mini|hochkant=1.14|Felssturz am Hübschhorn (2012) Ein Bergsturz ist eine großvolumige, schnell vonstattengehende Fels- und Schuttbewegung aus steilen Bergflanken. Auch stabil erscheinende Felswände können betroffen sein, wenn sie von Klüften durchzogen sind. Bei Bergstürzen verhält sich das Gestein großräumig wasserähnlich, kann auf einer geneigten Gleitbahn eine Geschwindigkeit von über 100 km/h erreichen und sogar an gegenüberliegenden Hängen aufbranden, wie beispielsweise im Oberinntal mehrfach zu sehen ist. Die Untersuchung von Bergstürzen und ihrer Ursachen ist ein interdisziplinäres Thema zwischen mehreren Fachgebieten, v. a. Geologie, Felsmechanik, Ingenieurvermessung und Geomorphologie, während zugehörige Warnsysteme in jüngst entstandenen Kooperationen zwischen Geotechnik und Geodäsie entwickelt werden.

Die Ablagerungsgebiete können Volumina von mehreren Millionen Kubikmetern und Flächenausdehnungen von mehr als 10 Hektar erreichen. Eine umfassende Definition von Bergstürzen stammt vom Geografen Gerhard Abele (1974): Bergstürze sind „Fels- und Schuttbewegungen, die mit hoher Geschwindigkeit in Sekunden oder Minuten aus Bergflanken niedergehen und im Ablagerungsgebiet ein Volumen oberhalb von einer Million Kubikmeter besitzen, sowie eine Fläche von über 10 Hektar bedecken. Kleinere Ereignisse bezeichnet man als Felsstürze“.Gerhard Abele: Bergstürze in den Alpen ihre Verbreitung, Morphologie und Folgeerscheinungen (= Wissenschaftliche Alpenvereinshefte. Bd. 25, ). Deutscher Alpenverein, München 1974, S. 21, (Zugleich: Karlsruhe, Universität, Habilitationsschrift, 1972).

Frank Ahnert definiert sie im Lehrbuch Geomorphologie (1996) stattdessen auf der subjektiven Ebene: „Die von der Bewegung erfasste Hangfläche und die bewegte Gesteinsmasse (bzw. Volumen) muss groß genug sein, um der Bezeichnung „Bergsturz“ in der Auffassung der umwohnenden Bevölkerung und der das Ereignis untersuchenden Geomorphologen gerecht zu werden“.Frank Ahnert, Geomorphologie 1996, zit. in Wissen.de/Bergsturz

Bergstürze sind demnach groß dimensionierte Felsstürze mit teils verheerenden Auswirkungen. In den zurückbleibenden Schuttmassen können sich zudem kleinere Stauseen bilden, bisweilen auch größere Abdämmungsseen. Eine Sonderart von Felssturz ist der Eissturz mit weit überhöhter Schadensfläche, da das Eis (zusammen mit Schutt) weiter transportiert wird, das Eis, auch Sturzeis genannt, globezoom.info dabei durch die Reibungshitze schmilzt oder gar verdampft und damit ein Effekt ähnlich dem bei einem Luftkissenfahrzeug entstehen kann.

Grundlagen mini|hochkant=1.14|Der 1991er Bergsturz von Randa in der Schweiz (2008)

Bergstürze entstehen in der Regel an der Grenze zweier oder mehrerer Gesteinsschichten und an tektonischen Störungslinien, wenn derartige Grenzflächen durch Erdbeben, extreme Wetterereignisse (heftige Niederschläge oder Temperaturschwankungen) geschwächt werden oder auch wenn ein Gletscher abschmilzt und dessen Gegendruck fehlt. Zunehmende Steinschlagaktivität kann ein Hinweis auf bevorstehende Bergsturzereignisse sein. Eingriffe des Menschen in die Natur (Hangrodung, zu breite Forstwege, Rohstoffabbau) können diese Vorgänge beschleunigen, wie exemplarisch beim Bergsturz von Elm 1881. Fels- und Bergstürze stellen neben Muren und Lawinen die Hauptgefahr natürlicher Phänomene im Gebirge dar.

Man unterscheidet zwischen den häufiger vorkommenden Schlipfstürzen und den selteneren Fallstürzen. Ein Schlipfsturz beginnt mit einer Gleitbewegung, bei der die rutschende Masse weitgehend im Verband bleibt oder völlig in Kleinteile zerfällt. Durch eingeschlossene Luft, die wie ein Luftpolster zwischen dem festen Untergrund und der abrutschenden zerfallenden Gesteinsmasse wirkt, können Schlipfstürze selbst in Gesteinspartien ohne größeren Wassergehalt auftreten. Beim Fallsturz hingegen erfolgt praktisch unmittelbar ein Abbruch, bei dem sich das Gestein im freien Fall befindet.Bergsturz. Eintrag auf wissen.de, abgerufen am 20. April 2013.

