Der Begriff Wissenschaftlicher Sozialismus steht insbesondere zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa für die Suche nach einem wissenschaftlichen Begriff für jene Gesellschaftswissenschaft, die im Zusammenhang mit kommunistischen Vorstellungen entwickelt wurde (analog zur Soziologie). Heute wird hauptsächlich der Ansatz von Karl Marx und Friedrich Engels zur Analyse der bürgerlichen Gesellschaft und der Bedingungen einer sozialistischen Entwicklung darunter verstanden. Auch in den speziell von Lenin und Stalin entwickelten Dogmen der Sowjetideologiesiehe Stalins Schrift Über Dialektischen und Historischen Materialismus und in der wissenschaftlichen Literatur der DDR ist der Begriff oft zu finden.

Entstehung des Begriffs Pierre-Joseph Proudhon benutzte in seinem Buch „Qu'est-ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit du gouvernement“Paris 1840, S. 233 f. erstmals den Begriff „socialisme scientifique“.Jacques Grandjonc, Hans Pelger: Die Diskussion über utopischen und wissenschaftlichen Sozialismus um 1840. In: Politik und Gesellschaft im alten Österreich. Festschrift für Rudolf Neck zum 60. Geburtstag. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1981, ISBN 3-486-51021-5, S. 327.

Karl Marx nutzte den Begriff Wissenschaftlicher Sozialismus, um sich gegen Ansätze der Frühsozialisten abzusetzen.„"wissenschaftlicher Sozialismus" - gebraucht worden nur im Gegensatz zum utopistischen Sozialismus, der neue Hirngespinste dem Volk aufheften will, statt seine Wissenschaft auf der Erkenntnis der vom Volk selbst gemachten sozialen Bewegung zu beschränken“ Marx: [Konspekt von Bakunins Buch "Staatlichkeit und Anarchie"]; MEW Bd. 18, S. 635f. Später hat Friedrich Engels in der Debatte gegen Dühring den Begriff Marx’ in einer Weise zugeordnet (Schöpfer des W. S.), die der Verwendung eines „marxistischen Lehrgebäudes“ Vorschub leistete.siehe: Wissenschaftlicher Sozialismus und Arbeiterbewegung, Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Trier, Heft 24, Trier 1980 und generell: die neue Herausgabe der Marx-Engels-Gesamtausgabe, MEGA, u. a. der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Für Engels stellte die Herleitung der Ausbeutung der Arbeiterklasse im Kapitalismus und die materialistische Geschichtsauffassung jene zwei großen Entdeckungen Marxens dar, die den Sozialismus zu einer Wissenschaft erhoben hätten.Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. In: Marx-Engels-Werke Bd. 19, S. 209. Jedoch auch Marx selbst hat diese Debatte von Engels als Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus bezeichnet.„Die jüngste Artikelreihe, die er ironisch "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" betitelte … sandte er an den "Vorwärts". Diese Reihe wurde zu einem Band vereinigt und hatte bei den deutschen Sozialisten großen Erfolg. Wir bringen in der vorliegenden Broschüre die treffendsten Auszüge aus dem theoretischen Teil dieses Buchs, die gewissermaßen eine Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus bilden.“ Marx: Einleitung zu Engels Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW Bd. 19, S. 185.

Der Ansatz von Marx und Engels ist in der frühen Schrift Die deutsche Ideologie zu finden, die 1845 als Formulierung eines gemeinsamen Standpunktes zur Basis für die weitere Zusammenarbeit beider entstand, aber erst 1933 veröffentlicht wurde.Marx-Engels-Werke Bd. 3

