mini|Luftaufnahme von Scharhörn (2004) mini|Inseleingang von Scharhörn (2021) mini|Nordweststrand, Pfähle von 1957 im Watt, Müllhalden der Bewohner an der ältesten Stelle der Insel (2017) Scharhörn ist eine deutsche Insel im innersten Winkel der Helgoländer Bucht und Teil einer Exklave der Freien und Hansestadt Hamburg (Stadtteil Neuwerk). Die Insel gilt als Hamburgs nördlichster Punkt und ist etwa 43 ha groß. Scharhörn mit dem umliegenden Watt und Seegebiet liegt in der „Zone I“ des Nationalparks Hamburgisches Wattenmeer und ist ein Geotop von überregionaler Bedeutung.Geotope im Hamburger Raum (Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt) Abgesehen von einem Vogelwart ist die Insel unbewohnt und nur über einen Wattwanderweg von Neuwerk aus erreichbar.

Name Der Name Scharhörn bezeichnet heute die Düneninsel, die zusammen mit Nigehörn auf der Scharhörnplate liegt. Teilweise wird heute noch Scharhörn auf Karten synonym für die Scharhörnplate verwendet und schließt damit auch Nigehörn mit ein. In unterschiedlichen Schreibweisen war Scharhörn aber über Jahrhunderte auch der Name diverser ausgedehnter Sandbänke auf der Südseite der Außenelbe, die sich durch die Strömung verlagerten.Manfred Temme: Vogelfreistätte Scharhörn, Verein Jordsand, 1967

mini|Flusskarte der Unterelbe, Willem Blaeu, 1628

Willem Blaeu bezeichnet sie in seiner Karte der Unterelbe von 1628 als Schorhörn. Andere Schreibweisen sind Scharhoern, Schoor-hörn und Scharhörn. Im Mittelniederdeutschen steht schore oder schare für Vorland, Gestade, Küste oder Wall. Als Adjektiv schor steht es für schräg. hörn steht für Ecke, Kante, Winkel oder Landspitze. Zusammengesetzt deutet steile Kante also auf die Lage und Form der Sandbank hin.

Geographie Lage Im innersten Winkel der Helgoländer Bucht liegt Scharhörn auf Stromkilometer 745, links der Elbe, die hier in die Nordsee mündet. Sie befindet sich im Nordbereich des Scharhörn-Neuwerker Watts, das von Elbe im Nordwesten und Till im Süden begrenzt wird und den nördlichsten Bereich des Elbe-Weser-Watts ausmacht. Gemeinsam mit der ebenfalls grundsätzlich hochwassersicheren Insel Nigehörn liegt Scharhörn auf der Sandbank Scharhörnplate (auch Scharhörnsand genannt).

Naturräumliche Zuordnung Scharhörn und das umliegende Neuwerker Watt gehören in der naturräumlichen Haupteinheitengruppe Ems- und Wesermarschen (Nr. 61) zum Naturraum Watten im Elbe-Weser-Dreieck Jadebusen. Auf oberer Ebene gehört es als Teil des Marschlands zur Großregion Norddeutsches Tiefland.

Umgebung Etwa 6 km südöstlich liegt die Insel Neuwerk, 15 km südöstlich das ehemalige Hamburger Staatsgebiet Cuxhaven. Auf der anderen Elbseite befindet sich die Insel Trischen 19 km in Richtung Nordost. Helgoland ist 43 km entfernt im Nordwesten.Karte Scharhörn und Insel Neuwerk West, Nr. 2016, 1:25000, 1951, Reichsamt für Landesaufnahme

Beschreibung Die Insel ist geprägt von bis zu hohen Dünenkämmen, die sich meist in Nordsüdrichtung erstrecken und sich mit Tälern abwechseln, die teils nur knapp über NN liegen.

Das seeseitige Ufer wird durch einen Strand und Dünenabbruchkanten geprägt. Im Südwesten schließt sich eine ausgedehnte Salzwiese an, die im Süden fast an Nigehörn heranreicht und deren Quellerfläche im Westen weit über eine imaginäre Verbindungsgerade zwischen beiden Stränden hinausreicht. Durchschnitten wird diese Salzwiese von einem Priel auf ebendieser Verbindungsgerade und durch ein kleines Prielsystem, das sich direkt an der Südwestseite an den Strand anschließt und Richtung Nordwesten abfließt. Auf der Südostseite geht die Insel fließend und ohne Priele in eine Salzwiese und Quellerflur über, bevor sie ohne klare Grenzen in das Watt ausläuft. Im Süden durchzieht ein junger Priel Richtung Hundebalje diese Salzwiese, die sich bis zur Nachbarinsel Nigehörn erstreckt.

