Der Begriff persische Architektur oder iranische Architektur bezeichnet die Architektur im heutigen Iran und den angrenzenden Gebieten des früheren Perserreichs. Als eines der 20 größten Länder der Erde weist Iran eine große topografische und klimatische Vielfalt auf, die die Architektur in den unterschiedlichen Landesteilen beeinflusst hat. Zugleich liegt das Gebiet des heutigen Iran im Zentrum des Alten Orients, einem der ältesten Kulturräume der Welt mit einer Jahrtausende in die Vergangenheit reichenden kontinuierlichen Geschichte, von der auch die Architektur zeugt. mini|Si-o-se Pol, Isfahan, 1602 mini|Gewölbestruktur der Si-o-se Pol
Historischer Überblick Dauerhafte Bauwerke sind in Iran seit der Sesshaftwerdung des Menschen im 8. Jahrtausend v. Chr. nachgewiesen. Schon zwischen 3200 und 2800 v. Chr. bestand auf dem Gebiet Irans das Elamitische Reich. Die Meder vereinigten das Gebiet um 625 v. Chr. erstmals zu einem Reich. Die von Kyros dem Großen begründete Dynastie der Achämeniden regierte vom heutigen Südiran aus bis zur Eroberung durch Alexander den Großen im Jahr 330 v. Chr. Es folgte das Sassanidenreich, das zwischen dem 3. und 7. Jahrhundert neben dem Byzantinischen Reich zu den mächtigsten Staaten der damals bekannten Welt zählte. Die Ausbreitung des Islam führte 651 zum Ende des Sassanidenreichs. Persien wurde ein Teil der Islamischen Welt. Persische Gelehrte hatten entscheidenden Anteil an der Blütezeit des Islam. Seldschuken, mongolische Ilchane und die Timuriden lösten einander in der Herrschaft ab, bis 1499 Schah Ismail I. die Dynastie der Safawiden gründete, die bis ins 18. Jahrhundert Bestand hatte. Unter der Förderung der Safawidenherrscher erlebte Persien eine Blütezeit der Kunst und Architektur. Es entstanden architektonische Meisterwerke, die heute zum Bestandteil des Weltkulturerbes zählen. Unter der 1794 gegründeten Kadscharen-Dynastie begann der politische Einfluss Persiens abzunehmen. Die beiden Monarchen der Pahlavi-Dynastie (ab 1925) betrieben eine Politik der Modernisierung und Säkularisierung, teils unter Instrumentalisierung des antiken kulturellen Erbes und zum Preis politischer und gesellschaftlicher Oppression. Gesellschaftliche Spannungen kulminierten in der Islamischen Revolution von 1979.
Epochen Früheste Zeit: 8.–1. Jahrtausend v. Chr. Die Architekturgeschichte Irans beginnt mit der Sesshaftwerdung des Menschen. Anhand archäologischer Funde lässt sich die zunehmende Differenzierung und Konstruktion der Gebäude nach unterschiedlichen Zwecken in ihrer historischen Entwicklung seit frühester Zeit nachvollziehen.
mini|Tappe Hesar, 4. Jahrtausend v. Chr.
Die frühesten bekannten, archäologisch fassbaren Bauten wurden im Tappe von Gandsch Darreh freigelegt und ins 8.–7. Jahrtausend v. Chr. datiert. Hier entstanden in vier Haupt-Siedlungsschichten kleine rechteckige Räume mit abgerundeten Ecken. Stampflehmhäuser aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. wurden in Tappe Sialk im zentralpersischen Kaschan freigelegt. Differenzierte architektonische Elemente, wie einfache Strebepfeiler und Risaliten-ähnliche Mauervorsprünge wurden in Tappe Zaghe und in der Siedlung Tschogha Misch nachgewiesen. Im 4. Jahrtausend tauchen nach heutiger Kenntnis erstmals Verteidigungsanlagen auf, wie in der Siedlung Godin VI/V und im „burned building“ in Tappe Hesar IIIB aus dem 3. Jahrtausend. Dieser Bau wies schon Türme auf, die der Verteidigung dienen konnten. In Nordwestiran wurden mauergeschützte Siedlungen mit den typischen Rundhäusern der so genannten „Frühen transkaukasischen Kultur“ ausgegraben, die im 3. Jahrtausend v. Chr. bestanden. Siedlungsanlagen und ein Steinbruch aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. wurden im südostiranischen Tappe Yahya gefunden; weitere bedeutende Siedlungen der Bronzezeit bestanden in Dschiroft, heutige Provinz Kerman, und in Schahr-e Suchte in der heutigen Provinz Sistan und Belutschistan. Am Fundplatz Sandal B bei Dschiroft wurde eine zweistöckige Zitadelle auf einer Fläche von 13,5 Hektar freigelegt.
