mini|hochkant=1.2|Krankenschwestern am Hopital General in Montreal, Kanada. 1894 Die Geschichte der Krankenpflege beschreibt die Entwicklung der Versorgung von Kranken von der Pflege in frühen Gesellschaften bis zur heutigen Gesundheits- und Krankenpflege. Die Pflegegeschichte ist insbesondere mit der Geschichte der Medizin verbunden, aber auch mit den Sozialwissenschaften und der Theologie.

Pflege entstand ursprünglich aus der Notwendigkeit, kranke und schwächere Mitglieder der eigenen Familie oder Gemeinschaft zu versorgen. Daraus entwickelte sich eine nicht-berufliche Pflege, die im Sinne der Nächstenliebe auch bedürftige Menschen außerhalb des eigenen Verwandtenkreises versorgte. Die Weiterentwicklung zu einem medizinischen Assistenzberuf und schließlich zu einem professionellen Dienstleistungsberuf ist eine in historischen Maßstäben sehr junge Erscheinung. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden spezialisierte Pflegeberufe, z. B. für Kinderkrankenpflege, Heilerziehungspflege, psychiatrische Pflege und Altenpflege (siehe auch Gesundheitsfachberuf).

Pflegegeschichte und Pflegeforschung Im Gegensatz zur Ärztegeschichte hat die Pflegegeschichte keine tief verankerte Tradition und Institutionalisierung innerhalb des Berufsbildes und des Selbstverständnisses der Pflege innerhalb der letzten Jahrhunderte. Im Zuge der zunehmenden Professionalisierung und der Akademisierung des Berufsbereichs der Pflege im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelte sich aber insbesondere gegen Ende des 20. Jahrhunderts das Bedürfnis, die eigene berufliche Entwicklung und die Veränderung der Rolle in sozialen, politischen und gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen, wie auch die verschiedenen Weiterentwicklungen des pflegetheoretischen Hintergrundes und der Pflegemodelle in einem historischen Kontext zu verstehen.

Da die Pflegegeschichte nur in Ansätzen innerhalb der Medizingeschichte und der europäischen Pflegewissenschaft verortet ist, wurde die Erforschung der Geschichte der Pflege überwiegend von Laien, interessierten Pflegekräften und Pflegeforschern betrieben, die zumeist über keine geschichtswissenschaftliche Ausbildung verfügen. In der weltweit führenden angloamerikanischen Pflegeforschung ist die wissenschaftliche Untersuchung der Pflegegeschichte weiterentwickelt und arbeitet dort eng mit anderen Fachbereichen zusammen. In jüngerer Zeit begann man jedoch an europäischen medizinhistorischen Instituten auch mit Forschungsprojekte aus dem Bereich der Pflegegeschichte, an denen unter anderem Historiker mit einer pflegefachlichen Ausbildung teilnehmen, um die geschichtswissenschaftliche Untersuchung der Pflege voranzutreiben. Erkenntnisse aus diesen Untersuchungen sind neben der Medizingeschichte Teil der Ausbildung von Pflegefachkräften aller Bereiche und werden im Rahmen der Berufskunde unterrichtet.

Geschichte der nichtberuflichen Pflege Die Praxis, Menschen zu unterstützen, die wegen ihres Alters, einer Krankheit, Verletzungen oder aufgrund sozialer Missstände Hilfe benötigen, ist in allen Gesellschaften und Religionen verbreitet. Vor allem Kinder und Alte wurden gepflegt, Arme unterstützt und versucht, Schmerz zu lindern. Die Pflege ist in der Regel kompensatorisch, beispielsweise werden gebrochene Knochen geschient, schmerzlindernde Lagerungen angewendet, Grundbedürfnisse wie Ernährung durch Eingabe von Nahrung gestillt, Säuglinge gewickelt und alte Menschen bei der Bewegung unterstützt. Diese Form des Versorgens und Betreuens Anderer stützt sich nicht auf einen dahinter stehende spezifische Berufsausbildung oder eine pflegetheoretische Konzeption und wird als nichtberuflich bezeichnet.

