Der Begriff Feld wird in der allgemeinen Feldtheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu verwendet und beschreibt eine Struktur oder Konfiguration objektiver Beziehungen zwischen mehreren Akteuren, die auch eine Dynamik und eine Geschichte hat. In einer Gesellschaft existieren mehrere relativ autonome Felder, wobei jedes Feld eine relativ abgrenzbare Funktion in der Gesellschaft einnimmt (z. B. Justiz, Gesundheit, Wirtschaft, Religion, Kunst, Literatur), jedoch nicht die Geschlossenheit von (Sub-)Systemen aufweist, wie sie von der Systemtheorie postuliert wird. Für Bourdieu hat die grundlegende Funktionsweise von Feldern auf der strukturellen Ebene (nicht auf der inhaltlichen) klare Regeln und Gemeinsamkeiten, die die Interaktionen (z. B. Kooperation und Konkurrenz) der Akteure steuern. In seiner Feldtheorie, manchmal auch allgemeine Feldtheorie genannt, beschreibt er diese Gemeinsamkeiten, die in allen Feldern auftreten. Die Feldtheorie bietet daher ein Gerüst an Konzepten und Theoretisierungsvorschlägen zur Analyse von einzelnen gesellschaftlichen Feldern.
Für die spezielle Funktionsweise von einzelnen Feldern, siehe: Politisches Feld, Literarisches Feld.
Herkunft des Begriffs und Abgrenzung Bourdieu übernimmt den Begriff des Feldes (französisch: champ) in modifizierter Form aus dem religionssoziologischen Kapitel von Max Webers Wirtschaft und Gesellschaft, um die Einseitigkeiten des soziologischen Funktionalismus einerseits (wie in der Systemtheorie)Armin Nassehi, Gerd Nollmann (Hrsg.): Bourdieu und Luhmann. Ein Theorienvergleich. Frankfurt/Main 2004. und die des strukturalistischen Determinismus und des Marx’schen Basis-Überbau-Modell andererseits zu vermeiden.Wolfgang Müller-Funk: Kulturtheorie. 2., erw. Auflage, Stuttgart 2010, S. 224 ff. Er anerkennt jedoch die Bedeutung der von Marx hervorgehobenen hierarchischen sozialen Stratifikation sowie der Konflikte und Kämpfe auf den einzelnen Feldern, die durch symbolische Gewalt gekennzeichnet sind.
Feldinteresse Jedes Feld besitzt genau ein klar definiertes Feldinteresse. Das Feldinteresse ist der Hauptgegenstand, der das Feld konstituiert. Es bestimmt, worum es in einem Feld geht, worum gestritten und gekämpft wird. Beispiele: im ökonomischen Feld primär um Geld, im juristischen Feld um Recht, im medizinischen Feld um Gesundheit, im politischen Feld um Herrschaft, im religiösen Feld um Wahrheit etc.
Personen, die in einem bestimmten Feld teilnehmen, empfinden grundsätzlich das jeweilige Feldinteresse als wichtig. Ein bestimmtes Feldinteresse (z. B. Gesundheit, Recht, Kunst) konstituiert somit ein eigenständiges und autonomes Feld (medizinisches Feld, juristisches Feld, künstlerisches Feld), indem es einen einzigen Schwerpunkt bzw. Hauptgegenstand festlegt.Rainer Diaz-Bone (2010): S. 49f. Dadurch wird auch größtenteils inhaltlich bestimmt, was sich in einem Feld abspielen sollte und was nicht.Barlösius (2011): S. 94f.
Felder weisen somit gewisse Parallelen zu der soziologischen Systemtheorie auf, welche den gesellschaftlichen Systemen ähnliche Eigenschaften zuschreibt (autopoietisch, ausdifferenziert, in sich geschlossen). Allerdings zeigt Bourdieu etwa am Beispiel der Mode, wie sich Felder nicht einmal mehr programmatisch der Logik des Ökonomischen verweigern, was zunehmend auch für Kunst,Wolfgang Müller-Funk 2010, S. 226. Sport, Medizin und andere Felder gelten dürfte.
Feldillusio Das Konzept der Illusio lässt sich aus zwei Perspektiven betrachten.
