Der Besuch der alten Dame ist eine „tragische Komödie“ in drei Akten des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt. Die Uraufführung mit Therese Giehse in der weiblichen Hauptrolle fand am 29. Januar 1956 in Zürich statt. Das Stück wurde zu einem Welterfolg und brachte Dürrenmatt die finanzielle Unabhängigkeit.
Inhalt Die Milliardärin Claire ZachanassianFriedrich Dürrenmatt spielt mit der Figur der zweifelhaften Wohltäterin Claire Zachanassian und ihrer Stiftung auf den armenischen Ölmagnaten und Philanthropen Calouste Gulbenkian an. Der Name Zachanassian entsteht durch Zusammenziehen von Zacharoff, Onassis und Gulbenkian. Gemäss Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame. Tragische Komödie, Zürich: Diogenes 1998, S. 141. besucht die verarmte Kleinstadt Güllen, in der sie einst ihre Kindheit und Jugend als Klara („Kläri“) Wäscher verbracht hat. Während die Einwohner auf finanzielle Zuwendungen und Investitionen hoffen, will Claire vor allem Rache für ein altes Unrecht: Als sie im Alter von 17 Jahren von dem 20-jährigen Güllener Alfred Ill ein Kind erwartete, leugnete dieser die Vaterschaft und gewann mit Hilfe bestochener Zeugen den von Klara gegen ihn angestrengten Prozess. Entehrt, wehrlos und arm musste Klara Wäscher ihre Heimat verlassen, die Tochter wurde ihr weggenommen, Klara Wäscher wurde zur Prostituierten, gelangte jedoch später durch die Heirat mit einem Ölquellenbesitzer (der noch acht weitere Ehen folgten) an ein riesiges Vermögen.
Die inzwischen hochangesehene „alte Dame“ hat insgeheim, als Vorbereitung für ihren Besuch, in der Vergangenheit alle Güllener Fabriken und Grundstücke aufgekauft, um die Stadt allmählich zu ruinieren. Nun, 45 Jahre nach ihrer Vertreibung, unterbreitet sie den auf diese Weise für Korruption und finanzielle Strohhalme besonders empfänglich gewordenen Güllenern ein ebenso verlockendes wie unmoralisches Angebot und verspricht: „Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet. […] Gerechtigkeit für eine Milliarde.“ Diese Forderung lehnen die Bewohner zunächst zwar entrüstet ab, beginnen jedoch gleichzeitig, über ihre Verhältnisse zu leben, sich Geld zu borgen und auszugeben, und die Kaufleute gewähren Kredite, so als ob alle mit einem baldigen Vermögenszuwachs rechnen könnten. Vergeblich bemüht sich Ill, Claire umzustimmen, seinen Fehler zu entschuldigen und seinen Freunden ins Gewissen zu reden. Es gibt niemanden, der sich nicht gern vom unerwarteten Wohlstandsbazillus infizieren ließe. Der Bürgermeister gibt den Bau eines neuen Stadthauses in Auftrag, der Pfarrer hat bereits eine neue Glocke für die Kirche gekauft. Insbesondere bei dem Gespräch zwischen Ill und dem vermeintlich vertrauenswürdigen Pfarrer wird deutlich, dass niemand hinter Ill steht. Jedermann stolziert plötzlich in nagelneuen gelben Schuhen wie auf Goldtalern daher, und selbst Ills eigene Familie macht den Konsumrausch mit: Seine Frau kauft sich einen teuren Pelzmantel, der Sohn ein schnelles Auto und die Tochter nimmt Tennisunterricht. Sie alle heucheln Solidarität, erklären „ihren Ill“ scheinheilig zum „beliebtesten Bürger der Stadt“ und spielen die allgemeine Gefahr herunter. Nur der Lehrer des Ortes, der sich als „Humanist“ zu Gewissensbissen verpflichtet fühlt, wagt es, die Wahrheit auszusprechen – allerdings nur, wenn er hoffnungslos betrunken ist und daher nicht mehr ernst genommen wird.