mini|Queller (Salicornia) als natürlicher Sandfang in den Scharhörner Salzwiesen bei Ostwind. Trotz erheblicher Versuche bis in die 1980er Jahre, mit Sandvorspülungen und Sandfangzäunen die Insel zu befestigen, drohen ihr bei Sturmflut im Nordwesten ständig Landverluste, während sie durch Sandablagerungen in der Pioniervegetation südostwärts weiter anwächst. Die Abtragsgeschwindigkeit hat sich allerdings von 20,4 m/Jahr (1930–1948) auf 7,9 m/Jahr (1997–2004)Die Wanderung von Scharhörn, Institut für Angewandte Umweltbiologie und Monitoring, Wremen verringert. Langfristig hat sich der Mittelpunkt zwischen 1935 und 2016 um 9,7 Meter pro Jahr verlagert. Seit Mitte der 1990er Jahre überwiegt die Wanderung der südöstlichen Inselkante, was zu einer erheblichen Vergrößerung der Insel geführt hat. Auch wenn genaue Messungen fehlen, so ist klar zu beobachten, dass sich der gesamte Wattbereich besonders zwischen Scharhörn und Nigehörn um circa einen Meter angehoben hat. Die hierdurch entstandenen Salzwiesen verbinden die Inseln bereits und eine weitere Verschmelzung der Inseln ist zu erwarten. Im Zeitraum 2000 bis 2013 wanderte der Inselmittelpunkt um 173 m und die Ostkante um 265 m nach Osten. Zusätzliche Vegetationsinseln haben sich westlich der Insel gebildet.

Seit 1989 auf der Scharhörnplate ca. 1,5 km weiter südwestlich Nigehörn aufgespült wurde, hat sich diese Insel ebenfalls weiter nach Osten vergrößert. Der Landgewinn Nigehörns reichte um 2014 in östliche Richtung fast über Scharhörn hinaus.

Flächenentwicklung Im Frühjahr 2018 kam es zu ungewöhnlich starker Dünenbildung an der Ostkante Scharhörns, was zumindest kurzfristig die Lage, Größe und auch das Verhältnis zwischen Salzwiesen und Dünen erheblich verändert hat.

Geschichte mini|Scharhörnbake auf Seekarte von 1721 mini|Scharhörnbake (1898–1914)

Scharhörn wird seit dem 13. Jahrhundert als Sandbank und große Gefahr für die Schifffahrt zwischen Weser und Elbe erwähnt. Es waren hauptsächlich Seezeichen, wie die Schartonne (1446) und die Scharhörnbake (1661), die indirekt auf Scharhörn verwiesen. Der Neuwerker Turm – Ausdruck Hamburger Herrschaft über die Elbmündung – diente aber zusammen mit den Neuwerker Blüsen und Leuchttürmen wesentlich zur Sicherung der Passage auf der Außenelbe um die gefürchtete Sandbank herum. Dennoch waren die steil abfallenden Sände rund um Scharhörn bis in das 20. Jahrhundert hinein das Ende diverser Schiffe, wovon das Wrack der Ondo auf dem gegenüberliegenden Vogelsand noch heute zeugt.

Die 1661 erstmals errichtete Scharhörnbake wurde mehrfach ersetzt und 1852 durch einen hochwassersicheren Schutzraum mit Notausrüstung für verunglückte Seeleute erweitert. Für den Deutsch-Französischen Krieg (1870) und Ersten Weltkrieg (1914) wurde sie jeweils abgerissen, um feindlichen Flotten keine Navigationshilfe zu bieten, und nach den Kriegen erneut aufgebaut. Ebenso wird ihre Wichtigkeit dadurch belegt, dass sie zeitweise die höchste Bake an der Nordseeküste war. Am 7. August 1967 wurden die Reste der letzten Scharhörnbake beseitigt.Geschichte der Scharhörn-Bake, Koordinaten:

Genaue kartografische Aufzeichnungen von 1868 an zeigen, dass sich die Sandbank bis 1968 um etwa 1,4 km nach Südosten verlagert hat. mini|Aussaat des Strandhafers (1933)

Der Neuwerker Lehrer Heinrich Gechter entdeckte 1902 brütende Brandseeschwalben und registrierte 1926 ersten Pflanzenbewuchs auf der Insel. Um den Bruterfolg nicht durch Überflutung zu gefährden, sah er es als wesentlich an, den Flugsand durch Bepflanzungen zu befestigen und eine Dünenbildung – also die Auflandung – zu ermöglichen. Durch Presse- und Lobbyarbeit erreichte er, dass Hamburg „die Natur unterstützende Erhöhung und Bepflanzung des Sandes Scharhörn“ finanzierte. Ab 1927 fanden dann systematische und großflächige Arbeiten mit Sandfangzäunen statt; später wurden zusätzlich Netze aus Kokosgarn zum Sandfang gespannt. Jetzt begann man mit ersten Bepflanzungen mit Strandroggen und anderen Dünengräsern. Hierzu wurden ab 1929 Baubuden zur Unterbringung des Arbeitsdienstes des Wasserbauamtes Cuxhaven errichtet. (mit Foto der Hütte und Aussaat) Zu diesem Zeitpunkt lag die Sandbank 1,50 Meter über Normalnull. Winterstürme zerstörten in den Anfangsjahren die Anpflanzungen. Bereits 1930 ragte aber eine breite Fläche bis zu vier Meter über Normalnull. Scharhörn war damit sturmflutsicher. Bis zum Ende der 1930er Jahre konnte so eine Insel geschaffen werden, die mit einer Größe zwischen 4 und 12 ha dokumentiert wurde. Mit dem Groß-Hamburg-Gesetz ging Scharhörn 1937 im Amt Ritzebüttel zusammen mit Cuxhaven und Neuwerk an Preußen.

