mini|250px|Plattenbauzeilen in Grünau-Mitte (2009) Grünau [] ist eine in den 1970er und 80er Jahren planmäßig angelegte Großwohnsiedlung im Westen von Leipzig und dominiert den Stadtbezirk West. In seiner jungen Geschichte war Grünau mit bis zu 85.000 Einwohnern (1989) zeitweise Leipzigs größter Stadtteil.
Die Großwohnsiedlung Grünau zählte neben Berlin-Marzahn und Halle-Neustadt zu den größten Plattenbausiedlungen der DDR und stellt die größte solcher Siedlungen in Sachsen dar. Sie besteht aus acht Wohnkomplexen mit Großwohnblöcken der Wohnungsbauserie (WBS) 70. Trotz einer guten Infrastruktur schrumpfte die Bevölkerung Grünaus nach 1990 rapide. Der Stadtteil verlor bis 2010 mehr als die Hälfte seiner Einwohner, tausende Wohnungen wurden abgerissen. Gleichzeitig gibt es durch zunehmende Überalterung und Ansiedlung einkommensschwacher Haushalte einen negativen Trend in der Alters- und Sozialstruktur dieses Wohngebietes. Seit 2010 nimmt die Bevölkerung langsam wieder zu.
Lage und Gliederung mini|hochkant=1.5|Plandarstellung des Stadtteils Grünau (Stand 1986) Wohnkomplex Baubeginn Wohnungen auf den Seiten der Stadt Leipzig (abgerufen am 23. April 2010). Einwohner(2004)Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ): Grünau 2004 – Einwohnerbefragung im Rahmen der Intervallstudie „Wohnen und Leben in Leipzig-Grünau“. S. 24, abgerufen am 19. April 2010 (PDF; 3,4 MB). WK 1 1976 1.760 3.117 WK 2 1978 2.860 4.248 WK 3 1979 1.290 1.870 WK 4 1980 7.990 12.142 WK 5.1 1981 3.220 3.924 WK 5.2 1984 2.370 2.730 WK 7 1981 7.600 9.727 WK 8 1983 9.200 11.678 Der Stadtteil am westlichen Stadtrand Leipzigs ist 6 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und erstreckt sich über eine Fläche von 4,5 Kilometern in Ost-West-Ausdehnung mal 2,5 Kilometern in Nord-Süd-Ausdehnung. Er war für 100.000 Einwohner konzipiert (Wohnkomplexe 1 bis 8, wobei WK 6 nie gebaut wurde). Der Stadtbezirk West, der zum weitaus größten Teil aus der Großwohnsiedlung Grünau besteht, gliedert sich in die Ortsteile Grünau-Ost (Wohnkomplexe 1 bis 3), Grünau-Mitte (Wohnkomplexe 4 und 5.2), Schönau (Schönauer Viertel, Wohnkomplex 5.1 und Lindenauer Hafen), Grünau-Nord (Wohnkomplex 7), Lausen-Grünau (Wohnkomplex 8 und das 1995 eingemeindete Dorf Lausen) sowie zwei Ortsteile, die nicht durch Plattenbaubebauung geprägt sind: Grünau-Siedlung und das 1999 eingemeindete Miltitz.
Die durch Plattenbauten geprägten Ortsteile werden im Folgenden im Uhrzeigersinn aufgezählt, beginnend mit dem Ortsteil Lausen-Grünau im Südwesten. Dieser Ortsteil grenzt an den aus einem Tagebau hervorgegangenen Kulkwitzer See. Jenseits des Sees liegt Leipzigs westliche Nachbargemeinde Markranstädt. Im Norden grenzt der Ortsteil an Miltitz. Im Uhrzeigersinn schließt sich der Ortsteil Grünau-Nord an, der ebenfalls ein Stück Grenze mit Miltitz hat, und dann folgt in östlicher Richtung Schönau. Die Ortsteilgrenze verläuft nördlich parallel zur Lyoner Straße und wendet sich jenseits des Lindenauer Hafens nach Süden. Hier grenzt der Ortsteil Schönau, zu dem auch der Lindenauer Hafen gehört, an den Ortsteil Neulindenau. Die Ortsteilgrenze verläuft an der Lützner Straße ein Stück zurück nach Westen, bevor sie, jetzt als Ostgrenze von Grünau-Ost entlang der Brünner Straße nach Süden weiter geht. Grünau-Ost wird im Süden durch die Ratzelstraße begrenzt. Die Grenze der Großsiedlung läuft dann als südliche Grenze des westlich anschließenden Ortsteils Grünau-Mitte an der Ratzelstraße weiter in Richtung Westen. Südlich und westlich davon liegt der Ortsteil Grünau-Siedlung, der sich in seinem westlichen Teil bis zur Lützner Straße im Norden ausdehnt. Die Grenze der Großsiedlung läuft um Günau-Siedlung herum und erreicht hier wieder den zuerst genannten Ortsteil Lausen-Grünau. Südlich liegen Felder, die zum Ortsteil Großzschocher gehören.
