mini|Bühnendruck, Dezember 1891
mini|Erstausgabe bei E. Pierson, 1894 Das Märchen ist ein Schauspiel in drei Aufzügen von Arthur Schnitzler. Es wurde am 1. Dezember 1893 am Deutschen Volkstheater in Wien uraufgeführt. Der Text erschien zuerst als Bühnendruck 1891 und, in einer zweiten Fassung, nach der ersten Aufführung 1894 im Verlag E. Pierson. 1896 übernahm S. Fischer in Berlin die Restexemplare. 1902 brachte derselbe Verlag eine „2. Auflage“ heraus, diesmal mit einer dritten Fassung des Endes.
Der Protagonist Fedor Denner kommt nicht darüber weg, dass die Schauspielerin Fanny Theren, mit der er liiert ist, bereits vor ihm sexuell aktiv war (eine ‚gefallene’ Frau ist).
Titel An mehreren Stellen wird im Text auf das „Märchen von den Gefallenen“Thomas Eicher: Märchen und Moderne angespielt, womit gemeint ist, dass, wenn eine unverheiratete Frau bereits eine sexuelle Beziehung gehabt hat, sie niemals mehr zum Heiraten taugt. Das wird von der Hauptfigur – zuerst – als „Märchen“ abgetan.
Inhalt Der 30-jährige Schriftsteller Fedor Denner liebt Fanny. Er erfährt, dass sie die Geliebte seines Freundes Dr. Friedrich Witte war. Trotzdem bringt Fedor gegenüber anderen Männern – zum Beispiel gegenüber Fannys künftigem Schwager, einem Beamten, seine Meinung zum Ausdruck: Die Verachtung eines Weibes, das schon geliebt hat, sei gedankenlos und anmaßend. Die Freunde aber raten ihm von einer Ehe mit Fanny ab. Also meidet Fedor fortan das Haus Theren. Fanny sucht Fedor in seiner Wohnung auf und gesteht ihm ihre Liebe. Als Fedor von Dr. Witte besucht wird, wirft er dem Gast mangelhafte Moral vor. Dr. Witte aber beharrt auf seinen Ansichten, den Umgang mit Schauspielerinnen, Dienstmädchen et cetera betreffend. Fanny gibt nicht auf. Sie gesteht Fedor ihre Verfehlung. Fanny will von Fedor nicht als Verlorene angesehen werden. Fedor lenkt ein. Am Ende des zweiten Aufzuges hofft der Zuschauer auf sein Happyend.
Das kommt leider nicht. Fedor hält Fanny ihre verjährte Liebschaft vor. Fanny hält an ihrer Liebe zu Fedor fest. „Bis ans Ende der Welt“ will sie mit dem Geliebten gehen. Doch Fedor kann das Geschehene nicht vergessen: „Was war, ist!“ artikuliert er seine Überzeugung und fragt: „Am Ende der Welt, bist du da eine andere?“ Er verneint seine Frage und steigert sich in Hasstiraden. Fanny verlässt sowohl Fedor als auch ihre Familie, der sie sowieso ein Klotz am Bein ist. Die Schauspielerin folgt einem Ruf an eine Petersburger Bühne.
Adele Sandrock Die Premiere des Stücks war ein Misserfolg für Schnitzler und ein Erfolg für Adele Sandrock, die 30-jährige Darstellerin der Fanny Theren. Einen Tag nach der Premiere gingen Schnitzler und Sandrock eine Beziehung ein, die bis zum Februar 1895 hielt.
Selbstzeugnis Schnitzler schrieb im November 1890 in sein Tagebuch, er habe in Das Märchen „Psychologisches aus“ seinem „Verhältnis mit Mz.“ (Marie Glümer) eingebracht.Arthur Schnitzler: Tagebuch. Digitale Edition, Sonntag, 30. November 1890, https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/entry__1890-11-30.html (Stand 29. Oktober 2020) PID: https://arche.acdh.oeaw.ac.at/api/113646
Rezeption Georg Brandes schrieb am 26. Mai 1894 an Schnitzler: „Die Frauengestalten sind alle sehr fein und richtig gezeichnet, und die Handlung des Stücks ist gut und logisch geführt.“ Otto Brahm schrieb im Frühsommer desselben Jahres: „Dem Urteil des Herrn Georg Brandes kann ich wohl zustimmen, wenn ich das Werk nicht als Drama betrachte; für die Bühne jedoch hat es meines Erachtens zuviel Psychologie und zuwenig Anschauung, zuviel Tendenz und zuwenig Gestalt.“ Für Perlmann wird das „Märchen“, anfangs als solches abgetan, gewinnt aber mit der Zeit die Macht über Fedor.Perlmann, S. 63, 11. Z.v.o. Sprengel hebt das Zwiespältige in Fedors Charakter hervor: Dieser Schriftsteller wisse, dass er etwas falsch macht, könne aber nicht über seinen Schatten springen.Sprengel, S. 472 Mitte Le Rider bespricht die „archaische Rollenungleichheit von Mann und Frau“, in der sich „die glückliche Beziehung“ als unmöglich herausstelle.Le Rider, S. 110 Mitte bis S. 111 Mitte
Verfilmung „Das Märchen“. Regie: Theodor Grädler. NDR-Studio Hamburg 1966. Mit Christiane Hörbiger, Karl Walter Diess, Bibiana Zeller und Klaus Löwitsch.