Der mit dem Klimawandel verbundene Temperaturanstieg und das damit einhergehende Auftauen des bis anhin stabilisierenden Permafrosts erhöht die Gefahr von Bergstürzen. Die historische Geologie kennt Bergstürze mit diesen Ursachen bereits aus früheren Warmzeiten.

Das bei Bergstürzen zurückbleibende Material bildet eine Sturzhalde, in der Schweiz Bergsturzkegel genannt; zur Orientierung in solchen Blockhalden (etwa bei Vermessungen oder Umweltprojekten) werden größere Felsblöcke oft mit roten Nummern markiert. Nach längeren Zeiträumen können durch Bergstürze auch reizvolle Landschaften entstehen. Typisch für das Ablagerungsgebiet ist ein kleinhügeliges Relief (sogenannte Tomahügel) mit meist deutlicher Abgrenzung zur Umgebung.

Bei der Ausbreitung des Schuttes spielt der Wassergehalt eine Rolle sowohl beim Sturz als auch beim zusätzlich erodierten Material; beim Bergsturz von Bondo wurde auch Grundwasser aus dem Talboden mitgenommen.«Es wird Tausende Stellen geben, wo sich der Fels bewegt». Tages-Anzeiger, 4. Juni 2025, S. 12.

Die Geschwindigkeit eines Bergsturzes beim Auftreffen aufs Gelände kann – abhängig von der Fallhöhe – 100 km/h übersteigen. Auf einer stark geneigten Gleitbahn kann die Geschwindigkeit der Gesteinslawine weiter auf 200 km/h anwachsen, auf einem Gletscher auch noch mehr. Sie hängt von der Gesamtmasse, vom Material und dessen Verdampfen sowie von der Gleitreibung des Untergrunds ab.

Folgen Ein Bergsturzereignis bewirkt sowohl im Abbruchgebiet als auch im Ablagerungsgebiet markante Änderungen. Im Abbruchgebiet kann es zum Beispiel zu Nachstürzen und zu Sackungsbewegungen am oberen Rand der Abrisswände kommen. Weitere Folgen von Bergstürzen können sein: Bildung von Bergsturzseen, Verlagerung von Wasserläufen und Wasserscheiden Bildung von Schuttkegeln Entstehung einer eigenen Bergsturzvegetation Epigenesen.

Besonders in dichter besiedelten Gebieten werden auch Kulturbauten und Menschenleben gefährdet, insbesondere durch Verschüttung von Siedlungsgebieten und Verkehrswegen (Straßen, Eisenbahnlinien) direkte Flutwellen, wenn Gesteinsmassen in größere Gewässer stürzen instabile Aufstauung von Flüssen und Bächen, welche später zu Flutwellen führen kann, insbesondere bei Ausbrüchen von Bergsturzstauseen.

In der Schweiz ist eine großräumige Überwachung von Massenbewegungen mittels Radar-Satelliten vorgesehen. Diese Daten versagen aber speziell in extrem steilen Flanken und bei sehr schnellen Bewegungen. Bekannte Probleme werden darum mit Kameras beobachtet, zusätzliche Vermessungen können mit Bodenradar erfolgen.«Es wird Tausende Stellen geben, wo sich der Fels bewegt». Tages-Anzeiger, 4. Juni 2025, S. 12. Im Falle des Piz Cengalo wurde nach dem großen Bergsturz von 2017 von der vorherigen jährlichen Vermessung mittels eines mobilen Radars für die Aufräumarbeiten auf eine konstante Radar-Überwachung umgestellt.Satelliten helfen beim Sichern der Berggebiete, SRF, 15. August 2022Überwachung mit Radargerät am Piz Cengalo funktioniert, SRF Rendez-vous am Mittag, 12. August 2022 Für Punktvermessungen werden wo möglich Vermessungspunkte angebracht. Ein wichtiges Mittel sei laut einem Wissenschaftler des WLS aber auch die Bergbevölkerung, welche ihre Umgebung beobachtet und Veränderungen meldet, darunter in Gemeinden ausgebildete Naturgefahrenbeobachter.

Größenangaben zu Berg- und Felsstürzen Zur Einschätzung der Größe und Auswirkung von Berg- und Felsstürzen werden in der Regel Angaben zu den Volumina der umgelagerten Gesteinsmassen und zur Flächenausdehnung ihrer Ablagerungsgebiete gemacht. Bei Bergstürzen geht es dabei um Volumina im Bereich von Millionen bis zu Milliarden Kubikmetern und Ablagerungsflächen von einem Dutzend bis zu über tausend Hektar. Bei mittelgroßen bis großen Felsstürzen betragen die Volumina einige tausend bis zu einigen hunderttausend Kubikmetern mit Ablagerungsflächen im Hektar-Bereich.

Für Sturzmassen, die bis in den Talgrund gelangt sind und ggf. ein Fließgewässer aufgestaut haben, finden sich häufig Angaben, auf welcher Länge und bis zu welcher Höhe über dem Talboden das Tal verlegt wurde und bis zu welcher Höhe die Gesteinsmasse am gegenüberliegenden Prallhang emporgebrandet ist.

