mini|hochkant=1|Basilika St. Lorenz in Kempten (2011)

Die römisch-katholische Stadtpfarrkirche und Basilika St. Lorenz ist die ehemalige Benediktinerstifts-Kirche des aufgehobenen Fürststifts Kempten. Sie gehört zur gleichnamigen Pfarrei in Kempten im Bistum Augsburg. Die Kirche ist dem heiligen Laurentius von Rom geweiht, Nebenpatronate sind Mariä Himmelfahrt und die Schutzpatrone der Stadt Gordianus und Epimachus. Von der Bevölkerung Kemptens wird die Kirche überwiegend St.-Lorenz-Basilika genannt, während im Duktus der Kirche Basilika als Titel vor den Namen gestellt wird.

Noch während des Dreißigjährigen Krieges begann der damals 29-jährige Abt Roman Giel von Gielsberg die Vorbereitungen zum Kirchenbau. Die Kirche wurde einer der ersten großen Kirchenbauten nach dem Dreißigjährigen Krieg in Deutschland.

Eine Besonderheit der Kirche war die Teilung in Stifts- und Pfarrkirche. Der Chor unter der Kuppel war dem Konvent vorbehalten, davon durch ein Chorgitter abgetrennt war das Langhaus als Pfarrkirche für das Volk bestimmt. Das auf eine Identitätsstiftung ausgelegte Bauprojekt ist eine karolingisierende Anspielung auf das Zentrum des Aachener Doms, die Pfalzkapelle Karls des Großen. 1969 verlieh Papst Paul VI. der Kemptener Pfarrkirche den Ehrentitel Basilica minor.

Die St.-Lorenz-Kirche befindet sich auf einer freien, weitgehend natürlichen Erhebung auf der linken Illerhochterrasse, umgeben im Norden und Westen vom Stiftsplatz, im Süden vom Hildegardplatz.

Baugeschichte Die neue Kirche sollte erst im Nachhinein die Funktion von Pfarr- und Klosterkirche vereinigen. Denn ursprünglich war die neue St.-Lorenz-Kirche als Pfarrkirche geplant. Der Konvent sollte seine eigene Stiftskirche erhalten. Akute Geldprobleme verhinderten dies.

Vorentwicklung und Vorgängerkirche mini|Das Kloster vor der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg: Die nachträglich eingezeichnete Umrandung des Klosters erfolgte vielleicht durch den Fürstabt, der damit den Umfang des Neubauareals skizzierte. Am linken Rand der Umrandung ist die Pfarrkirche St. Lorenz „uff’m Berg“ zu sehen. Das Marienmünster ist an den zwei Spitztürmen erkennbar.

725 kamen laut Legende der Heilige Magnus und sein Begleiter Theodor nach Kempten, in die Stadt, die ähnlich wie Trier und Augsburg ihre Geschichte bis in das 1. Jahrhundert v. Chr. dokumentieren kann. 752 gründete Audogar ein Kloster in Kempten und wurde dessen erster Abt. Hildegard, abgebildet im Stiftswappen, schenkte laut Legende dem damaligen königlichen Eigenkloster als Gemahlin Karls des Großen 774 die heiligen Leiber von Gordianus und Epimachus.

Nachgewiesen sind ein Bau des 13. Jahrhunderts als ehemalige Stiftskirche an der Stelle der heutigen Residenz (Münster St. Maria) und die Fundamente einer früheren Pfarr- bzw. Leutekirche St. Lorenz an gleicher Stelle, die wohl aus dem 8. oder 9. Jahrhundert stammte. 1990 wurden Fundamente einer westlichen Erweiterung aus dem 11. oder 12. durch Ausgrabungen nachgewiesen.

1632 besetzten und plünderten die Schweden das Fürststift Kempten. Die Bewohner der reformierten Reichsstadt zerstörten anschließend die Gebäude systematisch und gründlich. Das Marienmünster, eine romanische Basilika mit Doppelturmfront im Osten, ungefähr an Stelle des heutigen Osthofs der Residenz, teilte das Schicksal der Klostergebäude. Die westlich knapp außerhalb der Klostermauern auf einer Erhebung gelegene Pfarrkirche St. Lorenz „uff’m Berg“, ein spätgotisches Bauwerk, wurde 1634 bei der Rückeroberung durch die Kaiserlichen ebenfalls schwer beschädigt. Zerstört wurden auch die Nikolauskapelle und die Hildegardkapelle auf dem weitläufigen Areal des Klosters.

