mini|Dorsalansicht, vermutlich ein Männchen 180px170pxAbb. 3: FühlerA: Männchen, B: Weibchen170pxAbb. 1: Aufsicht, WeibchenAbb. 4: Punktur des Halsschildsan zwei verschiedenen Stellen180px170pxAbb. 2: VorderansichtAbb. 5: Unterseite

Der Weiche Nagekäfer (Ernobius mollis) ist ein häufiger aber unscheinbarer Käfer aus der Familie der Nagekäfer. Er ist braun, hauptsächlich nächtlich aktiv, und kann an berindetem Bauholz schädlich werden. Wie die meisten Nagekäfer ist Ernobius mollis sehr formvariabel und es gibt deswegen viele Synonyme.

Der Name „Nagekäfer“ ist dadurch zu erklären, dass die Larve Gänge ins Holz nagt. Der Namensteil „Weich“ ist die Übertragung des Artnamens mollis (lat.) ins Deutsche und bezieht sich auf die Behaarung der Art. Der Gattungsname Ernobius ist von altgr. ἔρνος érnos, Zweig und βίος bíos, Wohnort abgeleitet und bedeutet, dass die Bohrgänge bevorzugt in dünnen Ästen verlaufen. Die Gattung Ernobius ist in Europa mit 32 Arten, weltweit etwa mit siebzig Arten vertreten.

Die Erstbeschreibung von Linnaeus 1758 lautet: ziegelfarbener Dermestes mit dunklen Augen und fadenförmigen Fühlern, wohnt in Europa. Ähnlich einem Blattkäfer, aber die Statur von Dermestes pertinacis (lat. D. testaceus, oculis fuscis, antennis filiformibus. Habitat in Europa. Affinis Chrysomelis, sed statura D. pertinacis).

Merkmale des Käfers Die Körperlänge des Käfers variiert stark – von 2,8 bis 6,2 mm – weil sie mit der zur Verfügung stehenden Nahrung für die Larve korreliert. Weibchen sind im Durchschnitt etwas größer als Männchen. Die Oberseite des Körpers ist fein und anliegend golden behaart, was dem Käfer eine lebhaft goldbraune Farbe verleiht. Der Halsschild ist häufig etwas dichter behaart und erscheint deswegen heller. Mit dem Alter nutzt sich jedoch die Behaarung ab und der Käfer erscheint matt dunkelbraun.

Man kann die dem Weichen Nagekäfer ähnlichen Arten danach gruppieren, wie sehr der Körperbau dem Tier erlaubt, sich „klein zu machen“. Dies spiegelt jedoch nicht die taxonomische Verwandtschaft wider. Bei der Gattung Ernobius besitzt die Vorderbrust keine Vertiefung zur Aufnahme des Kopfes. Der Kopf ist in der Ruhelage heruntergebogen und unter dem Halsschild verborgen, beim aktiven Käfer ist der Kopf jedoch von oben sichtbar. Auch die Beine können nicht in dafür vorgesehene Vertiefungen eingelegt werden. Die langen Fühler können unter den Körper gezogen werden, aber es existieren keine speziellen Rillen, in denen die Fühler eingelegt werden. Beim in Abb. 1 abgebildeten Käfer ist der Kopf nicht sichtbar. Von den Beinen ist nur das linke Vorderbein angezogen und deswegen nicht sichtbar. Der linke Fühler ist annähernd ausgestreckt, der rechte Fühler verläuft unter dem Körper nach hinten, dann ist er abgebogen. Die letzten Glieder des Fühlers sind rechts neben dem Körper sichtbar und unter dem Vorder- und Mittelbein liegend wieder nach vorn gerichtet.

Eine gute Hilfe zur Abgrenzung der zahlreichen mitteleuropäischen Arten der Gattung Ernobius bietet der Bau der Fühler (Abb. 3), häufig ist jedoch eine Genitaluntersuchung unumgänglich. Bei beiden Geschlechtern sind die drei Endglieder der elfgliedrigen Fühler auffällig verlängert. Das neunte Glied ist etwa so lang wie die drei vorhergehenden zusammen, jedenfalls kürzer als die vier vorhergehenden zusammen. Das 8. Fühlerglied ist kürzer als das siebte, die drei letzten Fühlerglieder beim Männchen länger als alle restlichen zusammen, beim Weibchen dagegen nicht. Die Fühler des Männchens sind etwas länger und schmäler als die des Weibchens. Die drei Endglieder sind beim Männchen eher parallel, beim Weibchen verbreitern sie sich. Unter dem Körper liegend reichen die Fühler des Männchens knapp bis zur Mitte des Hinterleibs, die des Weibchens überragen den Brustabschnitt nicht. Als weiterer Geschlechtsunterschied ist beim Weibchen die Rückenplatte (Tergit) des letzten sichtbaren Hinterleibssegments am Ende leicht nach unten gebogen, beim Männchen dagegen leicht nach oben. Dieses Tergit überragt das Hinterende der Flügeldecken beim Männchen etwa um 0,36 Millimeter, beim Weibchen um 0,45 Millimeter.

