Als Teutonismus, Deutschlandismus oder BundesgermanismusAnja Ehrsam-Neff: Eine empirische Untersuchung der Helvetismen anhand der Schweizer Tageszeitung Blick, Universität Zürich, 27. Juni 2005. werden in der germanistischen Fachliteratur Wörter und Ausdrücke der Deutschen Sprache bezeichnet, welche nur innerhalb der Bundesrepublik Deutschland verwendet werden und auch Geltung haben. Die Begriffe müssen nicht im gesamten Gebiet der Bundesrepublik verwendet werden, aber solltem dem dort verwendeten Standarddeutsch zuzurechen sein und nicht nur den Dialekten oder Umgangssprachen. Die Ausdrücke sind somit Teil des Deutschländischen Deutsch.Anna-Julia Lingg: Kriterien zur Unterscheidung von Austriazismen, Helvetismen und Teutonismen in: Christa Dürscheid, Martin Businger (Hrsg.): Schweizer Standarddeutsch: Beiträge zur Varietätenlinguistik. Gunter Narr Verlag, 2006, ISBN 3-8233-6225-9, S. 23 ff.
Beschreibung Die relativ neuen Begriffe dienen zur Unterscheidung gegenüber gemeindeutschen Ausdrücken, welche in allen dominierenden Sprachräumen als heimisch empfunden werden, sowie den schon länger beschriebenen Austriazismen als Eigenarten im Österreichischen Deutsch und den Helvetismen als Eigenarten im Schweizer Hochdeutsch. Sie sind Zeichen dafür, dass die deutsche Sprache (ebenso wie auch das Englische, das Französische und das Spanische) heute als plurizentrische Sprache angesehen wird.
Bei der Bezeichnung von Ausdrücken können auch Begriffskombinationen gebildet werden wie beispielsweise Teuto-Austriazismus für Begriffe, die nicht in der Schweiz verwendet werden, aber in Deutschland und Österreich. Zu beachten sind dabei auch Sachspezifika als unechte Parallelformen (so entspricht die Trafik in Österreich nur teilweise dem Tabakladen in Deutschland und der Schweiz, und Sahne wird in Österreich, wenn überhaupt, fast nur für Schlagsahne verwendet) und Teilsynonyme (etwa Pension als allgemeine Altersversorgung in Österreich und nur als Beamten-Altersversorgung in Deutschland).Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Walter de Gruyter, 2000, ISBN 3-11-014344-5, S. 421.
Damit die Sprachform eines Wortes Geltung hat, muss sie als die eigene anerkannt werden. Dies ist etwa bei den Schnürsenkeln in Österreich und der Schweiz nicht der Fall. Das Wort ist zwar überall bekannt, erscheint aber nicht in den österreichischen und Schweizer Kodizes und wird von vielen Befragten als bundesdeutsch eingeordnet. Die Meinung der Dudenredaktion, Teutonismen gebe es nur nach Geltung und nicht nach Geltung und Bekanntheit, wird von Christa Dürscheid und Martin Businger widerlegt.
Vor allem in der Deutschschweiz und in Österreich sind manche bundesdeutschen Wörter entweder unbekannt oder sie werden zwar verstanden, aber nicht aktiv gebraucht oder sie sind signifikant seltener als in der Bundesrepublik Deutschland und haben keine Geltung oder sie haben nicht dieselbe Bedeutung wie in Deutschland.
Aus welcher Sprache ein bundesdeutscher Begriff letztlich stammt (also dessen Etymologie), ist für diese Art von Fragestellung nicht von Belang. Zur passiven Bekanntheit vieler bundesdeutscher Begriffe auch über deren ursprüngliches Verbreitungsgebiet hinaus haben die modernen Massenmedien beigetragen. So gibt es in der Schweiz und in Österreich viele über Satellit oder Kabel frei empfangbare Fernsehprogramme aus Deutschland, und die Auswahl an in Österreich erhältlichen wöchentlichen und monatlichen Zeitschriften ist stark durch Produkte der großen deutschen Verlage dominiert.
Österreichisches Fernsehen ist dagegen über Satellit in Deutschland aus finanziellen Gründen (etwa Spielfilmgebühren) nur verschlüsselt empfangbar. Deshalb sind Teutonismen in Österreich und der Schweiz eher bekannt als Austriazismen und Helvetismen in Deutschland. Robert Sedlaczek meint, dass das Verständnis für Teutonismen und Austriazismen in Österreich viel stärker ausgeprägt ist, da sich dort die beiden Varianten stärker vermischen als in Deutschland, wo es weniger Möglichkeiten gibt, mit dem österreichischen Deutsch in Kontakt zu kommen.Robert Sedlaczek: Das österreichische Deutsch. Wie wir uns von unserem großen Nachbarn unterscheiden. Ueberreuter, Wien 2004, S. 392.
