Auroville (, Ārōvil, seltener , Ayurōvil) ist eine „universelle“ Planstadt mit rund 3300 Einwohnern aus 60 Nationen, deren Errichtung von der indischen Regierung und der UNESCO anerkannt und unterstützt wurde. Die Stadt und Lebensgemeinschaft wurde 1968 von Mirra Alfassa, die auch als „Die Mutter“ bekannt ist, gegründet und vom Architekten Roger Anger entworfen.
Geographische Lage Auroville liegt 150 km südlich von Chennai (früher Madras), 9 km nördlich Puducherry (früher Pondichéry) und 5 km landeinwärts im Südosten Indiens an der Koromandelküste. Die Stadt befindet sich im Distrikt Viluppuram des indischen Bundesstaats Tamil Nadu.
Etymologie Auroville hat seinen Ursprung in der französischen Sprache: „Aurore“ bedeutet Morgendämmerung und „Ville“ bedeutet Stadt. Laut der Website von Puducherry bedeutet der Name Auroville dementsprechend „Stadt der Morgenröte“. Außerdem ist der Name eine Anspielung auf den indischen Politiker und Philosophen Sri Aurobindo (1872–1950).
Historische Entwicklung mini|Symbol von Auroville Die Idee einer „universellen“ Stadt basiert auf der Gesellschaftstheorie von Sri Aurobindo und wurde von Mira Alfassa, die seit den 1930er Jahren den Sri Aurobindo Ashram in Puducherry organisierte, in die Praxis umgesetzt. Gemeinsam mit der indischen Regierung wurde das Konzept einer universellen Stadt auch den Vereinten Nationen (UNO) präsentiert. 1966 beschloss die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) eine Resolution, in der die Anerkennung und die Unterstützung des Projektes erklärt wird.
Die Eröffnungs- und Einweihungszeremonie am 28. Februar 1968 wurde vom indischen Präsidenten, Vertretern aus 124 Nationen und 23 indischen Bundesstaaten begleitet, welche Erde aus ihren Heimatländern als Symbol „universellen“ bzw. „planetaren Eigentums“ mitbrachten und im Zentrum der Stadt in eine eigens dort für diesen Zweck errichtete, einfache Urne aus weißem Marmor gaben und versiegelten. Rund um die Urne entstand der Versammlungsplatz für die Stadtgemeinschaft und direkt daneben das sakrale Zentralgebäude Matrimandir im Kerngebiet der Stadt Auroville.
Die Charta Aurovilles Die Einweihungszeremonie, an der Delegierte aus 124 Nationen teilnahmen, fand am Mittwoch, dem 28. Februar 1968, statt. Die von Mirra Alfassa (der Mutter) handschriftlich in französischer Sprache verfasste Vier-Punkte-Charta legte ihre Vision eines integralen Lebens und eines Zusammenleben dar. Anlässlich der Gründungsfeierlichkeiten verlas Mira Alfassa in einer Direktübertragung des indischen Rundfunks die 4-Punkte-Gründungsurkunde Aurovilles: Auroville gehört niemandem im besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen. Auroville wird der Ort des lebenslangen Lernens, ständigen Fortschritts und einer Jugend sein, die niemals altert. Auroville möchte die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft sein. Durch Nutzung aller äußeren und inneren Entdeckungen wird Auroville zukünftigen Verwirklichungen kühn entgegenschreiten. Auroville wird der Platz materieller und spiritueller Forschung für eine lebendige Verkörperung einer wirklichen menschlichen Einheit sein.Renate Böger: Auroville – Eine Vision blüht. Niedertaufkirchen 1993, S. 73.
Gesetzliche Grundlage mini|Rathaus von Auroville Ursprünglich besaß die Sri Aurobindo Society alle Vermögenswerte der Stadt. Als es nach dem Tod von Mirra Alfassa im Jahr 1973 zu ernsthaften Spannungen zwischen der Society und den Bewohnern der Stadt kam, wandten diese sich an die indische Regierung unter Indira Gandhi. Darauf erging der „Auroville Emergency Provision Act 1980“ (Gesetz über Notfallmaßnahmen), mit dem die Verwaltung der Stadt von der Sri Aurobindo Society vorläufig auf die Regierung überging. Auf eine gegen diese Änderung gerichtete Klage bestätigte der Supreme Court of India die Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes von 1980.