Literatur
Ausgaben
Erstdruck
Arthur Schnitzler: Das Märchen. Schauspiel in drei Aufzügen. Wien, als Manuskript gedruckt, 1891, Online: Internet Archive
Erstausgabe
Arthur Schnitzler: Das Märchen. Schauspiel in drei Aufzügen. Dresden, Leipzig: E. Pierson’s Verlag 1894, Online: Österreichische Nationalbibliothek, Hathi Trust.
Weitere Ausgaben Arthur Schnitzler: Das Märchen. Schauspiel in drei Aufzügen. Berlin, S. Fischer Verlag 1896 (Druck der Erstausgabe, mit neuem Titelblatt?) Arthur Schnitzler: Das Märchen. Schauspiel in drei Aufzügen. 2. Auflage. Berlin, S. Fischer Verlag 1902 (neues Ende) Arthur Schnitzler: Das Märchen. Schauspiel in drei Aufzügen. 3. Auflage. Berlin, S. Fischer Verlag 1910 Arthur Schnitzler: Das Märchen. Schauspiel in drei Aufzügen. 4. Auflage. Berlin, S. Fischer Verlag 1923 Arthur Schnitzler: Das Märchen. Schauspiel in drei Aufzügen S. 7 bis 96 in Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Arthur Schnitzler: Der einsame Weg. Zeitstücke 1891 - 1908. Mit einem Nachwort von Hermann Korte. S. Fischer, Frankfurt am Main 1961 (Ausgabe 2001). 525 Seiten, ISBN 3-10-073558-7
Sekundärliteratur Zeitungsausschnitte zu Das Märchen in: Arthur Schnitzler – Archiv der Zeitungsausschnitte, online Stephanie Catani: Das Märchen. In: Schnitzler-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler 2022, S. 79–82. Achim Aurnhammer: Arthur Schnitzlers Schlüsse. In: Hofmannsthal-Jahrbuch, Bd. 29, 2021, S. 317–334. (erstmals erschienen 2014) Hanna Klessinger: Die Diva wird tragische Heldin. Schauspielerinnenstücke der Jahrhundertwende. In: Interférences littéraires, Jg. 22 (2018), S. 117–130. Catherine Mainland: Dora and her Sisters. Control and Rebellion in Hermann and Schnitzler. Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller 2007, ISBN 978-3-8364-2769-2. Julia Danielczyk: Künstlerbeziehungen zwischen Wahrheit und Liebesverrat. In: Die Tatsachen der Seele. Arthur Schnitzler und der Film. Hrsg. Thomas Ballhausen. Wien, Filmarchiv Austria 2006, S. 295–316, ISBN 978-3-902531-13-1. Karl Zieger: Arthur Schnitzler et le naturalisme. „Das Märchen“ à l’épreuve de la dramaturgie naturaliste. In: Franck Bauer, Guy Ducrey [Hrsg.]: Le théâtre incarné. Etudes en hommage à Monique Dubar. Villeneuve-d’Ascq: Université Charles-de-Gaulle 2003, S. 65–76, ISBN 978-2-84467-048-9. Eicher, Thomas: „In Spiralen hinaufgeringelt [...], hinabzustürzen ins Leere“. Märchenbegriff und Märchenstruktur bei Arthur Schnitzler. In: Märchen und Moderne. Fallbeispiele einer intertextuellen Relation. Hrsg. Thomas Eicher. Münster, Lit 1996, S. 49–68 (Literatur im Kontext, 2), ISBN 3-8258-2844-1. Jens Rieckmann: Also spielen wir Theater. Einakter, Einakterzyklen und Dramen Schnitzlers und Hofmannsthals. In: Aufbruch in die Moderne. Die Anfänge des Jungen Wien. Österreichische Literatur und Kritik im Fin de Siècle. Königstein im Taunus, Athenaeum 1985, S. 145–167, ISBN 978-3-7610-8314-7. Timothy Farley: Arthur Schnitzler's Sociopolitical Märchen. In: Petrus Tax und Richard Lawson, Hrsg.: Arthur Schnitzler and His Age. Bonn: Bouvier, 1984, S. 104–119.
Allgemein zu Schnitzler Michaela L. Perlmann: Arthur Schnitzler. Sammlung Metzler, Bd. 239. Stuttgart 1987. 195 Seiten, ISBN 3-476-10239-4 Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870–1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende. C. H. Beck, München 1998, ISBN 3-406-44104-1 Jacques Le Rider: Arthur Schnitzler oder Die Wiener Belle Époque. Aus dem Französischen von Christian Winterhalter. Passagen Verlag Wien 2007. 242 Seiten, ISBN 978-3-85165-767-8 Weblinks Einträge zu Das Märchen im Tagebuch von Arthur Schnitzler Einträge zu Das Märchen in Arthur Schnitzlers Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren Scans der Manuskripte in Arthur Schnitzlers Nachlass Text der Kurzbesprechung bei Sprengel.
Einzelnachweise
Kategorie:Werk von Arthur Schnitzler Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Österreich) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Drama