mini|Gähnen (Selbstporträt von Joseph Ducreux, ca. 1783)

mini|Gähnendes Baby

mini|Gähnender Tiger

Das Gähnen ist ein bei Menschen und Tieren auftretendes reflexartiges Verhalten. Es steht häufig im Zusammenhang mit Müdigkeit und Langeweile. Der Vorgang beginnt mit einem tiefen Atemzug, in dessen Verlauf der Mund weit geöffnet wird, danach folgt das Ausatmen, das meistens begleitet ist von einer Lautgebung, die unterdrückt werden kann. Während des gesamten Ausatmens wird der Mund allmählich geschlossen.

Da Gähnen in der westlichen Kultur als Zeichen von Müdigkeit oder Langeweile gilt, werden von der gähnenden Person kaschierende Gesten erwartet. So ist es üblich, sich beim Gähnen abzuwenden oder eine Hand vor den Mund zu halten. Teilweise wird sogar die Empfehlung gegeben, es ganz zu unterdrücken.

Ursache und Zweck des Gähnens sind nicht eindeutig geklärt. Die Wissenschaft des Gähnens heißt Chasmologie.

Etymologie Gähnen (mittelhochdeutsch genen oder ginen, althochdeutsch ginēn) bedeutet ursprünglich „klaffen“, „weit offen stehen“. Verwandte germanische Wörter sind etwa englisch yawn (altenglisch ġinian) und niederländisch gapen.

Zugrunde liegt die indogermanische Wurzel ĝhē- („gähnen“, „klaffen“), die ursprünglich den Gähnlaut nachahmt. Auf diese gehen auch die griechischen Wörter cháskein („gähnen“), chásma („klaffende Öffnung“) und cháos („leerer Raum, Luftraum, Kluft“) zurück, ebenso lateinisch hiare (dazu das Inchoativum hiscere). Im Lateinischen bedeutet hiare „klaffen“, auch „das Maul aufsperren, gaffen“; für das Gähnen aus Schläfrigkeit und Langeweile steht das Verb oscitare bzw. das Substantiv oscitatio.

Gähnen bei Tieren Die meisten Säugetiere und viele andere Wirbeltiere gähnen.

Säugetiere 220px|mini|Gähnender Abessinierkater mini|Gähnendes Pferd

Charles Darwin erwähnt in seinem Buch Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren, dass Paviane gähnen, um ihren Feinden zu drohen. Bei Pavianen und Makaken unterscheidet man zwischen echtem Gähnen (mit geschlossenen Augen) und einem Gähnen aus Affekt oder emotionaler Spannung (mit offenen Augen). Letzteres kann drohend sein oder eine sexuelle Komponente beinhalten. Ältere Affen, vor allem dominante, gähnen mehr als jüngere.

Hunde gähnen ausgiebig und aus unterschiedlichen Gründen, beispielsweise um nach einer Ruheperiode „in Gang zu kommen“, in Verbindung mit Strecken und Recken. Gähnen kann bei Hunden zahlreiche unterschiedliche Zustände oder Verhaltensweisen ausdrücken von Müdigkeit über Unsicherheit bis hin zu beschwichtigendem Verhalten.

Insbesondere bei Pferden kann man leicht zwischen dem sonst oft verwechselten Gähnen und Flehmen unterscheiden. Ersteres geschieht bei diesen mit geöffnetem Kiefer, während Pferde beim Flehmen nur die Oberlippe nach oben stülpen.

Bei Säugetieren gähnen Raubtiere mehr als Pflanzenfresser und meist die Männchen mehr als die Weibchen. Giraffen, Wale und Delfine wurden noch nicht beim Gähnen beobachtet. Großes Maulaufreißen zum Drohen, wie beim Nilpferd, muss mit Gähnen nichts zu tun haben.

Vögel und Reptilien Konrad Lorenz behauptete noch 1963, dass Vögel und Reptilien nicht gähnen. Diese Meinung kann als widerlegt gelten, da schon ab 1967 südafrikanische Strauße beim Gähnen beobachtet wurden und seitdem noch des Öfteren auch andere Vögel wie beispielsweise die Adeliepinguine. Bei ihnen ist Gähnen ein Teil ihrer Begrüßungszeremonie.

Bei Schlangen ist ein Verhalten zu beobachten, das dem Gähnen äußerlich gleicht. Nachdem die Beute vollständig verschlungen ist, „sortiert“ die Schlange ihre Kieferknochen durch mehrmaliges „Gähnen“. Dabei bewegt die Schlange ihren Unterkiefer nach rechts und links. Da dieser Vorgang bei Schlangen nichts mit Müdigkeit zu tun hat, lehnen Fachleute die Bezeichnung „Gähnen“ ab und sprechen stattdessen vom Aufreißen des Mauls (englisch mouth gaping oder kurz gaping). Schlangen reißen jedoch auch unabhängig vom Verschlingen von Beute, oft kurz nach dem Aufwachen und aktiv werden ihr Maul auf ohne ihre Kieferknochen durch seitliche Bewegung zu „sortieren“. Auch andere Reptilien reißen ihr Maul auf,Why do snakes yawn? australiangeographic.com.au, 27. April 2021. beispielsweise ist es beim Komodowaran eine Drohgebärde.

