Rolf Peter Sieferle (* 5. August 1949 in Stuttgart; † 17. September 2016 in Heidelberg) war ein deutscher Historiker.

Sieferle etablierte den energetischen Ansatz der Umweltgeschichte. Zunächst an der Universität Mannheim tätig, war er von 2005 bis 2012 ordentlicher Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Sieferles Arbeitsschwerpunkte waren erst Struktur- und Ideengeschichte der Industrialisierung sowie Umwelt- und Universalgeschichte. Seit seinem Werk Epochenwechsel (1994) versuchte er zudem, konservative Politik historisch zu begründen. Sein postum veröffentlichter Bestseller Finis Germania (erschienen 2017) sorgte wegen seines als antisemitisch und vielfach als rechtsradikal bewerteten Inhalts und des Umgangs mit dem Buchtitel in Sachbuchneuerscheinungs- und Bestsellerlisten für anhaltende Diskussionen.

Leben und Wirken Rolf Peter Sieferle wurde in Stuttgart geboren und wuchs mit seiner Mutter in Heidelberg auf. Nach einem Internatsbesuch studierte er ab 1968 Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie an den Universitäten Heidelberg und Konstanz, einer Reformuniversität.

In Heidelberg war er zeitweise Vorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS); die Studentenbewegung habe er bald für „tief illusorisch“ gehalten.

1977 wurde er an der Philosophischen Fakultät der Universität Konstanz mit einer Dissertation über den Revolutionsbegriff in der Theorie von Karl MarxGroh gab zuvor als ihren Titel Die Konstitution des Proletariats als Subjekt der Revolution bei Karl Marx an; vgl. Dieter Groh: Basisprozesse und Organisationsproblem. Skizze eines sozialgeschichtlichen Forschungsprojekts. In: Ulrich Engelhardt, Volker Sellin, Horst Stuke (Hrsg.): Soziale Bewegung und politische Verfassung. Beiträge zur Geschichte der modernen Welt (= Industrielle Welt. Sonderband). Klett, Stuttgart 1976, ISBN 3-12-901850-6, S. 415–431, hier S. 428. zum Dr. phil. promoviert. Diese zwei Jahre später in die von Dieter Groh herausgegebene Ullstein-Reihe Sozialgeschichtliche Bibliothek aufgenommene Arbeit galt Helmut Berding als „immanent-kritische Rekonstruktion der Marx’schen Revolutionstheorie“.

Nach seiner Promotion übersetzte er eine sozialgeschichtliche Monographie von David F. Crew über die Industriestadt Bochum aus dem Englischen, wobei seine Arbeit positiv aufgenommen wurde.Vgl.

1980 wurde er Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Umwelt, Gesellschaft, Energie an der Universität-Gesamthochschule Essen, die von Klaus Michael Meyer-Abich als „Abkömmling“ des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt bezeichnet wurde.Vgl. Klaus Michael Meyer-Abich: Praktische Naturphilosophie. Erinnerung an einen vergessenen Traum. [Im Rahmen des Forschungsprojektes „Kulturgeschichte der Natur“ entstanden] (= Kulturgeschichte der Natur in Einzeldarstellungen). Beck, München 1997, ISBN 3-406-41990-9, S. 473. Von 1980 bis 1984 war er dort am von Klaus Michael Meyer-Abich und Bertram Schefold geleiteten und im AuftragBertram Schefold: Der Alptraum eines Technokraten. In: Klaus M. Meyer-Abich, Reinhard Ueberhorst (Hrsg.): Ausgebrütet – Argumente zur Brutreaktorpolitik (= Policy-Forschung Bd. 1). Birkhäuser, Basel [u. a.] 1985, ISBN 3-7643-1701-9, S. 48–65, hier S. 50. des Bundesministeriums für Forschung und Technologie durchgeführten Forschungsprojekts „Die Sozialverträglichkeit verschiedener Energiesysteme in der industriegesellschaftlichen Entwicklung“ beteiligt.Annegret Witt-Barthel: Chancen sozialorientierter Technikgestaltung. Mit einer Fallstudie zur Informatisierung der sozialen Sicherung (= Studien zur Sozialwissenschaft. Bd. 119). Westdeutscher Verlag, Opladen 1992, ISBN 3-531-12406-4, S. 52.

