mini|ICD-11 als Buchillustration Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, englisch: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das wichtigste, weltweit anerkannte Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen.
Es wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben und oft kurz auch als Internationale Klassifikation der Krankheiten bezeichnet.
Die aktuelle, international gültige ICD-11 wurde nach Veröffentlichung der stabilen Version am 18. Juni 2018 von der 72. Weltgesundheitsversammlung am 28. Mai 2019 verabschiedet und ist am 1. Januar 2022 in Kraft getreten. Die Einführung in Deutschland wird ab diesem Zeitpunkt noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen.
Die zuvor gültige Version ICD-10 erschien erstmals 1994 und wurde zuletzt 2019 aktualisiert. Eine Einschränkung der ICD-10 ist, dass sie Erkrankungen allein über die individuelle Symptomatik und Diagnose definiert. Der aktuelle Krankheitsstatus (Folgen der Erkrankung für die Funktionsfähigkeit des Patienten etc.) wird dagegen nicht berücksichtigt – obwohl dieser oft sehr bedeutsam für die Behandlung und Einschätzung der Schwere der Gesundheitsbeeinträchtigung ist. Daher wurde als Erweiterung die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) entwickelt, welche die ICD um diese Aspekte ergänzt.
In Tumor- oder Krebsregistern werden Tumordiagnosen nach der ICD-O verschlüsselt.International Classification of Diseases for Oncology, 3rd Edition (ICD-O-3). who.int; abgerufen am 20. November 2019.
Im deutschsprachigen Raum In Deutschland sind die an der vertragsärztlichen und vertragspsychotherapeutischen Versorgung teilnehmenden Ärzte und Psychotherapeuten und die von diesen geleiteten Einrichtungen verpflichtet, Diagnosen nach ICD-10-GM (German Modification) zu verschlüsseln. Rechtliche Grundlage für diese Diagnosenverschlüsselung ist Absatz 1 Satz 2 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch (Abrechnung ärztlicher Leistungen). Verbindlich für die Verschlüsselung ist seit dem 1. Januar 2026 die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) herausgegebene ICD-10-GM Version 2026. Bis eine deutsche Übersetzung der ICD-11 vorliegt, bleibt weiterhin die ICD-10 rechtsverbindlich.
Österreich verwendet die ICD-10 BMASGK. Ein Wechsel zur ICD-11 wird angestrebt, sobald eine ins Deutsche übersetzte Fassung der neuen Version vorliegt.
In der Schweiz findet seit 2012 die German Modification (ICD-10-GM) Anwendung und wurde dafür auch ins Französische und Italienische übersetzt. Bis eine deutsche Übersetzung der ICD-11 vorliegt, bleibt weiterhin die ICD-10 rechtsverbindlich.
Psychische Störungen Psychische Störungen finden sich in der ICD-11 im Kapitel „06 Psychische Störungen, Verhaltensstörungen oder neuromentale Entwicklungsstörungen“. Darüber hinaus spielt auch die DSM-5 (psychiatrisches Klassifikationssystem der USA, herausgegeben von der American Psychiatric Association) bei psychischen Störungen besonders auf dem Gebiet der Forschung eine wichtige Rolle.
ICD-11 und DSM-5 haben sich deutlich angenähert, sowohl in ihrer Struktur als auch in der inhaltlichen Ausgestaltung vieler psychischer Störungsbilder. Da beide anerkannte Klassifikationssysteme sind, wurde bei der Entwicklung der ICD-11 eine „Harmonisierung“ im Hinblick auf eine gemeinsame Metastruktur angestrebt. Zu diesem Zweck wurden eine „Advisory Group“ (u. a. mit Experten aus allen WHO-Regionen und Vertretern von Fachgesellschaften) sowie eine „DSM-ICD Harmonisation Coordinatory Group“ eingerichtet.
Geschichte Bereits 1593 wurden in England erstmals Taufen und Beerdigungen erfasst; bis ins Jahr 1837 wurde in London die Todesfallstatistik Bills of mortality geführt. John Graunt analysierte diese Statistiken und veröffentlichte 1662 mit seiner „Natural and Political Observations Made upon the Bills of Mortality“ erste statistisch basierte Untersuchungen von Todesfallzahlen.