Nach dem Urteil wurde die Notwendigkeit erkannt, eine dauerhafte Regelung für die Verwaltung von Auroville zu treffen. Die Vertreter der Stadt trafen sich 1988 mit Sh. Kireet Joshi, dem damaligen Bildungsberater der Unionsregierung, zu Gesprächen mit dem damaligen Premierminister Rajiv Gandhi. Noch im selben Jahr wurde der „Auroville Foundation Act 1988“ vom indischen Parlament verabschiedet. Das Gesetz sah vor, dass das gesamte bewegliche und unbewegliche Vermögen der Stadt in eine Stiftung, die Auroville Foundation, eingebracht werden sollte. Die Stiftung besitzt derzeit etwa die Hälfte der benötigten Fläche, der weitere Erwerb soll durch Mittelbeschaffung (Fundraising) ermöglicht werden.
Bevölkerung Die soziale Zusammensetzung Aurovilles, das für 50.000 Bewohner geplant ist, umfasst die über 2000 Aurovilianer und Aurovilianerinnen zum Teil langjährige Mitglieder der Stadtgemeinschaft aus der ersten Generation, ihre Kinder und Enkel (und rund 1000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren), Neubewohner und Gäste, Freiwillige und Studenten (in Saison-Zeiten rund 2000) sowie einheimische Angestellte (5000–6000), die nicht in Auroville leben. Gegen eine Mitarbeit im Gemeinwesen (Service), die in ihrer Ausgestaltung unterschiedlich aussehen kann, steht Aurovillianern ein monatlicher Unterhalt (Maintenance) zur Verfügung, von dem die Lebenshaltungskosten bestritten werden können, sofern sie nicht über eigene Mittel verfügen. Die „Maintenance“ liegt bei etwa 6000 Rupien (ca. 72 Euro).
Laut der offiziellen statistischen Erhebung vom Dezember 2021 lebten zu diesem Zeitpunkt in Auroville 3305 Menschen (2638 Erwachsene und 667 Kinder). Insgesamt kommen die Bewohner von Auroville aus 60 Nationen. Dabei stellen die größten Bevölkerungsanteile die Inder (45 %), die Franzosen (14 %) und die Deutschen (8 %).
Die Gemeinde ist in Viertel mit tamilischen, englischen, französischen und Sanskrit-Namen wie Aspiration, Arati, La Ferme, Auromodel und Isaiambalam aufgeteilt.
Bevölkerungsentwicklung nach Nationalitäten
NationalitätMai 2016Jan 2018März 2025 Indisch 993 15001702 Französisch 664 398401 Deutsch 332 248227 Italienisch 246 154164 Niederländisch 111 10096 US-Amerikanisch 93 93100 Russisch 76 7171 Spanisch 52 5560 Britisch 47 5965 Schweizerisch 39 4335 Israelisch 38 4643 Belgisch 34 3941 Südkorea 34 3546 Schwedisch 25 2735 Kanadisch 24 2326 Ukrainisch 22 2119Australisch 15 1617 Österreichisch 13 1311 Japanisch 12 1411 Südafrikanisch 12 1111 Chinesisch (außer Tibetisch) 12 1412 Argentinisch 9 97 Ungarisch 7 74 Slowenisch 6 65 Mexikanisch 5 67 Nepalesisch 5 66 Brasilianisch 4 117 Lettisch 4 54 Belarusisch 4 43 Tibetisch 3 32 Äthiopisch 3 23 Srilankisch 3 33 Bulgarisch 2 22 Moldawisch 2 21 Isländisch 2 20 Kolumbianisch 2 36 Ruandisch 2 22 Irisch 2 20 Tschechisch 2 11 Philippinisch 2 22 Dänisch 5 36 Taiwanisch 2 61 Ecuadorianisch 1 11 Ägyptisch 1 11 Algerisch 1 11 Finnisch 1 12 Iranisch 1 69 Kasachisch 1 41 Litauisch 1 22 Tunesisch 1 00Mazedonisch 0 44Norwegisch 0 22Portugiesisch 0 23Rumänisch 0 11
Stadtanlage mini|Matrimandir in Auroville Im Juni 2017 erstrecken sich über das Gebiet mehr als 100 Ansiedlungen (Communities) in unterschiedlicher Ausprägung, Lebensstandard sowie Schwerpunkt von beruflicher und sonstiger Tätigkeit.
Entworfen von einer Architektengruppe um den französischen Architekten Roger Anger, soll sich die zukünftige Stadt für etwa 50.000 Bewohner in Form einer Spiralgalaxie um den Zentralbereich erstrecken. Im Zentrum erhebt sich das Matrimandir (Tempel der Mutter), ein Zentralbau sakralen Charakters inmitten einer eigens geschaffenen, öffentlichen Gartenanlage. Vier Stadtsektoren, jeweils mit einem Nutzungsschwerpunkt – Kultur, Internationalität, Industrie und Wohnbereich – sowie landwirtschaftliche Flächen und Wald erstrecken sich vom Matrimandir strahlenförmig über eine Fläche von 25 km², wovon bis jetzt (Stand Juni 2017) erst 10 km² erworben wurden. Das Projekt selbst befindet sich noch im Stadium einer Experimentalstadt. Es stellt wie das Projekt Arcosanti (USA) den kollektiven Versuch der Realisierung einer Stadtutopie dar, mit neuen Wohn- und Lebensbedingungen zu experimentieren. Darüber hinaus werden andere Formen des sozialen Zusammenlebens durch größere Gemeinschaften (communities) entwickelt. Verschiedene Projekte forcieren die Nutzung alternativer Energiequellen. Zudem wird seit einigen Jahrzehnten wegen der gebietsweise starken Erosion ein für Indien vorbildliches Wiederaufforstungsprogramm durchgeführt.
