mini|Streuobstwiese im Frühling bei Tübingen (2006) mini|Streuobstwiese bei Stift Neuburg in Heidelberg-Ziegelhausen (2009) mini|Streuobstwiesen in der Vorbergzone nordöstlich von Malsch-Sulzbach (2021) start=7:57|thumbtime=8:20|mini|Video: Streuobstwiesen im Rheinland, 2002/04
Die Streuobstwiese, regional Obstwiese, Obstgarten, Stückle, Bitz, Bangert, Bongert oder Bungert (BaumgartenMax Moltke: Deutscher Sprachwart, Zeitschrift für Kunde und Kunst der Sprache (etc.), Band 7, 1873, S. 45.) genannt, ist eine traditionelle Form des Obstbaus in Europa. Auf Streuobstwiesen stehen verstreut starkwüchsige, hochstämmige und großkronig erzogene Obstbäume meist unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Arten und Sorten. Größere, landschaftsprägende Streuobstwiesen befinden sich in Süddeutschland, Österreich und in der Schweiz. Obstbäume können den Boden an Hängen vor Bodenerosion schützen. Extreme Temperaturen werden durch den Luftaustausch zwischen schattigen und besonnten Flächen abgeschwächt, und die Windgeschwindigkeit wird durch die höhere Strukturvielfalt vermindert. Die Bestände haben europaweit seit den 1920er-Jahren abgenommen. Auf extensiv bewirtschafteten Streuobstwiesen komplettiert je nach Artenzusammensetzung, Standortfaktoren und Zweitnutzung eine artenreiche Tierwelt (Fauna) die Lebensgemeinschaft (Biozönose). Streuobstanbau wurde im Jahr 2021 in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Begriffsentwicklung Die übliche Bezeichnung war früher Obstwiese, die in manchen Regionen bis heute gebräuchlich ist. In den neuen Bundesländern sagte man bis zur Wende Obstgarten oder Grasgarten. Die Bezeichnungen Streuobstbau und Streuobstwiese haben sich aus dem Begriff Obstbau in Streulage entwickelt. Nach derzeitigen Erkenntnissen wurde der Begriff „Obstbäume und Weiden in Streulage“ erstmals 1924 von Rinaldini für Rumänien/Siebenbürgen verwendet,Bettina Rinaldini in: Eugen Oberhummer: Rumänische Reise. Teilbericht Klausenburg. In: R. Lechner (Hrsg.): Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft zu Wien. Band 67 Nr. 9–12, Universitätsbuchhandlung Wien, 1924, S. 254–262. dann wieder 1940 durch Knauer für den hochstämmigen Obstbau in Schleswig-HolsteinKnauer in: P. Gross: Der Obst- und Gemüsemarkt. Band II: Die deutschen Anbaugebiete. Hamburg / Berlin 1940. sowie 1941 durch Spreng in der Schweiz.Hans Spreng: Unser Obstbau und seine zukünftige Gestaltung. In: Atlantis. 52, VIII, 13, 1941, S. 437–440. Der Begriff Streuobstbau wurde erstmals ab 1953 durch Zeller verwendet,O. Zeller: Ökologische Obstsortengruppen und ihre Bedeutung für eine standortgemäße Planung im Obstbau III. In: Obstbau. 8/1953, 1953, S. 123–126. in den 1950er-Jahren häufig und in negativer Abgrenzung zum in Deutschland zunehmend verbreiteten Halb- und Niederstamm-Obstbau. Aus dem Jahr 1975 stammt der Begriff der Streuobstwiese. Geprägt hat ihn der Ornithologe Bruno Ullrich, der auf die besondere Bedeutung der Streuobstwiesen im Albvorland für den Vogelschutz hinwies.Bruno Ullrich: Bestandsgefährdung von Vogelarten im Ökosystem „Streuobstwiese“ unter besonderer Berücksichtigung von Steinkauz Athene noctua und Würgerarten der Gattung Lanius. In: Beihefte Szu den Veröffentlichungen für Naturschutz und Landschaftspflege in Baden-Württemberg. Beiheft 7, Hrsg.: Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Ludwigsburg 1975, S. 90–110, online auf LUBW.Baden-Wuerttemberg.de (PDF; 34 kB), abgerufen am 14. Januar 2017. Das deutsche Bundesnaturschutzgesetz listet Streuobstwiese seit März 2022 als gesetzlich geschütztes Biotop.
