mini|hochkant=1.45|Näherung des altfränkischen Sprachraums der Spätantike, ohne kleinere Sprachinseln in Gallia Belgica.Karte in Anlehnung an: P. A. Kerkhof: Language, law and loanwords in early medieval Gaul: language contact and studies in Gallo-Romance phonology. Leiden, 2018, S. 24 und H. Ryckeboer: Het Nederlands in Noord-Frankrijk. Sociolinguïstische, dialectologische en contactlinguïstische aspecten. Gent, 1997, S. 183–184.Legende: thumb|Altniederländisches Sprachgebiet nach Angaben des Philologen Peter-Alexander Kerkhof, 2020 (ungefähr; tatsächlich gab es keine scharfen Grenzen zwischen germanischen Dialektgruppen) Mit Altfränkisch oder Fränkisch wird in der historischen Sprachwissenschaft die Sprache der germanischen Franken, eines Großverbands mehrerer Stämme, die sich im späten 3. Jahrhundert jenseits des niedergermanischen Limes ansiedelten, bezeichnet.

Definition und Abgrenzung Im Grunde könnte die altfränkische Sprache definiert werden als die jenseits der nordwestlichen Grenze des römischen Reiches gesprochenen spätgermanischen Varietäten rhein-weser-germanischer Herkunft.Hagen Keller: Strukturveränderungen in der westgermanischen Welt am Vorabend der fränkischen Großreichsbildung. Fragen, Suchbilder, Hypothesen. Die Franken und die Alemannen bis zur "Schlacht bei Zülpich" (496/97). Berlin, Boston: De Gruyter, 2011, S. 581–607.G. Mildenberger: Die Germanen in der archäologischen Forschung nach Kossinna. Germanische Altertumskunde Online: Kulturgeschichte bis ins Frühmittelalter – Archäologie, Geschichte, Philologie. Berlin, New York: De Gruyter, 2010, S. 310–320. Im Vergleich mit den nordseegermanischen und elbgermanischen Sprachen nahmen die altfränkischen Varietäten eine Mittelstellung ein, da für diese Dialekte nur sehr wenig Ingwäonismen und keine Merkmale der hochdeutschen Lautverschiebung angenommen werden.Anthony Buccini: Ab errore libera: The Northern Expansion of Frankish in the Merovingian Period and the Genesis of the Dutch language. Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik, 57(1), 2003, 183–220. Das zeitliche Spektrum des Altfränkischen umfasst im weitesten Sinne die Periode zwischen der Abspaltung der rheinwesergermanischen Dialekte vom Westgermanischen im 4. Jahrhundert bis zum Auftreten der hochdeutschen Lautverschiebung im 6. bis 7. Jahrhundert.A. Quak, J.M. van der Horst: Inleiding Oudnederlands. Löwen, Universitaire Pers, 2002. S. 107ff. Die Datierung des Endes der altfränkischen Sprachepoche anhand der zweiten Lautverschiebung, obwohl allgemein anerkannt, ist für die nicht-verschobenen Nachfahren des Altfränkischen sprachlich betrachtet von geringerer Bedeutung, weil das Kriterium der Lautverschiebung es nicht ermöglicht, einen deutlichen Unterschied zwischen dem Altfränkischen und den frühsten Phasen der altniederländischen (bzw. altniederfränkischen) Sprache zu machen. Für das Altfränkische und die späteren althochdeutschen Varietäten des Mittelrheins gibt es dieses Abgrenzungsproblem wegen der Teilnahme an der zweiten Lautverschiebung nicht.

In manchen Publikationen wird Ostfränkisch als Synonym der verschobenen Fortsetzungen des ehemaligen Altfränkischen benutzt. Die Bedeutung von Westfränkisch ist vielseitiger, denn dieser Begriff wird sowohl als Synonym des häufiger benutzten Altniederländischen (bzw. Altniederfränkischen) verwendet als auch besonders in deutschsprachigen Publikationen der germanischen Altertumskunde für die (ausgestorbenen) Sprachvarietäten im späteren romanisierten Gebiet.Arend Quak: „Franken, S 2: Sprache.“ In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 9. Walter de Gruyter, 1995, S. 374–381. Bestimmender Faktor dieser Definition ist aber Assimilation, nicht die sprachgenetische Beziehung dieser Sprachformen, denn die sprachlichen Unterschiede zwischen Westfränkisch in diesem Sinne und dem Altniederländischen sind entweder sehr klein oder zu vernachlässigen.Nicoline van der Sijs: Chronologisch woordenboek. De ouderdom en herkomst van onze woorden en betekenissen. Veen, Amsterdam / Antwerpen 2002, S. 109.Wolfgang Jungandreas: Westfränkisch? In: Leuvense bijdragen vol. 61, Löwen, 1972, S. 213–240.