Die Fühler sind vor den Augen eingefügt. Die Facettenaugen sind rundlich und wie bei vielen dämmerungsaktiven Insekten groß und halbkugelförmig gewölbt. Die Mundwerkzeuge zeigen je nach Kopfhaltung nach unten oder vorn. Die Oberkiefer haben eine zweizähnige Spitze. Die Kiefertaster sind viergliedrig, die Lippentaster dreigliedrig.

Der Halsschild schließt in seiner ganzen Breite an die Flügeldecken an. Er ist an der Basis kaum merklich schmäler als die Flügeldecken (0,1 mm). Er ist gleichmäßig gewölbt mit gerundeten Seiten. Die abgerundeten Halsschildhinterwinkel liegen nahe der Halsschildbasis. Die Halsschildseiten sind vollständig gekantet, aber von unten gesehen nicht scharfkantig emporgehoben. Die Halsschildbehaarung ist nicht auffallend gewunden, sondern nur leicht geschwungen. Der Halsschild ist tief eingestochen punktiert, nach anderer Quelle mit Körnchen besetzt (Abb. 4).

Die Flügeldecken sind ungeordnet fein punktiert. Sie sind wie der ganze Käfer matt glänzend. Ihre Seiten verlaufen parallel und hinten sind sie gemeinsam abgerundet. Sie überdecken das Ende des Hinterleibs nicht ganz, sondern werden vom letzten Hinterleibssegment um ungefähr 0,4 Millimeter überragt.

Die Beine sind schlank, nie auffällig verbreitert. Alle Tarsen sind deutlich fünfgliedrig, lang und schmal, das erste Tarsenglied das längste. Der Ausschnitt des vierten Tarsenglieds der Hinterbeine erstreckt sich auf die halbe Länge desselben.

Larve Die Larve zeigt die für die Familie typische Form. Wie die meisten im Holz lebenden Larven ist sie weiß und dünnhäutig. Nur der Vorderteil des Kopfes mit dem Kauapparat ist stark sklerotisiert und dunkel. Er ist etwa halbkreisförmig und etwa doppelt so breit wie lang. Die Larve hat sechs gut entwickelte fünfgliedrige Beine. Die ersten Segmente sind verdickt, der Hinterleib besteht aus zehn Segmenten und ist hufeisenförmig nach unten gekrümmt.

Die Raupe ist doppelt behaart. Die langen Haare sind grau oder sehr dunkel rot, am längsten am Körperende. Daneben befinden sich seitlich mindestens am letzten Segment zahlreiche winzige dunkle Borsten. Aufrechte und an der Spitze leicht nach hinten weisende Borsten finden sich auch auf dem dritten Brustabschnittes in der Falte zum Hinterleib sowie auf den ersten sieben bis acht Segmenten des Hinterleibs.

Die Borsten ermöglichen die Bewegung der Larve im Fraßgang.

Eier Die Eier sind weißlich und oval. An einem Ende sind sie abgerundet, am andern etwas verlängerten Ende befindet sich die Mikropyle. Die Eier sind 0,45 bis 0,65 mm lang und 0,25 bis 0,35 mm breit. Die Hülle ist in Form von Fünf- oder Sechsecken skulpturiert. Diese Skulpturierung ist an dem Ende mit der Mikropyle besonders ausgeprägt, fehlt dagegen an den Berührungsstellen mit der Rinde. Bei der Eiablage werden die Eier häufig in Ritzen gepresst und verändern dabei ihre Form beträchtlich.

Biologie Allgemein Der Käfer wird zu den Altholzbesiedlern gerechnet. Er ist polyphag und befällt trockenes, noch berindetes Nadelholz, seltener die Zapfen. Dies sind häufig dünne Zweige, die im Absterben begriffen sind. Befallenes Holz kann noch in mehreren Folgejahren erneut für die Entwicklung genutzt werden. Offensichtlich verschlechtern sich dabei die Entwicklungsbedingungen zunehmend und die durchschnittliche Körpergröße der geschlüpften Imagines geht zurück. Die Tiere sind in der Dämmerung und nachts am aktivsten. Tagsüber meiden sie Licht. Bei Gefahr ziehen sie Beine und Fühler an den Körper und verharren steif.

