Egmont ist ein Trauerspiel von Johann Wolfgang von Goethe. Der Autor begann 1775 mit der Arbeit an dem Drama, schloss es aber erst 1787 ab. 1788 lag es erstmals im Druck vor. Die Uraufführung fand am 9. Januar 1789 in Mainz statt. Das Trauerspiel verlangt eine Schauspielmusik. Besonders bekannt und einflussreich war Ludwig van Beethovens Komposition von 1810 (Opus 84), die jedoch öfter im Konzertsaal aufgeführt wird denn als Bühnenmusik.
Das Drama spielt in den Jahren 1566 bis 1568 in Brüssel vor dem Hintergrund des Beginns des Achtzigjährigen Kriegs. In Goethes Realisierung sind die Ereignisse jedoch auf einen kürzeren Zeitraum zusammengezogen. Die Figur des Egmont entstand nach dem Vorbild des historischen Lamoral von Egmond.
Entstehung und historische Quellen mini|Lamoral von Egmond (1522–1568), Fürst von Gavere, spanischer Statthalter von Flandern und Artois Nach Goethes eigenen Angaben in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit hat er die Niederschrift des Egmont im Herbst 1775 begonnen, also noch während seiner Zeit in Frankfurt, wo er auch die Bibliothek seines Vaters nutzen konnte. Die Arbeit zog sich jedoch in die Länge. Aus seinen Briefen an Charlotte von Stein und seinen Tagebüchern ist erkennbar, dass er in Weimar jahrelang mit Unterbrechungen an dem Drama arbeitete. Im Dezember 1781 schrieb er an von Stein erstmals: „Mein ‚Egmont‘ ist bald fertig“, klagte aber über Schwierigkeiten mit dem vierten Akt, „den ich hasse und notwendig umschreiben muß“. Es machte ihm zu schaffen, dass das Werk schon so lange lag: „Wenn ich’s noch zu schreiben hätte, schrieb’ ich es anders, und vielleicht gar nicht“, ihn störte das „Studentenhafte der Manier“, das ihm als Mittzwanziger seiner Ansicht nach unterlaufen war, obwohl er den Egmont immer noch als „wunderbares Stück“ betrachtete. Doch auch im Juni 1786 war es noch Fragment geblieben. Erst während seiner italienischen Reise 1787 gelang es ihm endlich, das Drama abzuschließen; über diesen Erfolg berichtete er in der Italienischen Reise. Er sandte das Werk im September 1787 nach Weimar und erhielt von dort diverse Rückmeldungen von Freunden. Im Juni 1788 lag es endlich im Druck vor, nämlich, zusammen mit Claudine von Villa Bella und Erwin und Elmire, als fünfter Teil von Goethe’s sämtliche Schriften in der G. J. Göschen’schen Verlagsbuchhandlung. Goethe hatte also, wenn auch mit jahrelangen Pausen, zwölf Jahre mit der Abfassung des Textes zugebracht. Die Uraufführung folgte 1789 in Mainz.Wolfgang Kayser: Kommentar zu Egmont. In: Goethes Werke. 14-bändige Sonderausgabe. Band IV: Dramatische Dichtungen II. Beck, München 1998 (identisch mit der 13. Auflage 1994), S. 614–649, hier: S. 614–621. Die Zitate stammen aus zwei Briefen an Charlotte von Stein vom 12. Dezember 1781 und vom 20. März 1782, hier zitiert nach Kayser, S. 615.
Als historische Quellen hat Goethe vor allem zwei ältere Werke verwendet, und zwar De bello Belgico (Über den belgischen Krieg), ein Werk des Jesuiten Famianus Strada von 1632, das die Ereignisse aus katholischer Sicht schildert, und Eygentliche und vollkommene historische Beschreibung des Niderländischen Krieges, verfasst von dem Antwerpener Emanuel van Meteren, eine protestantische Darstellung, die seit 1604 auf Deutsch vorlag. Insbesondere Stradas Werk enthielt Begebenheiten, die Goethe für sein Schauspiel verwertete, so einen Bericht über ein Gespräch Egmonts mit Oranien, das die Keimzelle für die zweite Szene des zweiten Akts bildete. Strada erwähnt unter den Beratern Margaretes von Parma auch beiläufig einen „Macchiavell“, sicherlich das Vorbild für den Machiavell im Drama, dem Goethe allerdings wohl Züge des hundert Jahre früher lebenden und weitaus bekannteren Niccolò Machiavelli verlieh. Überhaupt ging Goethe mit den Quellen relativ frei um, wenn ihm das nötig erschien. So machte er Egmont, der zum Zeitpunkt der Konfrontation mit Sabine von Bayern verheiratet war und mehrere Kinder hatte, zum ledigen, ungebundenen Mann, ließ wichtige historische Figuren weg (etwa Philippe de Montmorency, Graf von Hoorn, der zusammen mit Egmont hingerichtet wurde) und fügte stattdessen freie Erfindungen ein, so das Gespräch Egmonts mit Ferdinand, dem Sohn Albas.Wolfgang Kayser: Kommentar zu Egmont. In: Goethes Werke. 14-bändige Sonderausgabe. Band IV: Dramatische Dichtungen II. Beck, München 1998 (identisch mit der 13. Auflage 1994), S. 614–649, hier: S. 633–635. Die Bemerkung zu Machiavell findet sich ebd., S. 647 f.
