mini|Teller als Fayence-Ware, datiert auf 1555, vermutlich aus Nürnberg
Fayence (IPA: []angepasst von: , ) ist die von der italienischen Stadt Faenza abgeleitete französische Bezeichnung für einen Teilbereich kunsthandwerklich hergestellter Keramik. Bei Fayencen handelt es sich um mit offener Porosität gesintertes Irdengut, dessen gelblich-grauer oder rötlicher bis bräunlicher, saugfähiger Scherben mit einer weiß (selten farbig) deckenden Glasur überzogen ist. Dabei ist ein wesentlicher Bestandteil der Glasur Zinnfritte.Hermann Salmang, Horst Scholze: Keramik. Herausgegeben von Rainer Telle. 7., vollständig neubearbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin u. a. 2007, ISBN 978-3-540-63273-3. Fayencen sind meist blau oder mehrfarbig bemalt.
Begriff und Abgrenzung Das Wort Fayence ist von übernommen, das seinerseits im 16. Jahrhundert von dem italienischen Produktionsort Faenza hergeleitet wurde. Keine echten Fayencen sind Arbeiten aus Steingut (Irdenware), die mit einer Engobe aus hellem Tonschlicker und darüber einer transparenten Bleiglasur überzogen wurden. Gelegentlich werden diese ungenau als „Halbfayencen“ oder „Mezzo-Majolika“ bezeichnet.
Teils in Abgrenzung zur Fayence, teils als deren Unterbegriff wird als Majolika im kunstgeschichtlichen Sprachgebrauch die mit Scharffeuerfarben bemalte, spanische und italienische zinnglasierte Keramik vor allem aus deren Blütezeit im 15. bis 17. Jahrhundert bezeichnet. In Keramiktechnologie und Umgangssprache wird bis heute Majolika für verschiedene Arten von glasierter Keramik verwendet. Dies erfolgt seit Ende des 19. Jahrhunderts, als im Zuge des Historismus die weitgehend untergegangene Produktion von zinnglasierter Ware wieder aufgegriffen wurde und deren Hersteller sich gern Majolika-Manufakturen nannten.
Für Fayence wurde im Sprachgebrauch des 16.–19. Jahrhunderts auch der ungenau verwendete Begriff „porceleyne“ gebraucht, das sich allerdings deutlich durch den hochweißen, durchscheinenden, härter gebrannten Scherben aus Kaolinton und den harten Klang von der nur schwach gesinterten Irdenware der Fayence unterscheidet.
Material und Technik mini|Rezeptbuch des Hafners Daniel Herrmann für Fayenceglasuren (Abschrift um 1861)
Rohstoff der Fayence ist gelblich-grauer oder rötlich bis bräunlich brennender Ton. Um die Farbe des Scherben abzudecken, dem Weiß des Porzellans nahezukommen, einen geeigneten Malgrund zu schaffen und die Oberfläche undurchlässig und schmutzunempfindlich zu machen, wird eine Glasur aufgebracht: Die geformte und lederhart getrocknete Ware wird dazu bei etwa 800 bis 900 °C einem ersten Ofendurchgang, dem Schrühbrand, ausgesetzt. Auf die dann poröse Keramik wird durch Tauchen oder Begießen eine wässrige Glasur mit Zinnoxid aufgetragen. Die als Überzug auf dem Stück haftende Glasur wird bei einem zweiten Brand bei etwa 1100 °C aufgeschmolzen. Vor dem Glasurbrand können nach dem Trocknen des noch matten Überzugs Scharffeuerfarben (wegen der hohen Temperaturen beschränkt auf Kobaltblau, Kupfergrün, Antimongelb, Manganviolett (oder -braun und schwarz)) als farbige Muster aufgetragen werden. Während des zweiten Brands (Garbrand) schmilzt dann die Glasur zu einem glatten weißen Überzug, und die Farben treten leuchtend hervor. Auf die fertig glasierten Stücke können nach dem zweiten Brand noch Muffelfarben aufgetragen werden, die eine erweiterte Farbskala bieten. Die Muffelfarben werden bei einem dritten schwachen Brand aufgeschmolzen. Lackfarben werden nicht gebrannt („kalte Bemalung“).