Definition Eine einheitliche Definition für Streuobstbestände ist elementar. Nicht nur muss für deren Schutz klar sein, welche Landschaftsbereiche unter einen gesetzlichen Schutz fallen; für die Datenerhebung sind eine einheitliche Definition und davon abgeleitete Erhebungskriterien ausschlaggebend. Für eine zielgerichtete Verteilung von Fördermitteln ist ebenfalls eine klare und einheitliche Definition notwendig. Streuobstwiesen sind die bekannteste Form für Streuobstbestände. Für diese ist eine Mehrfachnutzung bezeichnend: Die Bäume dienen der Obsterzeugung („Obernutzung“); da sie locker stehen, dienen die Flächen zugleich als Grünland („Unternutzung“), entweder als Mähwiese zur Heugewinnung oder als Viehweide. Streuobstäcker sind eine Sonderform, die bis weit ins 20. Jahrhundert in ganz Mitteleuropa verbreitet war. Darüber hinaus gehören Obstalleen und Einzelbäume zum Streuobstbau. Angesichts erleichterter Mahd der Wiese und auch Ernte und Baumpflege können die Bäume in einheitlichem Raster angelegt werden. Das im Streuobstbau angebaute Obst nennt man Streuobst.
Verband der Gartenbauvereine in Deutschland (2008) Auf Initiative des Verbandes der Gartenbauvereine in Deutschland (VGiD) hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mit den Referenten der Bundesländer eine vom VGiD vorgeschlagene Definition des Begriffs Streuobstanbau abgestimmt. Auf dieser Grundlage wurde im Jahr 2008 folgende Definition verabschiedet:
Streuobst-Definition für Österreich (2017) Streuobst im weiteren Sinne ist in vielen obstbaulich genutzten Gebieten Europas zu finden. Die regionale Ausformung ist abhängig von naturräumlichen Gegebenheiten sowie beeinflusst von soziokulturellen und ökonomischen Faktoren. Die vorliegende Definition beschreibt den Streuobstbau in Österreich.
Bundesamt für Naturschutz (2024) Unter Berücksichtigung der Definitionen der Bundesländer hat das Bundesamt für Naturschutz 2024 folgende Definition erarbeitet:
Geschichte Altertum und Mittelalter Großfrüchtige Rosengewächse wie die Schlehe wurden in Mitteleuropa in jungsteinzeitlich besiedelten Lößlandschaften genutzt.Umweltbundesamt GmbH (Hrsg.): Beiträge zum Streuobstbau in Europa: Stand, Entwicklungen und Probleme. 2001. Die Römer brachten die nicht heimischen Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Süßkirschen sowie Walnuss und Edelkastanie nach Mitteleuropa. Hier konnten diese bereits im antiken Griechenland kultivierten Obstsorten nur in klimatisch begünstigten Gebieten gedeihen. Aus Kernen dieser Birn- und Apfelbäume gezogene Bäume hatten unterschiedliche Eigenschaften; einige konnten in raueren Gebirgslagen angebaut werden. Die Züchtung robusterer und weniger anspruchsvoller Sorten wurde von den mittelalterlichen Klöstern betrieben. Selektiert wurden spätblühende und frostunempfindliche Sorten für raue Gebirgslagen, Dörrobst, lange lagerbare Früchte, Ertrag und Geschmack. Die Anlage von Obstwiesen und Weinbergen wurde durch zahlreiche Edikte gefördert, in der Nähe der Klöster entstanden die ersten größeren Obstwiesen. Techniken und Sorten wurden aus Tirol, Oberösterreich und Böhmen übernommen. Streuobstäcker als Sonderform, bei der der Boden nicht als Grünland genutzt, sondern beackert wird, haben sich vor allem in Franken ausgebildet.
