Die Safranrebendolde (Oenanthe crocata), auch Giftige Rebendolde genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Wasserfenchel (Oenanthe) innerhalb der Familie der Doldenblütler (Apiaceae).

Beschreibung mini|Habitus, Laubblätter und Blütenstand mini|Doppeldoldiger Teilblütenstand von oben mini|Junge Früchte Vegetative Merkmale Die Safranrebendolde ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 50 bis 150 Zentimetern erreicht. Der knollig verdickte „Wurzelstock“ (Speicherwurzel) ist handförmig geteilt, oft fünfteilig, die Knollen spindelförmig, (10-) etwa 12 Zentimeter lang und 1,5- bis meist 2 bis 3 Zentimeter breit. Alle oberirdischen Pflanzenteile sind kahl. Der aufrechte, oben reich verzweigte Stängel ist hohl und längsgerillt; ist grün und kann violett überlaufen sein. Die kurz gestielten, rein grünen Laubblätter sind am Grund stängelumfassend, sie sind zweifach bis dreifach (selten vierfach) gefiedert, die Fiederblättchen erster Ordnung gestielt, diejenigen zweiter Ordnung ebenfalls gestielt oder sitzend. Die Fiederblättchen sind relativ breit (nicht schmal-linealisch), im Umriss eiförmig bis rautenförmig.

Generative Merkmale Der endständige doppeldoldige Blütenstand ist relativ flach schirmförmig und besitzt von null (keine) bis zehn, meist etwa fünf linealische Hüllblätter, die an den Doldenstrahlen anliegen und viel kürzer sind als diese, die Teildolden meist zehn Hüllchenblätter. Die Doppeldolde besitzt meist 15 bis 25 (5 bis 40) Doldenstrahlen.

Die ausdauernden Kelchzähne weisen eine Länge von 0,5 bis 0,7 (0,8) Millimetern auf. Die weißen Kronblätter sind zum Rand hin etwas vergrößert.

Die etwas bauchigen Früchte sind etwa 5 Millimeter lang (4 bis 5,5 mm, in Spanien bis 6,3 mm) bei etwa 2 Millimeter Breite und damit größer als bei vielen ähnlichen, verwandten Arten. Sie sind flach gerippt mit etwa zwei Millimeter langen Narben. Ihre Stiele sind zur Fruchtzeit nicht verdickt.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 22.

Ähnliche Arten Die Safranrebendolde ist von anderen europäischen Arten der Gattung Oenanthe an den relativ breiten Fiederblättchen in Verbindung mit Form und Größe der Früchte unterscheidbar. Durch die relativ breiten Fiederblättchen kann es aber zur Verwechslung mit Sellerie kommen.

Vorkommen Die Safranrebendolde kommt in Westeuropa und dem westlichen Mittelmeerraum vor. Im Vereinigten Königreich und Irland ist sie weit verbreitet und lokal häufig, im Osten und in Zentralirland ebenfalls weit verbreitet, aber seltener. Sie kommt im Westen Frankreichs (entlang der Atlantikküste), im Norden bis in die Normandie, vor, das geschlossene Verbreitungsgebiet beginnt dabei erst südlich der Mündung der Seine, im Norden und an der belgischen Küste gibt es nur wenige alte Angaben. Auf der Iberischen Halbinsel ist sie im Westen überall verbreitet, sie fehlt im Osten Spaniens und auch auf den Balearen. In der Literatur angegebene Funde auch aus Marokko sind unsicher und bedürfen der Bestätigung. Im westlichen Mittelmeerraum ist Oenanthe crocata auf Korsika verbreitet. Auf Sardinien, wo sie seit der Antike bekannt war, kommt sie noch vor, ist aber sehr selten. Es gibt vereinzelte Funde an der französischen Mittelmeerküste, Angaben für das italienische Festland und die Insel Sizilien sind vermutlich irrtümlich erfolgt.

Im Jahr 1975 wurde die Safranrebendolde auf der Insel Voorne-Putten, nahe des ehemaligen Flugplatzes Oostvorne an der niederländischen Nordseeküste nachgewiesen. Später kamen weitere Funde auf der niederländischen Insel Ameland hinzu. 1989 wurde die Art auch an der deutschen Nordseeküste erstmals gefunden. Fundort waren deichnahe, salzarme Vorlandwiesen nahe Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein. Möglicherweise werden die Samen durch Sturmfluten verbreitet.