mini|Die mittel-elamitische Zikkurat Tschogha Zanbil Ende des 2. Jahrtausends lässt sich eine differenziertere architektonische Planung nachweisen, die Bauten werden großräumiger und es lassen sich einzelne Bereiche voneinander unterscheiden, wie beispielsweise eine von einem Korridor umgebene Hofanlage in einer frühen Siedlungsschicht von Tal-i Malyan. Die Architektur nutzt die durch das Gelände vorgegebenen Bedingungen, um die bestmögliche Verteidigung des Baukomplexes zu gewährleisten, indem sie die Mauer vor- und zurückspringen lässt. Auch einfache Toranlagen lassen sich jetzt anhand der Grabungsfunde abgrenzen. Eine Trennung zwischen Siedlung und erhöht gelegener Befestigung (Zitadelle) wird ebenso erkennbar wie eine Gliederung der Festungsanlage in einen oberen, mittleren, und unteren Burgbereich. In Haft Tappe und Tschogha Zanbil, ca. 40 km südöstlich von Susa, deuten Zikkurat-ähnliche Bauwerke mit Hochterrassen auf eine kultische Funktion. In ihrer unmittelbaren Nähe konnten Palastbauten nachgewiesen werden.
Urartäer in West-Aserbaidschan: 9.−6. Jh. v. Chr. Im 9. Jahrhundert v. Chr. entstanden Burganlagen der Urartäer auch im nordwestlichen Aserbaidschan, häufig in enger Nachbarschaft zu landwirtschaftlichen Anbauflächen, teils in Höhenlage. Kennzeichnend für die Architektur von Urartu ist die Gründung der Mauern aus standardisierten Lehmziegeln auf einem Sockel aus Trockenmauerwerk, der wiederum auf dem sorgfältig in Terrassenform abgetragenen Felsgrund ruhte. Ihr Grundriss war gewöhnlich rechteckig. Regelmäßige Quadermauern kennzeichnen wichtigere Gebäude. Im 8. Jahrhundert wiesen die Festungen abwechselnd kleine und große Bastionen auf, im 7. Jahrhundert ging man zu gleich großen Bastionen über.Mirjo Salvini: Geschichte und Kultur der Urartäer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, ISBN 3-534-01870-2, S. 132–133. Ab dem 7. Jahrhundert wurde der Felsgrund nur noch dort abgetragen, wo tatsächlich Mauern erbaut wurden.
Das Vorhandensein unterschiedlich großer und verschieden ausgebauter Burganlagen deutet darauf hin, dass die urartäischen Bauten unterschiedlichen Zwecken dienten: Größere Festungen mit rechteckigen Hofgebäuden könnten militärische oder Verwaltungsfunktionen gehabt haben. Kleine und mittlere Anlagen, die sich oft in der Umgebung einer größeren finden, werden als „Wirtschaftshöfe“ angesehen. Eine der größten urartäischen Festungen in Iran war Bastam.
Meder: 8.–6. Jh. v. Chr. Im 6. Jahrhundert v. Chr. beginnt eine Übergangszeit hin zur Ausbildung der für die Meder typischen Architekturformen. Im Nuschidschan Tappe sind ein Feuertempel, ein weiterer Tempel, der einem als Apadana gedeuteten Bau angegliedert ist, und eine Zitadelle aus dieser Zeit erhalten. Ein medischer Herrensitz in Godin Tappe weist einen 30-Stützen-Saal auf.
Die Hauptstadt des Mederreichs, Ekbatana, lag vermutlich in der Nähe der heutigen Großstadt Hamadan, konnte aber noch nicht eindeutig archäologisch nachgewiesen werden. Eine weitere wichtige medische Stadt war Anschan. Auch die Geschichte dieser Stadt reicht bis ins 6. Jahrtausend v. Chr. zurück.
Achämeniden: 559–330 v. Chr. Die Ruinen dreier Residenzstädte sind aus der Zeit des Achämenidenreichs erhalten: Pasargadae, Persepolis und Susa. Dareios I. legte im 5. Jahrhundert v. Chr. die Persische Königsstraße an, welche die Hauptstadt Susa mit Sardis in Westanatolien verband. Eine zweite Straße quer durch das Zagros-Gebirge führte an Ekbatana und den Dareios- und Xerxes-Inschriften von Gandschnāme vorbei und passierte dann gut 100 km Luftlinie weiter südwestlich Bisotun, wo die Behistun-Inschrift in drei Sprachen von den Siegen des Dareios berichtet.
