rechts|300px Das Kastell Klosterneuburg war ein Militärlager in der römischen Festungskette des Limes Pannonicus. Es gehörte zum westlichen Teil des pannonischen Limes, in dem es wiederum das am weitesten im Westen gelegene Lager war. Seine Reste befinden sich in der heutigen Gemeinde Klosterneuburg im Bezirk Tulln des österreichischen Bundeslandes Niederösterreich. Das Bodendenkmal ist Teil des Donaulimes, der seit 2021 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

In seiner Frühzeit diente das Kastell als Kohortenlager der Hilfstruppen (Auxilia) und ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. als Stützpunkt einer Reitereinheit. Sein antiker Name ist mangels Quellen nicht sicher festzustellen. Das Lagerareal ist heute fast vollständig durch das Stift Klosterneuburg und Wohngebäude der Altstadt überbaut. Die Festungsanlage durchlief mehrere Umbauphasen und wurde vom 1. bis ins späte 5. Jahrhundert genutzt. Aufgabe der Besatzung war es, einen Donauübergang und die Limesstraße von Vindobona nach Lauriacum zu überwachen. Im Umfeld des Kastells wurden noch eine Zivilsiedlung (vicus) und ein Gräberfeld entdeckt.

Im vorliegenden Artikel werden außer dem Kastell auch zwei bei Maria Gugging und bei Greifenstein vermutete Wachtürme behandelt.

Lage mini|Blick auf Klosterneuburg/Oberstadt, aufgenommen vom Leopoldsberg Die Stadt Klosterneuburg befindet sich rund 13 Kilometer westlich der Bundeshauptstadt Wien, am rechten Ufer der Donau, oberhalb des Donaudurchbruches zwischen Leopoldsberg und Bisamberg. Im Norden und Osten wird sie von den Auwäldern der Donau begrenzt. Im Süden und Westen schließen sich die Ausläufer der Berghänge des Wienerwaldes an (Leopoldsberg, Kahlenberg, Buchberg, Eichberg und Freiberg). Bei Klosterneuburg befand sich ein historischer Donauübergang in Form einer Furt, an der im Altertum eine alte Wegverbindung aus der Region von Mušov den Fluss überquerte und auf die Donausüdstraße traf.Zum Donauübergang siehe Werner Lugs: Die Lokalisierung von Favianis aufgrund archäologischer Quellen, der Textüberlieferung, topographischer Bedingungen und militärtaktischer Überlegungen. In: Römisches Österreich. Band 34/35, 2011/2012, S. 91–134, hier S. 112.

mini|Das unter Kaiser Titus am 13. Juni 80 n. Chr. ausgestellte Militärdiplom aus Klosterneuburg Das Kastell wurde vor seiner Aufdeckung an den unterschiedlichsten Orten vermutet wie zum Beispiel bei Stockerau, das allerdings am linken Ufer der Donau liegt. Joseph von Aschbach und Friedrich von Kenner glaubten, es sei mit Zeiselmauer identisch. Für Maximilian Fischer hingegen erschien die Lage in der Oberstadt für militärische Zwecke und als örtliche Handelsstation für die Stämme jenseits der Donau außerordentlich gut geeignet. Friedrich von Kenner kam schließlich, nicht zuletzt auf Grund der Auffindung eines Militärdiploms aus der Zeit des Kaisers Titus, zur Überzeugung, dass

„…eben am Fundort ein kleines Standlager der cohors I Montanorum sich befand, welches unter dem Oberbefehle des pannonischen Legaten stand“.

Da sich die Funde in diesem Bereich immer mehr häuften, nahm für Karl Drexler

„…die Richtung des cardo gegen die heutige Bergstraße zu, während sich der decumanus von dem Hohlweg bei der Gertrudskirche gegen die Hundskehle zu erstreckte“.

Auch Eduard Nowotny vermutete es schon immer in der Oberstadt und versuchte 1925 aus dem Katasterplan des Klosters Rückschlüsse auf den Grundriss des Kastells zu ziehen. Für ihn war es unwahrscheinlich, dass sich das Kastell in der Unterstadt befinden sollte. Nowotny steckte daher in der Oberstadt eine Kastellfläche ab, für die er sich seine Rekonstruktion des Kastells Eferding/OÖ als Vorbild nahm: Nordwestfront: Stiftskellergarten, Nordostseite: Stiftskirche, Südostfront: Oberer Hauptplatz bei der Häuserfront im NO, Südwestseite: Leopoldgasse und Fortsetzung bis zur Hundskehle. Mit diesen Abmessungen kam Nowotny auf eine Fläche von 540 × 640 römische Fuß. Diese entsprach nicht nur der angenommenen Größe des Eferdinger Kastells, sondern auch dem bayerischen Kastell Weißenburg, das ebenfalls für eine cohors milliaria equitata (1000 Mann starke, teilberittene Einheit) ausgelegt war.Kurt Genser: Der österreichische Donaulimes in der Römerzeit. Ein Forschungsbericht. Wien 1986, S. 412.