Feldinteresse als Illusio: Jedes Feld erschafft eine Illusio, indem es Teilnehmern und Außenstehenden fälschlicherweise vorgibt, dass es im Feld ausschließlich und allein um das Feldinteresse geht. Die Illusio des Wissenschaftfeldes wäre beispielsweise eine interesselose Wissensproduktion, die Illusio des Bildungssystems gleichberechtigte Bildungschancen, die Illusio der Kunst eine ökonomiefreie Kunst um der Kunst willen (L’art pour l’art). Bourdieu bricht mit den geschaffenen Illusionen der Felder. Selbstverständlich wurde schon immer in Feldern auch um andere Ressourcen gekämpft, wie Macht, Geld, Positionen, Interessen, Verteilungsstrukturen, u. v. m. Das Feldinteresse ist somit keineswegs das einzige, was in Feldern relevant ist, worum gekämpft und gestritten wird. Die Illusio in Feldern beschreibt, wie das Wort selbst schon impliziert, eine Art Täuschungsversuch: Außenstehende oder Naive-Teilnehmer eines Feldes sollen der Illusion Glauben schenken, dass es in einem Feld ausschließlich und wirklich nur um das Feldinteresse selbst geht.Barlösius (2011): S. 100f. Die Illusio eines Feldes verschleiert somit unschöne Machtkämpfe und Auseinandersetzungen um Geld, Einfluss, Prestige, Positionen, u. v. m. Das Feld bewahrt durch die Illusio, zumindest bei Nicht-Teilnehmern und Unwissenden, dessen positives Image.
Feldillusio bei Teilnehmern: Alle Teilnehmer eines bestimmten Feldes teilen die feste Überzeugung, dass es sich lohnt, im Feld teilzunehmen. Sie teilen auch die Bereitschaft, Investitionen zu tätigen und an den Auseinandersetzungen im Feld mitzuwirken.König (2014): S. 115. Gleichzeitig akzeptieren und verinnerlichen die Teilnehmer die Regeln und Gesetze eines Feldes.„Für den unbewussten Vollzug der Spielregeln im Feld führt er den Begriff »illusio« – Wirklichkeitsillusion – ein. Darunter versteht er die Tatsache, dass »man vom Spiel gefangen ist, daß man glaubt, daß das Spiel den Einsatz wert ist oder, um es einfacher zu sagen, daß sich das Spielen lohnt« (PV: 140f.). Die »illusio« bringt die Spieler dazu, sich so tief in das Spiel zu involvieren, dass die Spieleinsätze ohne Vergegenwärtigung, worum es in dem Spiel überhaupt geht, stillschweigend anerkannt werden. Daraus erwächst ein »heimliches Einverständnis« mit den Spielregeln.“Barlösius (2011): S. 100.
Feldstruktur Das Konzept der Feldstruktur liefert die wichtigsten Eigenschaften und Metakonzepte zur Analyse aller existierenden Felder. Mit diesem Konzept sind alle wichtigen Strukturen eines Feldes gemeint. Die Feldstruktur regelt beispielsweise die Machtstruktur, die Distributionsstruktur von Kapitalsorten, Teilnahmebedingungen und Veränderungsmöglichkeiten im Feld, Feldregeln, u. v. m.Bourdieu (1996): S. 132 Jedes Feld besitzt somit eine eigene und komplexe Struktur, welche die Interaktionen, Kommunikationsformen, Regeln, Normen, Profite und Teilnahmebedingungen regelt. Eben weil die Strukturen eines Feldes eine gewaltige Macht auf alle Teilnehmer ausüben, sind die Feldstrukturen selbst umkämpft.
Herrschende und Beherrschte – Erhalt und Wandel der Feldstruktur „Jedes dieser Felder hat seine Herrschenden und Beherrschten, seine Kämpfe um Erhalt oder Umsturz, seine Reproduktionsmechanismen usw.“Bourdieu (1996): S. 137.Herrschende: Unter Herrschenden versteht Bourdieu vor allem diejenigen Akteure, welche in einem Feld reich an allen relevanten Kapitalsorten sind (kulturelles, ökonomisches, soziales, symbolisches, feldspezifisches Kapital) und welche herrschende Machtpositionen im Feld einnehmen. Nach Bourdieu sind es vor allem die Herrschenden, welche die Möglichkeit besitzen, Feldstrukturen zu formen, zu ändern oder zu reproduzieren. Meistens versuchen sie, die Feldstruktur aufrechtzuerhalten und zu reproduzieren, da sie von ihr profitieren.König (2014): S. 119. Obwohl die Herrschenden stets in der Minderheit sind, haben sie meistens die größten Einflussmöglichkeiten, die Feldstrukturen zu bestimmen.Bourdieu (1996): S. 133. Daher ist es kein Zufall, dass Feldstrukturen meistens auch so gestaltet sind, dass sie den Interessen der Herrschenden entsprechen, welche sich meistens für einen Erhalt der Strukturen aussprechen. Dennoch: Herrschende werden stets von den Beherrschten herausgefordert und angefochten, weswegen auch sie um den Erhalt der Feldstruktur kämpfen müssen.
