mini|Musiker in der Coltrane Church San Francisco 2009 Die Saint John Coltrane African Orthodox Church, kurz Coltrane Church, ist eine 1971 gegründete Kirchengemeinde, die den 1967 verstorbenen Jazzmusiker John Coltrane verehrt. Ihr Gemeindezentrum in der Fillmore Street in San Franciscos Western-Addition-Quartier ist sonntäglicher Versammlungsort der Gemeinde und durch ihre besondere musikalische Form der Gottesdienste auch ein Veranstaltungsort des Jazz der Stadt.
Die Entwicklung der Coltrane Church Die Coltrane Church, mit vollständigem Namen Saint John Coltrane African Orthodox Church ist Teil der African Orthodox Church, die 1919 in den Vereinigten Staaten von einem Priester der Episkopalkirche der Vereinigten Staaten von Amerika gegründet wurde. Sie wurde Anfang der 1970er Jahre von Franzo Wayne King gegründet, einem Predigersohn aus Los Angeles. Ihr NameDie Gemeinschaft nannte sich bisweilen auch St. John Will-I-Am Coltrane African Orthodox Church; der Namensteil Will-I-Am leitet sich dabei von John Coltranes mittlerem Namen William ab; die Aussprache Will-I-Am bezieht sich auf die Bibelstelle vom Brennenden Dornbusch. leitet sich von dem Jazzsaxophonisten John Coltrane ab, der mit seiner Musik in der Kirche eine zentrale Rolle spielt. mini|Eingang der Coltrane Church 2009 King begegnete in den frühen 1960er Jahren erstmals John Coltranes Musik. Der tiefe Eindruck eines Coltrane-Konzertes in San Francisco beeinflusste ihn dann in seiner weiteren Entwicklung maßgeblich. King erklärte in einem Interview, er habe 1966 mit seiner Freundin und späteren Frau Marina im Jazz Workshop in der ersten Reihe gesessen und Coltrane das erste Mal live erlebt. „Was sie da hörten, habe sie buchstäblich vom Stuhl geblasen. King nannte dieses Erlebnis später seine ‚Klangtaufe‘.“Mumia Abu Jamal: Wirbelsturm des Klanges. In: Junge Welt, 19./20. Januar 2008
Ende der 1960er Jahre schuf er eine kleine Gemeinde, die sich Yardbird Temple nannte als Reverenz an Charlie Parker. Seine Gemeindemitglieder verehrten jedoch eher John Coltrane, den sie nicht nur als einen Heiligen, sondern vielmehr als eine Art „Inkarnation Gottes“ ansahen. Coltranes Musik (insbesondere sein Album A Love Supreme) hatte in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre auf viele Zeitgenossen einen starken, von Coltrane auch bewusst intendiert, spirituellen Eindruck gemacht. Sein Einfluss – er starb 1967 – dominierte zeitweilig die damalige Jazzszene. 1971 entstand schließlich die One Mind Evolutionary Transitional Church of Christ.Vgl. Lewis Porter, S. 296 f.: Porter sieht die Gemeinde als das „logische Extrem“ von Ideen, John Coltrane sei ein „Mann [gewesen], durch den Gott spreche“ und „Botschaften“ gesendet habe (McCoy Tyner) oder „Ich glaube, er war ein Engel“, so Elvin Jones.
Auch Coltranes Witwe Alice Coltrane arbeitete Anfang der 1970er Jahre mit King und dessen Gemeinschaft zusammen.Kurt Gottschalk: In: All about Jazz; Hinweise zu Alice Coltrane und der Coltrane Church in den 1970er Jahren. Nachdem Alice Coltrane 1975 ihr eigenes Vedantic Center in West Los Angeles gegründet hatte, überwarf sie sich mit der Gemeinde. Frau Coltrane klagte 1981 gerichtlich auf Schließung der Church of John Coltrane und einen Schadensersatz von 7,5 Millionen Dollar, weil ihrer Ansicht nach der Name und das Andenken ihres verstorbenen Mannes zu Unrecht verwendet werde. Sie gewann den Prozess nicht.Coltrane, Alice (MacLeod; aka Sagitananda Turiya). In: Baker’s Biographical Dictionary of Musicians. 2001 (Hinweise zum Rechtsstreit Alice Coltrane gegen Coltrane-Church). Zum Rechtsstreit auch Robert Bruce Trane’s Widow Sues Church. In: Downbeat, April 1982, S. 12, Anonymous Coltrane’s Widow Sues. In: New York Times, 24. Oktober 1981, S. 26.Kurt Gottschalk: In: All about Jazz
Mit der Verehrung von Coltrane als Inkarnation Gottes begab sich Kings Gemeinde außerhalb des Konsensfähigen in den Traditionen des Christentums. Erst Anfang der 1980er Jahre näherte sich King diesem wieder an, als er George Duncan Hinkson traf, einen Erzbischof der African Orthodox Church (AOC). Er vollzog einige Veränderungen, die notwendig waren, um die Aufnahme der Kirche als Teil der AOC zu ermöglichen. Der von ihnen verehrte John Coltrane galt fortan nicht mehr als „Inkarnation Gottes“, aber weiterhin als Heiliger und Patron der Kirche. Kings Gemeinschaft trat im Januar 1982 der AOC bei und hieß seitdem offiziell St. John’s African Orthodox Church.Sunday Religion, Inspired by Saturday Nights. In: New York TimesS. 297 Im Mai 1984 wurde King zum Bischof der AOC ernannt.
