mini|Salvador Allende (zwischen 1970 und 1973) rechts|rahmenlos|Unterschrift Allendes
Salvador Guillermo Allende Gossens [] (* 26. Juni 1908 in Santiago de Chile; † 11. September 1973 ebenda) war ein chilenischer Arzt und Politiker. Von 1970 bis 1973 war er Präsident von Chile. Seine Präsidentschaft war der Versuch, auf demokratischem Wege eine sozialistische Gesellschaft in Chile zu etablieren. Allende wurde durch einen Militärputsch im Jahr 1973 gestürzt, in dessen Verlauf er sich das Leben nahm.Salvador Allende beging Selbstmord. Spiegel Online, 20. Juli 2011.
Herkunft und Ausbildung Salvador Allende wurde am 26. Juni 1908 in Santiago de Chile als Sohn von Salvador Allende Castro und Laura Gossens Uribe geboren. Die Mutter Salvador Allendes war laut dessen politischen Weggefährten Victor Pey Jüdin.Jens Glüsing, Christian Habbe: Vergilbt und zerfleddert, Spiegel Online, 14. Mai 2005. Seine Familie gehörte der oberen Mittelschicht an; politisches Engagement und eine progressiv-liberale Einstellung gehörten zur Familientradition. Ein Großvater Allendes war ein prominenter Arzt.
Allende ging am Liceo Eduardo de la Barra in Valparaíso zur Schule. Der italienischstämmige Anarchist und Schuhmacher Juan De Marchi hatte in seiner Jugend einen prägenden Einfluss auf ihn. Allende war sportlich aktiv und Mitglied des Sportvereins Everton de Viña del Mar. Er soll im Weitsprung gute Leistungen erzielt haben. Nach der Schulzeit studierte er Medizin an der Universidad de Chile in Santiago. 1933 schloss er das Studium mit einer Promotion ab.
In seiner Dissertation Higiene Mental y Delincuencia („Geistige Hygiene und Delinquenz“) setzte er sich kritisch mit Cesare Lombroso auseinander. Der Germanist und Publizist Víctor Farías bewertet die Dissertation als antisemitisch. Farías' Auffassung wird allerdings kritisiert, da Allende bei den entsprechenden Stellen keine eigenen Annahmen äußert, sondern indirekt Lombroso zitiert.Hugo Velarde: Heil Allende!, der Freitag. Gleiches gilt auch für Farías' Ansicht, dass Allende in seiner Dissertation krankhaftes Verhalten als angeboren dargestellt habe. Auch für Farías' Behauptung, dass Allende später als Gesundheitsminister die Einführung eines eugenischen Gesetzes geplant habe, gebe es laut dem spanischen Rechtsanwalt Joan E. Garcés keine Beweise. Mit seiner Auffassung, dass Allendes Ablehnung von Walter Rauffs Auslieferung aus Chile antisemitisch motiviert gewesen sei, liege Farías ebenfalls falsch, weil dieser sich als Präsident damit lediglich an die bestehende Gesetzeslage gehalten habe, die er in seiner Erwiderung des entsprechenden Gesuches von Simon Wiesenthal bedauerte.
Seine Enkelin Maya Fernández Allende war von 2022 bis 2025 Verteidigungsministerin im Kabinett Boric.
Politischer Werdegang Erste Aktivitäten mini|Allende während seines Militärdienstes (ca. 1925)
Allende begann in den späten 1920er Jahren als Medizin-Student der Universidad de Chile politisch aktiv zu werden. Er beteiligte sich an Protesten gegen die Diktatur von Oberst Carlos Ibáñez del Campo und wurde zum stellvertretenden Präsidenten der Föderation chilenischer Studenten (FECH) gewählt. 1929 trat er sowohl den FreimaurernR. Minder: Freimaurer Politiker Lexikon: von Salvador Allende bis Saad Zaghlul Pascha. Studien Verlag, 5. Mai 2004, ISBN 978-3-7065-1909-0. als auch der Gruppe „Avance“ („Vorwärts“) bei.I. Emmerling: Die DDR und Chile (1960–1989): Aussenpolitik, Aussenhandel und Solidarität. Ch. Links Verlag, Februar 2013, ISBN 978-3-86153-725-0, S. 47. In beiden Organisationen knüpfte er wichtige Kontakte für seine spätere politische Laufbahn.
Nach der Niederschlagung eines von Marmaduque Grove angeführten Aufstandes gegen die Ibáñez-Diktatur wurde Allende verhaftet, später jedoch wieder freigelassen. Kurz darauf wurde er Sekretär der 1933 gegründeten Sozialistischen Partei für die Region Valparaíso.