Beherrschte: Die Beherrschten (wenig Kapital, kaum Machtpositionen) in einem Feld kämpfen für gewöhnlich für eine Veränderung in der Feldstruktur. Bourdieu weist mehrfach darauf hin, dass Feldstrukturen keineswegs statisch sind. Sowohl Herrschende als auch Beherrschte kämpfen ununterbrochen um eine Veränderung in den Feldstrukturen zu ihren Gunsten. Aus einer Langzeitperspektive betrachtet sind Dynamik und Wandel die charakteristischen Eigenschaften eines Feldes.„Das Feld ist ein Ort von (…) Kämpfen um die Veränderung dieser Verhältnisse, und folglich ein Ort des permanenten Wandels.“Bourdieu (1996): S. 134f.
Feldpositionen Ein Feld ist für Bourdieu ein Raum von relativen Kräfteverhältnissen und Positionen. Jeder Akteur, der in einem Feld interagiert, nimmt auch in diesem Feld eine Position ein. Die Positionen sind nicht statisch, in allen Feldern besteht die Möglichkeit zur Mobilität und zur Veränderung der eigenen Position (Auf- und Abstieg).Bourdieu (1998): Praktische Vernunft. S. 72f. Die Feldposition eines Akteurs entscheidet maßgeblich darüber, wie viel Macht, Einflussmöglichkeiten, Teilnahmeberechtigungen und Rederecht dieser Akteur im Feld hat. Bourdieu behauptet, dass es in allen Feldern bestimmte Regelmäßigkeiten und Gemeinsamkeiten bezüglich der Positionen gebe. Generell gilt: Je mehr Kapitalsorten ein Akteur besitzt, desto höher ist seine Position im jeweiligen Feld.Bourdieu (1996): S. 127. Positionen sind nicht statisch, sondern müssen hart erarbeitet bzw. verteidigt werden. Beherrschte Akteure kämpfen meistens darum, ihre Position im Feld zu verbessern, während herrschende Akteure viel Zeit und Energie dafür verwenden, diese aufrechtzuerhalten.
Relationalität von Feldpositionen Bourdieu betont mehrfach, dass Feldpositionen und Felder im Allgemeinen stets relational verstanden werden müssen. Eine Feldposition ergibt sich erst dann, wenn sie relational zu den anderen Positionen im Feld betrachtet wird. Dasselbe gilt für die Kapitalsorten, Akteure nehmen erst eine höhere Feldposition ein, wenn sie über relativ mehr Kapital verfügen als ihre Kontrahenten. Die Relationalität spielt dementsprechend eine zentrale Rolle für Bourdieus Feldtheorie.Bourdieu (1996): S. 125–127; 138. Mit dem Wandel und der Dynamik von Feldern ändern sich auch die einzelnen Positionen im Feld, welche die Akteure einnehmen.
Die Feldposition eines Akteurs ist direkt abhängig von dem Kapital, das er besitzt:„Vielmehr sind sie Kapitalbesitzer und haben entsprechend ihrem Lebenslauf und der Position, die sie im Feld aufgrund ihres Kapitalbesitzes (Volumen und Struktur) einnehmen, eine Neigung, aktiv auf den Erhalt oder eben den Umsturz der Kapitaldistribution hinzuarbeiten.“Bourdieu (1996): S. 140.Generell gilt: Je mehr Kapital ein Akteur besitzt, desto mehr Chancen und Möglichkeiten besitzt er, an den Kämpfen im Feld teilzunehmen und sich darin durchzusetzen. Daher streben Akteure danach, möglichst viel Kapital an sich zu binden, um sich Vorteile gegenüber anderen Kontrahenten zu verschaffen. Bourdieu verweist (wie bei der Feldposition) darauf hin, dass das Potential von einzelnen Kapitalsorten stets relativ zu betrachten ist. Nur Kapital, das relativ ungleich verteilt ist, kann als effektive Waffe eingesetzt werden. Beispielsweise besitzen akademische Titel (eine Form von kulturellem Kapital) einen Seltenheitswert, da sie nicht jeder besitzt. Durch diese relative Seltenheit können sich Akteure in einem Feld Vorteile gegenüber anderen Konkurrenten verschaffen. Dasselbe gilt für Geld (ökonomisches Kapital) und Beziehungen (soziales Kapital), welche ebenfalls höchst ungleich verteilt sind. Erst durch Relationalität und die ungleiche Verteilung von einzelnen Kapitalsorten oder Fähigkeiten entstehen mögliche Vorteile für die Träger.
Beispiel: In einem Land mit einer hohen Rate an Analphabeten profitieren bereits diejenigen Akteure im Feld, die nur lesen und schreiben können (eine Form von kulturellem Kapital). In einem alphabetisierten Land hingegen bringt die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, überhaupt keinen Profit im Feld, da sie jeder beherrscht.