Begriffsbestimmung im Sinne von Marx und Engels

Im Sinne eines Begriffs in Anlehnung an Marx und Engels gibt es eine Strömung in der sozialistischen Bewegung seit dem 19. Jahrhundert, die sich auf die wissenschaftliche Analyse von Gesellschaft und Wirtschaft beruft, um die Möglichkeiten für eine Umwälzung (Revolution) der Gesellschaft konkret einzuschätzen. Als unzureichend galt beiden lediglich einem Wunsch, einer Idee zu folgen (zum Beispiel Utopischer Sozialismus; Anarchismus), um eine klassenlose Gesellschaft durchzusetzen. Es findet sich darin eine der frühen Formulierungen eines Menschenbildes, welches das freie, nicht-entfremdete, umfassend gebildete Individuum in den Mittelpunkt der Gesellschaftstheorie stellt. Gegenüber dem Einsatz von Arbeitern als reine Ergänzung, als Werkzeuge der Maschine unter ihrem Takt nach dem Plan des Kapitalisten in der frühen Industrie führe die sozialistische Produktion zur Aneignung der Produktivkräfte durch die Arbeiter: Die kapitalistische Arbeit ist durch Enteignung der Fähigkeiten des Arbeiters (wie noch im Handwerk) und der Übertragung produktiver Kenntnis in die Verfügung des Kapitalisten (Planungsbüro, Patente…) gekennzeichnet. Es ging darum, dem Schöpfungsakt der Welt durch Gott, der bis dahin durch die christlichen Kirchen als Dogma, als allein gültige Idee (Idealismus) verteidigt wurde, eine den neuen Naturgesetzen (Laplace …) entsprechende materialistische Philosophie entgegenzustellen. Materialismus ist die Philosophie, die Entstehung der Welt aus sich selbst heraus zu erklären. Gegen Idee und Utopie wurde die positive objektive Geschichtsschreibung gesetzt (damit wurde auch an Formulierungen von Auguste Comtes Cours de philosophie positive angeknüpft, der Marx/Engels allerdings als Reaktionär galt). Vereinfacht ließe sich von positivistischer Aneignung des Stoffes bei dessen dialektischer Darstellung in der marxschen Forschungsarbeit reden.

Es wird wissenschaftstheoretisch an die Methoden der Naturwissenschaften angeknüpft, denen zunehmend gelang, mit allgemeinen „Gesetzen“ die Natur zu beschreiben. Es ging darum, die Analyse in der Gesellschaftswissenschaft ebenfalls als (nomologische) „große Theorie“ zu fassen, Gesellschaft als „Totalität“ (Ganzheit) zu analysieren. Solche Ansätze fanden sich durchgängig in der frühen Soziologie. Die große Theorie, der Versuch, die Welt auch geisteswissenschaftlich in einem Wurf zu fassen (etwa entsprechend dem Darwin’schen Ansatz), wurde später durch die Ansätze des Historischen Materialismus und des Dialektischen Materialismus weiter in Richtung einer Naturgesetzlichkeit (gleichgesetzt mit Wahrheit) zum Dogma entwickelt.

Der Wissenschaftliche Sozialismus, wie Marx und Engels ihn sahen, ist vergleichbar mit der Evolutionstheorie, auch wenn durch sie selbst mit den Hinweisen auf den Klassenkampf und die Stadien der historischen Entwicklung die revolutionäre Entwicklung betont wurde. Das hatte auch mit der aktuellen, revolutionären Situation Mitte des 19. Jahrhunderts zu tun. Der Beweggrund der Entwicklung ist dennoch nicht die Revolution, sondern die Arbeit (Basis), die zu revolutionären Angleichungen in der Politik und Kultur führen kann (Überbau) – oder auch nicht: schien Marx die Alternative.

Die Deutsche Ideologie Mit den Bänden Das Kapital wurde Karl Marx zum Autor der zentralen Analyse der Bewegungsgesetze des kapitalistischen Systems im 19. Jahrhundert (vornehmlich in England). Angeregt wurde er – was oft vergessen wird – durch eine skizzenhafte ökonomische Analyse Friedrich Engels’ Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie (1844; von Marx genannt).

Durch eine gemeinsame Schrift von 1845, die der eigenen Selbstverständigung zwischen Marx und Engels galt, der Deutschen Ideologie, gelten heute beide gleichermaßen als Begründer des Wissenschaftlichen Sozialismus.

Die Schrift Die deutsche Ideologie wurde erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts veröffentlicht (beispielsweise Lenin und Luxemburg blieb sie unbekannt). Sie enthält in einem kurzen Abriss zur Geschichte die Grundvorstellung beider zur gesellschaftlichen Entwicklung. Die Kritik der politischen Ökonomie, so der Untertitel der Bände des Kapitals, analysiert dann spezieller die Bewegungsgesetze des aus Geld und Lohnarbeit entstandenen Kapitals.