Heute weiß man, dass das Kastell unter dem ältesten Teil der Stadt liegt, dem Klosterareal in der „Oberstadt“, eine Felsterrasse zwischen dem Donauufer und dem Fuße des Buchberges. Diese wird nördlich noch durch den Kierlingbach und südlich durch den Weidlingbach begrenzt. Die einst aus südlicher Richtung von Vindobona heraufkommende Limesstraße durchquerte das Lager nicht, sondern lief direkt am Buchberg vorbei. Anschließend bog sie westlich ins Kierlingtal ab und führte von dort weiter nach Noricum. Im Kierlingtal verlief wahrscheinlich auch die Provinzgrenze zwischen Pannonien und Noricum. Möglicherweise lag sie westlich des heutigen Maria Gugging (siehe weiter unten). Auf Grund der vor Ort gefundenen Ziegelstempel steht fest, dass dieses Kastell zum Verwaltungsbereich der Provinz Pannonien gehörte.

Name mini|Fragment einer Tegula mit scheibenförmigem Stempel aus Klosterneuburg, LIIG.XIIIIG.MVI (das E als II) geliefert von der legio XIIII GMV, 101–114 n. Chr. In schriftlichen antiken Quellen gibt es keine präzisen Hinweise auf den antiken Namen Klosterneuburgs. Auch spätere Untersuchungen konnten die unterschiedlichen Auffassungen über den antiken Namen von Klosterneuburg auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. Während hinsichtlich der Zugehörigkeit von Klosterneuburg zur Provinz Pannonien keine Zweifel mehr zu bestehen scheinen, blieb sein römischer Name umstritten. Versuchte man zunächst noch, das Kastell mit der in der Tabula Peutingeriana erwähnten Poststation Citium (nahe Tulln an der Donau) gleichzusetzen,Tabula Peutingeriana, Segment V. wurden im weiteren Verlauf der Forschung unter anderem die Namen Asturis, Cannabiaca, Quadriburgium oder Arrianis vorgeschlagen. Seit Theodor Mommsen wird häufig Arrianis der Vorzug gegeben. Dieser Name stammt wahrscheinlich von einer römischen Heeresabteilung, die in der an der spanischen Nordküste gelegenen Region Asturien aufgestellt wurde.Kurt Genser: Der österreichische Donaulimes in der Römerzeit. Ein Forschungsbericht. Wien 1986, S. 407 ff.Herbert Franz Weinzierl: Nachantike Siedlungsentwicklung am römischen Limes in Österreich. Wien 2018.Karl Holubar: Römerlager Arrianis. Der Limes in Klosterneuburg. Klosterneuburg 2018. Nachdem auch Wilhelm Kubitschek Klosterneuburg als „angeblich Astura“ verlautbart hatte, war es neben Herma Stiglitz und Hannsjörg Ubl vor allem Eduard Zenker, der sich sehr akribisch mit der Namensfrage des antiken Klosterneuburg auseinandergesetzt hat.Vgl. hierzu auch Kurt Genser: Der Römische Limes in Österreich, 1986, S. 408–412. Dennoch ist die Frage nicht abschließend geklärt; so wurde von Werner Lugs Klosterneuburg als möglicher Ort des antiken Kastells Favianis vorgeschlagen. Dies würde bedeuten, dass Klosterneuburg in der Spätantike von der Provinz Pannonia prima zu Noricum ripense gekommen wäre – was angesichts der geostrategischen Erfordernisse in der Region auch durchaus sinnvoll gewesen sein mag.Werner Lugs: Die Lokalisierung von Favianis aufgrund archäologischer Quellen, der Textüberlieferung, topographischer Bedingungen und militärtaktischer Überlegungen. In: Römisches Österreich. Band 34/35, 2011/2012, S. 91–134, zur Lokalisierungsfrage S. 110–126 und zum Provinzwechsel S. 110–112 und S. 121–125.