Neubau der barocken Stiftskirche mini|Ursprünglicher Plan von Serro um 1659: Darin markierte die Kuppel den darunter liegenden, wichtigsten Ort der Kirche. Die beiden Türme sollten daher niedriger sein. mini|Die Kirche ohne Turmhauben, aber bereits mit den Kuppeln der Seitenkapellen (um 1800)

Am 13. April 1652 war die Grundsteinlegung zum Neubau der Stiftskirche, nachdem schon ein volles Jahr an der östlich anschließenden neuen Residenz gearbeitet worden war. Diese liegt an der Stelle der alten Klostergebäude und des Marienmünsters. Die Konzeption der Gesamtanlage stammte von Fürstabt Roman Giel von Gielsberg, der trotz einer desolaten wirtschaftlichen Lage nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges als kompromissloser, zielstrebiger Bauherr auftrat. Er zog für die Planung und Ausführung seiner Ideen den Vorarlberger Baumeister Michael Beer bei. Als das Langhaus der Kirche stand, schied der Baumeister Michael Beer aus. Am 24. März 1654 wurde Johann Serro zu seinem Nachfolger bestimmt. Serro veränderte später den schon fortgeschrittenen Bau grundlegend. Selbst das gedrückte Gewölbe wurde abgebrochen und durch ein höher gelegenes Tonnengewölbe ersetzt. Das Langhaus wurde im Scheitel 70 Zentimeter höher, Serro fügte zudem ein Emporen­geschoss ein und erhöhte dadurch das Choroktogon. Damit war vom ursprünglichen Bauplan nur noch die Grundrisskonzeption geblieben. Das vollendete Bauwerk gilt als eigenständige Lösung des Giovanni Serro und seines Bauherrn, des Fürstabtes Roman Giel von Gielsberg. Serro veränderte die Form der Emporen; damit wurde der Druck der Mittelschiffwände auf die verbreiterten Seitenschiffe abgelenkt.

Der Kirchenneubau war 1670 weitgehend fertiggestellt, nur an der Doppelturmfassade wurde noch bis 1673 gearbeitet. Die Turmabschlüsse blieben aufgrund der hohen Bauschulden unvollendet und erhielten nur ein Walmdach über dem Glockengeschoss. Auf späteren Bildern, die auch eine gewisse Außenwirkung und Repräsentanz darstellten, wurden die Kirchtürme überwiegend fertig dargestellt. Der Fürstabt musste sich später wegen einer Verschwendungs-Anklage seiner Kapitulare beim Nuntius in Luzern verteidigen. Der Fürstabt wurde 1671 nach Rom abberufen, wo er 1673 starb.

Ab 1660 wurde mit der Ausgestaltung der Kirche begonnen. Den mit Zwischgold gehöhten Stuck hat 1660 bis 1663 Giovanni Zucalli geschaffen. Er stammte wie Johann Serro aus Roveredo und war der Vater des Münchner Baumeisters Enrico Zuccalli. 1665 wurde die Dekoration im Chor vollendet. Die 1681 stuckierten Orgelemporen im Chor waren bereits barocke Wessobrunner Arbeit, vermutlich von Anton Bader.

Eindrücklich ist das Freskenprogramm, das der Konstanzer Maler Andreas Asper von 1661 bis 1669 nach einem Programm des Fürstabts Roman Giel von Gielsberg ausführte. Andreas Asper ist Schüler von Johann Christoph Storer in Mailand und kehrte 1658 nach Konstanz zurück. Er erlernte bei Storer auch die Freskotechnik. Der vielbeschäftigte Storer empfahl für den Großauftrag in Kempten seinen Schüler Asper, der damit einer der ersten Maler im heutigen Deutschland war, der nördlich der Alpen die vergessene Freskotechnik wieder einführte.

Die Scagliola-Füllungen der abgeschrägten Wandpfeiler im Chor waren vor 1670 von einer Frau Stuckhatorin, vermutlich Barbara Hackl, erstellt worden. Sie schuf auch die Scagliola-Füllungen der Chorgestühldorsale. Als Holzbildhauer dieses Werks wurden der Tiroler Peter Pfaundler und Hans Ludwig Ertinger genannt. Ertinger war auch der Schöpfer des Ablösealtars im Nordarm des Oktogons.

Die ursprünglichen Choraltäre aus der Erbauungszeit wurden 1682 durch neue Stuckmarmoraltäre ersetzt. Der Hochaltar in rotbraunem Stuckmarmor füllte nun die ganze Ostwand. Er ist ein Werk von Johann Georg Haggenmiller aus dem benachbarten Wiggensbach. Das Altarblatt zeigt die Himmelfahrt Mariens, ursprünglich vom Münchner Hofmaler Johann Kaspar Sing gemalt, wurde das Altarblatt 1780 bis 1784 durch eine Kopie ersetzt.

Der Konvent zog 1674 in die Residenz, die neue Stifts- und Pfarrkirche wurde sicher bereits benutzt, dennoch gab es die festliche Einweihung erst spät am 12. Mai 1748. Dieser Einweihung ging allerdings eine Umbauphase voraus, nachdem der Füssener Johann Jakob Herkomer ab 1706 noch vier Seitenschiffkapellen anfügte und das Schiff eine Rokokoausstattung erhielt. In der gleichen Zeit wurden die Seitenaltäre am Eingang zum Oktogon aufgestellt. Eventuell handelt es sich bei dem Jahr 1748 nur um eine Neuweihe nach umfangreichen Umbau.

