Unter dem Begriff Zwei Kulturen (englisch ) wird die ursprünglich durch C. P. Snow 1959 vorgenommene Analyse des Wechselspiels von geisteswissenschaftlich-literarischer Kultur einerseits und naturwissenschaftlich-technischer Kultur andererseits verstanden.
These Snow zufolge stehen sich die beiden intellektuellen Denkwelten so diametral entgegen, dass eine Verständigung nicht mehr möglich sei.C. P. Snow: Die zwei Kulturen. 1959. In: Helmut Kreuzer (Hrsg.): Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz. C. P. Snows These in der Diskussion. dtv, München 1987, ISBN 3-423-04454-3 Dabei schreibt Snow den Geisteswissenschaftlern eine pessimistische, der Vergangenheit zugewandte und „im tieferen Sinne antiintellektuelle“ Geisteshaltung zu, der eine vorausblickende, optimistische Naturwissenschaft gegenüber stehe. Diese Dichotomie zwischen Naturwissenschaft (Erklären) und Geisteswissenschaft (Verstehen) spielt auch im Methodenstreit eine Rolle. In seinem Werk Die dritte Kultur (1995) verneint John Brockman den Pessimismus Snows und behauptet, dass eine effektive Kommunikation zwischen den beiden Kulturen in Sicht sei.John Brockman: Die dritte Kultur. Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft. Goldmann, München 1996, ISBN 3-442-72035-4
Geschichtlich lässt sich ein Dialog zwischen den beiden Kulturen erkennen. In der frühen Neuzeit beanspruchte die Literatur den Vorrang vor der Naturbetrachtung. Verschiebungen gab es über Phasen zeitweiliger Parität, der Priorität der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert bis zu deren Kritik im 20. Jahrhundert von Seiten der Literatur. Während Montaigne, Vives und Gracián der Literatur die Priorität geben, stellt Pascal dem „esprit de finesse“ den „esprit de géométrie“ gegenüber und eröffnet eine Kontroverse, die Linné und Buffon fortsetzen. Aufklärer wie Voltaire orientieren sich am englischen Modell. Hier führen Locke und Hume Erfahrungswissenschaften ein, deren Fortschritte Rousseau kritisiert. Im 19. Jahrhundert setzen sich Balzac und Pérez Galdós mit den Naturwissenschaften auseinander, die dann bei Zola Darwin und Comte zu Vorbildern werden. Die Aporien des naturwissenschaftlichen Denkens schließlich zeigen Ortega y Gasset, Borges und Sábato auf. In der Philosophie wurden vergleichbare Betrachtungen vorgenommen. Nachdem Immanuel Kant im 18. Jahrhundert die Grundlegung der Naturwissenschaften geschaffen hatte, waren im 19. Jahrhundert seine Schüler, die Neukantianer, um die Grundlegung der Geisteswissenschaften bemüht. So nannte sie Wilhelm Windelband idiographisch, das Einzelne beschreibend, im Gegensatz zu den nomothetischen Naturwissenschaften, die auf die Aufstellung von Gesetzen aus seien. Für Heinrich Rickert haben es die Geisteswissenschaften mit Werten zu tun, die nicht nur existieren, sondern auch gelten. Wilhelm Dilthey sieht als Ausgangspunkt für die Geisteswissenschaften Weltanschauungen, die aus der Lebenserfahrung heraus Perspektivierungen bedingen.
Werke C[harles] P[ercy] Snow: The Two Cultures and the Scientific Revolution. Cambridge: Cambridge University Press 1959. Deutsche Übersetzung: Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz (Versuche; 10). Stuttgart: Klett 1967.
Literatur Karl Steinbuch: Falsch programmiert. Über das Versagen unserer Gesellschaft in der Gegenwart und vor der Zukunft und was eigentlich geschehen müßte. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1968. Helmut Kreuzer (Hrsg.): Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz. Dialog über die „zwei Kulturen“. Stuttgart: Klett 1969. Helmut Kreuzer (Hrsg.): Die zwei Kulturen. Literarische und naturwissenschaftliche Intelligenz. C. P. Snows These in der Diskussion, München: dtv 1987. Helmut Schanze: Mein Berlin 1968. „Two Cultures“ und Wege zur Mediengeschichte. Ein Erinnerungsversuch (28. Oktober 2020). In: 1968 in der deutschen Literaturwissenschaft (Webprojekt auf literaturkritik.de unter dem Menüpunkt Archiv/Sonderausgaben, Laufzeit 2018–2020, Konzeption und Herausgeberin: Sabine Koloch). Helmut Bachmaier, Ernst Peter Fischer (Hrsg.): Glanz und Elend der zwei Kulturen. Über die Verträglichkeit der Natur- und Geisteswissenschaften, Universitätsverlag, Konstanz 1991, ISBN 3-87940-381-3.
Weblinks Zeitschriftenartikel zu Snows "The Two Cultures" Richard David Precht: Natur- und Geisteswissenschaften: Genese zweier Welten, Webvideo, ZAKlessons 2013
Belege
Kategorie:Wissenschaftstheorie