Als Mitarbeiter von Meyer-Abich wirkte er seinerzeit auch an der vom Deutschen Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission „Zukünftige Kernenergie-Politik“ (1979–1983) mit.Dieter Schott: Einführung: Energie und Stadt in Europa. Von der vorindustriellen ,Holznot‘ bis zur Ölkrise der 1970er Jahre. In: Ders. (Hrsg.): Energie und Stadt in Europa. Von der vorindustriellen „Holznot“ bis zur Ölkrise der 1970er Jahre. Beiträge auf der 3. Internationalen Stadtgeschichts-Konferenz in Budapest 1996 = Energy and the city in Europe (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte. Nr. 135). Steiner, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07155-5, S. 7–42, hier S. 11.Im Abschlussbericht der Enquete-Kommission wird er allerdings nicht namentlich erwähnt, auch nicht als Koautor einer ihrer Studien und Arbeitspapiere. Vgl. Bericht der Enquete-Kommission „Zukünftige Kernenergie-Politik“ über den Stand der Arbeit und die Ergebnisse gemäß Beschluß des Deutschen Bundestages — Drucksache 8/2628 —. Deutscher Bundestag, Bericht der Enquete-Kommission „Zukünftige Kernenergie-Politik“ Über den Stand der Arbeit gemäß Beschluß des Deutschen Bundestages vom 26. Mai 1981 — Drucksache 9/504 —. Deutscher Bundestag, Materialien-Band zum Bericht der Enquete-Kommission „Zukünftige Kernenergie-Politik“ über den Stand der Arbeit. Deutscher Bundestag.

1984 habilitierte sich Sieferle in Konstanz für das Fach Neuere Geschichte. Von 1988 bis 1993 war er Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Im Jahre 1989 erhielt er eine Privatdozentur an der Universität Mannheim, 1991 wurde er außerplanmäßiger Professor ebendort.

Gastprofessuren hatte er an der ETH Zürich und in Wien inne. In den dann folgenden Jahren befürwortete er im Umfeld einer Forschergruppe des Wiener Instituts für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, aus der das Wiener Institut für Soziale Ökologie hervorging, „eine umfassende Quantifizierung der gesellschaftlichen Stoff- und Energieströme“ (MEFA-Ansatz).Frank Uekötter: Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert (= Enzyklopädie deutscher Geschichte. Bd. 81). Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-57631-3, S. 59. Dieter Schott zählte Sieferle zu den herausgehobenen Vertretern einer interdisziplinär ambitionierten „historische[n] Ökologie“ (Umweltgeschichte).

1995 übernahm er die Leitung des historischen Förderungsschwerpunkts der Stuttgarter Breuninger Stiftung. Entsprechende Aufsatzsammlungen (u. a. zum Thema „Kulturen der Gewalt“) wurden von Rolf Peter Sieferle und Helga Breuninger in den nun folgenden Jahren in deutscher und englischer Sprache herausgegeben.Vgl. dazu u. a. Bernd-Stefan Grewe: Rezension zu: Sieferle, Rolf Peter: Transportgeschichte. Münster 2008, in: H-Soz-Kult, 4. September 2008; Ralf-Peter Fuchs: Rezension zu: Sieferle, Rolf Peter, Helga Breuninger (Hrsg.): Kulturen der Gewalt. Ritualisierung und Symbolisierung von Gewalt in der Geschichte. Frankfurt am Main 1998, in: H-Soz-Kult, 21. Januar 2000. Matthias Schmolz stellte in seiner Besprechung des ersten Sammelbandes Markt und Macht in der Geschichte (1995) heraus, dass Sieferle „herausfordernd pessimistische Prognosen“ über die Zukunft abgebe. Im Auftrag der Stiftung verantwortete Sieferle von 2000 bis zu seinem Weggang in die Schweiz das „bislang einzige[], größere[] deutschsprachige[] Forschungsprojekt“ zur Materie Europäischer Sonderweg (Reihe: „Der Europäische Sonderweg“). Vergleichende Arbeiten entstanden u. a. über die Landwirtschaft, Familienstrukturen und das internationale Transportwesen.

Von 2000 bis 2004 war Sieferle ständiger Gastprofessor an der Universität St. Gallen, wo er 2005 ordentlicher Professor für Allgemeine Geschichte wurde. Seit 2004 fungierte er als Mitherausgeber der Reihe Umwelthistorische Forschungen im Böhlau Verlag.Umwelthistorische Forschungen, boehlau-verlag.com, abgerufen am 10. Januar 2018.

2010 legte er eine von drei externen Expertisen für das Hauptgutachten Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen vor.

2012 wurde Sieferle emeritiert. Am 17. September 2016 starb er im Alter von 67 Jahren durch Suizid.