Viele dieser ursprünglichen Aufgaben werden trotz der Entwicklung der verschiedenen Pflegeberufe auch in der Neuzeit weiterhin vom sozialen Umfeld des Pflegebedürftigen geleistet. Diese in der Regel nicht bezahlte Arbeit, die meist durch Frauen erbracht wird, ist auch im 21. Jahrhundert in den meisten Gesellschaften eine zentrale Aufgabe der Familie, die die verschiedenen Gesundheitssysteme nicht leisten können. Die neuzeitliche nichtberufliche Pflege wird nach der Entwicklung der professionellen Pflege innerhalb der Pflegegeschichte nicht berücksichtigt.

Frühzeit mini|Trepanierter Schädel aus der Jungsteinzeit Forschungsergebnisse der Anthropologie und der Paläopathologie lassen darauf schließen, dass die Krankenpflege bereits in frühmenschlichen Gruppen Teil des sozialen Gefüges war. Verschiedene fossile Funde aus dem Mittelpaläolithikum belegen die erfolgreiche Behandlung von Unfallfolgen und körperlichen Schäden, bei denen ein Überleben des Patienten ohne fremde Hilfe nicht möglich gewesen wäre. Dazu gehören neben verheilten Knochenbrüchen auch Schädeltrepanationen. Unklar ist, ob die medizinischen Behandlungen von speziellen Heilern oder Schamanen vorgenommen wurden und wer für die Pflege zuständig war.

Forscher gehen davon aus, dass die Betreuung der Kranken in der Verantwortung der Frauen lag, die im Rahmen der frühzeitlichen Rollenverteilung Aufgaben wie die Pflege Alter und Verletzter, Kinderbetreuung und die Versorgung des Stammesverbandes übernahmen. Die notwendige Hilfe beim Gebären macht ein erstes Auftreten des Berufes der Hebamme im Neolithikum wahrscheinlich, als große Gesellschaften und Städte entstanden – die Voraussetzung für die Herausbildung spezialisierter Berufe.

Archaische Hochkulturen Alter Orient mini|Tafel mit einem Teil des Codex Ḫammurapi, ausgestellt im Louvre in Paris Aus dem alten Orient sind die ältesten Schriften zu Medizin und Heilbehandlungen, aber auch rechtliche Regelungen für den Arztberuf bekannt, die um 1750 vor Chr. im Codex Hammurapi festgelegt wurden. Wie bei den meisten älteren Krankheitskonzepten gingen auch die Menschen im Alten Orients von einer Krankheitsverursachung durch Dämonen und strafende Götter aus, die jedoch keinen Einfluss auf die soziale Verpflichtung der Familie hatten, den Kranken zu pflegen. Über eine gezielte, nicht von der Familie geleistete Pflege ist nichts bekannt, jedoch sind einige der ärztlichen Aufgaben aus moderner Sicht pflegerischer Natur. Der Beruf der Hebamme in der Geburtshilfe und der Amme, die die stillenden Mütter unterstützt, ist bereits bekannt, rechtliche und finanzielle Regelungen zur Berufsausübung sind ebenfalls im Codex Ḫammurapi niedergelegt.

Ägypten Im alten Ägypten gab es eine Vielzahl medizinischer Kenntnisse, Heilmittel und Gebete, die dem Arzt zur Verfügung standen. Eine der umfassendsten textlichen Nachweise ärztlicher Kunst im alten Ägypten findet sich im Papyrus Ebers, das auf die Zeit um 1550 v. Chr. datiert wird. Die Ärzte sind in verschiedenen Fachbereichen spezialisiert, Kranke konnten in Tempeln, die Imhotep geweiht waren, um Hilfe und Behandlung nachsuchen. In diesen Einrichtungen waren neben Ärzten auch Tempelfrauen von hohem Rang und Priesterinnen beschäftigt, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie Hand in Hand mit den Ärzten arbeiteten und Teile der pflegerischen Versorgung der Patienten übernahmen. Die überwiegende Pflegeleistung wurde in der häuslichen Umgebung der Kranken von Frauen oder Sklaven erbracht, die notwendigen Kenntnisse dazu wurden wahrscheinlich innerhalb der Familie weitergegeben und beruhten auf der intuitiven Erfassung der Bedürfnisse des Gepflegten.