Geschichte mini|Parkallee von 1911/12, angelegt als Verbindung vom Gutspark Schönau zum Park an der Sack’schen Villa
Die heutige Großsiedlung Grünau wurde auf der grünen Wiese am Rande von Leipzig gebaut. Seit 1793 führte hier die Alte Lützner Land- und Heerstraße von Leipzig nach Lützen und weiter nach Weißenfels in der Lage der heutigen Lützner Straße.Planungswerkstatt Alte Salzstraße. Neue Konzepte für die Alte Salzstraße in Leipzig-Grünau. In: Stadt Leipzig (Hrsg.): Beiträge zur Stadtentwicklung. Nr. 12. Leipzig 1996. Der Kirschberg (127 m über Null), benannt nach einer ehemaligen Kirschbaumplantage, ist Bestandteil einer Endmoräne auf einer flachen pleistozänen Platte. Diese Dehlitz-Rückmarsdorfer Endmoräne ist eine nordsüdwärts verlaufende Geländewelle, die am Bienitz beginnt und sich über den Wachberg und den Sandberg bei Rückmarsdorf fortsetzt und weiter südlich nach Westen abbiegt. Bis 1830 trug der Kirschberg die Bezeichnung Weinberg. Es gab bereits das Dorf Schönau, ein Rittergut mit einem Park (heute Schönauer Park) und von hier eine 1911/12 angelegte Alleenverbindung zum südlich gelegenen heutigen Robert-Koch-Park. Der Name Grünau stammt nicht etwa von einem Dorf, das sich dort befunden hat, sondern von einer seit den 1920er Jahren angelegten, zu Kleinzschocher gehörenden Gartensiedlung am südlichen Rand der heutigen Großsiedlung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag hier, nahe der ehemaligen Bahnstrecke Plagwitz-Pörsten, ein Teil des landwirtschaftlich genutzten Grundbesitzes des Vorwerkes Lausen.
An der Lützner Straße befand sich westlich vom Dorf Schönau eine Kaserne, die noch in Zeiten der Reichswehr erbaut und danach zuerst von der Wehrmacht und dann von sowjetischen Truppen genutzt worden ist. Am 24. September 1982 gab es in der Kaserne eine Kettenreaktion mit explodierender Munition, mehrere Schulen wurden evakuiert.Die Kaserne Schönau. Grün-As, Ausgabe 2000/03. Auf dem ehemaligen Kasernengelände, dem Schönauer Viertel, entstand nach 1991, dem Datum des Auszugs der letzten sowjetischen Soldaten, ein Wohn-, Gewerbe- und Freizeitgebiet, das mit Einfamilienhäusern und einem Einkaufszentrum bebaut wurde.
Planungs- und Aufbauphase mini|hochkant|Das Denkmal erinnert an die Grundsteinlegung 1976 mini|Wohnblöcke in Grünau, 1981 mini|Wohnblock in Grünau 1982 Die Planungen zur Anlage einer Großwohnsiedlung im Westen Leipzigs begannen mit einem DDR-offenen städtebaulichen Wettbewerb, der mit großem Widerhall von Mai bis November 1973 durchgeführt wurde. Im Ergebnis des Wettbewerbs empfahl das Preisgericht, die Baufläche voll zu nutzen. Mit geplanten 36.000 Wohnungen, in denen maximal 100.000 Menschen leben sollten, war Grünau zum Planungsbeginn die größte zusammenhängende Neubausiedlung im deutschsprachigen Raum (→ Plattenbauten in Leipzig). Berlin-Hellersdorf und Berlin-Marzahn folgten später, Halle-Neustadt wurde von ursprünglich 70.000 Einwohnern vergrößert auf etwa 115.000. Die städtebauliche Gesamtplanung, die funktionelle und städtebau-räumliche Gestaltungsidee für die neue Siedlung „Grünau“ wurde von Leipziger Architekten und Ingenieuren unter der Leitung von Horst Siegel erstellt. Sie berücksichtigte Aspekte des Städtebaus, des Verkehrs und der Stadttechnik sowie der Freiflächen und Erholungsgebiete.
Am 1. Juni 1976 führte Oberbürgermeister Karl-Heinz Müller die Grundsteinlegung am Nordrand des WK 1 aus. Anlässlich des 10. Jubiläums wurde an dieser Stelle ein Denkmal errichtet. Bis Ende der 1980er Jahre entstanden auf den Gemarkungen Kleinzschocher, Schönau (zum Teil wegen Überbauung abgebrochen), Lausen und Großmiltitz acht Wohnkomplexe in industrieller Montagebauweise. Zwischen 1976 und 1982 wurden hauptsächlich 5-geschossige Plattenbauten mit relativ großen Grünflächen errichtet.