In den Seitenschiffen und den Rundkapellen wirkten die Stuckateure Johann Georg Üblher (Grabsteine, Altäre, die beiden Seitenaltäre) und Abraham Bader, der Bildhauer Aegid Verhelst und der Maler Franz Georg Hermann.

Säkularisation und Baumaßnahmen mini|Turmform vor 1900 mini|hochkant|1900: Bau der Zwiebeltürme

Mit der Säkularisation in Bayern, die das Fürststift 1802 traf, wurde das Gebäude ausschließlich Pfarrkirche. 1830 wurde der Zugang vom Langhaus zur Krypta geschlossen. 1844 oder 1848 entfernte die Kirchengemeinde das Chorgestühl, das stark reduziert aus der Mitte des Chors entfernt an die Diagonalwände im Chor gestellt wurde.

Die letzte Umbauphase mit einer erstmaligen Sanierung des Innenraums begann 1864. Eine Westempore mit Orgel wurde eingebaut, die westliche Freitreppe vor den Doppeltürmen wurde verändert, eine kleine Vorhalle 1875 angebaut. 1869 wurde ein Südzugang mit Freitreppe geschaffen, dabei aber eine Flachkapelle mit Seitenaltar zerstört. Im Jahr 1900 wurden die beiden Kirchtürme und eine Balustrade in der Mitte der Westfassade in neubarocken Formen auf Entwurf von Hugo von Höfl fertiggestellt. Dabei wurden unterschiedliche Materialien verwendet, darunter auch Beton, der eine höhere Dichte als die darunter liegenden Baustoffe hat. Daraus resultiert eine ungünstige Gewichtsverteilung, welche die Stabilität beeinträchtigt. So pendeln die Türme leicht bei starkem Wind und sogar durch die Schwingungen der Kirchenglocken. Resultat sind sichtbare Risse zwischen Türmen und Hauptbau.

In den Jahren 1915 bis 1927 erfolgte eine Restaurierung des Innenraums, der eine Renovierung der Südfront in den Jahren 1931 bis 1934 folgte. 1939 erhielt die Westorgel ein neubarockes Gehäuse. 1964 und im Nachfolgejahr wurde der gesamte Außenbau renoviert. 1969 verlieh Papst Paul VI. der Kirche den Ehrentitel Basilica minor. Ab 1983 kam es zu einer umfangreichen Innenrestaurierung. 1990 bis 1994 wurde der Innenraum restauriert, die Farbfassungen von Langhaus und Chor wurden nach Befund auf die Erstfassung des 17. Jahrhunderts zurückgeführt.

Seit 2017 wird die Westfront mit den beiden Doppeltürmen saniert. Insbesondere sollen die Schäden durch die nachträgliche Erhöhung der beiden Kirchtürme im Jahr 1900 entfernt und in der Zukunft verhindert werden. Auch die Orgeln in der Kirche werden abgebaut und instand gesetzt. Die Arbeiten an der Außenfassade sollen bis 2021 fertiggestellt sein. So soll die Kirche, deren Pilaster im Stil der 1960er eine Natursteinverkleidung durch unterschiedliche Farbaufträge simuliert, möglichst in ihr originales Aussehen im 18. Jahrhundert versetzt werden.

Beschreibung mini|Langhaus der Kirche

Das fünfjochige Langhaus ist 40,5 Meter lang, das Mittelschiff 16,3 Meter hoch. Die beiden niederen Seitenschiffe mit Emporen sind 6,80 Meter hoch. Der achteckige, ungefähr gleich breite Chor hat eine 42 Meter hohe Kuppel. Die oktogonförmige Kuppel überspannt den Zentralbauchor. Das Langhaus wird durch eine Doppelturmfassade geprägt, die Türme haben eine Höhe von je 65 Metern.Hugo Naumann: Kempten Basilika St. Lorenz Kunstverlag Peda Gregor, Passau 2011, ISBN 978-3-89643-836-2, S. 10.

Ausstattung

mini|Das Altarblatt des Innocentiusaltars zeigt den Katakombenheiligen Innocentius

In der Kirche Sankt Lorenz stehen insgesamt 15 Altäre. Sieben stehen in den Seitenkapellen und jeweils vier Altäre stehen im Chor und im Langhaus. Der älteste Altar ist der Ablösealtar im Nordarm des Chors. Der neueste Altar ist der Zelebrationsaltar mit einer Laurentiusreliquie aus dem Jahr 1995. Das Gestühl im Langhaus stammt aus dem Ende des 17. Jahrhunderts. Im Chor ist es modern nachgeschnitzt. Das Gestühl hat geschwungene Wangen mit einem Akanthusschnitzrelief und gedrehte jonische Säulen und Kugelaufsatz.

Chor Hochaltar