Ein forderungsbesichertes Wertpapier (, Abkürzung: ABS) ist im Finanzwesen eine Anleihe, die von einer Zweckgesellschaft emittiert wird und als Anleihedeckung eine Vielzahl von Forderungen oder Wertpapieren unterschiedlicher Schuldner in einem Portfolio vereinigt. ABS gehören zu den strukturierten Finanzprodukten.
Allgemeines Der Begriff „forderungsbesichertes Wertpapier“ suggeriert, dass lediglich Forderungen in ein Portfolio aufgenommen werden können, doch können auch andere Vermögenswerte () wie Wertpapiere (Anleihen, Geldmarktpapiere) in ein Portfolio () eingebracht werden. Anleihen (Unternehmensanleihen, Staatsanleihen oder Kommunalanleihen) sind meist ungedeckt, so dass die Anleihedeckung bei forderungsbesicherten Wertpapieren das Finanzrisiko eines Anlegers oder sonstigen Gläubigers vermindern soll. Die Zweckgesellschaft (, kurz SPV) als Emittent weist kein akzeptables Emittentenrisiko auf, so dass die Anleihedeckung zur Risikominderung bei Gläubigern beitragen soll.Fred Wagner, Gabler Versicherungslexikon, 2017, S. 61 f. Für ihre Dienstleistungen erhebt die Zweckgesellschaft Gebühren. Forderungsbesicherte Wertpapiere haben zum Ziel, bisher nicht liquide Vermögensgegenstände () in festverzinsliche, handelbare Anleihen () im Rahmen der Verbriefung () zu transformieren.Reto R. Gallati, Verzinsliche Wertpapiere, 2011, S. 211 Diese Vermögensgegenstände decken () die Forderungen des Gläubigers.
Anleihedeckung Als Anleihedeckung können Forderungen (insbesondere aus Autokrediten, Bankkrediten, Hypothekendarlehen, Konsumkrediten, Kreditkarten- und Leasingforderungen, Forderungen aus Lieferungen) und Wertpapiere (Unternehmensanleihen, Pfandbriefe, Kommunalanleihen, Staatsanleihen) dienen. Sie werden in das Portfolio der Zweckgesellschaft eingebracht, indem sie diese Forderungen gegen Zahlung des Kaufpreises von vielen Gläubigern erwirbt und diese Bezahlung durch die Anleiheerlöse aus der Emission finanziert. Durch die Anleihedeckung handelt es sich bei forderungsbesicherten Wertpapieren um gedeckte Anleihen (). Eine Vielzahl von Schuldnern erhöht die Granularität und vermindert das Klumpenrisiko der Zweckgesellschaft. Die Zweckgesellschaft ist vom Portfolio insolvenzfern strukturiert (), so dass die Kreditzinsen und Tilgungen auf die im Portfolio enthaltenen Forderungen/Wertpapiere direkt an die Anleihegläubiger als Zins weitergegeben werden.Jens Leker/Oliver Everling/Stefan Bielmeier, Credit Analyst, 2015, S. 352 f. Durch dieses Outsourcing des Portfolios () wirkt sich die Insolvenz der Zweckgesellschaft nicht auf die von ihr emittierte Anleihe aus, die von den Ratingagenturen ein eigenständiges Emissionsrating erhält.
Die Verwaltung der verkauften Forderungen (also z. B. Debitorenmanagement und Inkasso der Kredite) verbleibt oft beim Forderungsverkäufer, kann aber auch an einen sogenannten Servicer ausgelagert werden.
Arten Generell wird unterschieden zwischen True-Sale- und synthetic-Sale:Thomas Poppensieker, Kreditportfoliosteuerung mit Sekundärmarktinstrumenten, 2002, S. 60 Dabei kommen je nach Portfolio folgende Anleihearten vor: Asset Backed Securities: Collateralized Debt Obligations (CDO), Schuldscheine; Mortgage Backed Securities: Hypothekenbesichertes Wertpapier (RMBS), Commercial Mortgage Backed Securitisation (CMBS), Collateralized Mortgage Obligations (CMO) oder Hypothekenpfandbriefe. CDOs enthalten eine Vielzahl von festverzinslichen Wertpapieren und Forderungen, CMOs beinhalten grundpfandrechtlich gesicherte Hypothekendarlehen, Schuldscheine werden meist von Industrieunternehmen ausgegeben. Der Pool bei CMBS enthält entweder Wohnimmobilien (RMBS) oder Gewerbeimmobilien (CMBS).
