mini|Heinrich Sohnrey vor 1912 Heinrich Sohnrey (* 19. Juni 1859 in Jühnde; † 26. Januar 1948 in Neuhaus im Solling) war Lehrer, Volksschriftsteller und Publizist. Er kam über die Völkische Bewegung zum Nationalsozialismus.

Leben Heinrich Sohnrey wurde als uneheliches Kind von Freiherr Oskar Grote und Rosine Luise Sohnrey geboren. Nach der Schule ging er, unterstützt von seiner Großmutter väterlicherseits, 1873 nach Hannover, wo er zum Lehrer ausgebildet wurde. Seine erste Stelle trat er 1879 in Nienhagen auf der Weper an, einem heute zu Moringen gehörenden Stadtteil. Hier begann er sich für Volks- und Heimatkunde zu interessieren. Der Region blieb er sein Leben lang verbunden, so dass er bis heute als Solling-Dichter bekannt ist. Sohnrey heiratete hier seine frühere Schülerin Luise Schoppe.

Ab 1885 studierte er für kurze Zeit in Göttingen Sprachwissenschaften, Literatur, Geschichte und Botanik; zwei Semester lang war er auch in Berlin eingeschrieben.

Von 1886 bis 1889 war er Lehrer in Möllensen am Hildesheimer Wald. Im Jahre 1889 wurde er Redakteur in Northeim, später in Hildesheim, wo er den Hildesheimer Sonntagsboten gründete, 1890 in Freiburg im Breisgau und schließlich in Berlin, wohin er im Jahre 1894 gemeinsam mit seiner Frau, seinen fünf Kindern und seiner Mutter umgesiedelt war. Hier war er im Jahre 1901 maßgeblich am Aufbau der Wandervogel-Bewegung beteiligt; zeitweise übernahm er auch den Vorsitz von Der Wandervogel – eingetragener Verein zu Steglitz. 1904 gründete er in Berlin den Verlag Deutsche Landbuchhandlung, in dem seine Bücher und Schriften ab jetzt erschienen. Nach dem I. Weltkrieg wurde sein Sohn Walter († 5. Januar 1938) Geschäftsführer des Verlags.Neues Bauerntum 1938, S. 13. mini|Gedenktafel am Geburtshaus Heinrich Sohnrey in der Beekestraße zu Jühnde im Landkreis Göttingen Sohnreys volkstümliche Schriften gehören zur Heimatkunst und vertreten die Ideologie der Völkischen Bewegung und die Tendenzen des deutschtümelnden Nationalismus, der das Wilhelminische Zeitalter bestimmte. Später unterstützte Sohnrey die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten; auch vielen seiner Romane und Erzählungen liegen zentrale Aspekte der NS-Ideologie zugrunde. Die von Sohnrey gegründeten Zeitschriften (zum Beispiel Die Dorfkirche, Archiv für innere Kolonisation [1909–1933, ab 1934 Neues Bauerntum]) erfuhren in der Zeit des Nationalsozialismus ab 1933 nachdrückliche Förderungen des Reichsnährstands; auch das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und das Reichsamt für Agrarpolitik unterstützten seine Bestrebungen zur Stärkung des ländlichen Raumes und bäuerlicher Strukturen. Das Stabshauptamt des Reichskommissars für die Festigung Deutschen Volkstums gab eine Schrift in Sohnreys Verlag heraus; zahlreiche weitere Akteure der NS-Raumordnung publizierten in der Deutschen Landbuchhandlung: Konrad Meyer, Heinrich Wiepking-Jürgensmann, Georg Blohm, Herbert Morgen, Wilhelm Zoch u. a.

Im Oktober 1933 gehörte Sohnrey zu den 88 Schriftstellern, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichneten.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 575. Obwohl er kein Mitglied der NSDAP war, zählte Sohnrey zu den erklärten Bewunderern Hitlers und der Politik der NSDAP, und im Kulturdienst der NS-Kulturgemeinde Berlin stand sogar zu lesen: „Heinrich Sohnrey war der einzige führende Kulturträger der Zeit vor dem 30. Januar , den die [nationalsozialistische] Bewegung ohne jeden Vorbehalt ehren konnte.“Zit. nach: Heinrich Sohnrey, Als wir zu der Liebsten gingen. Mit einem Nachwort von Wilhelm Stapel, Deutsche Landbuchhandlung Berlin, 1939, S. Über den großen Festakt anlässlich Sohnreys 75. Geburtstag 1934 in Jühnde berichtete die UFA ausführlich mit einem Kino-Beitrag der Wochenschau.Ufa-Tonwoche, Wochenschau zum 75. Geburtstag Sohnreys 1934 1939 zeichnete ihn Adolf Hitler mit dem „Adlerschild des Deutschen Reiches“ aus.Heidi Niemann: Universität sucht nach dunklen Flecken. Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 12. Dezember 2011.