Systematische Klassifikationen von Krankheiten und Todesursachen wurden bereits im 18. Jahrhundert von Pionieren wie François Boissier de Sauvages de Lacroix („Nosologia methodica“, 1763), Carl von Linné („Genera Morborum“, 1763) und William Cullen („Synopsis Nosologiae Methodicae“, 1785) vorgestellt. Problematisch war das Fehlen einer einheitlichen Klassifikation und die mangelnde Weiterentwicklung, um dem medizinischen Fortschritt zu entsprechen. Eine erste Nomenklatur von Krankheiten entwickelten im 19. Jahrhundert gemeinsam der englische Epidemiologe und Mitbegründer der medizinischen Statistik William Farr (1807–1883) und der Genfer Arzt Marc d’Espine, die später Grundlage der ersten ICD-Version werden sollte.Isabel dos Santos Silva: Cancer Epidemiology: Principles and methods. International Agency for Research on Cancer, Lyon, Frankreich 1999, ISBN 92-832-0405-0. Eine weitere wichtige Vorarbeit leistete Jacques Bertillon ab 1893 mit der Internationalen Nomenklatur der Todesursachen („Bertillon-Klassifikation“).
Die erste Version des ICD wurde 1900 von der französischen Regierung herausgegeben, die dann in regelmäßigen Abständen überarbeitet und erweitert wurde. Von der vierten Version (ICD-4 von 1929) bis zur ersten Nachkriegsversion (der ICD-6 von 1948Handbuch der internationalen statistischen Klassifizierung der Krankheiten, Gesundheitsschädigungen und Todesursachen. 6. Überarbeitung des internationalen Verzeichnisses der Krankheiten und Todesursachen. Angenommen 1948 von der Weltgesundheitsorganisation in Genf. Deutsche Ausgabe. Band 3: Ausführliche deutsche Systematik: Systematik und alphabetisches Verzeichnis der Art der Schädigung. Herausgeber: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 1953, Verlag W. Kohlhammer Stuttgart-Köln, 188 Seiten.) war die Gesundheitssektion des Völkerbundes Herausgeber. Bis dahin war die Klassifikation ausschließlich auf Krankheiten beschränkt, die als Todesursachen infrage kamen.
Seit der sechsten Version wird die ICD von der WHO herausgegeben und dort waren dann erstmals auch nicht zum Tode führende Krankheiten und Verletzungen enthalten, u. a. ein gesondertes Kapitel über psychische Störungen. Die Revision für das ICD-7 erfolgte 1955 in Paris und für das ICD-8 im Jahr 1965 in Genf. Bis zur ICD-9 von 1976 erfolgten etwa alle zehn Jahre weitere überarbeitete Ausgaben, da aufgrund medizinischer Fortschritte Änderungen und Ergänzungen erforderlich wurden. Die Arbeit an der zehnten Ausgabe begann 1983 und wurde 1992 abgeschlossen. Sie war bis 2022 die gültige ICD-Version.Übersicht ICD-10 der WHO
Einige Staaten wie Deutschland, Österreich, die USA und Australien verwenden länderspezifische ICD-Erweiterungen oder Spezialausgaben.ICD-10-GM 2013 - Alphabetisches Verzeichnis. Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. 10. Revision - German Modification. Version 2013. Herausgegeben vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit in Kooperation mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Bearbeitet von Dr. med. Bernd Graubner. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 2013, ISBN 978-3-7691-3509-1, 1362 Seiten. In den USA sind die an klinische Bedürfnisse angepassten Versionen ICD-10-CM (clinical modification) und ICD-10-PCS (procedure coding system) im Einsatz.
Die ICD befindet sich derzeit in ihrer 11. Revision: Die aktuell gültige ICD-11 wurde am 28. Mai 2019 von der 72. Weltgesundheitsversammlung der WHO verabschiedet und trat am 1. Januar 2022 offiziell in Kraft.
Deutschland In der DDR erfolgte ab 1952 die Kodierung der Diagnosen sowohl bei stationärer als auch bei ambulanter Behandlung nach jeweils gültiger Klassifikation als Eintrag in das SV-Heft. Dabei wurde 1952–1967 ein eigenes, von der ICD-6 bzw. ICD-7 in Teilen abweichendes Verzeichnis der Krankheiten und Todesursachen für Zwecke der Medizinalstatistik verwendet. Mit der Einführung von ICD-8 kehrte man jedoch zur internationalen Klassifikation zurück. In der Bundesrepublik Deutschland wurde 1986 erstmals die ICD-9 zur Diagnosenverschlüsselung in Krankenhäusern verpflichtend eingesetzt. Eine deutschlandspezifische, von der WHO-Version abweichende Version (ICD-10-SGB-V) des seinerzeit bereits seit Jahren umstrittenenSabine Glöser: Diagnosenverschlüsselung: Die ICD-10 kommt. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 96, Heft 30, 30. Juli 1999, S. A 1941. Diagnosecodes ICD-10 wurde zunächst von 2000 bis 2003 eingesetzt.
