mini|Ein älterer Mensch legt die Hand als Schalltrichter an sein Ohr

Unter Hörverlust (Hypakusis, auch Hypoakusis) versteht man einen teilweisen oder vollständigen Verlust des Hörvermögens. Die Ausprägung der Störung kann von leichter Schwerhörigkeit bis zur Gehörlosigkeit reichen und vielfältige Ursachen haben. Nach einer Untersuchung 2017 sind in Deutschland etwa 16 % der erwachsenen Gesamtbevölkerung (18 Jahre und älter) nach der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation schwerhörig.P. von Gablenz, E. Hoffmann, I. Holube: Prävalenz von Schwerhörigkeit in Nord- und Süddeutschland. HNO (2017), online first. doi:10.1007/s00106-016-0314-8. PMID 28271167P. von Gablenz, I. Holube: Prävalenz von Schwerhörigkeit im Nordwesten Deutschlands. In: HNO, 2015, 63(3), S. 195–214; doi:10.1007/s00106-014-2949-7. PMID 25720301 Naturgemäß steigt der Anteil Schwerhöriger mit zunehmendem Alter.

Eine Schwerhörigkeit kann ihre Ursache im gesamten Bereich der Hörorgane haben. Dazu zählen das Außenohr mit der Ohrmuschel und dem Gehörgang, das Mittelohr, die Hörschnecke, weiter der Hörnerv und die Hörbahn bis zur Hörrinde im Gehirn. Je nach Sitz der Ursache werden eine Schallleitungsschwerhörigkeit (abgekürzt SLS) bei Störung im Außen- und Mittelohr, eine Schallempfindungsschwerhörigkeit (SES oder IOS für Innenohrschwerhörigkeit) bei Störung in der Hörschnecke, eine neurale Schwerhörigkeit (bei Störungen des Hörnerven) und für den Bereich der Hörbahn im Gehirn eine zentrale Schwerhörigkeit unterschieden. Als Kombinierte Schwerhörigkeit wird die Kombination von SLS und IOS bezeichnet.

Schallleitungsschwerhörigkeit mini|240px|Schallleitungsschwerhörigkeit im Tonaudiogramm des rechten Ohres.<: KnochenleitungX: LuftleitungDie Differenz zwischen Luftleitungs- und Knochenleitungsaudiogramm ist typisch für eine Schallleitungsschwerhörigkeit

Die Schallleitungsschwerhörigkeit (Synonym: Schallleitungsstörung, Mittelohrschwerhörigkeit) bezeichnet jene Form der Schwerhörigkeit, die durch eine Störung der Schallübertragung im äußeren Ohrbereich oder im Mittelohr zustande kommt.

Diagnose Der otoskopische Befund gibt bei einer Schallleitungsschwerhörigkeit meistens Hinweise auf die Ursache der Schwerhörigkeit, vor allem in Form von krankhaften Veränderungen oder Verletzungen des Trommelfells. Bei einer einseitigen Schallleitungsschwerhörigkeit wird beim Weber-Test in das schwerhörige Ohr lateralisiert, der Rinne-Versuch ist negativ. Im Tonaudiogramm erkennt man die Schallleitungsstörung daran, dass die Luftleitungshörschwelle bei höheren Dezibel-Werten liegt als die Knochenleitungshörschwelle, dass also der Ton über Luftleitung (Kopfhörer) schlechter gehört wird als über Knochenleitung.

Im Sprachaudiogramm findet sich eine Parallelverschiebung der Kurven für das Zahlen- und Wörterverständnis zu höheren Dezibel-Werten, bei entsprechend höheren Lautstärken wird aber ein 100%iges Wörterverständnis erreicht.

Mit der Tympanometrie lassen sich Aussagen über Inhalt und Druckverhältnisse des Mittelohres gewinnen.

Die Stapediusreflex-Messung lässt Rückschlüsse auf die Beweglichkeit der Gehörknöchelchenkette zu.

Bildgebende Verfahren, insbesondere die Computertomografie, geben Hinweise auf den Inhalt des Mittelohres und auf allfällige knöcherne Veränderungen.

Ursachen Mögliche Ursachen sind: Ohrmuschelfehlbildung Fehlbildungen des Gehörgangs Ohrenschmalzpfropf (Cerumen obturans), Fremdkörper im Gehörgang, Gehörgangsentzündung (Otitis externa) Tubenverschluss, Tubenkatarrh Mittelohr-Erguss (Paukenerguss) Narbenzüge im Mittelohr durch Entzündungen Verwerfungen der Gehörknöchelchenkette durch Verletzungen (Schädelbruch) Entzündung (Myringitis), Lochbildung (Perforation) oder Einreißen (Ruptur) des Trommelfells Otosklerose Mittelohrentzündung, Cholesteatom Knalltrauma

Therapie Grundsätzlich bietet eine Schallleitungsschwerhörigkeit gute Behandlungsmöglichkeiten.