Paarung und Eiablage Die Angaben zur Fortpflanzungsbiologie variieren leicht. Dies kann viele Gründe haben, etwa die Wirtspflanze oder die geographischen Lage des Orts der Untersuchung beziehungsweise die klimatischen Verhältnisse im Untersuchungszeitraum. Die angegebenen Daten beziehen sich überwiegend auf eine langjährige Studie in Tschechien mit der Wirtspflanze Pinus nigra.

Bei Verlassen der Puppenwiege sind die Geschlechtsorgane vollständig oder fast völlig entwickelt. Im letzteren Fall sind sie wenige Stunden bis maximal zwei Tage danach funktionsfähig. Sowohl sexuell reife als auch noch unreife Exemplare beginnen bald nach Verlassen der Puppenwiege damit, sich zu paaren. Die Paarung dauert einen knappen Tag, und die Käfer ziehen sich dazu in Holzritzen oder Ausschlupflöcher größerer Insekten zurück. Die Paarungsstellung wird gelegentlich selbst dann beibehalten, wenn die Tiere in die Fixierflüssigkeit des Sammelgeräts fallen. Die gleichen Käfer können sich wiederholt paaren, das Weibchen dazwischen Eier ablegen.

Auf der Suche nach geeigneten Stellen für die Eiablage rennen die Weibchen gleich nach der Befruchtung über die Rinde und prüfen diese dabei mit ihren Fühlern. Zucker begünstigen die Wahl des Ablageplatzes, Ester, Fettsäuren und flüchtige Öle dagegen wirken sich negativ aus. Als geeignete Stellen werden häufig die Ansätze von Zweigen gewählt, wo die Rinde rau und schuppig ausgebildet ist. Mit einer bis zu zwei Millimeter langer Legeröhre werden ein oder zwei, maximal sechs Eier unter abstehende Rindenschuppen oder in Rindenritzen gelegt. Die Anzahl der abgelegten Eier hängt dabei von der Größe der Ritze und der Dicke der Rinde ab. Die Eiablage beginnt bereits am ersten oder zweiten Tag nach Verlassen der Puppenwiege während der Nacht und setzt sich knappe zwei Wochen lang fort.

In den Eierstöcken der Weibchen sind mindestens 120 Eier angelegt, abgelegt werden jedoch nur zwanzig bis dreißig Eier. Das beobachtete Maximum waren 66 Eier. Die Größe der Weibchen ist durch das Nahrungsangebot während der Entwicklung bestimmt und wirkt sich auch auf die Anzahl der abgelegten Eier aus. Bei einer Untersuchung mit sechs Größenklassen war die Anzahl der in den Ovarien entwickelten Eier positiv mit der Größe der Weibchen korreliert. Bei Weibchen in der Gruppe der größten Exemplare enthielten die Ovarien mit durchschnittlich 68 Eiern 2,7-mal so viel Eier wie die Ovarien der Weibchen der kleinsten Größenklasse mit durchschnittlich 25 Eiern. Aus den Eiern schlüpfen abhängig von der Temperatur unter natürlichen Umständen nach zwei bis drei Wochen die Larven.

Entwicklung Kurz vor dem Schlüpfen des Embryos wird das Ei trüber. Die junge Larve beißt ein Loch in die Eihüllen und dringt durch dieses nach außen. Anschließend verzehrt sie die Eihüllen völlig oder teilweise. Die frisch geschlüpfte Larve ist noch kaum gekrümmt, der Brustabschnitt ist nur wenig verdickt. Außerdem kann die Larve sich noch problemlos auf einer ebenen Fläche fortbewegen, eine Eigenschaft, die sie später verliert. Die Larve kann auf der Suche nach einer Stelle, an der sie in die Rinde eindringen kann, mehrere Zentimeter zurücklegen und diese Suche über einen Tag ausdehnen. Dabei sind auch Fehlversuche möglich. Gewöhnlich finden die Larven jedoch sofort eine rissige Stelle, an der ein Eindringen in die Rinde möglich ist. Die Larve bohrt sich auf dem annähernd kürzesten Weg durch die Rinde auf die Wachstumsschicht der Wirtspflanze zwischen Rinde und Holz (Kambium) zu. Die Eintrittslöcher in die Rinde sind von kleinen Anhäufungen aus braun bis schwarzen scheiben- bis laibförmiger Kotstückchen zusammen mit Bohrstaub bedeckt. Später werden die Kotstückchen linsenförmig (Kotlinsen). Erreicht die Larve das Kambium, wird der Gang zwischen Holz und Rinde fortgesetzt. In dieser Schicht verlaufen die Gänge bis zur Verpuppung.