In einem Brief, den Michael Klonovsky als eine Art Abschiedsbrief und als Vermächtnis an die AfD betrachtet, klagt Sieferle über eine „omnipräsente politische Alternativlosigkeit“ aufgrund des Fehlens einer Opposition. Den Urheber der „Verschwörung gegen den offenen Diskurs“ sieht Sieferle in Angela Merkel.

Publikationen

„Der unterirdische Wald“, 1982 Sein 1982 erschienenes Werk Der unterirdische Wald, mit dem Untertitel Energiekrise und industrielle Revolution, ist eine Publikation der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler.

Die Monografie gilt nach Dirk Neuber als Standardwerk für den Übergang vom Energieträger Holz auf die Steinkohle und die so mögliche Industrialisierung.Vgl. Dirk Neuber: Energie und Umweltgeschichte des Niedersächsischen Steinkohlebergbaus. Von der Frühen Neuzeit bis zum Ersten Weltkrieg (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 206). Hahn, Hannover 2002, ISBN 3-7752-6006-4, S. 15. Ernst Langthaler bezeichnete das Werk als „Pionierarbeit des ‚energetischen‘ Ansatzes in der Umweltgeschichte“.Ernst Langthaler: Agrarsysteme ohne Akteure? Sozialökonomische und sozialökologische Modelle in der Agrargeschichte. In: Andreas Dix, Ernst Langthaler (Hrsg.): Grüne Revolutionen. Agrarsysteme und Umwelt im 19. und 20. Jahrhundert (= Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 2006). Studienverlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2006, ISBN 978-3-7065-4235-7, S. 216–238, hier S. 238. Fast zwanzig Jahre danach erschien die leicht überarbeitete englische Übersetzung beim auf Umweltthemen spezialisierten britischen Verlag White Horse Press.Vgl.

„Fortschrittsfeinde“, 1984 Im Kontext des Essener ForschungsprojektsAnnegret Witt-Barthel: Chancen sozialorientierter Technikgestaltung. Mit einer Fallstudie zur Informatisierung der sozialen Sicherung (= Studien zur Sozialwissenschaft. Bd. 119). Westdeutscher Verlag, Opladen 1992, ISBN 3-531-12406-4, S. 130. entstand ebenso eine Überblicksdarstellung zu den Archegeten der Umweltbewegung in Deutschland, Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart (1984).

Mitte der 1980er Jahre veröffentlichte er auch populärwissenschaftliche Beiträge in der Zeitschrift Bild der Wissenschaft.Vgl. Martin Henkel: Zunftmissbräuche. „Arbeiterbewegung“ im Merkantilismus (= Campus Forschung. Bd. 608). Campus, Frankfurt am Main [u. a.] 1989, ISBN 3-593-34059-3, S. 325. Im Auftrag des Verbandes der Chemischen Industrie legte er 1987 die Schrift Wege aus der Krise? Alte und neue Muster der Technikkritik vor; dort beschreibt er „die Gesellschaft als hin und hergerissen zwischen Zukunftshoffnung und Krisenfurcht.“ „Naiverweise“, so meint er nach Dieter Imbodens Urteil, werde „dieses Gleichgewicht […] wesentlich durch kulturelle Prozesse in der Gesellschaft bestimmt.“Dieter Imboden: Von der Industriellen Revolution zu den Grenzen des Wachstums. In: Peter Donath u. a.: Wissenschaft in Sorge um die Umwelt (= ETH-Forum für Umweltfragen). Birkhäuser, Basel [u. a.] 1990, ISBN 3-7643-2521-6, S. 37–52, hier S. 49.

„Epochenwechsel“, 1994 Sieferle hatte spätestens in seinem Buch Epochenwechsel. Die Deutschen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert (1994) die Perspektive in Richtung Zukunftsforschung verändert und war „auf einem explizit politischen Feld“ tätig; er diagnostizierte zukünftige Problemlagen, neben krisenhaften Umweltproblemen auch das Zuwanderungsproblem, das die Krise des Sozialstaats weiter verschärfe. Diese Vielzahl von Krisen lasse sich Sieferle zufolge nicht mehr mit den Mitteln des „humanitären Universalismus“, sondern nur noch partikularistisch lösen. Ludger Heidbrink konstatierte als Mangel der Studie, dass „sie all das mit einem Bannspruch belegt, was früher einmal zur ‚linken‘ Aufklärungstradition gehörte, um nun unzählige Klischees einer ‚rechten‘ Aufklärungskritik zu präsentieren, anstatt nach möglichen Vermittlungen zu suchen und praktikable Vorschläge für die politische Gestaltung des Epochenwechsels zu präsentieren.“Vgl.

„Konservative Revolution“, 1995