Schon auf Grund der Größe Deutschlands und wegen des relativ starken Regionalbewusstseins werden einige deutschlanddeutsche Wörter nur in Teilen Deutschlands aktiv verwendet. Die spezifischere, aber das System der Nationalvarietäten nicht unbedingt ausschließende Unterkategorie der Regionalismen ist oft ausserhalb der jeweiligen Standardvarietät nicht bekannt und manchmal sogar nicht einmal innerhalb dieser. Trotzdem hat der seit 1871 bestehende deutsche Nationalstaat mit der immer weiter gehenden Vereinheitlichung des öffentlichen Lebens auch sprachlich vereinheitlichend gewirkt. Gleichzeitig gingen die Schweiz und Österreich oft eigene Wege. Dies betrifft nicht bloß den spezifischen Wortschatz der öffentlichen Verwaltung im engeren Sinne (Statalismen), sondern auch andere, zunehmend zentral gelenkte Teile des Lebens, so zum Beispiel alle Bereiche der Ausbildung und den öffentlichen Verkehr, neuerdings auch die Freizeit.
Abgrenzungen und Definitionsunterschiede
Nationalvarietät und Kodifizierung
In Gegnerschaft zu den Sachsen Adelung (1732–1806) und Gottsched (1700–1766), welche ihre Varität als einheitliche Standardvarität des Deutschen durchsetzen wollten sammelte der Wiener Popowitsch (1705–1774) viele Belege für die Sprachunterschiede zwischen Österreich und Deutschland und veröffentlichte kleiner Arbeiten. Erste Ansätze zu einer übergreifenden Darstellung der Nationalvarietäten des Deutschen sind im Werk Wortgeographie der deutschen Umgangssprache des aus Berlin stammenden Wieners Paul Kretschmer aus dem Jahre 1918 zu sehen.Ulrich Ammon: Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietät. Berlin, New York 1995, S. 35 ff.
Ab den 1950er wurde unabhängig voneinander vor allem in der Sowjetunion, den USA und Australien der Problembereich der Nationalvarietäten aufgearbeitet, wobei mit Englisch, Französisch und Spanisch begonnen wurde. Die 1934 aus Wien emigrierte Germanistin Elise Riesel begann ab 1953 den Begriff „nationale Variante“ auf Österreich, Deutschland und die Schweiz anzuwenden.
In der Bundesrepublik regte Heinz Kloss ab 1952 den Ansatz „plurizentristische Sprache“ an, der wiederum den Begriff vom US-amerikanischen Soziolinguisten William A. Stwart übernommen hat. Hugo Moser beeinflusste die Germanistik besonders ab 1959 nachhaltig. Er ersetzte den spätestens 1948 obsoltet gewordenen Terminus Reichsdeutsch durch Binnendeutsch, welcher bis in die 1990er verwendet wird. Er stark monozentristisch belegt und Moser sprach von den „Außengebieten der deutschen Hochsprache“ (Österreich, Schweiz und dt. Minderheiten in anderen Ländern) und der „Hauptvariante Bundesrepublik“. Auch DDR-Deutsch bezeichnete er als „abweichend“, „uneigentliches“ und Deutsch der Bundesrepublik als das unverändert „eigentliche“ Deutsch. Aus dieser Perspektive erscheinen alle nichtbundesdeutschen Nationalvaritäten als zweitrangig und werden mit Regionalismen beziehungsweise Minderheutendeutsch in anderen Ländern auf eine Stufe gestellt. So ignorierte man auch Besonderheiten der Bundesrepublik oder beschrieb sie einfach nicht als solche. Vor allem in der DDR wurde seit 1974 der Begriff „nationale Variante“ auch für DDR-Deutsch und Deutsch der Bundesrepublik postuliert, was nicht unwidersprochen blieb.Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Walter de Gruyter, 2000, ISBN 3-11-014344-5, S. 419 ff.