Wissenschaftlicher Sozialismus steht dabei gegen Strömungen wie zum Beispiel den utopischen Sozialismus. Neben der dialektischen Methode von Hegel, die Marx ‚vom Kopf auf die Füße stellte‘, ging es methodisch darum, nicht zu fordern, was nicht „real“ umsetzbar, was nicht im Schoße des Alten gereift sei. , heißt es in der Deutschen Ideologie. Und als Triebkraft gesellschaftliche Entwicklung wird wesentlich die Arbeit, die gesellschaftliche Arbeit verstanden.

In der antagonistischen (unversöhnlichen) Gegenüberstellung von Kapital und Arbeit, vertreten durch die Charaktermasken Kapitalist und Arbeiter, die die sich gegenseitig bedingenden Hauptklassen (nicht die einzigen) in der kapitalistischen Gesellschaft stellen, überschreite sich das Kapital selbst. Die Entwicklung der Produktivkräfte (Maschinen bis hin zum Know-how, also auch dem geistigen Anteil daran) sprenge aber zugleich die Bedingungen der kapitalistischen Wirtschaftsweise; durch Rationalisierung (tendenzieller Fall der Profitrate) hebe sie die Arbeit auf, untergrabe also auch ihre eigene Grundlage, die Ausbeutung der Arbeiter und der Natur. Im Kapital wird unter anderem die Funktion des Geldes, die Mehrwertproduktion und -aneignung, die Verelendung der arbeitenden Klassen analysiert.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein Der humanistische Aspekt findet sich in der Deutschen Ideologie bereits skizziert. – heißt es dort – Nicht die Ideen der Menschen bestimmten die Geschichte, sondern die materiellen Bedingungen, die sie vorfänden, bestimmten die Ideen, den Geist, das Bewusstsein, also:

Bei dieser Aussage ist erstens zu bedenken, dass sie im 19. Jahrhundert gemacht wurde, zu einer Zeit, als zum Beispiel Charles Darwin seine Evolutionstheorie im Dissens mit der Kirche zurückhaltend formulierte, die allein die göttliche Schöpfung der Welt anerkannte und keine irgendwie geartete Entwicklung des Menschen (gar aus dem Affen) akzeptierte (Literatur: Ernst Mayr: … und Darwin hat doch recht, München 1994). Zweitens stand sie für Marx und Engels im Rahmen ihrer dialektischen Methode (nicht dialektischer Materialismus). Das heißt, sie gingen von einer gegenseitigen Abhängigkeit und Bestimmung von Sein und Bewusstsein aus. Das Bewusstsein (die Idee) gehört zum Sein, das somit auch vom Bewusstsein abhängig ist und nicht mechanisch abläuft, was einer teleologischen Auffassung entspricht, wie von Sozialdemokraten und Kommunisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts überwiegend vertreten. Der Sozialismus käme also quasi wie von selbst.

Arbeitsteilung und Privateigentum an den Produktionsmitteln Der entscheidende Faktor der Dialektik ist in dieser Vorstellung für das Sein der Menschen die Arbeit. Der Mensch entwickelt sich entsprechend seiner Umwelt, erfüllt sich durch eine schöpferische Auseinandersetzung mit seinem Sein und verändert durch diese Arbeit die Welt und damit seine Umwelt und so sich selbst – von den Gruppen der Sammler und Jäger über die Sklavenhaltergesellschaft und der bäuerlichen (feudalistischen) zur kapitalistischen Gesellschaft. Und es verändert sich in diesem Prozess die Arbeit selbst.

Es entsteht die Arbeitsteilung. Die erste urwüchsige Arbeitsteilung – heißt es in der Deutschen Ideologie – sei die von Mann und Frau, erste gesellschaftliche Arbeitsteilung die von Stadt und Land. Mit der Arbeitsteilung entstehe das Eigentum; Teilung der Arbeit und Privateigentum – gemeint ist nicht persönliches Eigentum, sondern das an Produktionsmitteln, mit dem andere ausgebeutet werden können – sind

Arbeitsteilung und Eigentum führen zur Entfremdung. Die konkrete Arbeit werde entfremdet, weil sie aufhöre, ein Teil der Natur des Arbeiters zu sein (wie noch tendenziell beim Handwerk). In der Familie schaffe zwar die Frau die Grundlage für die Produktion des Mannes, dennoch eigne dieser sich das Eigentum an deren beider Produktion an. Deutlich werde dies erst, wenn Überschüsse produziert würden, die als Ware verkauft werden. Gleichzeitig entfremde der Mann sich aber auch von seinem Produkt, der Ware.

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