Die African Orthodox Church wurde 1921 von George Alexander McGuire in Anlehnung an biblische Prophezeiungen, welche sich auf Äthiopien und Ägypten beziehen, gegründet. Der Beiname orthodox wurde bewusst in Abgrenzung zur katholischen und den protestantischen Kirchen gewählt, auch in der (vergeblichen) Hoffnung auf Anerkennung durch die Griechisch-orthodoxe Kirche. Beabsichtigt war, für die Afroamerikaner eine neue spirituelle Heimat zu schaffen. Die African Orthodox Church breitete sich dann sehr schnell nach Afrika aus, wo sie vor allem in Kenia und Uganda als Symbol des Antikolonialismus populär wurde. Später brachen die afrikanischen Ableger jedoch mit der Zentrale der Kirche in New York und wurden als rein orthodoxe Kirche Bestandteil des griechisch-orthodoxen Patriarchats von Alexandrien.Parik Kment: Afíríkà yèyé mi! Meine Mutter Afrika.
Im Jahr 2001 geriet die Coltrane Church in beträchtliche finanzielle Schwierigkeiten. Zu Beginn dieses Jahres war eines ihrer Gründungsmitglieder, das New College of California, bankrottgegangen. Damit ging der Kirche einer ihrer wichtigsten Geldgeber und Mäzene verloren, von dem bislang zwei Drittel der Mieteinnahmen bezahlt worden waren. Man versuchte das durch zusätzliche Spenden und Beantragung kommunaler Zuschüsse auszugleichen.
Mit dem verstärkten Einbezug seiner Tochter, der Bassistin Wanika King-Stephens, die Franzo Wayne King Mitte der 2000er zur Priesterin geweiht hatte, versuchte man mehr Aufmerksamkeit vor allem bei Frauen und einem jüngeren Publikum zu erhalten. Um noch mehr Menschen für Coltranes Musik zu begeistern, ist die Einrichtung eines jährlichen Coltrane Music Festival geplant, das der Feier seiner Spiritualität und Musik dienen soll.Jason Drearn: In: San Francisco Chronicle, 2008
Die Gemeinde gibt auch kleine Schriften heraus, die Zitate von John Coltrane enthalten.Darin heißt es: “You have to keep on examining everything that’s around you – in music and in life,” ist ein Coltrane-Zitat, das die Gemeinde in einer kleinen Schrift veröffentlicht hat. Ein weiteres Zitat daraus lautet: “I don’t know what I’m looking for, something that hasn’t been played before. I don’t know what is it. I know I’ll have that feeling when I get it.”Every liturgy in San Franciscos Saint Coltrane Church is a baptism in sound. In: Vibe
Die Aktivisten der Coltrane-Church richteten 2016 eine Petition an die Geschäftsführung des West Bay Conference Center, den Mietzuschuss zu verdoppeln und damit den Standort der Gemeinde im Fillmore-Viertel zu sichern.Petition an West Bay Conference Center (2016)
Die sonntäglichen Gottesdienste in der Coltrane Church mini|Inneres der Coltrane Church Kings Frau, Reverend Mother Marina King und der Chor der Sisters of Compassion beginnen mit dem Eröffnungsgebet: Anhänger wie Gäste singen mit oder klatschen mit den Händen.