Als Ill schließlich, von Schuld und Angst zermürbt, fliehen und nach Australien auswandern will, wird er von den Güllenern zum Abschied umringt: In der Gewissheit, „einer“ werde ihn zurückhalten, wagt er es nicht, den Zug zu besteigen, der ohne ihn abfährt. „Ängstlich wie ein gehetztes Tier“ erkennt Ill: „Ich bin verloren.“ Wenig später bringt ihm der Bürgermeister ein geladenes Gewehr und lässt es, zum Selbstmord einladend, in Ills Laden zurück. Der jedoch zögert, wächst über sich selbst hinaus und besinnt sich anders. Aus seiner Resignation wird Einsicht und Anerkennung seiner Schuld und er beschließt, sich seinen Mitbürgern auszuliefern. Stolz lässt der Bürgermeister in der Presse verkünden, Frau Zachanassian habe durch Vermittlung ihres Jugendfreundes Ill der Stadt eine Milliardenstiftung geschenkt. Vor laufenden Kameras stimmen die Bürger über Annahme oder Ablehnung der Stiftung ab, also eigentlich über die Tötung Ills. Diese wahre Bedeutung bleibt der Presse allerdings verborgen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit bilden dann die Bürger eine Gasse für Ill, die sich immer enger um ihn schließt. Als sie sich wieder öffnet, liegt Ill tot am Boden. „Herzschlag“ und „Tod aus Freude“ sind die Kommentare von Amtsarzt und Bürgermeister; die Presse übernimmt diese Meinung. Claire lässt den Toten in einen mitgebrachten Sarg legen – „Er ist wieder so, wie er war“ –, händigt dem Bürgermeister den Milliardenscheck aus und reist ab nach Capri, wo bereits ein Mausoleum auf Ills Leichnam wartet.
Entstehung Nach der Interpretation von Ulrich Weber (siehe Bericht des Schweizerischen Literaturarchivs) entstand die Idee des Rachemotivs 1953/55 als Erzählung Mondfinsternis (erschienen 1981 in Stoffe I–III (Labyrinth))., siehe Seite 19. Diese Erzählung wurde 1978 vom Autor überarbeitet und 1996 von Radio DRS als Hörspiel produziert. Die Novelle Mondfinsternis legte zu Beginn der 1950er Jahre die Basis zu Der Besuch der alten Dame und ist wenig bekannt. Sophie Männel schreibt in ihrer Studienarbeit Zu Dürrenmatts Mondfinsternis und Der Besuch der alten Dame – Entstehungshintergründe und eine vergleichende Gegenüberstellung über die Entstehung und Abänderung des Rachemotivs.
Figuren Claire Zachanassian Claire Zachanassian wohnte in ihrer Kindheit in Güllen und war dort unter dem Namen ‚Kläri Wäscher‘ bekannt. Zu dieser Zeit, im Alter von 17 Jahren, führte sie eine geheimgehaltene Beziehung mit dem 20-Jährigen Alfred Ill, von dem sie schwanger wurde. Dieser leugnete allerdings die Vaterschaft und führte bei der folgenden Gerichtsverhandlung zwei mit Schnaps bestochene Zeugen vor. Diese sagten aus, dass sie angeblich ebenfalls mit Kläri geschlafen hätten. Dies führte dazu, dass Ill den Prozess gewann. Die schwangere Kläri musste gedemütigt die Stadt verlassen. In der Fremde wurde sie zur Prostituierten und verlor ihr Kind, das bald darauf starb. Schließlich geriet sie jedoch an einen Milliardär, der sie heiratete. Durch ständig wechselnde Ehemänner, Scheidungsverfahren und Erbe in Millionenhöhe wurde sie mit der Zeit zu einer Multimilliardärin. Nun nennt sie sich Claire Zachanassian.
45 Jahre nach der Verleumdung durch Alfred Ill kehrt sie als stolze, reiche und ältere Dame nach Güllen zurück. Der Ort ist in den letzten Jahren stark verarmt. Deswegen erhoffen sich die Bewohner eine großzügige Spende ihrer zurückgekehrten ‚Kläri Wäscher‘. Doch die alte Dame hat noch lange nicht vergessen, was ihr all die Jahre zuvor angetan wurde, und bringt ihr Geld ins Spiel: In dem Wissen, dass die Güllner auf eben das hoffen, bietet sie eine Milliarde für den Tod Alfred Ills und will damit für ihre eigene Gerechtigkeit sorgen. Zu Beginn lehnen die Bewohner des armen Dorfes eine Beteiligung an dem Mord ab, doch die Versuchung wird immer größer und so liegt es in der Hand Güllens, ob und wie lange Alfred Ill noch leben wird.
Alfred Ill Alfred Ill ist der männliche Protagonist der ‚tragischen Komödie‘. Er ist 65 Jahre alt und hat eine Frau sowie eine Tochter und einen Sohn. In jungen Jahren führte er eine anscheinend glückliche Beziehung mit Klara Wäscher (der späteren Claire Zachanassian). Aus Geldgründen verließ er sie und leugnete vor Gericht die Vaterschaft für ihr gemeinsames Kind. Er heiratete schließlich Mathilde Blumhard wegen ihres Krämerladens und erhoffte sich davon finanzielle Absicherung. Anfangs wollen die Bürger Güllens Ill nicht töten. Doch sie machen immer mehr Schulden. Er denkt, dass mit dem kommenden Wohlstand sein Tod schon beschlossene Sache wäre. Nachdem er sich schließlich mit seinem Tod abgefunden hat, lässt er sich von den Güllenern töten.
