Die Zwerg- oder Brillentejus (Gymnophthalmidae) sind eine ausschließlich in der Neuen Welt, von Südmexiko bis nach Argentinien vorkommende Familie der Schuppenkriechtiere (Squamata).
Merkmale Die meisten Zwergtejus haben, verglichen mit anderen Echsen, langgestreckte, schlanke Körper. Einige ähneln auch den Echten Eidechsen (Lacertidae). Mit Längen ab zehn Zentimetern sind sie, abgesehen von einigen Geckoarten, die kleinsten Echsen Süd- und Mittelamerikas. In mehreren Gattungen kam es unabhängig voneinander zu einer Reduktion der Gliedmaßen, oft verbunden mit einer starken Verlängerung des Körpers. Bei den Wühltejus (Bachia) sind die Beine zu funktionslosen, flossenartigen Anhängseln mit drei Zehen verkleinert und werden nur noch bei langsamer Fortbewegung benutzt. Die Gattung kann mit Hilfe des Schwanzes springen. Bei Calyptommatus fehlen die Beine völlig. Die meisten Arten haben ein transparentes unteres Augenlid (Gymnophthalmidae = nackte Augen), so dass sie auch mit geschlossenen Augen sehen können.
Lebensraum und Lebensweise Zwergtejus leben vor allem in den feuchten Tropen, z. B. in Regenwäldern, aber auch in Wüsten und hoch in den Anden. Proctoporus bolivianus lebt noch in Höhen von 4000 Metern. In Ecuador kommen sechs Pholidobolus-Arten in Tälern und an den Hängen der Berge bis in Höhen von 3000 Metern vor. Im selben Habitat können bis zu zehn Arten von Zwergtejus vorkommen.
Die meisten Zwergtejus halten sich auf dem Erdboden auf, einige, wie Cercosaura argulus klettern auch auf Bäume oder Sträucher. Bachia gräbt in den Böden tropischer Regenwälder, Calyptommatus in Sandhabitaten. Die meisten Arten von Neusticurus leben semiaquatisch. Neusticurus ecpleopus ist an Sandbänke von Urwaldflüssen gebunden. Oft lassen sich Schwesterarten bestimmen, die durch geografische Barrieren getrennt wurden. Calyptommatus sinebrachiatus kommt ausschließlich in Dünen am Nordufer des Rio São Francisco vor, während das Südufer von C. leiolepis und C. nicteris bewohnt wird – diese beiden Arten leben wiederum voneinander isoliert in Sanddünen.
Alle Zwergtejus fressen Insekten und andere kleine wirbellose Tiere und sind ausnahmslos ovipar (eierlegend), zwei Formen von Gymnophthalmus underwoodi pflanzen sich auch parthenogenetisch fort. Oft legen mehrere Weibchen Eier in das gleiche Nest. Sexualdimorphismus kommt vor, aber nicht bei grabenden, unterirdisch lebenden Arten. Meist ist der Kopf des Männchens größer und die Körperseiten sind mehr gemustert. Bei dem offene Habitate bewohnenden Vanzosaura rubricauda sind die Männchen kleiner, haben aber dickere Köpfe.