Mumia Abu-Jamal schrieb zu der besonderen Atmosphäre dieser Veranstaltungen: „Von überall her auf der Welt kommen Pilger wie auf einer Wallfahrt und besuchen diese Kirche. Erzbischof Franzo Wayne King residiert hier, und er hat Coltrane zu einem Heiligen der afrikanisch-orthodoxen Kirchenzeremonie erklärt.“ Kings Wertschätzung gegenüber Coltrane zeige sich „nicht nur in seinen wortgewaltigen Predigten, sondern auch, wenn er mit seinem eigenen Saxophon das Kirchenschiff in Schwingungen versetzt und dem seligen Jazzer seine Ehrerbietung erweist.“
„Die Wände des Raumes sind mit Ikonen im byzantinischen Stil geschmückt“, schrieb Aaron McDonnell Gallego über seine Eindrücke, „Jesus als Alpha und Omega, Maria, die Mutter Gottes, der Baum des Lebens und schließlich über dem Altar die Ikone, welche die Einzigartigkeit der Gemeinde bezeugt – ein erhabenes Bild vom Patron der Kirche.“Aaron McCarroll Gallegos: From the Other Side – A Sax Divine. (1999)
Die Verehrung von Coltrane und insbesondere seiner spirituell beeinflussten Musik nach 1959 vollziehen die Gemeindemitglieder in öffentlichen, bisweilen über dreistündigen Gottesdiensten, in deren liturgischem Ablauf sich Predigten, Wortbeiträge und auf Coltranes hymnischer Musik basierende Gesänge abwechseln, die in eine Jamsession-artige Darbietung von Coltranes Kompositionen eingebettet sind. Interpretiert werden in immer wieder verschiedenen Variationen und Instrumentierungen – unter Mitwirkung der Besucher – die spirituell beeinflussten Kompositionen Coltranes, insbesondere aus dessen Spätwerk, wie etwa „Psalm“ aus A Love Supreme (1965) und die Musik, die bis zu seinem Tod 1967 entstand, wie Ascension, Om und Meditations.
Franzo Wayne King beschrieb die Botschaft seiner Gemeinschaft: The Church of Coltrane – Dia-Show der New York Times 2007Übersetzt etwa: „Wir sind uns voll der Universalität von Coltranes Musik und seiner Philosophie bewusst, und darüber, dass sein Geist und sein Vermächtnis das Leben von Leuten vieler verschiedener Glaubensrichtungen, Bekenntnisse und Überzeugungen erreicht und berührt. Wir, allerdings, in dieser Zeit und an diesem Ort, sind für die Gelegenheit dankbar, den Namen Jesu Christi durch die Musik von John Coltranes Musik emporzuheben, da wir aus persönlicher Erfahrung und von Berichten, und von einer großen Wolke von Zeugen wissen, dass der Geist des Herren in diesem Klangeslob liegt, so wie es durch John vom Himmel gebracht wird.“
mini|links|Sonntagsgottesdienst in der Coltrane Church Juli 2009 Die New York Times berichtete 2007 über die Zeremonie: „Neben dem Altar stehen ein elektrisches Piano, zwei Kontrabässe, ein Schlagzeug und drei Mikrophone. Die hymnische Feier wird mit Blues For Bechet eröffnet;Der Titel stammt aus Coltranes Atlantic-Album Coltrane Plays the Blues von 1960. seitlich hängen Ikonen, die Coltrane als Patron oder Heiligen darstellen, mit einem Heiligenschein […] und einem Tenorsaxophon, aus dem Flammen schlagen. Es ist ein Haus des Jazz in gleicher Weise wie ein Haus Gottes; […] Dann treten die Geistlichen, Diakone und die weiteren Anhänger in Erscheinung; angeführt von einem Tenorsaxophonisten; es ist der Erzbischof Franzo Wayne King. In den nächsten drei Stunden entsteht ein Mix aus Jam Session und einem halben Revival-Treffen; eingebettet in gesangliche Darbietungen von Coltranes Kompositionen wird eine traditionelle christliche Liturgie zelebriert. […] Auf diese Weise will die Coltrane Church die göttliche Botschaft in Übereinstimmung mit Coltranes eigener göttlicher Erfahrung und seiner Botschaft verbreiten.“
In dem Vierteljahrhundert ihres Bestehens der St. John Will-I-Am Coltrane Church fungierten auch Franzo Wayne Kings Ehefrau und mehrere ihrer Kinder als „Priester des Klangs“ und spielten auch auf verschiedenen europäischen Jazzfestivals. Zu den Gästen der Kirche gehörten u. a. auch der Gitarrist Carlos Santana.
Die Coltrane Church im Kontext von Jazz und Neuer Religiosität afro-amerikanischer Musiker