Im Weiteren erreichte Gechter auch, dass das Gebiet am 1. Dezember 1939 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Die Betreuung übernahm der Verein Jordsand, dessen zweiter Vorsitzender er inzwischen war, zusammen mit der Vogelwarte Helgoland.

Der Ausbau der Insel und des Naturschutzes wurden durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Es entstanden Bunker und Flakstellungen. Immerhin konnte ab 1941 durch Abstellung fachkundiger Soldaten dem wahllosen Eiersammeln auf Scharhörn ein Ende gesetzt werden. 1947 betraten erstmals wieder Vogelwärter die Insel und begannen zunächst mit Aufräumungsarbeiten, ehe ihr eigentlicher Dienst beginnen konnte. Die Landgewinnungsmaßnahmen wurden wieder aufgenommen; neben dem Pflanzen, Säen und Ernten von Dünenpflanzen wurden sogar Versuche unternommen, die Insel mit standortfremden Gehölzen wie Grünerlen, Flieder und Weiden aufzuforsten. In den 1950er Jahren waren bis zu 60 Arbeiter auf der Insel stationiert. Vogelwärter und Dünenarbeiter wohnten mehrere Jahre lang gemeinsam in den Baracken. Für die Aussaat wurden Reihendrillmaschinen eingesetzt.

Die Jahre 1964 bis 1979 war Scharhörn von den Erkundungen und Planungen für einen Tiefwasserhafen geprägt. Da einige Planungsvarianten die Hafenanlagen an diesem Ort vorsahen, entstanden erste Ideen für eine Ersatzinsel. Als sich die Inselsubstanz ab 1973 verschlechterte, wurde diese Idee 1989 aufgegriffen, um mit Nigehörn langfristigen Ersatz für Scharhörn zu schaffen. Nach der Einstellung des Dünenschutzes auf Scharhörn 1975 waren diese Auf- und Vorspülungen die letzten und größten Eingriffe in diesem Gebiet.

mini|Reste des Dreiecksfundaments der Scharhörnbake von 1898 (1994)

Mit Ausrufung des Nationalparks 1990 wurde Scharhörn zum Kernbereich des höchsten Schutzstatus der „Zone 1“. Ende der 1990er Jahre bildete sich auf der immer weniger überfluteten Wattfläche zwischen Scharhörn und Nigehörn ein großflächiger Blaualgenrasen, der die Grundlage des seit 2002 auftretenden Quellerflur sein könnte und inzwischen fast die gesamte Scharhörnplate einnimmt.

Umwelt- und Klimaschutz Müll mini|Abbruchkante der Scharhörner Nordseite mit jahrzehntealtem Schifffahrtsmüll mini|Kunststoffgranulat (Pellets) im Sand von Scharhörn

Die exponierte Lage an der stark befahrenen Außenelbe führt zu einer sehr hohen Müllbelastung Scharhörns. 1980 fanden sich auf einer Strecke von 100 Metern des Nordweststrandes binnen 14 Tagen 11.500 Müllteile mit einem Gesamtgewicht von 6 Tonnen. Der Müll setzt sich hauptsächlich aus Holzteilen, Tauwerk, Flaschen und Plastik zusammen, wobei millimetergroße Pellets, Öl und Paraffine eine besondere Gefahr für die Tierwelt darstellen.

Am elbseitigen Strand befindet sich eine 100 m lange Strecke, auf der angespülter Müll seit 1980 durch den Verein Jordsand gezählt, gewogen und klassifiziert wird. Diese Strecke ist Teil der Monitoringarbeit zur Kontrolle des OSPAR-Abkommens zum Schutz der nordöstlichen Atlantikregion.Start der Müllkontrollstrecke , Ende der Müllkontrollstrecke .

Havarien mini|Wrack einer Bark am Scharhörnriff (1908) Seit der Schifffahrtsweg zwischen Nord- und Ostsee sich im 13. Jahrhundert von der Eider zur Elbe verlagerte, waren das Scharhörnriff und die gegenüberliegenden Sände von Schiffsunfällen geprägt. Gelegentlich wird der Scharhörner „Schiffsfriedhof“ als der größte überhaupt bezeichnet.