Produktion, Vertrieb, Markenwesen mini|Fayencemanufaktur mit Tongruben in der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, 1763
Die Manufakturen waren auf der Grundlage feudalen oder kaufmännischen Kapitals entstanden. So konnten in einem Zuge ausgedehnte bauliche und technische Anlagen entstehen und eine zahlreiche, fachlich spezialisierte Belegschaft eingesetzt werden. Zu den Tonzubereitern, Drehern, Modelleuren, Formern, Glasierern, Malern und Vergoldern, den Arbeitern in den Tongruben und am Brennofen traten Tagelöhner und Handlanger.
Die Produktionsweise war auf Serienfertigung, wenn nicht, wie bei den Fliesen, gar auf Massenware hin ausgelegt. Zu Lieferungen auf Bestellung hatten nur der Hof oder lokale Kunden Gelegenheit. Sie sind an Wappen und Inschriften zu erkennen. Die Masse der Produkte jedoch wurde auf Vorrat hergestellt. Der Absatz auf Märkten und Messen erforderte zusätzliche Mitarbeiter.
Im Gegensatz zu Silber und Zinn, selbst zu Porzellan und Steingut weisen Fayencen nicht prinzipiell und regelmäßig Fabriksignaturen auf. Nur gelegentlich weisen mit dem Pinsel unter die Gefäße gezeichnete Symbole und Monogramme auf die Herstellermanufaktur hin (z. B. Augsburg: Pinienzapfen – aus dem Wappen von Augsburg; Bayreuth: BK oder BP; Hannoversch Münden: CCC; Wrisbergholzen: WR; Köln: Anker; Schrezheim: Buchszweig in Pfeilform). Noch seltener sind Monogramme als Malersignaturen. Das gering ausgeprägte Markenwesen mag damit zusammenhängen, dass die jeweiligen Absatzgebiete der Manufaktur zwar weit ausgriffen, aber nur unter mäßigem Konkurrenzdruck standen, zumal wenn sie durch Privilegien geschützt waren. Malersignaturen dienten in erster Linie als manufakturinterner Nachweis.
Geschichte der Fayence in Europa mini|Die Sintflut, Fayencefliesentableau von Masséot Abaquesne, um 1550, im Museum der Renaissance im Schloss Écouen
Mit fayenceähnlichen Techniken hergestellte Keramik mit gefärbten Bleiglasuren (ohne Zinn) gibt es schon seit dem 4. Jahrtausend v. Chr., vor allem in der ägyptischen Baukeramik (siehe Hippopotamus William, 2. Jt. v. Chr.). Echte Fayence mit Zinnglasur ist erst seit 500 v. Chr. in Mesopotamien und Persien nachweisbar, wurde zu islamischer Zeit, im 9. Jahrhundert, für Gefäßkeramik verwendet und verbreitete sich über Persien in die islamischen Regionen Nordafrikas und Spaniens.
Italien Die maurischen Erzeugnisse gelangten im 14. und 15. Jahrhundert über den Umschlagplatz Mallorca nach Italien, wo in der Renaissance eine künstlerisch bemerkenswerte eigene Tradition mit der hier Majolika genannten, technisch identischen Keramik begründet wurde. Neben Urbino war Faenza der bedeutende Produktionsort für Majolika.
Frankreich Nach der italienischen Stadt Faenza wurden in Frankreich die von dort importierte Luxuskeramik faïence genannt. Eine eigene Produktion in den Werkstätten des 16. Jahrhunderts ist noch von italienischen Handwerkern und Einflüssen bestimmt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bilden die französischen Manufakturen (vor allem Nevers, Rouen, Marseille Lunéville und Moustiers) spezifische Eigenarten aus. Ein Austausch von Mustern und Motiven mit deutschen Manufakturen ist das ganze 18. Jahrhundert hindurch zu beobachten.
Slowakei mini|Habaner-Fayence
Mitte des 16. Jahrhunderts migrierten Hutterer, die sog. Habaner, nach Oberungarn. Neben anderen Künsten und Handwerken brachten sie auch die Keramikherstellung mit. Die hier (auch nach der Rekatholisierung) hergestellte Töpferware wird weiterhin als Habaner-Fayence bezeichnet.
Schweiz In der Stadt Winterthur hatte sich spätestens 1574 die Produktion von Fayence-Kachelöfen etabliert. Bekannt wurde die Familie Pfau mit Ludwig Pfau I. Die Ofenbauer, sogenannte Hafner, haben diese dann weit über die Schweizer Grenzen hinweg vertrieben. Bekannte erhaltene Exemplare stehen in Schloss Mörsburg, in Isny im Allgäu sowie im Klostergut Paradies.