Ämter und Präsidentschaftskandidaturen 1937 wurde er erstmals Parlamentsabgeordneter für die Sozialistische Partei. Als im folgenden Jahr die Frente Popular den Radikalen Pedro Aguirre Cerda zum Sieg bei den Präsidentschaftswahlen führte, kam Allende als Gesundheitsminister in die Regierung. Nach nur zwei Jahren im Amt schied er 1940 wieder aus dem Kabinett aus. 1945 wurde er überraschend mit großem Vorsprung vom Wahlkreis Valparaiso zum Senator gewählt.
1952 war Allende erstmals Präsidentschaftskandidat, belegte aber nur den vierten Platz. 1954 bekleidete er das Amt des stellvertretenden Senatspräsidenten. 1958 war er wieder Präsidentschaftskandidat des Linksbündnisses Frente de Acción Popular (FRAP), unterlag jedoch sehr knapp dem von den Rechtsparteien unterstützten Unternehmer Jorge Alessandri Rodríguez. 1964 kandidierte er erneut für das Präsidentenamt, unterlag aber deutlich dem Christdemokraten Eduardo Frei. Grund für diese letzte Wahlniederlage war, dass die konservativen Parteien in letzter Minute den eher progressiven Frei unterstützten, sowie die massive Unterstützung der Christdemokraten durch die CIA.
1966 wurde Allende zum Senatspräsidenten gewählt. 1968 wurde sein Rücktritt gefordert, als er die Überlebenden der Guerillatruppe um Che Guevara in Bolivien unter seinen persönlichen Schutz stellte. Im gleichen Jahr verurteilte er den sowjetischen Einmarsch in Prag.
Wahl zum Präsidenten 1969 wurde die Unidad Popular (UP) als Nachfolgerin der FRAP gegründet, ein Zusammenschluss von Sozialisten, Kommunisten und einigen kleineren Linksparteien. Als deren Kandidat errang Allende bei der Präsidentschaftswahl am 4. September 1970 36,3 % der Stimmen (weniger als 1964) und lag damit knapp vor dem konservativen Gegenkandidaten Jorge Alessandri, der 34,9 % der Stimmen erhielt. Allendes Vorsprung betrug 39.000 Stimmen und war damit um 7000 Stimmen größer als der Alessandris zwölf Jahre zuvor. Der dritte der Kandidaten, Radomiro Tomic von den Christdemokraten (PDC), erlangte 27,9 % der Stimmen. Da kein Kandidat die absolute Mehrheit errungen hatte, lag die Wahl des chilenischen Präsidenten laut Verfassung beim Parlament.
Der Wahlgang im Parlament fand am 24. Oktober 1970 statt. Da es in Chile eine lange Tradition hat, dass das Parlament sich für den Kandidaten mit der relativen Mehrheit entscheidet, wurde Allende nach Verhandlungen mit den Christdemokraten vom chilenischen Kongress zum Präsidenten gewählt, wobei 153 Stimmen auf Allende und 35 auf Alessandri entfielen.Georg Schendl: Der Fall Pinochet – Chile 1973. Zur Praxis und Theorie der Menschenrechte. (PDF; 661 kB) Diplomarbeit, Universität Wien 2008. Der Oberbefehlshaber des Heeres, General René Schneider, war zwei Tage vor der Abstimmung bei einem teilweise durch die CIA finanziertenPatricia Verdugo: Allende. Cómo la Casa Blanca provocó su muerte. Santiago 2003. Entführungsversuch angeschossen und schwer verletzt worden. Er starb am 25. Oktober, einen Tag nach der Wahl. Die allgemeine Empörung über den Anschlag auf General Schneider war einer der Gründe für die Entscheidung der Christdemokraten, Allende als den Kandidaten mit der relativen Mehrheit zu unterstützen. Kritik am Verhalten der Christdemokraten kam unter anderem von der bundesdeutschen CDU.Loreto Galindo Sazo: Die Zusammenarbeit von CDU und PDC während der Zeit der chilenischen Militärdiktatur 1973–1989. In: Historisch-Politische Mitteilungen, Archiv für Christlich-Demokratische Politik, Heft 21/2014 (Konrad-Adenauer-Stiftung), S. 183–213, kas.de (PDF; 107 kB). Zitat S. 188: „Die Tatsache, dass der PDC Allende unterstützt hatte, wurde innerhalb der CDU sehr kritisiert, auch zu späteren Zeiten.“ Der Botschafter der USA nannte die politischen Gegner Allendes „dämlich, schlecht organisiert und naiv“.