Pfropfbildendes Ohrenschmalz und Fremdkörper werden mechanisch, häufig durch Spülung entfernt.

Entzündungen des Gehörganges werden nach Reinigung lokal mit antibiotischen Tropfen behandelt.

Der akute Tubenkatarrh und der akute Paukenerguss heilen meistens spontan mit dem viralen Infekt der oberen Luftwege aus, unterstützend werden abschwellende Nasentropfen gegeben. Nur selten ist eine Punktion des Mittelohres oder eine Parazentese erforderlich.

Der chronische Mittelohrkatarrh (Seromucotympanon) erfordert häufig eine Entfernung der vergrößerten Rachenmandel („Polypen“, „Wucherungen“) durch eine Adenotomie. Gleichzeitig wird meistens eine Parazentese durchgeführt. Bei Persistieren der Erkrankung erfolgt eine zwangsweise Belüftung des Mittelohres durch Einsetzen eines Paukenröhrchens (Paukendrain) in das Trommelfell.

Folgen von Verletzungen wie vor allem Unterbrechungen der Gehörknöchelchenkette können durch eine Operation (Tympanoplastik) gebessert oder behoben werden.

Bei der Otosklerose kann durch eine Operation (Stapesplastik) der fixierte Steigbügel zum Teil entfernt oder die Fußplatte perforiert werden und die Funktion des Steigbügels durch eine Prothese z. B. aus Titan oder Platin ersetzt werden.

Ein großes operatives Feld ist die Behandlung der chronischen Mittelohrentzündung und des Cholesteatoms. Hier steht zwar im Vordergrund die Sanierung der Erkrankung, allenfalls auch durch eine Radikaloperation, es wird aber in der Regel versucht im Sinne einer Tympanoplastik das Hörvermögen wieder zu verbessern.

Sollte sich eine Schallleitungsschwerhörigkeit nicht ursächlich behandeln lassen (z. B. nach Anlage einer Radikalhöhle), so ist das Tragen eines Hörgeräts angezeigt. Bei reinen Schallleitungsschwerhörigkeiten (also bei völlig intakten Innenohr – siehe unten) ist der Behandlungserfolg meist sehr gut. Schallleitungsschwerhörigkeiten liegen für den zur Spracherkennung wichtigen Frequenzbereich selten über 40 dB(A) (siehe nebenstehendes Audiogramm). Die Unbehaglichkeits- und Schmerzschwelle steigt bzw. sinkt (im Audiogramm werden laute Schallereignisse unten angezeigt) entsprechend um den gleichen Wert. Der Hörgeräteakustiker muss hier also lediglich ein Hörgerät auswählen, das über einen großen Frequenzbereich möglichst linear verstärkt. Eine Filterung der Schallsignale (bei Schallempfindungsschwerhörigkeit meist Kompression) ist hier nicht notwendig.

Auch ist eine Schädigung des Innenohrs durch ein zu laut eingestelltes Hörgerät bei reinen Schallleitungsschwerhörigkeiten praktisch ausgeschlossen, da die eingeschränkte Schallleitung des Schallleitungsapparats de facto wie ein Schallschutz wirkt.

Allerdings gilt die gute Prognose für das Tragen eines Hörgeräts nur für die reine Spracherkennung (und damit für die soziale Interaktion). Beim Hören von Musik beispielsweise gibt es Einschränkungen aufgrund der Hörgerätetechnik, die aber meist akzeptiert werden. Ästhetischer Musikgenuss ist aber sicherlich mit Kopfhörer statt Hörgerät besser möglich.

Schallempfindungsschwerhörigkeit mini|240px|Schallempfindungsschwerhörigkeit im Tonaudiogramm>: KnochenleitungO: LuftleitungZwischen Luftleitungs- und Knochenleitungsaudiogramm ist praktisch keine Differenz

Schallempfindungsschwerhörigkeit (Synonym: Schallempfindungsstörung) ist die am meisten verbreitete Form der Schwerhörigkeit (> 90 %).M. G. Crowson, R. Hertzano, D. L. Tucci: Emerging Therapies for Sensorineural Hearing Loss. In: Otology & neurotology : official publication of the American Otological Society, American Neurotology Society [and] European Academy of Otology and Neurotology. Band 38, Nummer 6, 07 2017, S. 792–803, doi:10.1097/MAO.0000000000001427, PMID 28383465, (Review).K. J. Cruickshanks, T. S. Tweed, T. L. Wiley, B. E. Klein, R. Klein, R. Chappell, D. M. Nondahl, D. S. Dalton: The 5-year incidence and progression of hearing loss: the epidemiology of hearing loss study. In: Archives of otolaryngology--head & neck surgery. Band 129, Nummer 10, Oktober 2003, S. 1041–1046, doi:10.1001/archotol.129.10.1041, PMID 14568784; freier Volltext. jamanetwork.com Ursachen sind Defekte im Innenohr (Hörschnecke), im zum Gehirn führenden Hörnerv, oder auf der Hörbahn im Gehirn. Da der Defekt hier auf sensorischer (siehe Rezeptor (Physiologie)) oder neuronaler (siehe Neuron) Ebene liegt, wird hier auch von sensorineuraler Schwerhörigkeit gesprochen (im engl. Sprachraum wird die Schallempfindungsschwerhörigkeit allgemein als sensorineural hearing loss bezeichnet).