Hieraus ergibt sich folgende Einteilung:Andreas Jobst, Collateralized Loan Obligations (CLOs): A Primer CFS Working Paper, 2003, S. 11
Asset Backed Securities (ABS) Unterart/Portfolio Asset Backed Securities im engeren Sinn: Autokredite, Bankkredite, Kreditkartenforderungen, Leasingforderungen Mortgage Backed Securities (MBS) Hypothekenbesichertes Wertpapier Wohnimmobilien (RMBS) Gewerbeimmobilien (CMBS) Collateralized Mortgage Obligations (CMO) Collateralized Debt Obligations (CDO) Collateralized Loan Obligations (CLO) Collateralized Bond Obligations (CBO) Asset Backed Securities im weiteren Sinn: besichertes Geldmarktpapier (ABCP)
Der Vertrieb der Asset Backed Securities im engeren Sinn erfolgt auf dem Kapitalmarkt, besicherte Geldmarktpapiere sind Handelsobjekte auf dem Geldmarkt.
Dabei wird zwischen einer Single-Seller- () und einer Muli-Seller-Struktur () unterschieden:Bernd Rudolph/Bernd Hofmann/Albert Schaber/Klaus Schäfer, Kreditrisikotransfer, 2007, S. 48
Single-Seller Multi-Seller Portfolio enthält Forderungen eines einzigen Originators Portfolio enthält Forderungen mehrerer Originatoren Publizität der Forderungsabtretung Publizität nur, wenn von einem Originator gewünscht Transaktionskosten relativ niedrig Transaktionskosten relativ hoch Refinanzierungsstruktur individuell an Originator angepasst Refinanzierungsstrukturen nur bedingt anpassbar
Zusätzliche Risikoverbesserung
Eine weitere Risikominderung entsteht aus zusätzlichen Sicherungen (), welche die Transaktion absichern oder das Rating verbessern sollen. Rechtlich und wirtschaftlich sinnvolle Formen sind die Übersicherung (), bei der das aus den Forderungen resultierende Vermögen den Nominalwert der emittierten Wertpapiere übersteigt, die Aufteilung der forderungsbesicherten Wertpapiere in vor- und nachrangige Tranchen (Subordination) und die Einrichtung eines Reservekontos (), auf dem Zahlungsüberschüsse deponiert werden. Alternativ kann der Forderungspool mit einem „Cash-Abschlag“ () an die Zweckgesellschaft übertragen werden oder eine Zahlungsgarantie durch den Forderungsverkäufer, eine verbundene Gesellschaft oder einen außenstehenden Dritten, zum Beispiel eine Kreditversicherung, erfolgen. Forderungsausfälle des Forderungspools sollen durch diese Sicherheitsmechanismen abgefangen werden. Neben diesen Ausfallsicherungen werden auch Liquiditätsfazilitäten eingesetzt, die nur auf Grund von Marktstörungen oder Liquiditätsengpässen in Anspruch genommen werden (). Häufig werden mehrere Sicherungsformen kombiniert. Ziel ist, eine vernünftige Abwägung zwischen Ratingverbesserung und Kostenerhöhung zu treffen.
Vor- und Nachteile der Transaktion für eine Bank als Forderungsverkäufer Schaffung liquider Mittel Den Gegenwert der verkauften Forderungen erhält die Bank (Originator) als liquide Mittel und kann diese nun anders investieren. Der Aktivtausch verbessert auch ihre Risikoposition. Zum einen kann sie die Liquidität nutzen, um Verbindlichkeiten abzubauen. Damit erreicht sie eine Bilanzverkürzung und die Erhöhung der Eigenkapitalquote. Durch den bilanzwirksamen Verkauf verbessert sie zudem ihr Rating und erreicht so sinkende Refinanzierungskosten. Der Mittelzufluss kann auch in ertragreichere Finanzprodukte reinvestiert werden.
