Henschel & Sohn (ab 1957: Henschel-Werke) war ein Maschinen-, Fahrzeugbau- und Rüstungskonzern mit Sitz in Kassel. Das Unternehmen wurde 1810 als Stückgießerei gegründet und war zeitweise einer der bedeutendsten Hersteller von Lokomotiven in Europa. Zeitweise wurden auch Rüstungsgüter wie Panzer, Flugmotoren, Flugzeuge und Lenkflugkörper produziert. Bekannt wurde das Unternehmen als Hersteller von Lastkraftwagen und Omnibussen sowie Verbrennungsmotoren, die von 1925 bis in die 1970er Jahre produziert wurden. In den 1960er Jahren begann der Niedergang des Henschel-Konzerns, von dem heute jedoch noch zahlreiche Nachfolgeunternehmen existieren.
Geschichte mini|Geschütz des fürstlichen Stückgießers Henschel, gegossen 1803, vor dem Eingang der Rudelsburg
Gründung und Entwicklung im 19. Jahrhundert Georg Christian Carl Henschel kam 1777 aus Gießen nach Kassel und wurde zunächst Geselle, dann Schwiegersohn und Teilhaber beim fürstlichen Geschützgießer Anton Storck, der Kanonen und Glocken goss. In Nachfolge seines Schwiegervaters übernahm er Ende des 18. Jahrhunderts dessen Position als fürstlicher Stückgießer, von der er in der Zeit des Königreich Westphalens nach Streitigkeiten mit dem französischen Stadtkommandanten von 1810 bis 1813 für drei Jahre entbunden war. In dieser Zeit gründete er zusammen mit seinem Sohn, dem Glockengießer und Bildhauer Johann Werner Henschel, die Gießerei Henschel & Sohn, die ebenfalls Geschütze produzierte und damit zu den ältesten deutschen Rüstungsunternehmen gehört.
mini|Die 1826 bei Henschel & Sohn gegossene Teufelsbrücke im Bergpark Wilhelmshöhe mini|Transport einer Henschel-Lokomotive durch die Untere Königstraße zum Unterstadtbahnhof vom Henschel Werk am Möncheberg in Kassel (1865)
Henschel & Sohn begann 1816 mit der Produktion von Dampfmaschinen. Johann Werners älterer Bruder Carl Anton, ab 1817 Teilhaber in der Firma, ließ 1837 ein zweites Werk am Holländischen Platz, dem heutigen Standort der Universität Kassel, bauen.
Nach dem Tod des Gründers Georg Christian Carl im Jahr 1835 erlebte das Unternehmen unter der Leitung von Carl Antons Sohn Oscar Henschel einen starken Aufschwung. Oscar konzentrierte die Produktion auf den stark wachsenden Bedarf der Eisenbahnen. Am 29. Juli 1848 wurde die erste bei Henschel gebaute Dampflokomotive an die 1844 gegründete Friedrich-Wilhelms-Nordbahn ausgeliefert. Die Nordbahn präsentierte die bis zu 45 km/h schnelle Drache am 18. August 1848 der Öffentlichkeit.
Am 4. Oktober 1860 konnte die 50. ausgelieferte Lokomotive gefeiert werden. Bei Oscar Henschels Tod 1894 waren bereits über 4000 Lokomotiven ausgeliefert worden. Die Beschäftigtenzahl hatte 1865 die Grenze von 500 überstiegen; im Jahr 1894 lag sie bei 1600. Der Gründerkrach von 1873 wurde – wenn auch mit Umsatzverlusten und Entlassungen – überstanden. Nach dem Tod Oscar Henschels wurde sein Sohn Karl Anton Theodor Ferdinand Henschel (* 3. Oktober 1878 in Kassel; † 11. Dezember 1924 ebendort) Firmenchef; bis zu dessen Volljährigkeit nahm Oscars Witwe Sophie Henschel die Geschäfte wahr. Ab 1. Juli 1900 war Karl neben seiner Mutter Firmenteilhaber sowie alleiniger Unternehmensleiter.