Pasargadae mini|Grabmal von Kyros II. in Pasargadae mini|Zendan-i-Soleiman („Gefängnis des Salomo“) in Pasargadae
Die älteste Residenzstadt der Achämeniden war Pasargadae. Wichtige Bauten der 559–525 v. Chr. ausgebauten Stadt sind die monumentalen Tore, die Apadana, sowie der heilige Bezirk mit dem Feuertempel und dem Grabmal von Kyros II.David Stronach: Excavations at Pasargadae: Third Preliminary Report. In: Iran. 3, 1965, S. 16. In Pasargadae wurde auch die früheste rekonstruierbare persische Gartenanlage entdeckt, deren Gestaltungsprinzipien die Architektur der gesamten folgenden Zeit, insbesondere die Islamische Architektur, prägen sollte.
Persepolis
Für die großköniglichen Paläste in Pasargadae und Susa sowie für die Palaststadt Persepolis wurden Werke der Hochkulturen ausgewählt, seien es griechische, mesopotamische oder ägyptische, und zu etwas ganz Eigenem umgeformt. So finden sich an achämenidischen Palästen Monumentaltore mit typisch ägyptischen Hohlkehlen, Säulen, die ionische Merkmale aufweisen (und auch von ionischen Steinmetzen geschaffen wurden), assyrisch-babylonische Flachreliefs und jene der assyrischen Kunst entlehnten Fabelwesen (Lamassu), die aus geflügelten Rinderleibern mit Stier- oder Menschenköpfen bestehen und die paarweise an den Torgebäuden angeordnet die Funktion von Wächtern übernahmen.
Ein achämenidischer Palastbezirk setzt sich aus mehreren Einzelgebäuden zusammen. In der ältesten Anlage von Pasargadae waren die weitgestreuten Bauten Teil des ersten nachweisbaren persischen Paradeisos, einer riesigen umzäunten Gartenanlage mit künstlichen Wasserläufen, Seen, Palastbauten und Pavillons. Im Gegensatz dazu stehen die Baumassen in Persepolis viel dichter zusammen und sind stärker aufeinander bezogen. Schon in Pasargadae wird zwischen einem Wohnpalast und einem Audienzpalast (Apadana) unterschieden.
Die Palastgebäude bestehen aus einer zentralen rechteckigen Halle mit Wänden aus getrocknetem Lehm, deren hölzernes Flachdach von Steinsäulen getragen wurde. An mindestens einer, manchmal aber auch an allen vier Seiten schließen sich nach außen offene Vorhallen an, deren Dächer ebenfalls von Säulen getragen wurden. In Pasargadae überragte der zentrale Innenraum die umgebenden Vorhallen, so dass Fenster in der oberen Wandzone möglich waren. In Persepolis sind Vorhallen und zentrale Säulenhalle gleich hoch geworden, was das ehemalige Vorhandensein von Oberlichtern im Dach fast sicher macht.
Der letzte Schah, Mohammad Reza Pahlavi, ließ 1971 Teile von Persepolis zur 2500-Jahr-Feier der Iranischen Monarchie restaurieren.
Sechs Kilometer nördlich von Persepolis, bei Schiras, befindet sich die Stätte von Naqsch-e Rostam. Neben vier Gräbern achämenidischer Großkönige sowie einer Reihe sassanidischer Felsreliefs steht hier auch der Kaʿbe-ye Zartuscht.
Der Kontakt der iranischen Architekten mit der kleinasiatisch-ionischen Bauwelt war für die achämenidischen Palastbauten entscheidend. Da man die steinernen Säulen mit einem hölzernen Dachgebälk kombinierte wagte man in der Apadana von Persepolis Interkolumnien von 8,65 m. Die Säulen erreichten eine Höhe von 19,25 m bei einem Schlankheitsgrad von 12 Durchmessern. Ergebnis war ein über 3600 m² großer Innenraum voller Unbeschwertheit und Anmut.
Susa mini|links|Palast von Dareios I. (Susa)
Die Siedlungsgeschichte von Susa, im Südwesten Irans nahe der irakischen Grenze in der Provinz Chuzestan am Rande der heutigen Stadt Schusch, ist bis zurück ins 4. Jahrtausend dokumentiert. Vom dritten bis zum ersten Jahrtausend v. Chr. war Susa eine bedeutende Stadt der Elamiter. Der Palast von Dareios I. ist eines der Bauwerke aus achämenidischer Zeit in Susa.
Seleukiden, Parther: 312–63 v. Chr. mini|Ruinen von Hatra (2010)