Indien mini|Buddha pflegt einen kranken Mönch, Wandgemälde in einem laotischen Kloster In Indien wurden um 300 v. Chr. erste Maßgaben zur Hygiene, der Belüftung und der Bequemlichkeit in Krankenhäusern schriftlich fixiert. Die Pflege der Kranken oblag speziell dafür ausgebildeten Männern, die als Upasthatr bezeichnet wurden. Um 250 v. Chr. entstand in Indien die erste Krankenpflegeschule, in der die Pfleger grundlegende Pflegemaßnahmen wie das Lagern, Kochen, die Körperpflege und Massage erlernten. Unterordnung unter den Heiler wurde erwartet, ein späterer Text, das Astangahrdayam, der um 550 n. Chr. verfasst wurde, beschreibt die Eigenschaften, die eine Pflegekraft besitzen sollte: Er solle dem Kranken zugewandt, loyal gegenüber dem Arzt, rein an Körper, Geist und Rede, intelligent sein und effizient arbeiten. Diese Anforderungen an die Pflegekraft unterscheiden sich damit kaum von denen, die in Europa bis weit in das 19. Jahrhundert an Pflegende gestellt wurden.

Judentum In der Tora und im Talmud sind verschiedene Vorschriften zur Hygiene und der Ernährung festgelegt, beispielsweise die Untersuchung geschlachteter Tiere zur Prävention durch Verderbnis verursachter Krankheiten oder die Isolierung von Personen mit ansteckenden Krankheiten zum Schutz der Bevölkerung. Entscheidende Gebote finden sich in der Zedaka, die sowohl Männer als auch Frauen zur Wohltätigkeit verpflichtet. Diese Gebote fanden auch Eingang in die Werke der Barmherzigkeit des Christentums, zu denen auch die Krankenpflege gehört, und bilden die Basis für die jüdische Sozialarbeit in den späteren Jahrhunderten und die Organisation der Armenfürsorge in den Ghettos. Der Krankenbesuch »Bikur Cholim« (ביקור חולים) gehört zu den religiösen Pflichten im Judentum. Der Ursprung dieser Pflicht wird im Talmud darauf zurückgeführt, dass Gott selbst Abraham am dritten Tag nach seiner Beschneidung besuchte.Hilde Steppe: »... Den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre ...« Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland bis 1938, Mabuse Frankfurt/M. 1. Aufl. 1997, 2. Aufl. 2006, S. 81 ff.

Antike Antikes Griechenland mini|Eine Frau übergibt ihren Säugling an eine Amme. Grabstele aus Marmor um 420 v. Chr. Athen Im antiken Griechenland entwickelte sich neben der geistlich orientierten Heilkunst gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. die rationale Medizin, für die insbesondere der Arzt Hippokrates von Kos von besonderer Bedeutung war. Die Pflege der Kranken oblag dabei den Schülern, die sich in der Ausbildung zum Arzt befinden. Im Corpus Hippocraticum wurde dabei eine Hierarchie deutlich, die den Pflegenden Aufgaben anhand ihres Ausbildungsstandes zuwiesen, wobei die Übertragung der Pflegemaßnahmen an Laien abgelehnt wurde und den lernenden Ärzten Aufgaben wie die Eingabe von Essen, die Gabe von Medikamenten, Durchführen der Therapien und eine der zentralen Aspekte der Pflege, die Krankenbeobachtung übertragen wurden. Unter den fortgeschrittenen Schülern wurden „Krankenaufseher“ ernannt, deren Rolle sowohl die Überwachung der Patienten wie auch die Zusammenarbeit mit dem Arzt beinhaltete. Dabei wurde der Aufseher nicht wie in späteren Epochen als Diener verstanden, sein Aufgabenbereich lag in der Assistenz des hierarchisch eine Stufe höher stehenden bereits ausgebildeten Arztes, zu dessen Beruf selbstverständlich auch pflegerische Tätigkeiten gehörten. Zwischen der Medizin und der Pflege war, abgesehen von der Zuweisung von Aufgaben entsprechend dem individuellen Kenntnisstand, keine Trennung erkennbar.

Die Pflege war eine rein männliche Aufgabe, man geht jedoch davon aus, dass Frauen die Grundpflege des erkrankten Individuums innerhalb der häuslichen Umgebung entsprechend der üblichen Rollenverteilung übernahmen.

Römisches Reich