In den darauffolgenden Jahren entstanden weniger aufwendige Wohnkomplexe. Da man in kurzer Zeit möglichst viel Wohnraum zu schaffen versuchte, entstanden nun vor allem 6- und 11-geschossige Plattenbau-Wohnhäuser sowie die 16-geschossigen Punkthochhäuser PH 16, wobei auf großzügige Grün- und Freiflächen sowie auf Aufzüge und Sprechanlagen verzichtet wurde. Der Neubau von Wohnungen wurde 1988 abgeschlossen.
Grünau verfügte nach der Fertigstellung Ende der 1980er-Jahre über 85.000 Einwohner, was den historischen Höchststand darstellte. Dies entsprach den Ausmaßen einer größeren Mittelstadt.
Die Aufbauphase (1976–1988) ging in eine Verdichtungsphase bis in die zweite Hälfte der 1990er Jahre über. In dieser Phase wurde die noch fehlende Infrastruktur nachgerüstet. Schulen und Kinderkombinationen sind bereits in der Aufbauphase mit berücksichtigt worden. Mit der Völkerfreundschaft bestand seit 1983 ein Kulturhaus. Seit 1993 ist es ein Offener Freizeittreff (OFT) mit einem Veranstaltungssaal für 250 Personen. In Grünau wird die Einrichtung „Völle“ genannt.
Nach 1990 verbesserten sich zudem die Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten. 1995 eröffnete das PEP-Einkaufszentrum, 1996 das Allee-Center und daneben ein Multiplex-Kino mit acht Sälen, das heutige Cineplex Leipzig. Zudem existieren in Grünau 321 Einzelhandelsgeschäfte. Das 1999 eröffnete Freizeitbad Grünauer Welle (mit Sportbecken) sowie der seit 1973 als Naherholungsgebiet freigegebene Kulkwitzer See dienen der Naherholung der Einwohner. Seit 2001 gibt es in Grünau den künstlichen Kletterfelsen K4, die größte Outdoorkletteranlage Leipzigs. 2010 wurde eine neue Spielstätte des Kinder- und Jugendtheaters Theatrium an der Alten Salzstraße in Grünau-Ost, die für 1,2 Mio. Euro errichtet worden ist, eröffnet.Neues Theatrium: Spieleröffnung mit ?Drei Haselnüsse für Aschenbrödel?, auf qm-gruenau.de, abgerufen am 8. November 2021 Bezüglich des Kultur- und Freizeitangebotes gilt der Stadtteil trotz „punktueller Angebote“ als infrastrukturell unterversorgt. Das Zentrum Grünaus bilden das Gebiet um die Lützner Straße und die Stuttgarter Allee. (Stand aller Angaben 2010)Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ): Grünau 2004 – Einwohnerbefragung im Rahmen der Intervallstudie „Wohnen und Leben in Leipzig-Grünau“. S. 11, abgerufen am 19. April 2010 (PDF; 3,4 MB).
Weiterhin gibt es in Grünau drei Kirchen, die evangelisch-lutherische Pauluskirche (1983 fertiggestellt) mit der Dorfkirche Schönau aus dem 15. Jahrhundert als Außenstelle sowie die katholische St. Martin-Kirche (1985 fertiggestellt). Beide Bauten wurden auf Betreiben der Gemeinden, die sich zuvor in Wohnungen trafen, und mit finanzieller Unterstützung westdeutscher Kirchen errichtet.
Rückbauphase Trotz dieser Bemühungen war der demographische Schrumpfungsprozess nicht abzuwenden. Entwicklung der Einwohnerzahl des Stadtteils GrünauUmweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ): Grünau 2004 – Einwohnerbefragung im Rahmen der Intervallstudie „Wohnen und Leben in Leipzig-Grünau“. S. 12, abgerufen am 19. April 2010 (PDF; 3,4 MB).Grünau auf den Seiten der Stadt Leipzig (abgerufen am 19. April 2010)Stadt Leipzig: S. 4, abgerufen am 19. April 2010 (PDF; 0,9 MB).Stadterneuerungsschwerpunkt Leipzig-Grünau auf den Seiten der Stadt Leipzig (abgerufen am 20. Dezember 2017) 1979 1981 1983 1989 1992 1995 1999 2002 2004 2005 2008 2010 2016 Einwohner 16.000 36.000 60.000 85.000 78.000 74.000 63.500 61.000 49.400 48.000 42.500 40.700 43.600 Die Stadt reagierte 1999 mit einem „Pakt der Vernunft“ mit den wichtigsten Grünauer Wohnungsunternehmen, darunter die stadteigene Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) sowie ein halbes Dutzend Genossenschaften. Das Motto war „Mehr Qualität durch weniger Häuser“. Das neue städtebauliche Konzept unterschied zwischen einem Kernbereich und einem Stadtumbaugürtel. Mit Entwicklungsprogrammen sollte der Kernbereich in den Wohnkomplexen 1 bis 4 sowie 5.1, die noch weitaus großzügiger und weniger kompakt als die anderen Bereiche gebaut worden sind, langfristig gesichert und aufgewertet werden. mini|Zum Terrassenhaus umgebauter WBS 70