Ab Ende der 1970er begann eine übergreifende, alle großen Nationalvaritäten gleichstellende, Erörterung des Problems. Mit Kritik an der „Binnendeutsch“- und „Besonderheiten“-Perspektive wurde dabei auch der Begriff „nationale Variante des Deutschen“ für das österreichische Deutsch andiskutiert, neben „westdeutsche/ostdeutsche Varität“ als „staatliche Varitäten“. Der aus Australien stammende Germanist Michael Clyne schrieb 1982: „Deutsch, wie auch Englisch, Französisch, Spanisch, Serbokroatisch und zahlreiche andere Sprachen, ist eine plurizentrische Sprache, d. h. eine Sprache mit mehreren gleichberechtigten Nationalvarianten“,Clyne 1982, S. 54. führt die Verbindung von „plurizentristischen Sprache“ mit „Nationalvarietät“ zwei Jahre später mit seiner Monographie Language and society in the German-speaking countries in die Sprachwissenschaft ein und erörtert sie 1986 auf einer Deutschlehrertagung in Bern und vermittelt sie damit einer breiten Öffentlichkeit.
Von Polenz bezeichnet 1987 die monozentristische Ansicht vom „Binnendeutsch“ als überwunden.Polenz 1987, S. 101. Dies mag vielleicht für Spezialisten gelten, in der Praxis ist sie aber noch immer vorhanden. Ein Beispiel ist der Duden, der nur Austriazismen, Helvetizismen und sehr regionale Varianten in Deutschland extra kennzeichnet. Bei Deutschlandismen geschieht dies nicht und sie werden somit als allgemeingültige Ausdrücke angesehen. Dadurch entsteht beim Leser die Illusion, es gäbe keine deutschen Wörter, die nur in Deutschland gebräuchlich sind. Auch in der internationalen Germanistik ist dies zu bemerken. Eine Untersuchung über den Status des Österreichischen Deutsch ergab, dass dieses zwar als „charmant“ aber „falsch“ eingestuft wird und Deutschlandismen eindeutig bevorzugt werden. Auch rät man teilweise von Sprachaufenthalten in Österreich ab, und die Studierenen befürchten, mit einem österreichischen Akzent eine schlechtere Note zu erhalten.Jutta Ransmayr: Der Status des Österreichischen Deutsch an nicht-deutschsprachigen Universitäten. Eine empirische Untersuchung (= Österreichisches Deutsch – Sprache der Gegenwart. Bd. 8). Peter Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-631-55242-4, Rezension durch Heinz Ulrich Pohl Für das Schweizer Hochdeutsch dürfte Analoges gelten. Und selbst in Deutschland gibt es laut Ammon eine „Arroganz [...] gegenüber allem Deutsch, das nicht dem Norddeutschen entspricht.“Richard Schneider: Neuartiges Variantenwörterbuch des Deutschen: Ulrich Ammon geißelt „Arroganz der Deutschen gegenüber allem Deutsch, das nicht dem Norddeutschen entspricht“. 28. März 2005, uebersetzungsportal.de
Austriazismen und Helvetismen wurden immer wieder in Wörterbüchern kompiliert. Eine explizite Sammlung von Teutonismen fehlt bisher. Nach Ammon resultiert die bisherige Unterlassung solcher Vorhaben einerseits aus einem monozentristischen binnendeutschen Weltbild, nach dem das deutschländische Deutsch mit einem überregionalen Gesamtdeutsch identisch sei und andererseits – bei plurizentrisch Eingestellten – aus der Überzeugung, dass deutschländisches Deutsch keine Einheit bilde. Verstärkt wurde dies durch die Teilung Deutschlands zwischen 1949 und 1990, welche den Blick auf das Trennende in beiden deutschen Staaten fokussiert hat.Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Walter de Gruyter, 2000, ISBN 3-11-014344-5, S. 422 f. So hat Ulrich Ammon 1995 die erste umfassende Monographie über Nationalvarietäten des Deutschen veröffentlicht. Und im Jahre 2004 brachte er mit Kollegen aus Österreich und der Schweiz das Variantenwörterbuch des Deutschen heraus, in dieser vergleichenden Form eine internationale Novität in der Linguistik.
Andere für Deutschland charakteristische Merkmale der deutschen Sprache (Aussprache, Morphologie, Wortbildung und Syntax) sind noch genauer zu erforschen.
Konzeptkritik
Kritiker halten die Begriffe Teutonismus, Austriazismus und Helvetismus für irreführend, weil sie angeblich von einem einheitlichen nationalen Sprachgebiet ausgehen, in der Realität aber auch innerhalb der Staaten Deutschland, Österreich und Schweiz beträchtliche regionale Unterschiede im hochdeutschen, aktiv angewandten Vokabular bestehen.
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