Systematik Die Zwergtejus sind die Schwestergruppe der Schienenechsen (Teiidae) und werden von einigen Autoren auch diesen als Unterfamilie Gymnophthalminae zugeschlagen. In der traditionellen Systematik der Schuppenkriechtiere wurden beide Familien den Skinkartigen (Scincomorpha) zugeordnet. Nach jüngsten molekularbiologischen Untersuchungen sind sie allerdings nicht näher mit den Skinkartigen verwandt, sondern das von Zwergtejus, Schienenechsen und Alopoglossidae gebildete Taxon (Teiformata bzw. Gymnophthalmoidea) ist die Schwestergruppe der Lacertibaenia, eines Taxons, zu dem die Echten Eidechsen (Lacertidae) und die Doppelschleichen (Amphisbaenia) gehören. Die von allen fünf Gruppen gebildete Klade wird Laterata bzw. Lacertoidea genannt.Nicolas Vidal, S. Blair Hedges: The phylogeny of squamate reptiles (lizards, snakes, and amphisbaenians) inferred from nine nuclear protein-coding genes. C. R. Biologies 328 (2005): 1000–1008. PDF Volltext
Es gibt etwa 230 Arten in über 40 Gattungen und vier Unterfamilien.Goicoechea, N., Frost, D. R., De la Riva, I., Pellegrino, K. C. M., Sites, J., Rodrigues, M. T. & Padial, J. M.: Molecular systematics of teioid lizards (Teioidea/Gymnophthalmoidea: Squamata) based on the analysis of 48 loci under tree-alignment and similarity-alignment. Cladistics, März 2016, doi:10.1111/cla.12150
mini|Anadia rombiphera mini|Euspondylus oreades mini|Riama striata mini|Leposoma rugiceps
Familie Gymnophthalmidae Unterfamilie Cercosaurinae Gray, 1838 Tribus Bachiini Colli et al., 2015 Bachia Gray, 1845 Tribus Cercosaurini Gray, 1838 Anadia Gray, 1845 Cercosaura Wagler, 1830 Echinosaura Boulenger, 1890 Euspondylus Tschudi, 1845 Macropholidus Noble, 1921 Neusticurus Duméril & Bibron, 1839 Oreosaurus Pantodactylus Duméril & Bibron, 1839 Petracola Doan & Castoe, 2005 Pholidobolus Peter, 1862 Placosoma Tschudi, 1847 Potamites Doan & Castoe, 2005 Proctoporus Tschudi, 1845 Riama Gray, 1858 Teuchocercus Fritts & Smith, 1969 Tribus Ecpleopodini Fitzinger, 1843 Adercosaurus Myers & Donnelly, 2001 Amapasaurus Cunha, 1970 Anotosaura Amaral, 1933 Arthrosaura Boulenger, 1885 Colobosauroides da Cunha, Lima-Verde & Lima, 1991 Dryadosaura Rodrigues, Freire, Pellegrino & Sites, 2005 Ecpleopus Duméril & Bibron, 1839 Kaieteurosaurus Kok, 2005 Leposoma Spix, 1825 Loxopholis Cope, 1869 Marinussaurus Peloso, Pellegrino, Rodrigues & Avila-Pires, 2011 Pantepuisaurus Kok, 2009 Unterfamilie Gymnophthalminae Fitzinger, 1826 Tribus Gymnophthalmini Fitzinger, 1826 Calyptommatus Rodrigues, 1991 Gymnophthalmus Merrem, 1820 Micrablepharus Boettger 1885 Nothobachia Rodrigues, 1984 Procellosaurinus Rodrigues, 1991 Psilophthalmus Rodrigues, 1991 Scriptosaura Trefaut Rodrigues & dos Santos, 2008 Tretioscincus Cope, 1862 Vanzosaura Rodrigues, 1991 Tribus Heterodactylini Goicoechea, Frost, De la Riva, Pellegrino, Sites, Rodrigues & Padial, 2016mini|Colobodactylus taunayi Caparaonia Rodrigues, Cassimiro, Pavan, Curcio, Verdade & Machado Pellegrino, 2009 Colobodactylus Amaral, 1933 Heterodactylus Spix, 1825 Tribus Iphisini Gray, 1851 Acratosaura Rodrigues, Pellegrino, Dixo, Verdade, Pavan, Argolo & Sites, 2007 Alexandresaurus Rodrigues, Pellegrino, Dixo, Verdade, Pavan, Argolo & Sites, 2007 Colobosaura Boulenger, 1887 Iphisa Gray, 1851 Rondonops Colli, Hoogmoed, Cannatella, Cassimiro, Gomes, Ghellere, Sales-Nunes, Pellegrino, Salerno, Marques De Souza & Rodrigues, 2015 Stenolepis Boulenger, 1888 Unterfamilie Rhachisaurinae Pellegrino, Rodrigues, Yonenaga-Yassuda & Sites, 2001 Rhachisaurus Pellegrino, Rodrigues, Yonenaga-Yassuda & Sites, 2001 Unterfamilie Riolaminae Kok, 2015 Riolama Uzzell, 1973
Die Alopoglossinae, ursprünglich eine weitere Unterfamilie der Zwergtejus, wurden im April 2016 zu einer eigenständigen Familie.
Literatur Eric R. Pianka, Laurie J. Vitt: Lizards: Windows to the Evolution of Diversity (Organisms and Environments). University of California Press (2003), ISBN 0-520-23401-4
Einzelnachweise
Weblinks
Kategorie:Schuppenkriechtiere