2012 wurde Oenanthe crocata eingeschleppt am Ufer des Río de la Plata in Argentinien nachgewiesen. Sie dringt hier auch in natürliche und halbnatürliche Vegetation vor.

Die Safranrebendolde wächst in Großbritannien und auf der Iberischen Halbinsel weit verbreitet an Gräben, Gewässerufern und in anderen Feuchtgebieten. Im Nordosten ihres Verbreitungsgebiets ist sie offenbar wählerischer, möglicherweise begrenzen hier Fröste ihre Verbreitung, so dass sie nur direkt an der Küste überdauern kann.

Taxonomie Die Erstveröffentlichung von Oenanthe crocata erfolgte 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus I, Seite 254.

mini|Maske aus Sardinien mit sardonischem Lachen Giftpflanze Nach antiken römischen Berichten, nach der Eroberung der Insel Sardinien von den Karthagern, benutzten die Sarden eine Giftpflanze, um rituell Verbrecher zu töten. Diese mussten erst einen Giftbecher trinken und wurden anschließend erschlagen oder von Klippen geworfen. Auffallend sei gewesen, dass die Gesichtszüge der Hingerichteten zu einem grinsenden Ausdruck verzerrt waren. Dieser wurde als sardonisches Lachen sprichwörtlich. Seit Albrecht von Haller wird die 'Safranrebendolde als „die wahre Herba Sardoa der Alten“ angesehen. Eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Chemikers Giovanni Appendino hat diese Ansicht 2009 bestätigt.

Giftige Pflanzenteile Alle Pflanzenteile sind giftig (toxisch), besonders weisen die unterirdischen Pflanzenteile eine giftige Wirkung auf. Die oberirdischen Pflanzenteile scheinen die Giftstoffe weniger konzentriert zu enthalten. Der Pflanzensaft tritt bei Schnittwunden deutlich aus und hat die Eigenschaft, nach dem Austreten nachzudunkeln. Er enthält Polyacetylen-Alkohole, die an der Luft schnell zerstört werden und im Wurzelfleisch länger erhalten bleiben. Im Winter und zeitigen Frühjahr ist der Gehalt am höchsten. Bemerkenswert ist, dass Pflanzenteile bei Verzehr anders als nahe verwandte Arten weder bitter schmecken noch ein Brennen auf der Zunge erzeugen, sondern im Gegenteil einen süßen und angenehmen Geschmack und Geruch besitzen.

mini|Strukturformel von Önanthotoxin

Toxikologie Nach Aufnahme von Pflanzenteilen entwickeln nahezu alle Patienten nach einer halben bis ganzen Stunde Krämpfe. Der Krampf der Kiefermuskulatur führt zur Kieferklemme (Trismus), sie können bis zum Überstrecken des Rückens (Opisthotonus) führen. Der Krampf des Musculus levator anguli oris führt zum „sardonischen Lachen“. Krampfbedingte Bisse auf die Zunge in Verbindung mit erhöhtem Speichelfluss führen oft zu blutigem Speichel. Übelkeit mit Erbrechen und Bauchkrämpfe treten oft auf, in Verbindung mit den Krämpfen kann es dann zur Aspiration in die Lunge kommen. Später kommt es zu Rhabdomyolyse, zur Auflösung von Muskelfasern, dies zeigt sich etwa in Erweiterung der Pupillen. Dadurch droht Nierenversagen. Eine bis acht Stunden nach der Vergiftung kann es zum Tod durch Atemstillstand, Krampfanfälle, manchmal auch durch Kammerflimmern kommen. Als Antagonisten wirken Barbiturate, die deshalb bei Vergiftungen gegeben werden. Vergiftungen sind nicht häufig, aber wenn sie auftreten lebensbedrohlich. Bei 14 Fällen zwischen 1900 und 1978 lag die Todesrate bei 70 Prozent. Bessere Chancen haben Patienten, die die Pflanzen vor dem Verzehr gekocht hatten, da dabei das Gift zerstört wird.

Aus der Safranrebdolde wurden über 30 giftig wirkende Polyine isoliert. Hauptbestandteile sind Önanthotoxin und dessen Metabolit 2,3-dihydro-Önanthotoxin. Die Giftwirkung beruht auf Blockade von GABA-Rezeptoren, also Rezeptoren des Neurotransmitters GABA (γ-Aminobuttersäure).