Bevor Allende am 3. November 1970 sein Amt antrat, stimmte er zehn Verfassungszusätzen zu, die von den Christdemokraten zur Bedingung für ihre Unterstützung bei der Wahl im Parlament gemacht worden waren. In der Zeit zwischen Wahl und Amtseinsetzung überlebte er einen Mordanschlag. Von Teilen der chilenischen Rechten wird Allendes Regierungszeit gemeinhin als die Diktatur bezeichnet, eine Zuschreibung, die für sie der nachfolgenden Regierung Pinochet nicht zukommt.
Präsidentschaft Wirtschafts- und Sozialpolitik mini|Allende (mit Schärpe) im Kreise seines Kabinetts
Der Schwerpunkt von Allendes Wirtschaftspolitik war die entschädigungslose Verstaatlichung der Bodenschätze – allen voran der Kupfervorkommen –, die Enteignung von ausländischen Großunternehmen, der Banken und eine Agrarreform, bei der 20.000 km² Fläche in vergleichbar kurzer Zeit von Großgrundbesitzern an Bauern und Kollektive übergeben wurden. Die sozialistische Regierung wollte Chiles wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ausland reduzieren, insbesondere von den USA. 1970 wurden der Kohlebergbau und die Textilindustrie verstaatlicht. Ein Jahr später wurden die noch in (vor allem US-amerikanischem) Privateigentum befindlichen Anteile am Kupferbergbau mit Zustimmung aller Parlamentsparteien enteignet, nachdem bereits Allendes Vorgänger Frei wichtige Schritte hierzu unternommen hatte.
Die Unidad Popular setzte die Preise für die Miete und für wichtige Grundbedarfsmittel staatlich fest. Schulbildung und Gesundheitsversorgung wurden kostenfrei angeboten. Jedes Kind bekam Schuhe sowie täglich einen halben Liter kostenloser Milch. Mit seiner Sozialpolitik folgte Allende sowohl sozialistischen Idealen der 1970er Jahre als auch einer südamerikanischen Tradition „populistischer“ Nachfragepolitik.Felipe Larraín, Patricio Meller: The Socialist-Populist Chilean Experience, 1970–1973. In: Rudiger Dornbusch, Sebastian Edwards: The Macroeconomics of Populism in Latin America. 1991, (PDF). Die Politik der Nachfragestimulierung durch Staatsausgaben und Ausweitung der Geldmenge führte im ersten Jahr zu einem Wachstumsschub und steigenden Reallöhnen. (PDF, S. 37 f.) 1971 wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 9 %.Statistische Datenbank der Vereinten Nationen: Estimates of Rates of Growth of GDP (in Percent)
mini|Allende, der peruanische Staatspräsident Juan Velasco Alvarado und der chilenische Außenminister Clodomiro Almeyda. Die Beziehungen Chiles zu Peru entspannten sich unter Allende. Negative Folge der neuen Wirtschaftspolitik war die Knappheit mancher Produkte, was zu einem immer größer werdenden Schwarzmarkt führte. Makroökonomisch und politisch am gravierendsten war die schnell steigende Inflation, die durch die steigende Geldmenge ausgelöst wurde. Hatte sie im Jahr vor Allendes Amtsantritt 29 % betragen, stieg sie 1972 auf 160 %. Die zunehmenden ökonomischen Probleme standen in Zusammenhang mit dem Boykott der Wirtschaft Chiles durch die USA und westeuropäische Staaten sowie der politischen Erosion durch großangelegte subversive Aktivitäten der CIA, die das Projekt FUBELT einer Destabilisierung des Landes und Vorbereitung eines Militärputsches verfolgte und als Mittel dazu die Auslösung einer Wirtschaftskrise vorsah.Jussi M. Hanhimaki: The Flawed Architect: Henry Kissinger and American Foreign Policy: Henry Kissinger and American Foreign Policy. 2004, Oxford University Press, ISBN 0-19-534674-2, S. 103. Die Privatinvestitionen gingen aufgrund der zunehmenden Verunsicherung zurück. Die Wirtschaft konnte auch durch die expansive Geldpolitik von staatlicher Seite nicht mehr belebt werden. Stattdessen erreichte die Inflation über 600 %, sodass Chile schließlich in eine schwere Wirtschaftskrise geriet.
Proteste und Radikalisierung 1971 wurde der Christdemokrat und Ex-Minister Edmundo Pérez ZújovicPérez Zújovic war Innenminister von Eduardo Frei Montalva, als bei der Repression einer Landbesetzung in Puerto Montt mehrere Personen starben. Víctor Jara machte ihn bekannt mit seinem Lied Preguntas por Puerto Montt. ermordet; die Tat wurde der linksextremistischen Gruppe VOP (Vanguardia Organizada del Pueblo) zugeschrieben. Im folgenden Jahr beendeten die Christdemokraten ihre Unterstützung für Allende und schlossen sich der rechten Opposition an.