Hrsg.): Platonismus und Christentum, Münster 1983, S. 38–57, hier: 39–41. Nach der gängigen Auffassung der Mittelplatoniker erschafft der Demiurg die Welt, indem er auf die Urbilder (Ideen) der Dinge blickt – das heißt: sie denkt, denn sein Sehen ist ein Denken und die Ideen sind seine Gedanken. Attikos teilt diese Ansicht, nimmt aber im Gegensatz zu den meisten Mittelplatonikern nicht an, dass die Ideenwelt sich im Geist (Nous) des Demiurgen befindet. Vielmehr weist er ihr eine gesonderte Existenz außerhalb des Nous zu, auf der Ebene des Seelischen.Matthias Baltes: Zur Philosophie des Platonikers Attikos. In: Horst-Dieter Blume, Friedhelm Mann (Hrsg.): Platonismus und Christentum, Münster 1983, S. 38–57, hier: 41f., 50f.; Jan Hendrik Waszink: Bemerkungen zum Einfluss des Platonismus im frühen Christentum. In: Vigiliae Christianae 19, 1965, S. 129–162, hier: 139.

Ein Merkmal der Theologie des Attikos ist, dass er nicht die ansonsten bei den antiken Platonikern vorherrschende Überzeugung teilt, dass die oberste Gottheit wegen ihrer Vollkommenheit notwendigerweise keinerlei Veränderung kennt. Der Gott des Attikos überlegt, plant, wartet ab, entscheidet und wendet sich den von ihm geschaffenen Dingen in persönlicher Fürsorge zu. Er ist nicht nur Geist, sondern Geist und Seele. Damit steht die Gottesvorstellung dieses Philosophen derjenigen der Volksreligion (und des Christentums) näher als die herkömmliche Theologie der Platoniker. Sie ist ein Gegenmodell zu den von Attikos bekämpften Lehren des Aristoteles und Epikurs, die keine göttliche Vorsehung, die sich um individuelle Schicksale kümmert, postulieren.Alexandra Michalewski: La puissance de l’intelligible, Leuven 2014, S. 85f.; Matthias Baltes: Zur Philosophie des Platonikers Attikos. In: Horst-Dieter Blume, Friedhelm Mann (Hrsg.): Platonismus und Christentum, Münster 1983, S. 38–57, hier: 47. Die Vorsehung gehört zu den Lehren, die Attikos besonders nachdrücklich verteidigt.Attikos, Fragment 3. Vgl. Claudio Moreschini: Attico: una figura singolare del medioplatonismo. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 36.1, Berlin 1987, S. 477–491, hier: 482f.

Schöpfungslehre

In der umstrittenen Frage, ob der Weltschöpfungsbericht in Platons Timaios im Sinne eines zeitlichen Anfangs der Welt zu verstehen ist, tritt Attikos für den zeitlichen Anfang ein. Damit gibt er gemäß seiner generellen philologischen Denkweise einem wörtlichen Textverständnis den Vorzug. Mit dieser Deutung wendet er sich gegen die Position zahlreicher Platoniker, wonach aus philosophischen Gründen der Kosmos anfangslos sein muss und daher Platons Aussagen über die Schöpfung metaphorisch aufzufassen sind. Laut der metaphorischen Interpretation meint Platon nicht einen Schöpfungsakt zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern will nur eine überzeitliche Abhängigkeit der ewig bestehenden Welt von der ebenfalls ewigen Gottheit anschaulich ausdrücken. Attikos hingegen ist der Ansicht, dass es nach Platons Lehre eine Zeit gab, bevor der Demiurg die Welt schuf und im Sein erhielt. Darin sieht er keinen Widerspruch zu seiner Überzeugung, dass das Sein des Demiurgen im Hervorbringen besteht. Er meint nämlich, der Demiurg habe, bevor er die Welt als Abbild erzeugte, bereits deren Urbild (Paradigma) hervorgebracht und erhalten. Als immerwährende Ursache der urbildhaften Ideenwelt sei der Demiurg niemals untätig gewesen, was mit seiner Natur unvereinbar wäre. Dem Urbild schreibt Attikos keine eigenen, an der Erschaffung der Welt beteiligten Kräfte zu; es hat bei ihm die Funktion eines Weltplans des Demiurgen und gehört nicht zum Bereich des Unerschaffenen. Trotz dieser für einen Platoniker relativ niedrigen Einstufung der Ideenwelt sieht er in ihr aber mehr als nur das Mittel zum Zweck der Erzeugung des Kosmos; sie habe ihren Wert in sich.Matthias Baltes: Zur Philosophie des Platonikers Attikos. In: Horst-Dieter Blume, Friedhelm Mann (Hrsg.): Platonismus und Christentum, Münster 1983, S. 38–57, hier: 43, 46f.; Alexandra Michalewski: La puissance de l’intelligible, Leuven 2014, S. 81–84.

Nach dem Wortlaut von Platons Timaios, an den sich Attikos hält, fand der Schöpfer, als er die Welt schuf, die bereits vorhandene Materie vor, die sich in ungeordneter Bewegung (Chaos) befand. Demnach war die Materie kein Teil der Schöpfung. Daher geht Attikos, der einen einmaligen Akt der Erschaffung des Kosmos annimmt, von einer ungeschaffenen, vom Demiurgen unabhängigen Materie (Hyle) aus. Damit bekennt er sich zu einem dualistischen Modell: Gott und die Materie existieren unabhängig voneinander und haben ursprünglich nichts miteinander zu tun.Irmgard Männlein-Robert: Attikos. In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/1), Basel 2018, S. 594–601, hier: 597 f.; Matthias Baltes: Zur Philosophie des Platonikers Attikos. In: Horst-Dieter Blume, Friedhelm Mann (Hrsg.): Platonismus und Christentum, Münster 1983, S. 38–57, hier: 44.