Heilkunde mini|Illustration aus Album de la Flora médico-farmacéutica é industrial, indígena y exótica, Tafel 30 Nach dem „New-Kreuterbuch“ des Matthiolus (1626) wirken die Wurzeln angeblich hustenlindernd, steintreibend und gegen Einnässen. Bentley und Trimen (1880) verwendeten Oenanthe crocata gegen hartnäckige Hautausschläge. Nach einem Bericht von 1931 soll sie die Anfallsbereitschaft bei Epilepsie positiv beeinflussen.

Die Homöopathie kennt Oenanthe crocata ebenfalls als vermeintliches Heilmittel gegen Epilepsie, besonders in Verbindung mit ausbleibender Regel, Schwangerschaft, Priapismus oder nach Verletzungen (wie Cicuta). Einen wissenschaftlichen Beleg für eine positive Wirkung bei Epilepsie gibt es nicht.

Namenserklärung Der Gattungsname Oenanthe setzt sich aus den altgriechischen Wörtern für „Wein“ und für „Blüte“ oder „Blume“ zusammen, was sich auf die an Trunkenheit erinnernde Benommenheit bei beginnender Vergiftung zurückführen lässt. Das Artepitheton crocata bedeutet „safrangelb“ (nach dem Safrankrokus Crocus sativus) und bezieht sich auf den sich an der Luft gelb färbenden Saft.

Literatur Cook: Oenanthe. In: Lutz Roth, Max Daunderer, Kurt Kormann: Giftpflanzen – Pflanzengifte. 5. Aufl., Nikol, Hamburg 2008, ISBN 978-3-86820-009-6.

Einzelnachweise Michael R. Lee, Estela Dukan, Iain Milne: Three poisonous plants (Oenanthe, Cicuta and Anamirta) that antagonise the effect of γ-aminobutyric acid in human brain. In: Journal of the Royal College of Physicians of Edinburgh, Volume 50, Issue 1, 2020, S. 80–86. doi:10.4997/jrcpe.2020.121 Gerhard Madaus: Lehrbuch der biologischen Heilmittel. Band III. Olms, Hildesheim / New York 1979, ISBN 3-487-05891-X, S. 2006–2009 (Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1938). Peter Vint (Hrsg.): Der Neue Clarke. Eine Enzyklopädie für den homöopathischen Praktiker. Band 3. Dr. Grohmann GmbH, Bielefeld 2001, ISBN 3-928953-13-3, S. 3853–3862 (nach John Henry Clarke: Dictionary of Praktical Materia Medica). M. J. Ball, M. L. Flather, J. C. Forfar: Hemlock water dropwort poisoning. In: Postgraduate Medical Journal, Volume 63, 1987, S. 363–365. Rainer Borcherding, Sabine Gettner, Pieter A. Slim: Der Safran-Wasserfenchel (Oenanthe crocata L.) – eine für Deutschland neue Blütenpflanze an der Nordseeküste. In: Kieler Notizen zur Pflanzenkunde, Volume 41, 2016, S. 54–57. Michael Hassler und Thomas Muer: Flora Germanica. Band 2, Zweikeimblättrige Teil 2. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2022. ISBN 978-3-95505-333-8, S. 1539. S. L. Jury, M. J. Southam: 39. Oenanthe L. In: Consejo Superior de Investigaciones Cientificas: Flora ibérica, plantas vasculares de la Península Ibérica e Islas Baleares. Volume X: Araliaceae-Umbelliferae. ISBN 978-8400081508. S. 220-223. Volltext online. Susana Martínez, Carolina I. Calviño Gustavo Delucchi: Oenanthe crocata (Apiaceae, Apioideae), planta tóxica nueva para la flora adventicia de Argentina y América. In: Darwiniana, Volume 50, Issue 1, 2012, S. 97-106. Volltext bei scielo.org. J. Mennema, R. van der Meijden, E. J. Weeda: Over Oenanthe crocata L. In: Gorteria, tijdschrift voor de floristiek, de plantenoecologie en het vegetatie-onderzoek van Nederland, Volume 12, 11/12, 1985, S. 267-280. Volltext bei naturalis.nl. S. O’Mahony, P. Fitzgerald, M. J. Whelton: Poisoning by Hemlock Water Dropwort. In: Irish Journal of Medical Science, Volume 156, 1987, S. 241. doi:10.1007/BF02954055 Clive A. Stace: New Flora of the British Isles. 3. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge etc. 2010, ISBN 978-0-521-70772-5. S. 816.

Weblinks

Thomas Meyer, Michael Hassler: Datenblatt mit Fotos bei Mittelmeer- und Alpenflora.

Kategorie:Doldenblütler