Fische mini|Gähnender Fisch

Bei Fischen, die oft Gähnen zeigen, könnte es dazu dienen, neues Wasser in den (paarigen) Nasenraum zu ziehen, also die Umgebung auf Geruchsstoffe zu prüfen. Das Gähnen der männlichen Siamesischen Kampffische, wenn sie einen Kontrahenten oder ihr Spiegelbild sehen, wurde von Baenninger als Drohverhalten gedeutet.

Gähnen beim Menschen Beim Menschen ist Gähnen wie das Lachen ein universell vorkommendes Verhalten.

Merkmale Essentiell beim Gähnen sind das Öffnen des Unterkiefers, die Dehnungen einer Vielzahl von Gesichtsmuskeln und das Zusammenkneifen oder Schließen der Augen. Ohne diese Rückkopplungen bleibt ein befriedigendes Gefühl aus (siehe auch Selbstversuche nach Provine). Außerdem steht Gähnen in enger Verwandtschaft zum Strecken. Ebenso wie das Strecken erhöht das Gähnen den Blutdruck und den Herzschlag. Ferner werden etliche Gelenke und Sehnen gedehnt. Manchmal wird das Gähnen von Tränenfluss begleitet.Warum kommen einem nach ausgiebigem Gähnen oft die Tränen? wissenschaft-im-dialog.de, 29. April 2008.

Die Dauer eines durchschnittlichen Gähnvorgangs beträgt ungefähr sechs Sekunden, zeigt aber eine große Variation. So kann nur dreieinhalb Sekunden oder wesentlich länger als sechs Sekunden gegähnt werden. Meist wird mehrere Male hintereinander gegähnt, wobei die Intervalllänge bei etwa einer Minute liegt. Zwischen der Häufigkeit und der Dauer des Vorgangs gibt es keinen signifikanten Zusammenhang. Anders als bei Affen und vielen anderen Säugetieren kann beim Menschen kein geschlechtsspezifischer Unterschied bei der Frequenz gefunden werden.

Beim Gähnen sind Neurotransmitter beteiligt, die etwa auch Emotionen, Stimmungen und den Appetit beeinflussen. Serotonin-, Dopamin- oder Glutaminsäure-Erhöhung im Gehirn steigert die Gähnfrequenz. Dahingegen lässt beispielsweise eine Erhöhung der Endorphine die Gähnfrequenz sinken.

Ein Effekt des Gähnens ist der Druckausgleich zwischen Mittelohr und Umgebung durch die Eustachi-Röhre. Diese ist nicht immer offen, sondern öffnet sich regelmäßig, um den Druckausgleich herzustellen. In der Regel geschieht dies unbewusst bei Kau- oder Schluckbewegungen. Ist man erkältet, sind die Schleimhäute also etwas geschwollen, oder finden Druckschwankungen sehr schnell statt, wie beispielsweise beim Fliegen oder Tauchen, kann es sein, dass der Druckausgleich bewusst ausgelöst werden muss. Dies kann auch mittels Gähnen geschehen. Die gähnende Person hört einen „Plop“, wenn der Druckausgleich hergestellt wird.

Untersuchungen und Theorien 1942 publizierte der Amerikaner Joseph Moore als erster über Experimente zum Thema Gähnen. Er hatte mit seinen Versuchen nach visuellen und auditiven Stimuli gesucht, die Gähnen auslösen. Damals war es eine Revolution, unter kontrollierten Bedingungen Versuche durchzuführen. Trainierte Studenten gähnten „kontrolliert“ während der Vorlesungen, des Gottesdienstes und im Lesesaal einer Bibliothek. Am häufigsten wurde bei der Morgenandacht mitgegähnt. Außerdem ließ Moore Probanden Gähnen sehen oder hören. Methodisch wies seine Experimentenreihe viele Schwächen auf – so fehlte beispielsweise eine Kontrollgruppe. Ihre Stärke liegt hauptsächlich in der quantitativen Herangehensweise.

mini|Videoclip eines gähnenden Fötus nach 30 Schwanger­schafts­wochen im 4D-Ultraschall

Studien von de Vries et al. in den frühen 1980er-Jahren zeigen, dass Gähnen und Strecken schon beim Fötus gekoppelt sind. Von Wissenschaftlern konnte schon ab der 11. Woche der Schwangerschaft Gähnen beobachtet werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass hier nicht Langeweile die Ursache ist, sondern andere Gründe vorliegen müssen. Gemessen wurde, dass der Druck in der Lunge vermindert und Gewebefetzen und abgesondertes Sekret ausgeschieden werden. Damit wird einer Erweiterung der Atemwege und der Lunge entgegengewirkt. Somit dient das Gähnen vor der Geburt wahrscheinlich einer verbesserten Lungenfunktion nach der Geburt. Außerdem müssen Gelenke, sollen sie sich funktionstüchtig entwickeln, schon im Mutterleib bewegt werden. Das gilt natürlich auch für das Kiefergelenk. Heute ist das Gähnen bei Föten auf Videos dokumentiert.Beispiel: Gähnender Fötus, Video auf YouTube (0:13 Min.).