Jahr Beschäftigte 1837 200 1865 500 1873 1400 1894 1600 1904 3000 und 1600 auf der ab 1904 zum Werkgehörigen Henrichshütte bei Hattingen
+ Lokomotivenauslieferung Datum Meilenstein 29. Juli 1848 Auslieferung der ersten Lokomotive 4. Oktober 1860 50. Lokomotive 19. August 1865 100. Lokomotive 21. Mai 1873 500. Lokomotive 12. April 1879 1000. Lokomotive 25. Juli 1886 2000. Lokomotive 1. Februar 1890 3000. Lokomotive 18. Januar 1894 4000. Lokomotive 1899 5000. Lokomotive bis 15. März 1905 über 7000 Lokomotiven
Unternehmensgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mini|hochkant=0.85|links|Teilschuldverschreibung über 1.000 Mark der Firma Henschel & Sohn vom Februar 1920 mini|Lastkraftwagen Henschel mit Anhänger Ackermann nach Umbau zu Tankwagenzug durch Schwelmer Eisenwerk, ebendort, späte 1920er Jahre mini|„Tiger-I“-Panzer 1942 beim Verladen bei Henschel auf einen Waggon; rechts im Hintergrund ein „Panther“ mini|Fabrikschild einer 1948 gebauten Lokomotive
Die erste Heißdampf-Lokomotive wurde 1898 gebaut, es war weltweit die erste. 1905 wurde die erste elektrische Lokomotive gebaut und 1910 die erste Henschel-Lok mit Vergasermotor. Henschel gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts neben Borsig zu den größten Lokomotivwerken Deutschlands und wurde 1920 in eine GmbH umgewandelt. Die Henschel Antriebstechnik begann 1918 die Produktion von Getrieben im Werk Kassel-Mittelfeld. In den folgenden Jahren übernahm Henschel die Lokomotivproduktionen der Magdeburger R. Wolf AG (1928), der Linke-Hofmann (1930 zusammen mit Krupp zu gleichen Teilen), sowie die der Hanomag (1931). Eine Übernahme der Lokomotivfabrik J. A. Maffei in München wurde aufgrund deren Manipulation der 1927er Bilanz rückabgewickelt. 1929. In Lizenz der David Brown Ltd. wurden 1933 die ersten Schneckengetriebe gebaut. Im Januar 1925 begann Henschel & Sohn mit dem Bau von Lastkraftwagen und Omnibussen (s. u.).
Mitte der 1930er Jahre erschien ein sechszackiger verchromter Stern mit einem mittig darin platzierten großen „H“ als Firmenlogo, der bis Ende der 1960er Jahre die Nutzfahrzeuge und auch die Industrielokomotiven zierte.
Bereits im Ersten Weltkrieg stellte Henschel Rüstungsgüter her. In der NS-Zeit wurde das Unternehmen nach und nach auf kriegswichtige Produktion umgestellt. Dabei wurden zahlreiche Zulieferbetriebe enteignet bzw. „arisiert“ und in den Firmenkomplex miteinbezogen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden bis zu 6000 Zwangsarbeiter beschäftigt; daran erinnert heute das Mahnmal Die Rampe auf dem Gelände der Universität, wo sich das Stammwerk befunden hatte. Am 14. Juni 1941 lieferte die Kasseler Lokomotivenfabrik Henschel & Sohn die 25.000. Lokomotive an die Deutsche ReichsbahnTageseinträge für Juni 1941 bei chroniknet.de, es war mit der mit Dampfmotoren ausgerüsteten 19 1001 ein Meilenstein in der Dampfloktechnik.
Mit der Produktion von Kriegslokomotiven (Ausstoßzahlen der Baureihe 52), Lastkraftwagen, Panzern und Geschützen (s. Tabelle) war Henschel & Sohn eines der bedeutendsten deutschen Rüstungszentren und ein wichtiges Ziel des alliierten Luftkriegs. Kassel war wiederholt Ziel von Luftangriffen, insbesondere beim Luftangriff auf Kassel am 22. Oktober 1943 wurden die Stadt und die Werke schwer getroffen (siehe auch Kassel Mission).
+ Panzer- und Geschützproduktion bei Henschel & Sohn 1934–1944 Jahr Panzer Geschütze 1934 6 - 1935 60 15 1936 153 86 1937 260 70 1938 270 76 1939 210 130 1940 164 406 1941 334 910 1942 597 1928 1943 850 2636 1944 1000 1701 Summe 3904 7958 mini|Reparatur einer Lok durch das 757th Railway Shop Battalion in Kassel
Trotz der nahezu vollständigen Zerstörung der Gebäude wurde der strategisch wichtige und gut gelegene Lokomotivenbau-Standort von den Truppen der US-Armee (genauer der „757th Railway Shop Battalion“) übernommen. Im April/Mai 1945 wurden im Henschelwerk sowohl vollständige, neue Lokomotiven als auch Einzelteile vorgefunden. Nach und nach stellte das 757th Railway Shop Battalion folgende Einheiten wieder her: Lokomotiven-Reparaturen durchzuführen, neue Lokomotiven zusammenzubauen (1), Kessel und andere Einzelteile zu reparieren/herzustellen (2) und Einrichtungen des Holz- und Metallmodellbaus (3).