16. bis 18. Jahrhundert Die in der Neuzeit voranschreitende Züchtung ermöglichte die Ausweitung des Obstanbaues in ganz Mitteleuropa, vor allem in Österreich, Tschechien, in Süddeutschland und in der Schweiz, auch auf ertragsschwachen und flachgründigen Böden der Hänge. Auf diese Weise wurde auch die Grünlandwirtschaft durch Bodenfestlegung nachhaltig durchführbar. Im 17., vor allem aber im 18. Jahrhundert wurde der Obstanbau außerhalb der Gärten und der Dörfer politisch durch die absolutistischen Staaten stark gefördert und zum Teil erzwungen. Diese Epoche kann als die eigentliche Entstehungszeit des Streuobstanbaus betrachtet werden. Im 18. Jahrhundert hatte sich das Bild des europäischen Extensivobstbaues stabilisiert. Die Grundform des Hochstamm-Obstbaumes auf Grünland hatte eine weite Verbreitung. Mit zunehmendem Ausbau des Straßennetzes wurden auch Alleen zwischen den Siedlungen angepflanzt, um die Transportmöglichkeiten zu nutzen. Auch Gemeinschaftsflächen wie Hofflächen mit Obstbäumen wurden angelegt und gemeinsam abgeerntet. Streuobstwiesen umgaben und verbanden landschaftlich prägend die Dörfer und Städte. Sie wurden für die Versorgung der Bevölkerung unverzichtbar; das Wissen um ihre Pflege und um die Verarbeitung des Obstes war fester Bestandteil der Lehre der Landwirtschaft und der Hauswirtschaft.
19. und 20. Jahrhundert mini|Kartoffelernte im Obstgarten, Katalonien, 20. Jh. Die Aufgabe des Weinbaus in weiten Gebieten um das Jahr 1800 führte vielerorts dazu, dass auf den ehemaligen Weinbergen Obstbäume gepflanzt wurden. Zur weiteren Ausweitung des Obstanbaus außerhalb der Siedlungen kam es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, als infolge der nun möglichen künstlichen Düngung Ackerbau auf nährstoffarmen Böden möglich wurde und im Gegenzug schwer zu bearbeitende Hänge mit Obstbäumen bepflanzt wurden. Die Wiesen- und Weidenutzung in den Obsthainen erhielt (statt der Ackernutzung) zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen großen Aufschwung, als das Molkereiwesen entstand und die Grünlandwirtschaft dadurch lohnender wurde. Ihren Höhepunkt hatte die Streuobstkultur etwa in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als schon die Obstplantagenwirtschaft begonnen hatte. Durch fortschreitende wissenschaftliche Entwicklung entstanden bis zum 20. Jahrhundert über 6000 Obstsorten, darunter mindestens 2700 Apfel-, 800 Birnen-, 400 Süßkirschensorten und 400 Pflaumenartige, die den Obstanbau selbst in Höhenlagen der Mittelgebirge ermöglichten. Spezielle Sorten für die Nutzung als Tafelobst, Saft, Most und Brand bis hin zum Backobst wurden regional verfeinert. Der Streuobstanbau hatte im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine große kulturelle, soziale, landschaftsprägende und ökologische Bedeutung. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft sowie durch das Bau- und Siedlungswesen wurden Streuobstwiesen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark dezimiert. Sie gehören zu den am stärksten gefährdeten Biotopen Mitteleuropas (siehe auch Rote Liste der Biotoptypen).
Trends ab Mitte des 20. Jahrhunderts mini|Blühende Kirschhochstämme auf einer Streuobstwiese an der Untermosel unterhalb der Moseltalbrücke