Sohnrey lebte bis 1943 in Berlin. Nachdem eines seiner beiden Häuser in Lichterfelde im März des Jahres von einer Bombe getroffen worden war, flüchtete er mit seiner Familie nach Neuhaus. Im August 1943 zerstörte ein Bombentreffer sein Verlagshaus in Berlin-Steglitz.

Heinrich Sohnrey starb 1948 in seiner Heimatregion, in Neuhaus im Solling, im Alter von 88 Jahren.

Verhältnis zum Nationalsozialismus Bis 1945 Schon vor 1933 waren Sohnreys literarische Texte der Ideologie des Nationalsozialismus verpflichtet. In seiner Abschlussrede zum Nürnberger Reichsparteitag der NSDAP des Jahres 1933 referierte Adolf Hitler bei seiner Erläuterung des nationalsozialistischen Kunstbegriffes den Inhalt des 1932 erschienenen Sohnrey-Romans Wulf Alke mit den Worten:

Kurz darauf warb der Verlag Deutsche Landbuchhandlung, dessen Besitzer Sohnrey war, mit einer Anzeige in der Zeitschrift Neues Bauerntum für diesen Roman, in der Wulf Alke gleichsam „als Vorherverkündigung des Führers Adolf Hitler“ bezeichnet wurde. Dieser Roman propagiert auch das Führerprinzip, wie es Adolf Hitlers Mein Kampf zugrunde lag. Einer der Protagonisten, ein Schäfer, schildert pars pro toto für die Landbevölkerung den Wunsch nach einem „scharfen Hund“, der „das ganze Deutsche Volk“ gegen seine „äußeren Feinde“ zu führen vermag:

In Fußstapfen am Meer. Ein Grenzlandroman (zuerst gedruckt 1928) geht es u. a. um den „rassischen Verfall“ der Deutschen, der angeblich durch „polnische Agenten“ verursacht worden sei, was einen „geistig arg zurückgebliebenen“ Volksstamm hervorgebracht habe.Heinrich Sohnrey: Fußstapfen am Meer. Ein Grenzlandroman. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin, 48.–49. Tausend 1935, S. 104. Von den Bewohnern der fiktiven Ostsee-Insel, auf der Sohnreys Roman spielt, heißt es:

Der Roman lässt keinen Zweifel daran, dass der von „polnischen Agenten“ gesteuerte rassische Verfall der „Grenzland-Deutschen“ ein Ende haben muss: „deutsch ist deutsch, und was deutsch ist, muß deutsch bleiben; was deutsch war, muß es wieder werden“.Heinrich Sohnrey: Fußstapfen am Meer. Ein Grenzlandroman. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin, 48.–49. Tausend 1935, S. 12. Die „nationalistischen Treibereien der Polen“ haben die Inselbewohner entzweit:

Juden und Polen verhalten sich feindlich gegenüber dem Deutsch- und Christentum: „‚Hört ihr, Leute, er verspottet unsern Glauben!‘ eiferte der ‚Zichorienjüd‘. ‚Ins Meer mit dem Ketzer!‘, schrie Jacosch Raza“.Heinrich Sohnrey: Fußstapfen am Meer. Ein Grenzlandroman. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin, 48.–49. Tausend 1935, S. 289.