Überlieferung mini|hochkant=1.45|Die Runeninschrift von Bergakker. Die altfränkische Sprache ist nicht direkt überliefert und wurde anhand des Alt- und Mittelniederländischen und bestimmter germanischer Lehnwörter im Altfranzösischen teilweise rekonstruiert. Römische Autoren erwähnen in ihren Werken zwar einzelne germanische Wörter aus dem Bereich der Franken, wie vadam („Watt“, 2. Jh.) und tui („Zwei“, 3. Jh.), aber diese sind wegen der Latinisierung und fehlendem Kontext problematisch.Frits van Oostrom: Stemmen op schrift. Geschiedenis van de Nederlandse literatuur vanaf het begin tot 1300. Bert Bakker Verlag, Amsterdam 2016, S. 48–49.Nicoline van der Sijs: Chronologisch woordenboek. De ouderdom en herkomst van onze woorden en betekenissen. Veen, Amsterdam / Antwerpen, 2002, S. 99–101. (dbnl.org) Die zur Mitte des 5. Jahrhunderts datierte Runeninschrift von Bergakker und eine in der Nähe von Maastricht gefundene Gürtelschnalle aus dem 6. Jahrhundert bilden die einzigen erhaltenen spätgermanischen Textquellen aus dem ehemaligen Siedlungsgebiet der Franken. Während die Maastrichter Gürtelschnalle nur die Inschrift Bobo (ein Personenname) enthält, wurden bei der Runeninschrift von Bergakker mehrere Wörter eingeschrieben.Tineke Looijenga, Tineke: A Very Important Person from Borgharen (Maastricht), Province of Limburg. NoR:12–13. 2003. Die Interpretation der Runeninschrift ist aber nicht eindeutig und auch die altfränkische Klassifizierung ist nicht unumstritten, wenn auch wahrscheinlich.Bernard Mees: The Bergakker Inscription and the Beginnings of Dutch. Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik 56, 2002, ISBN 90-420-1579-9, S. 23–26. Die malbergischen Glossen, eine Reihe germanischer Wörter, die im „Pactus legis Salicae“ und in der „Lex Salica“ gefunden wurden, werden als Altniederländisch kategorisiert, liegen jedoch in Bezug auf ihr Datum sehr nahe am späten Altfränkischen.

Sprachrekonstruktion + Rekonstruierte altfränkische Wörter, Kognaten und Lehnwörter (Auswahl)Diese Beispiele wurden basierend auf dem Etymologisch Woordenboek van het Nederlands (EWN, Marlies Philippa, Frans Debrabandere, Arend Quak, Tanneke Schoonheim und Nicoline van der Sijs, 2003–2009) und der Datenbank des Centre national de ressources textuelles et lexicales (CNRTL, Link) zusammengestellt. Französisch Altfranzösisch Altfränkisch Altniederländisch Mittelniederländisch Niederländisch bois „Wald“ bosc *busk busk busch, bosch bos „Wald“ chouette „Schleiereule“ çuete *kawa *kāwa cauwe, ca kauw „Dohle“ framboise „Himbeere“ frambeise *brambasi brambesi bramebesie braambes „Brombeere“ déchirer „reißen“ escirer *skîran skeran sceren scheren „reißen“ trêve „Waffenstillstand“ triwe *treuwa triuwa trouwe trouw „Treue“

Lautsystem Das Altfränkische könnte als ein konservativer Erblasser des Südgermanischen betrachtet werden. Neben den fehlenden Innovationen der zweiten Lautverschiebung unterscheidet es sich vom anglo-friesischen Lautsystem durch das Fehlen der geminierten Palatale *cc, *jj und *ɟɟ und der gespannten Vokale *æ, *ɔ, der Diphthonge *iu, *ej und *ai sowie den Erhalt der nasalen Konsonanten vor f, þ, s.Michiel de Vaan: The dawn of Dutch: Language contact in the Western Low Countries before 1200. Vol. 30. John Benjamins Publishing Company, 2017.

Sprachgebiet Das Hauptgebiet der frühen Franken umfasste die südlichen Niederlande, Nordbelgien, die Departements Pas-de-Calais und Nord, den Niederrhein und Teile des Mittelrheins und des Moselgebiets. Die Grenzen des fränkischen Sprachgebiets können im Norden und Osten nur skizziert werden, da die unterschiedlichen westgermanischen Varietäten damals fließend ineinander übergingen, und auch die altfränkischen Varietäten untereinander formten keine Einheitssprache im modernen Sinne.

Der Bereich der altfränkischen Sprache kann nicht mit den politischen Grenzen des Fränkischen Reichs gleichgesetzt werden. Schon seit den Eroberungen Chlodwigs im frühen 6. Jh. formten die Fränkischsprachigen eine Minderheit innerhalb des von den fränkischen Oberschichten dominierten Frankenreichs, zunächst in Bezug auf die zahlreichere galloromanische Bevölkerung, später, nach der Unterwerfung der alemannischen, thüringischen, bajuwarischen und sächsischen Stammesgebiete, auch in Bezug auf die germanischsprachige Bevölkerung. Diese sprachlich prekäre Lage wurde besonders klar im Verlauf des Frühmittelalters, als einerseits am Mittelrhein deutliche und wachsende Einflüsse der althochdeutschen Lautverschiebung aus dem alemannisch-bairischen Raum die dort beheimateten fränkischen Varietäten erreichten und anderseits in Nordfrankreich und Teilen Belgiens viele ursprünglich Germanischsprachige die altfranzösische Sprache übernahmen.

Weiterentwicklung In den Niederlanden und Flandern entwickelte sich das Altfränkische im 6. Jh. zum Altniederländischen (500–1200).A. Quak & J. M. van der Horst: Inleiding Oudnederlands. Löwen: Universitaire Pers, 2002, in Ancorae, Nr. 16, S. 3–22. Ein wichtiger Wendepunkt in der Entwicklung des Niederländischen ist die Assimilation eines nordseegermanischen Küstendialektes im 8. bis 9. Jh., wodurch das Spätaltniederländische, zusätzlich zu seiner altfränkischen Basis, auch einige Ingwäonismen kennt. Ein Beispiel dieser Entwicklung gibt es bei der Zahl fünf. In der frühaltniederländischen Sprache wurde diese noch als vinf geschrieben, aber im späteren Altniederländischen aufgrund des Nasal-Spiranten-Gesetzes erscheint sie als vijf. Über das Altniederländische und Mittelniederländische entwickelte sich aus den altfränkischen Varietäten der heutigen Gebiete Belgiens, der Niederlande und Nordwestfrankreichs die heutige niederländische Sprache.