Als ehemalige bedeutende Rüstungsschmiede des NS-Staats bekam das Unternehmen von den Alliierten ab 1946 zunächst nur die Genehmigung, kleinere Industrielokomotiven herzustellen sowie noch vorhandene beschädigte bzw. abgenutzte Lastwagen instand zu setzen. Erst ab 1948 wurden wieder größere Lokomotiven gebaut.
Unternehmensgeschichte ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mini|Eine der letzten von der Deutschen Bundesbahn eingeführten Dampflokomotivbaureihen war in den 1950er Jahren die DB-Baureihe 23 von Henschel mini|Henschel-Straßenwalze (1964) mini|HMB 2, der Vorläufer des Transrapid mini|DB-Lok Baureihe 101
Henschel & Sohn GmbH 1953 übernahm Henschel die in Konkurs gegangene WUMAG Hamburg und gliederte sie als Henschel-Maschinenbau in das Unternehmen ein. Hohe Entwicklungskosten und Fehlentwicklungen setzten dem Unternehmen zu. Die bisherige Henschel & Sohn GmbH geriet 1957 wegen Absatzschwierigkeiten im Lkw-Bereich, Verzögerungen bei Rüstungsaufträgen der Bundeswehr (HS 30) und zu spät eingeleiteter Umstellungen auf Diesel- und Elektro-Antriebe im Lokomotiv-Programm in eine Krise, in deren Folge Oscar Robert Henschel die Geschäftsführung abgeben musste, eine Umfirmierung in Henschel-Werke GmbH erfolgte und das Unternehmen in den Vergleich ging.Jürgen Nautz, in Christoph Siepermann, Michael Eley: „Logistik: Gestern, Heute, Morgen“. S. 46.
Henschel-Werke AG 1958 wurden die bis dahin im Familienbesitz befindlichen Henschel-Werke an neue Gesellschafter verkauft. Im selben Jahr wurde die letzte Dampflokomotive gefertigt. Mit der Lizenzfertigung des Schützenpanzers HS 30 stieg Henschel 1959 wieder in die Produktion von Waffensystemen ein. 1961 übernahm Henschel teilweise die Diesellokfertigung der Maschinenfabrik Esslingen. Bis 1962 hatte sich der 1959 zum Vorstand berufene Industriemanager Fritz-Aurel Goergen vom Teilhaber zum Mehrheitseigner entwickelt. Er wandelte 1962 Henschel in eine AG um und wurde Hauptaktionär; ein Börsengang war geplant. 1963 wurde die Fertigung von Omnibussen aufgegeben. Die Fertigung verlagerte sich fortan auf Schwer- und Werkzeugmaschinen, hinzu kam ein bedeutender Teil an Rüstungsgütern.
Rheinstahl-Henschel AG 1964 übernahmen die Rheinischen Stahlwerke die Aktien der Henschel-Werke, die ab 1965 erneut den Namen wechselte und nun Rheinstahl Henschel hieß (Finanzchef seit 1960 und bis 1966: Günther Nawrath, der später Vorstand bei Otto-Versand, Hamburg wurdeWalter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, 884.). – Der auch in der Geschäftsführung aktive Hauptaktionär Goergen, der Henschel aus der schweren Krise von 1957/58 geführt und saniert hatte, war 1964 verhaftet worden. Auf Kaution wieder frei, veräußerte der gesundheitlich und psychisch angeschlagene Goergen seine Aktienmehrheit an Rheinstahl. Erst 1971 war die Justiz bereit einzusehen, dass die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen haltlos waren.
1969 wurde die Diesellokproduktion durch Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) in Köln-Deutz übernommen und die Lkw-Sparte in die Hanomag-Henschel-Fahrzeugwerke GmbH (kurz HHF) ausgegliedert. Nach der Übernahme der HHF durch Daimler-Benz im Jahr 1971 wurden die Lkw-Produktionen von Hanomag-Henschel und Mercedes-Benz zunächst zusammengeführt und 1974 unter dem Markennamen „Hanomag-Henschel“ eingestellt. Die Produktion im ehemaligen Kasseler Henschel-Lkw-Werk wurde von Daimler-Benz auf Nutzfahrzeug-Achsen umgestellt, in diesem Bereich war es das größte Werk Europas.
Thyssen Henschel Die Rheinstahl AG selbst ging 1976 in die August Thyssen-Hütte ein, nun nannte sich das Lokomotiv-Werk in Kassel Thyssen Henschel. Der traditionsreiche Name „Henschel“ auf den Lokomotiven blieb aber erhalten. Zusammen mit ABB entstand 1990 ABB Henschel mit Sitz in Mannheim.
Zugsparte (ADtranz, Bombardier & Alstom)