Inhalt Egmont spielt in der Stadt Brüssel während des Aufstands der Niederländer 1566–1568 gegen die spanische Herrschaft; das Ende des Trauerspiels entspricht historisch dem Anfang des Achtzigjährigen Krieges. Brüssel wurde damals, wie ganz Belgien und Holland, von der spanischen Krone beherrscht. Teile des niederländischen Adels (Geusen) verbündeten sich mit den Protestanten, um die religiöse und politische Unterdrückung durch die Spanier zu beenden. Das Drama thematisiert den Untergang des niederländischen Grafen Lamoral Egmont, Fürsten von Gavre, der zusammen mit Wilhelm von Oranien an der Spitze der Adelsopposition steht. Egmont ist bei seinen Bürgern sehr beliebt und steht loyal zur spanischen Krone, nach deren Meinung er allerdings nicht hart genug gegen die calvinistischen Bilderstürmer vorgeht. In seiner Naivität gerät er in die Fänge des Herzogs von Alba. Bis kurz vor seinem Tode hat er die Gefahr unterschätzt, die von den Spaniern ausgeht. Im Gegensatz zu Oranien ist er deshalb nicht vor Alba geflohen. Als Alba in Brüssel eingetroffen ist, richtet er, um für Ordnung zu sorgen, den Blutrat ein. Egmonts Geliebte Clärchen unternimmt einen verzweifelten Versuch, den eingekerkerten Oppositionellen zu befreien, doch als sie dem Scheitern ihres Vorhabens ins Auge sehen muss, verübt sie Selbstmord. Egmont selbst wird schließlich wegen Hochverrats zum Tode verurteilt.
Handlung Erster Aufzug Erste Szene Die erste Szene findet auf einem Platz in Brüssel statt. Dort anwesend sind die Brüsseler Bürger Jetter und Soest sowie Buyck, ein Soldat unter Egmont. Später tritt noch der Invalide Ruysum hinzu. Die Brüsseler veranstalten ein Schießspiel mit einer Armbrust, und im Laufe des Gespräches, das sie miteinander führen, geben sie die Bewunderung kund, die sie für den Grafen Egmont verspüren. Dieser hat das Volk mit seinen brillanten Schießkünsten und ausgezeichneten militärischen Leistungen begeistert. Von dem spanischen König Philipp II. sind sie jedoch nicht sonderlich angetan. Ruysum erwähnt lobend die Kompetenz von dessen Vater, Karl V., der wesentlich beliebter war als sein Sohn. Allerdings wird Philipp II., der die Inquisition ins Land brachte und kirchliche Gerichte einsetzte, von den Bürgern nicht völlig abgelehnt. Sie monieren in erster Linie die mangelhafte Kompetenz seiner Ratgeber.
Über Margarete von Parma, die von ihrem Halbbruder Philipp II. als Regentin über die Niederlande eingesetzt worden ist, sind die Bürger allerdings ebenfalls geteilter Meinung. Während Soest sie verteidigt, kritisiert Jetter, dass sie mit daran schuld ist, dass vierzehn neue Bistümer im Land etabliert wurden. Durch die Erschaffung dieser Bistümer bereichert sich nicht nur die Kirche; es werden dadurch auch religiöse Angelegenheiten viel strenger gehandhabt. Mit der Inquisition und dem neuen kirchlichen Gericht sollen die Bischöfe dafür sorgen, dass weniger Menschen der neuen Religion zulaufen. Jetter moniert außerdem, dass die Bürger nun die neuen Psalmen nicht mehr singen dürften. Viele kirchliche Gesänge in Latein werden noch dazu gehalten und sind deswegen unverständlich.
Wilhelm von Oranien wird in dem Gespräch ebenfalls lobend erwähnt.