Forschungsgeschichte mini|Zeichnung des Klosterneuburger Münzschatzes von 1736 nach Benedikt Prill

18. und 19. Jahrhundert mini|Kopie einer 1834 an der Ostflanke des Stiftes entdeckten Weihinschrift Die ersten Berichte über römische Funde aus Klosterneuburg stammen laut Maximilian Fischer von Benedict Prill. Dieser vermerkte unter anderem, dass 1736 beim Bau des barocken Neustiftes, als man die alte Kanzlei samt ihrem „Briefturm“ abtrug, ein Gefäß mit römischen Silbermünzen aus der Zeit von Gaius Iulius Caesar bis Kaiser Decius entdeckt worden war. Beim Bau der sogenannten Alten Kaserne Anfang des 19. Jahrhunderts wurden erneut Münzfunde gemacht. Auch wurden vermutlich Gräber bei diesen Baumaßnahmen aufgedeckt. Im Jahr 1834 kamen beim Umbau des Stiftshofes drei mit Inschriften versehene Steine zum Vorschein., , . Nach der Kopie durch Maximilian Fischer wurden sie wieder vermauert. Eine große Anzahl von Funden erbrachte dann wieder der Ausbau des sogenannten ernestinischen Traktes in den Jahren 1834–1842. Hier wurden zahlreiche spätantike Ziegelstempel der OFARN-Gruppe (möglicherweise Abkürzung für OF[ficinia] A[uxiliares] R[ipenses] N[orica] = „Werkstatt der norischen Flussgrenztruppen“) mit der Aufschrift „OFARNVRSICINIMG“. geborgen. Stempel des Magister figlinarum Ursicinus wurden bis in die pannonische Provinz Valeria verschifft und wurden dort nicht nur an dem nie vollendeten Kastell Göd-Bócsaújtelep, sondern auch an Ländeburgi wie Dunakeszi gefunden.Zsolt Mráv: Archäologische Forschungen 2000–2001 im Gebiet der spätrömischen Festung von Göd-Bócsaújtelep (Vorbericht) 2002. In: Communicationes archeologicae Hungariae 2003. Népművelési Propaganda Iroda. Budapest 2003. S. 105. Die OFARN-Stempel lassen sich in die Zeit der Herrschaft der Kaiser Constantius II. (337–361) und Valentinian I. (364–375) datieren. Da sich die Stempelabkürzungen AR, ARN bzw. ARAN einstweilen jedoch nicht eindeutig erklären lassen, bleiben die bisherigen Übersetzungsvorschläge spekulativ.Ádám Szabó, Endre Tóth (Hrsg.): Bölcske. Römische Inschriften und Funde – In memoriam Sándor Soproni (1926–1995) Libelli archaeologici Ser. Nov. No. II. Ungarisches Nationalmuseum, Budapest 2003, ISBN 963-9046-83-3, S. 80. Vom selben Areal stammt auch eine Votivara (Weihinschrift für Götter) des Quintus Attius. und eine Tafel mit der Inschrift „Q(uinti) Aelii Valentis opus“ („Werk des Quintus Aelius Valens“).. Zusätzlich konnten römerzeitliche Mauer- und Ziegelreste beobachtet werden. Einer der interessantesten römischen Funde gelang jedoch am 23. Juli 1838. Aus dem Schutt der Fundamentierungsarbeiten hinter der Hauptapsis der Stiftskirche konnten einige Bronzefragmente ausgelesen werden. Sie wurden von E. Stoy wieder zusammengefügt und entpuppten sich als römische Entlassungsurkunde (Militärdiplom) aus der Zeit des Titus (13. Juni 80 n. Chr.). = CIL III p. 854; Diplom XI = p.1960, DXIII.

20. Jahrhundert Diese immer wieder auftretenden römischen Funde veranlassten vor allem Männer aus dem Kreis der Wiener Altertumsforschung, in Klosterneuburg aktiv zu werden. Hier sind vor allem Friedrich von Kenner, Wilhelm Kubitschek und Emil Polaschek zu nennen. Nach ihren Berichten wurden bei der Erweiterung des Stiftskellers 1904 römische Mauerzüge angeschnitten sowie Ziegel und eine Münze aus der Zeit Valentinians I. geborgen. Angeblich wurden vor 1936 auch einige antike Körper- und Brandgräber aufgefunden, dabei aber zerstört.Neuburger-Mathilde Grünewald 1974, S. 22. An Fundobjekten ist sonst noch ein Topfbehältnis aus dem 1. oder 2. nachchristlichen Jahrhundert bekannt.