Der ICD-10-GM ist gemäß (1) und (2) Fünftes Buch Sozialgesetzbuch für Deutschland rechtsverbindlich und zur Verschlüsselung von Diagnosen in der ambulanten und stationären Versorgung anzuwenden. Da die ICD-11 noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt, ist weiterhin die ICD-10 rechtsverbindlich.
Die einzelnen Ausgaben ICD-1 1900: damals noch als International List of Causes of Death beschlossen; Grundlage war 1893 die „Bertillon-Klassifikation“ von Jacques Bertillon ICD-2 1909: Revision der Todesursachenklassifikation ICD-3 1920: erweiterte Revision ICD-4 1929: weitere internationale Vereinheitlichung ICD-5 1938: letzte Revision vor dem Zweiten Weltkrieg ICD-6 1948: erste Version unter Verantwortung der WHO; erstmals nicht nur Todesursachen, sondern auch Krankheiten allgemein ICD-7 1955: relativ kleine Revision ICD-8 1965: international breit eingeführt ICD-9 1975: lange weltweit genutzt; Grundlage vieler älterer Krankenhausstatistiken ICD-10 1990: von der WHO beschlossen; Einführung in den Ländern unterschiedlich spät ICD-11 2019: von der 72. Weltgesundheitsversammlung verabschiedet; Inkrafttreten international offiziell ab 1. Januar 2022
Kritik
In Deutschland hätte bereits 1996 die vertragsärztliche Abrechnung ausschließlich auf Basis der Verschlüsselung nach ICD-10 erfolgen sollen. Nach massivem Widerstand aus der Ärzteschaft wurde die ICD-10 zunächst als freiwillige Option eingeführt, die Verwendung einer überarbeiteten Version ist seit 2000 Pflicht.
Hauptkritikpunkte an der ICD-10 waren bzw. sind:
Es wurde befürchtet, dass durch datentechnische Auswertungsverfahren die ärztliche Schweigepflicht ausgehöhlt werden könnte („gläserner Patient“). Durch die Möglichkeit einer maschinellen Auswertung der Abrechnungsdaten solle die ärztliche Tätigkeit in unzulässigem Maß transparent und kontrollierbar gemacht werden („gläserner Arzt“).Kurt Kieselbach: Der „gläserne Patient“ wird zum Zankapfel. In: Die Welt, 22. Juli 1999. Die Gliederung entspricht nicht medizinischen oder praktischen Gesichtspunkten, sondern folgt lediglich statistischen Erfordernissen. So werden etwa unter K alle Krankheiten des Verdauungssystems zusammengefasst (von den Zähnen bis zum Darmausgang), die in der ärztlichen Praxis ganz verschiedene Fachgruppen betreffen. Andererseits fehlen dort wichtige gastrointestinale Krankheiten wie Karzinome, die allgemein unter C eingeordnet sind. Die nationalen Anwendungen der ICD sind unvollständig. So waren zeitweise in der Bundesrepublik Deutschland Codes ausgeschlossen. Die internationale Vergleichbarkeit von Krankheitsursachen ist damit eingeschränkt. Die Verwendung mancher Diagnosen, speziell unter Z, könnte eine unzulässige Offenlegung der persönlichen Situation und Umgebung des Patienten sein, z. B. Angaben über Einflüsse aus dem familiären oder beruflichen Umfeld. Nicht jede Symptomatik entspricht einem Krankheitsbild nach ICD; das erschwert dem Arzt klare Angaben, wenn zunächst kein Krankheitsbild hundertprozentig passt. Auch unter statistischen Gesichtspunkten ist die ICD fragwürdig, weil sie nicht klar zwischen Diagnosen und Symptomen unterscheidet. (Hämaturie ist ein Symptom, das verschiedene Ursachen haben kann. Dies führt zu Ungenauigkeit, weil formal immer das Symptom und die Ursache codiert werden sollten, aber in der Praxis selten beides codiert wird.)