Für die Einschätzung der bei einem Berg- bzw. Felssturz umgesetzten Energie (von Lageenergie in Wärme, Verformungsarbeit und im abgelagerten Gestein gebundene chemische Energie) sind Angaben zur mittleren Sturzhöhe erforderlich, die über die Höhe und Massenverteilung im Abriss- und Ablagerungsgebiet geschätzt werden können. Für die größten bekannten Bergsturzereignisse wie den Flimser Bergsturz kommen vorsichtige Abschätzungen zu umgesetzten Energien jenseits von 100 Petajoule (1017 Joule).

Die Umrechnung zwischen verschiedenen Einheiten und die damit verbundenen Größenordnungsunterschiede geben die folgenden Tabellen wieder.

+ Größenordnungen für Volumenangaben zu Sturzmassen Größenordnung Anschauliche Entsprechung Tausend Kubikmeter (103 m3) Volumeneines Würfelsmit 10 m Kantenlänge 1 Million Kubikmeter (106 m3) 100 m 1 Milliarde Kubikmeter (109 m3, 1 km3) 1 km

+ Größenordnungen für Flächenangaben zu Ablagerungsgebieten Größenordnung Umrechnung in kleinere Einheit Anschauliche Entsprechung 1 Hektar (1 ha) 10.000 Quadratmeter (10.000 m²) Flächeninhalt eines Quadrates mit 100 m Kantenlänge 1 Quadratkilometer (1 km²) 100 Hektar (100 ha)bzw. 1 Million Quadratmeter (1.000.000 m²) 1 km Kantenlänge

Prähistorische Bergstürze

mini|hochkant=1.14|Durch den Bergsturz von Köfels, Tirol wurde vor rund 9000 Jahren die Ötztaler Ache in der Bildmitte aufgestaut. mini|hochkant=1.14|Im Zāgros-Gebirge, Iran gingen vor etwa 10.000 Jahren etwa 30 km³ Gestein ab.

Prähistorische Bergstürze können aufgrund der geologischen Beschaffenheit des Bodens und der Oberflächenformen im Abbruchgebiet und im Ablagerungsgebiet erkannt werden.

Undatiert

Dobratsch, Kärnten, A: ca. 0,9 km³ Gesteinsmassen stürzten in das Gailtal. Hocharn im Raurisertal, Salzburg, A: Die Ostflanke des Hocharn (Grieswies-Schwarzkogel) stürzte in den Talschluss von Kolm-Saigurn und brandete auf die Ostflanke Richtung Filzenalm wieder hinauf. Der unregelmäßige und von Lacken durchsetzte Hügel des Durchgangwalds (Rauriser Urwald) repräsentiert die Sturzmasse. Annapurna, Nepal: vermutlich gegen Ende der letzten Eiszeit ging ein großer Teil (ca. 21 km³) eines möglicherweise hohen Gipfels nordöstlich der Annapurna I nach Nordosten (Manang, Tal des Marsyangdi) nieder und staute den Tilichosee auf; zurück blieb der Khangsar Kang (), die Sturzmasse bedeckt ca. 96 km².Shayan Khatiwada, Jérôme Lavé, Marius Huber, Luc Scholtès & Ananta Prasad Gajurel: Tilicho Lake origin: Valley damming by a giant rockslide. In: Journal of Tourism and Himalayan Adventures 8(1) (2026): 122–144. DOI:10.3126/jtha.v8i1.96409 (PDF 0,7 MB auf researchgate.net)

Datiert, vor dem Ende der letzten Eiszeit

Pyhrnpass, Oberösterreich, A: ein möglicherweise durch das 300 km entfernte Ries-Ereignis (vor etwa 15 Millionen Jahren) ausgelöster Bergsturz leitet den nach Norden gerichteten Lauf der Ur-Enns nach Süden, ins Grazer Becken, um.Kurt Lemcke: Geologische Vorgänge in den Alpen ab Obereozän im Spiegel vor allem der deutschen Molasse. In: Geologische Rundschau. Bd. 73, Nr. 1, 1984, , S. 371–397, hier S. 386, doi:10.1007/BF01820376. Langtang-Tal, Nepal: Vor 40.000 Jahren stürzten wahrscheinlich infolge eines Erdbebens an der Himalaya-Hauptstörung 10 bis 15 km³ Gestein eines vormals bis zu hohen Berges im Himalaya-Hauptkamm zu Tal. Hiervon wurde der Großteil bis auf einen Rest von 2 bis 3 km³ bereits durch nachfolgende Gletschertätigkeit ausgeräumt. Der noch erhaltene Abrisskamm läuft über bis zu hohe Gipfel und Grate. Im Bereich des 24 km² umfassenden Ablagerungsgebietes befindet sich heute der hohe Tsergo Ri, mit dessen Namen das Ereignis häufig verbunden wird, dessen Gipfel aber selbst Teil der Bergsturzmasse ist. Es galt bis 2023 als weltweit größtes Bergsturzereignis im Kristallingestein.