Neuere Arbeiten zur Bedeutung und Ursache des Gähnens stammen beispielsweise von Robert Provine, einem US-amerikanischen Neuropsychologen, der sich auch mit dem Lachen befasste. Er vermutete, dass Gähnen und Strecken aus dem gleichen „Verhaltenspool“ gespeist werden. Sie treten aber nicht immer gemeinsam auf. So strecken sich Menschen in der Regel, wenn sie gähnen, gähnen aber nicht, weil sie sich strecken. Ein anderer Experte ist der Franzose Olivier Walusinski, der im Jahr 2010 die erste internationale Konferenz zum Gähnen in Paris organisierte und eine Website zum Thema Gähnen betreut (siehe Weblinks).

mini|Nr. 23 Area cingularis posterior ventralis

Bei Untersuchungen des Gähnens mit den neuen bildgebenden Verfahren wie dem Magnetresonanztomographen (MRT) konnte von Platek et al. gezeigt werden, dass während des Gähnens die gleichen Bereiche im Gehirn aktiv sind wie beispielsweise bei der Selbsteinschätzung oder dem autobiografischen Gedächtnis (Cortex cingularis posterior, Precuneus). Diese Erkenntnis stützt die Theorie, die Ansteckung beim Gähnen stünde in Verbindung mit der Empathie.

Andrew C. Gallup und Gordon G. Gallup Jr. von der State University of New York at Albany vertreten die Auffassung, Gähnen könnte der Kühlung des Gehirns dienen. Da Säugetiergehirne am besten arbeiten, wenn sie kühl sind, schien es ihm plausibel, dass sich in ihrer Entwicklung Mechanismen zur Kühlung herausbildeten. Bei seinen Versuchen zeigte er mehreren Gruppen Videos gähnender Menschen. Wenn die Versuchspersonen währenddessen Eisbeutel an die Stirn hielten oder durch die Nase atmeten (eine weitere Art das Gehirn zu kühlen), gähnten sie nicht mit.Gähnen kühlt das Gehirn spiegel.de, 28. Juni 2007. Unter diesem Gesichtspunkt wäre das ansteckende Gähnen sinnvoll, da das gemeinsame Gähnen die Hirntätigkeit und damit die Aufmerksamkeit der Gruppe kurzfristig verbessert und sie dadurch erfolgreicher in Gefahrensituationen handeln kann. Dass, wie Gallup annimmt, durch Gähnen eine Gehirnkühlung bewirkt wird, könnte demnach ein Überbleibsel aus unserer evolutionären Vergangenheit sein, wobei die ganze Gruppe beim gemeinsamen Gähnen in einen erhöhten Aufmerksamkeitsstatus kommt und damit besser in der Lage ist, Gefahren zu erkennen.

Auch die Theorie, dass Gähnen dabei hilft, die als Surfactant bezeichnete, das Lungengewebe „beschichtende“ und beim Sauerstoffaustausch helfende Substanz gleichmäßig zu verteilen, widerspricht dieser evolutionären Deutung nicht.

Drohgesten, wie das Zeigen der Zähne während des Gähnens, können als ein Instrument zur Aufrechterhaltung der Sozialstruktur von Primatengesellschaften dienen. Studien hierzu wurden bei Schimpansen und Stummelschwanz-Makaken durchgeführt.

Einer Literaturstudie von Wolter Seuntjens (Doktorarbeit, Vrije Universiteit Amsterdam) zufolge wird Gähnen auch von Androgenen und Oxytocin ausgelöst.

Möglicherweise beinhaltet das Gähnen Komponenten all dieser Verhaltensweisen und ist in seiner jetzigen Form ein zusammengesetztes neurologisches Programm aus unserem überlieferten Fundus. Bis jetzt konnte keine alleinige Ursache für das Gähnen gefunden werden. Auch der genaue neuronale Ablauf und alle beteiligten Neurotransmitter sind noch unbekannt.

Selbstversuche nach Provine In einer Veröffentlichung von Provine und Roberts werden dem Leser drei kleine Selbstversuche angeboten, die es ermöglichen, einen Einblick in die Natur des Gähnens zu nehmen.