Tibetischer Pavillon
Der in der internationalen Zone errichtete und von Indien finanzierte Pavillon für tibetische Kultur ist neben dem indischen Pavillon der einzige, der in Auroville existiert. Claude Arpi ist sein Direktor.
Am 20. Januar 2009 weihte der Dalai Lama, assistiert von acht Mönchen, den Pavillon ein, wobei nach buddhistischem Ritual Duftkerzen entzündet und Gebete gesungen wurden. Später besuchte der Dalai Lama die einzelnen Räume des Pavillons und das Matrimandir. In einem Vortrag würdigte er den Geist der Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit in Auroville, welcher von großer Bedeutung sei in einer Welt, deren meiste Probleme auf eine zu große Gewichtung individueller Interessen zurückzuführen seien. Das wahre kulturelle Erbe Tibets beruhe auf Mitgefühl und sei über die Jahrtausende bewahrt worden. Es gehöre nicht nur den Tibetern, sondern der gesamten Menschheit, und der tibetische Pavillon stehe als Symbol dafür.
Mit der Einweihung des tibetischen Zentrums begann die Umsetzung eines durch Mira Alfassa vage angedeuteten Plans: Danach solle im Laufe der Zeit jedes Land der Welt einen eigenen Pavillon in der Internationalen Zone Aurovilles errichten und betreiben, um dort gemeinsam mit anderen Nationen die eigene spezifische Kultur lebendig darzustellen.
Die Architektur des Pavillons orientiert sich an den Plänen des Kalachakra-Mandalas und seine verschiedenen Räume sind symmetrisch um einen zentralen Innenhof angeordnet.
Andere Gebäude Das Besucherzentrum (Visitors Center): Ein großes Gebäude, das Besucher empfangen soll. Hier befinden sich mehrere Fotos des ursprünglichen Auroville, Bücher, ein Restaurant und ein Amphitheater, in dem Aufführungen stattfinden.
Das Indienhaus (Bharat Niwas): Ein Gebäude, das der Kultur von Auroville gewidmet ist und über Amphitheater, Kinos, eine Bibliothek usw. verfügt.
Für Alle / Pour Tous: Der wichtigste Supermarkt in Auroville.
Das Sprachlabor (Auroville Language Laboratory): Ein gemeinsamer Ort des Austauschs für das Studium und das Lernen von Sprachen durch Schrift, Audio, Sprechen, Computer etc.
Die Solarküche: Eine große und preiswerte Küche (25 Rupie pro Mahlzeit, ca. 0,30 Euro) für Aurovillianer und Bewohner. Für externe Gäste, die eine Reservierung vornehmen müssen, ist sie jedoch etwas teurer (80 Rupien pro Mahlzeit, ca. 1,00 Euro).
New Creation Corner: Restaurant neben dem Speisesaal New Creation (Neue Kreationen). Es handelt sich um ein klassisches Restaurant mit Kellnern, daher sind die Preise höher (ca. 100 Rupien pro Mahlzeit, ca. 1,30 Euro). Münzen und Bankkarten werden akzeptiert.
Auroville Village Action Group Die Auroville Village Action Group (AVAG), wurde 1983 von einer Gruppe von Aurovillianern, Dorfbewohnern und Sozialarbeitern gegründet. Die Ziele waren kulturelle Zusammenarbeit, Austausch über Bildungs- und Kulturprojekte und eine langfristige Förderung integrativer Prozesse mit den tamilischen Dorfbewohnern. Unter der Einbeziehung von Frauen und Jugendlichen haben Dorfgruppen Schulen wieder aufgebaut, veranstalten Abendkurse, reparieren Straßen und helfen dadurch den Standard des Kollektivlebens in den etwa 50 Dörfern um Auroville zu heben. Die derzeitigen Schwerpunkte liegen bei der Emanzipation der Frauen und Mikrofinanzen. Seit 2005 wird das Projekt von Sozialdienern des Österreichischen Auslandsdienstes unterstützt.
UNESCO-Feier zum 40. Jahrestag