Der Begriff Innenohrschwerhörigkeit beschränkt sich streng genommen nur auf Defekte im Innenohr. In der Praxis wird der Begriff aber für alle Schwerhörigkeiten jenseits der Schallleitungsschwerhörigkeit verwendet. Es ist ohnehin diagnostisch schwierig, die genaue Ursache einer Schallempfindungsschwerhörigkeit zu ermitteln. Es bleibt in der Regel auch beim Einsatz modernster Technik, wie beispielsweise Messung von akustisch evozierten Potentialen, bei Verdachtsdiagnosen.

Diagnose Gehörgang und Trommelfell sind bei einer reinen Schallempfindungsschwerhörigkeit optisch (Otoskopie) unauffällig.

Eine einseitige Schallempfindungsschwerhörigkeit lässt sich schnell und einfach feststellen durch Stimmgabeltests (Weber-Test und Rinne-Versuch).

Beim Hörtest (Tonaudiogramm) erkennt man die Schallempfindungsstörung daran, dass die normale Schallleitung über die Luft (Luftleitung) und die Schallleitung über die Schädelknochen (Knochenleitung) in gleicher Weise erst bei deutlich höheren Lautstärken (Dezibel-Werten) ansprechen als beim Normalhörenden.

Durch einen Sprachverständlichkeitstest wird die Auswirkung der Schwerhörigkeit auf das Sprachverständnis gemessen.Dieter Mrowinski: Audiometrie: eine Anleitung für die praktische Hörprüfung. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-13-118003-X, S. 51–61.

Durch Messung otoakustischer Emissionen lassen sich Aussagen über die Funktion der (äußeren) Haarzellen im Innenohr machen.

Mit der Hirnstammaudiometrie können durch Messung elektrischer Potentiale aus Innenohr, Hörnerv und Hirnstamm detaillierte Aussagen über diesen Bereich gemacht werden.

Bildgebende Verfahren, insbesondere die Computertomografie und die Magnetresonanztomografie, geben Hinweise auf Veränderungen von Hörschnecke, innerem Gehörgang mit dem Hörnerven und Hirnstamm.

Ursachen Angeborene oder frühkindlich erworbene Schwerhörigkeit (Sammelbegriff für Schwerhörigkeiten, die durch genetische Defekte, Infektionen im Mutterleib, Schädigung während der Geburt, oder im frühen Kindesalter – meistens durch eine Virusinfektion wie Mumps – erworben sind und deren zeitliches Auftreten oft nicht näher bestimmt werden kann) Alterungsprozesse (Presbyakusis) Komplikationen bei Mittelohrentzündung Infektionskrankheiten (z. B. Tuberkulose, Typhus, Zoster, Mumps, Meningitis, Masern) Für das Innenohr schädliche Substanzen (ototoxische Substanzen) in manchen Medikamenten oder Chemikalien Akutes und chronisches Schalltrauma, insbesondere Lärmschwerhörigkeit Schädel-Hirn-Trauma Tumoren (z. B. Akustikusneurinom) akute, meist vorübergehende Schwerhörigkeit (Hörsturz) Menièresche Krankheit

Infektionen während der Schwangerschaft können bei Neugeborenen zu Hörstörungen bzw. Taubheit führen. Hierzu zählen insbesondere Röteln, Zytomegalie und Syphilis.

Bei den genetisch bedingten Schwerhörigkeiten unterscheidet man solche, die regelmäßig mit bestimmten anderen Schäden zusammen auftreten (Syndrome), von solchen, bei denen die Schwerhörigkeit isoliert auftritt, entweder von Geburt an oder erst später im Laufe des Lebens.

Zu den Syndromen mit Schwerhörigkeit als Teil der Störungen zählen insbesondere das Usher-Syndrom (Retinitis pigmentosa), Alport-Syndrom, Pendred-Syndrom und das Waardenburg-Syndrom (Erbkrankheit mit Taubheit und Pigmentanomalien in der Haut, den Haaren und den Augen), Forney-Robinson-Pascoe-Syndrom oder Chitty-Hall-Baraitser-Syndrom. Insgesamt sind weit über 100 Syndrome bekannt, die mit Hörstörungen einhergehen.