Polen Ein wichtiges Zentrum in Mittel- und Osteuropa war Polen. Zu den bekanntesten Unternehmen gehörte eine Fabrik in Włocławek (dt. Leslau). Die erste Fabrik wurde hier im Jahre 1873 in Betrieb genommen. Ihre Gründer waren Zygmunt Kuhlfeld, Dawid Czamański, Izydor Szrejer und Bernard Boas. Die ersten Erzeugnissen waren Teller, Schalen, Küchenbehälter, Frühstück- und Mittagessenservice sowie ein reiches Angebot der Fayencegalanterie. Neue Inhaber wurden Józef Teichfeld und Ludwik Asterblum. Im Jahre 1973 wurde der Name des Unternehmens auf den Namen „Vereinte Betriebe der Tischkeramik“ geändert. Ein Teil der ehemaligen Fayence-Fabrik produziert weiter, ein anderer Teil wurde zu einem modernen Appartementgebäude und Einkaufs- und Unterhaltungszentrum Wzorcownia Włocławek umgebaut.Aparthotel-Lofty in Wloclawek
Portugal Eine ganz eigene Entwicklung der Fayencekunst ist in Portugal bis zum heutigen Tage sichtbar: die Fliesenkunst der Azulejos, die das Innere und Äußere so vieler Häuser schmücken.
Niederlande mini|Delfter Fayencetopf mit Deckel aus dem 18. Jahrhundert in der Marienburg
In den Niederlanden hatten italienische Handwerker die Fayence-Technik schon im 16. Jahrhundert etabliert. Doch eine enorme kulturgeschichtliche Breitenwirkung erreichten erst ab der Mitte des 17. Jahrhunderts die Delfter Fayencen mit ihren in zahlreichen Werkstätten produzierten Fliesen und Geschirren. Die Formen und Motive des aus China (meist Wanli-Stil) importierten blau-weißen Porzellans, das im 17. Jahrhundert mit der Ostindischen Kompanie nach Holland kam, wurden so in Europa popularisiert. Umgekehrt passten sich die chinesischen und japanischen Hersteller den holländischen Kunden an: Sie kopierten und malten im Delfter Stil. Holland florierte. Bislang unerhörte Mengen von Fliesen Delfter und anderer nordniederländischer Werkstätten fanden dort wie auch in Deutschland und England Absatz. In den Absatzgebieten wurden sie aber auch imitiert. Im 18. Jahrhundert wurden in Holland neben der blauen auch andere Scharffeuerfarben (rot, gelb und grün) wieder mehr verwendet. Die etwa dreißig Manufakturen fertigten nicht nur Gebrauchsgegenstände wie Fliesen, Krüge, Schüsseln, Körbe, Schalen, Blumenvasen, Tulpenständer und Spucknäpfe, sondern ebenso Menschen- und Tierfiguren sowie andere Vitrinenobjekte und Tafeldekorationen. Nach dem Niedergang der meisten Fayencemanufakturen im 19. Jahrhundert hatte 1876 Joost Thooft in Delft eine alte Töpferwerkstatt erworben und einen Professor für Dekorative Kunst zur Mitarbeit bewogen – beiden gelang eine künstlerische Wiederbelebung der Tradition. Ihre Fabrik De Porceleyne Fles produziert bis in die Gegenwart.
Skandinavien In Skandinavien wurde Rörstrand aus Schweden bekannt. In Dänemark wurden in der „Store Kongensgade Fajancefabrik“ von 1722 bis 1770 „Danske Fajancer“ nach dem Vorbild der „Delfter Fayencen“ hergestellt, geleitet wurde diese bis 1725 von Johan Wolff, 1727–1749 von Johan Ernst Pfau und zuletzt von Christian Gierløf. Zudem produziert Royal Copenhagen neben feinstem Porzellan (wieder) Fayencen.
Geschichte der Fayence in Deutschland mini|Darstellung einer friesischen Fayancetöpferei mit Brennofen auf mehreren Gebäudeetagen als Fliesentableau von 1737 mini|Schrezheimer Fayencealtar von 1773/74 (Rokoko) in der St.-Antonius-Kapelle