Der Roman enthält auch deutliche Merkmale des Antisemitismus,Heinrich Sohnrey: Fußstapfen am Meer. Ein Grenzlandroman. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin, 48.–49. Tausend 1935, S. 60, 289 u.ö. die zum Beispiel auch die bereits 1899 entstandene Erzählung Wie die Dreieichenleute um ihren Hof kamenIn: Heinrich Sohnrey: Die hinter den Bergen. Gestalten und Geschichten aus dem hannoverschen Berglande. 4., stark vermehrte Aufl. Berlin 1906, S. 197–236. (später unter den Titel Die Dreieichenleute gedruckt)Die Dreieichenleute. In: Bauernfaust und Bauerngeist. Aus den Werken von Heinrich Sohnrey. Wahrt deutsche Art. Sammlung deutscher Dichter, Band 2. Carl Meyer: Hannover 1937, S. 20–41. und die Autobiografie Zwischen Dorn und Korn kennzeichnen,Vgl. Zwischen Dorn und Korn. Lebenserinnerungen von Heinrich Sohnrey. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin 1934, S. 255 f. in der Sohnrey die Errungenschaften des NS-Staates feierte: „Und gewaltig wie Hitlers Reden sind auch die Taten, mit denen der größte und, wie wir glauben, nachhaltigste Volksumbruch zutage trat, der je in einem Kulturlande der Welt erlebt wurde.“Zwischen Dorn und Korn. Lebenserinnerungen von Heinrich Sohnrey. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin 1934, S. 209. Im Vorwort seines zuerst 1927 als Die Geschichte vom schwarzbraunen Mädelein erschienenen, 1938 bearbeiteten und nun als Das fremde Blut gedruckten Romans schrieb Sohnrey: „Mit jugendlichen Hoffnungen schicke ich sie [diese Geschichte] in die neue Welt des Dritten Reiches, in deren Gedankenkreise sie ja von Anfang an schon stand.“Heinrich Sohnrey: Das fremde Blut. Die Geschichte vom schwarzbraunen Mädelein. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin 1938, [S. 7] Dieser Roman fügt sich – drei Jahre nach der Verabschiedung der Nürnberger Rassegesetze mit allen ihren entsetzlichen Konsequenzen – nahtlos in die Rassenpolitik der NSDAP ein und thematisiert u. a. den „Schutz des deutschen Blutes“ bzw. die Rassenschande sowie die Folgen des außerehelichen Geschlechtsverkehrs zwischen „Zigeunern“ und arischen Frauen (in deren gemeinsamen Familien es „mehr Kinder als Ferkel“Heinrich Sohnrey: Das fremde Blut. Die Geschichte vom schwarzbraunen Mädelein. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin 1938, S. 43. gibt). Es ist ein Pastor, den Sohnrey über Nachkommen von Mischehen sagen lässt:

Heinrich Sohnrey: Das fremde Blut. Die Geschichte vom schwarzbraunen Mädelein. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin 1938, S. 107.

Das fünfte der Zehn Gebote „Du sollst nicht töten!“ ist damit liquidiert; die NS-Rassentheorie und Vernichtungspolitik „minderer Rassen“ wird von einem Geistlichen legitimiert.

mini|Würdigung durch Adolf Hitler anlässlich der Verleihung des Adlerschilds des Deutschen Reiches (1939) Im selben Text wird auch pauschal der angebliche Hass des Auslands auf Deutschland thematisiert, der den Nationalsozialisten als Vorwand für den Kriegsausbruch diente: „Deutschland war verloren und die feindliche Welt ohne jede Vernunft, nur von Haß- und Rachedurst gegen das am Boden liegende Vaterland beseelt.“Heinrich Sohnrey: Das fremde Blut. Die Geschichte vom schwarzbraunen Mädelein. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin 1938, S. 189 f. An anderer Stelle heißt es:

Heinrich Sohnrey: Das fremde Blut. Die Geschichte vom schwarzbraunen Mädelein. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin 1938, S. 196.

Später begrüßte Heinrich Sohnrey die Kriegserfolge der Wehrmacht:

Heinrich Sohnrey: Landflucht ist Volkstod. Ein Wort an die Lehrer zur Schulentlassung der Landjugend. Hg. im Auftrage des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft gemeinsam mit dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Deutsche Landwerbung, Berlin o. J. , S. 25.

Der Grund und Boden Osteuropas war nach Sohnreys Ansicht legitimes Eigentum desjenigen Volkes, das ihn militärisch erobert und den „Weg […] frei zur eigenen Scholle“ gemacht hatte: „Freilich wird die ganze Siedlungsarbeit erst nach siegreicher Beendigung des Krieges geleistet werden können. Denn dem Frontsoldaten, der das Land erkämpfte, muß er in erster Linie offenstehen.“Heinrich Sohnrey: Landflucht ist Volkstod. Ein Wort an die Lehrer zur Schulentlassung der Landjugend. Hg. im Auftrage des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft gemeinsam mit dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Deutsche Landwerbung, Berlin o. J. , S. 26f. Im selben Text heißt es: „es [ist] kein Zufall, daß das nationalsozialistische Deutschland seinen Ewigkeitsbestand auf Blut und Kraft des Bauerntums gegründet hat.“Heinrich Sohnrey: Landflucht ist Volkstod. Ein Wort an die Lehrer zur Schulentlassung der Landjugend. Hg. im Auftrage des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft gemeinsam mit dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Deutsche Landwerbung, Berlin o. J. , S. 13.

Ebenfalls im Jahre 1943 feierte Sohnrey in Aus Groß-Berlin und kleinen Dörfern die Errungenschaften der nationalsozialistische Familienpolitik:

Heinrich Sohnrey: Aus Groß-Berlin und kleinen Dörfern. Erzählungen. Deutsche Landbuchhandlung, Berlin 1943, S. 179 f.

Sohnreys 1939 erschienene Schrift Landflucht ist Volkstod. Ein Wort an die Lehrer zur Schulentlassung der Landjugend stand unter dem Motto: Ueber uns steht der große Befehl: Du mußt im Dienst deines Volkes deine Pflicht erfüllen.