Zweite Szene Die zweite Szene spielt im Palast der Regentin Margarete von Parma, die zu Beginn der Szene nach ihrem Ratgeber und Minister Machiavell schickt. Bevor Machiavell hinzutritt, hält sie einen Monolog, in dem sie offenbart, dass „der Gedanke an diese schrecklichen Begebenheiten“Goethe, Egmont. 1. Aufzug, 2. Szene, S. 20. ihr keine Ruhe lässt. Sie weiß, dass ihre Position als Regentin gefährdet ist, und ist gezwungen, den spanischen Hof von den jüngsten Ereignissen in Kenntnis zu setzen. Nachdem sie den toleranten Machiavell, der inzwischen hinzugetreten ist, um Rat gefragt hat, rät ihr dieser, statt die neuen Lehren zu unterdrücken, sie von den „Rechtgläubigen“ in eigenen Kirchen abzusondern und öffentlich zu tolerieren. Damit hätte sie die Aufrührer auf einmal zur Ruhe gebracht. Margarete erwidert darauf, dass Philipp II. keineswegs gewillt sei, die neue Lehre zu dulden, und sie traut sich nicht, sich ihm zu widersetzen, obwohl Machiavell beharrt.
Margarete kommt anschließend auf Egmont zu sprechen. Sie erwähnt Machiavell gegenüber, dass Egmont ihr „heute einen recht innerlichen tiefen Verdruß erregte“, nämlich „durch Gleichgültigkeit und Leichtsinn“.Goethe: Egmont. 1. Aufzug, 2. Szene, S. 24. Er hätte ihr gesagt: „Wären nur erst die Niederländer über ihre Verfassung beruhigt!“ Egmont wollte damit sagen, dass man die Verfassung einhalten müsse, um Unruhen zu vermeiden. Es stört Margarete, dass Egmont und Oranien ihren Bürgern so viel Freiheit zumessen. Machiavell erwidert darauf: „Vielleicht hat er wahrer, als klug und fromm gesprochen. [...] Noch werden alle Statthalterschaften mit Niederländern besetzt; lassen sich es die Spanier nicht zu deutlich merken, daß sie die größte, unwiderstehlichste Begierde nach diesen Stellen empfinden?“Goethe: Egmont. 1. Aufzug, 2. Szene, S. 25. Margarete merkt an, dass sowohl Egmont als auch Oranien sich große Hoffnungen gemacht haben, das Amt zu erhalten, das sie jetzt bekleidet, und sie fürchtet die enge Freundschaft, die die beiden Männer verbindet. Über Oranien sagt sie: „Oranien sinnt nichts Gutes, seine Gedanken reichen in die Ferne, er ist heimlich, scheint alles anzunehmen, widerspricht nie, und in tiefster Ehrfurcht, mit größter Vorsicht thut er was ihm beliebt.“Goethe: Egmont. 1. Aufzug, 2. Szene, S. 26. Sowohl Machiavell als auch die Regentin halten Egmont für arrogant und selbstherrlich. Margarete von Parma fürchtet außerdem Egmonts Beziehungen zum Adel. Sie glaubt, die Aristokraten könnten Egmont unterstützen, sollte dieser einen Aufstand planen. Sie fürchtet auch, dass Egmont und Oranien sich zusammenschließen und sie bekämpfen werden, schließlich sind sie Niederländer und gegen die spanische Herrschaft.
Machiavell bittet die Regentin, Egmonts Leichtlebigkeit nicht als zu gefährlich auszulegen. Er schätzt ihn als königstreu ein. Sie antwortet: „Sein Niederländischer Adel und sein golden Vließ vor der Brust stärken sein Vertrauen, seine Kühnheit. Beydes kann ihn vor einem schnellen, willkürlichen Unmuth des Königs schützen.“Goethe: Egmont. 1. Aufzug, 2. Szene, S. 28. Tatsächlich fühlt sich Egmont aufgrund des goldenen Vließes vom spanischen König persönlich beschützt. Die Szene endet damit, dass Margarete verkündet, sie wolle einen Rat zusammen berufen lassen, und sie habe bereits nach Oranien geschickt.
Dritte Szene Die dritte Szene des ersten Aufzugs spielt sich in einem Bürgerhaus ab, das von Egmonts Geliebter Clare („Clärchen“) und ihrer Mutter bewohnt wird. Anwesend ist außerdem noch der Bürgerssohn Brackenburg. Schließlich steht Brackenburg auf, geht ans Fenster und sieht die Leibwache der Regentin. Während er hinuntergeht, gesteht Clare ihrer Mutter, dass sie Brackenburg betrogen hat. In Wirklichkeit ist sie in Egmont verliebt. Clares Mutter ist von ihrer Liaison mit Egmont allerdings nicht sonderlich begeistert, doch Clare verweist auf Egmonts unbestreitbaren Ruhm. Die Mutter will nicht, dass die Beziehung zu Egmont bekannt wird. Brackenburg kehrt daraufhin zurück und informiert die beiden Frauen über den Tumult in Flandern. Anschließend nehmen diese Abschied. In einem darauf folgenden Monolog offenbart Brackenburg, dass er Gerüchte über das Verhältnis zwischen Clare und Egmont gehört hat. Er greift ein Fläschchen, das offenbar Gift enthält, trinkt es jedoch nicht aus.
Zweiter Aufzug