Familie von Alfred Ill Alfred Ill hat eine Frau (Mathilde Blumhard), eine Tochter (Ottilie) und einen Sohn (Karl).
Mathilde Blumhard, wie sie gebürtig heißt, hatte einen Krämerladen, als sie jung war. Ill verdankt seinen bescheidenen Wohlstand Mathilde. Ihretwegen verlässt er Claire in seiner Jugend. Auf das Angebot für Gerechtigkeit reagiert sie – wie alle anderen Güllener auch – schockiert und emotional, doch schließlich beginnt sie wie die anderen Güllener auch neue Kleidung und andere Gegenstände zu kaufen. Ottilie, die Tochter von Ill, gerät ebenso in einen Kaufrausch. Sie ist ein gebildetes Mädchen, das einen Fortbildungskurs in Französisch und Englisch nimmt. Sie studiert auch Literatur und nimmt nebenher noch Tennisunterricht. Karl ist der Sohn von Ill. Er verfällt, wie seine Mutter und seine Schwester, in den Kaufrausch, denn er hat sich ein neues Auto gekauft. Es zeigt sich: Sogar die engste Familie fällt Ill in den Rücken. Dies zeigt, dass keiner vor der Korrumpierbarkeit durch Geld geschützt ist.
Polizist Der Polizist Hahncke ist das Symbol der korrupten und korrumpierbaren staatlichen Ordnung. Schon am Anfang bei der Ankunft Claires, als sie ihn fragt, ob er hin und wieder mal ein Auge zudrücken würde, antwortet er: „Wo käme ich in Güllen sonst hin?“ Auch trinkt er beim Gespräch mit Ill Bier und raucht Zigaretten. Als Alfred Ill die Verhaftung von Claire Zachanassian fordert, wehrt der Polizist alle Argumente Ills ab und versucht ihm weiszumachen, dass seine Angst nur Einbildung sei.
Der Pfarrer Der Pfarrer ist ein frommer und gläubiger, aber ebenfalls korrumpierbarer Mann, der im Dorf Güllen hoch angesehen ist. Ill sucht bei ihm Rat. Der Pfarrer hat eine gespaltene Meinung, zum einen will er das Geld von Frau Zachanassian, zum anderen vertritt er vor den Bürgern die Moral. Am Ende des Gespräches kann er Ill nur raten zu fliehen, da er vermeiden will, dass die Güllner durch Ills Anwesenheit in Versuchung gebracht werden.
Ort Zu Beginn des Dramas wird Güllen als heruntergekommen, verarmt und trostlos beschrieben.
Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass dies nicht immer so war. Viele Geschäfte und Fabriken, die früher einmal von Bedeutung waren, sind pleite und stehen leer. Selbst der Bahnhof hat an Bedeutung verloren. Es halten nicht mehr die Züge, die früher einmal dort gehalten haben.
Die Bürger erzählen sich, dass früher berühmte Persönlichkeiten in Güllen zu Besuch waren und Güllen so auch von kultureller Bedeutung war. Güllen hofft auf Hilfe durch Claire Zachanassian. Sie wissen allerdings nicht, dass Claire Zachanassian alle ehemals florierenden Geschäfte aufgekauft hat und somit für Güllens Ruin verantwortlich ist.
Der Ortsname spielt offensichtlich auf Gülle an.
Interpretation Themen Heinz Ludwig Arnold sieht Der Besuch der alten Dame als ein „Stück von der Korruption der Menschen und der Schuld eines einzelnen“, wobei es keine beliebig anwendbare Parabel sei, sondern ein unveränderliches Gleichnis: „das Abbild der Menschenwelt auf der Bühne“.Heinz Ludwig Arnold: Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame. Materialien. Klett, Stuttgart 1982, ISBN 3-12-358100-4, S. 4. Für Friedrich Torberg ist es „die alte Dame Korruption, […] die alte Dame Versuchung, die alte Dame Spekulation auf menschliche Gier“, die die Stadt Güllen besucht. Die Reaktion der Güllener Bürger beweise „die menschliche Bereitschaft, sich auch an Unmenschliches und als unmenschlich Erkanntes zu gewöhnen.“Friedrich Torberg in Neuer Kurier, zitiert nach der Internetseite des Diogenes Verlags. Das Stück, „ursprünglich mit dem Untertitel Komödie der Hochkonjunktur“, wird dagegen „im Osten als Satire auf den Kapitalismus interpretiert“.Manfred Brauneck (Hrsg.): Weltliteratur im 20. Jahrhundert. Autorenlexikon. Reinbek bei Hamburg 1981, ISBN 3-499-16266-0, Band 2, S. 359.
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