Die Kapitalkosten einer über forderungsbesicherte Wertpapiere finanzierten Investition sind niedriger als bei der traditionellen Fremdfinanzierung. Grund dafür ist die mit dem „true sale“ erreichte Unabhängigkeit der Bonität des abgetrennten Forderungspools von der des veräußernden Kreditinstitutes. Mit dem Verkauf der Forderungen wird auch das Ausfallrisiko auf die Zweckgesellschaft übertragen. Die regulatorische Eigenkapitalentlastung, die mit diesem Risikotransfer einhergeht, ist der wichtigste Grund für den Einsatz forderungsbesicherter Wertpapiere. Für die verkauften Kredite muss die Bank in Abhängigkeit vom Sicherungsgeber weniger oder gar kein haftendes Eigenkapital vorhalten.
Hoher Aufwand Nachteile von Transaktionen forderungsbesicherter Wertpapiere resultieren vor allem aus der komplizierten Konstruktion und den damit verbundenen Kosten. Für eine kostendeckende Funktionsweise müssen die Zinserträge der Kredite ausreichen, um die Kapitalmarktzinsen an die Investoren sowie die Transaktionskosten zu decken. Beim Verkauf gehen der Bank natürlich zudem die Zinserträge der verkauften Kredite verloren. Bedingung für die angestrebte Eigenkapitalentlastung ist ein sogenannter „clean break“: Der Bank darf aus den verkauften Forderungen keinerlei Ausfallrisiko mehr erwachsen, wenn die Kreditschuldner insolvent werden.
Transaktionen forderungsbesicherter Wertpapiere verursachen einmalige und laufende Kosten, wobei der Fixkostenanteil sehr hoch ist. Erst bei einem hohen Kapitalbedarf sind ABS wirtschaftlich.
Aktivierungspflicht der Forderungen bei der Zweckgesellschaft Um für alle Beteiligten die gewünschten positiven Effekte zu erzielen, ist Voraussetzung, dass die Forderungen in das Vermögen der Zweckgesellschaft übertragen werden und damit das Kreditrisiko der Forderungen vom Kreditrisiko des verkaufenden Unternehmens (Originator) sauber getrennt ist. Konsequenterweise wird mit dieser Handhabung sichergestellt, dass die forderungskaufende Zweckgesellschaft nicht zum Konsolidierungskreis des Originators gehört und somit die Aktivierungspflicht der Forderungen bei der Zweckgesellschaft angesiedelt wird.
Steuer- und handelsrechtliche Vorteile Vorteile sind aus dem deutschen Handels- und Steuerrecht erzielbar: Statt eines tatsächlichen Verkaufs wird nur das Kreditrisiko mittels eines Credit Default Swap abgegeben. Damit entfällt die Gewerbesteuerpflicht der Zinserträge der Zweckgesellschaft.
Aufsichtsrechtliche Vorteile Das deutsche Bankenaufsichtsrecht bot bis Inkrafttreten von Basel II Anreize für die Verwendung von forderungsbesicherten Wertpapieren (ABS). Ausfallrisiken müssen mit Eigenmitteln unterlegt werden. Die Unterlegung kann durch die Verbriefung von Forderungen mit guter Bonität deutlich reduziert werden. Diesen Vorgang nennt man auch Regulierungsarbitrage. Aufsichtsbehörden erkennen die Verschiebung von Kreditforderungen aus dem Bestand des Originators auf die Zweckgesellschaft nur dann an, wenn der Risikotransfer tatsächlich stattfindet ().Thomas Söhlke, Regulatorische Erfassung des Kreditrisikos, 2002, S. 170 f. Das heißt, dass der Originator dann nicht weiter dafür haften muss, dass die Forderungen beglichen werden.
Wirtschaftliche Aspekte Forderungsbesicherte Wertpapiere sind ein Risikotransfer, weil der eigentliche Risikoträger (wie etwa eine Bank bei Bankkrediten) sein Finanzrisiko letztlich an einen Anleger übertragt. Der Nominalzins der besicherten Wertpapiere richtet sich nach Bonität und Rating der zugrunde liegenden Forderungen/Wertpapiere. Die Granularität kann durch Risikodiversifizierung verbessert werden, das Klumpenrisiko entsprechend vermindert oder eliminiert werden. Es verbleibt stets das systematische Risiko, das nicht durch Risikodiversifizierung beseitigt werden kann und bei derartigen Finanzinstrumenten nicht unterschätzt werden darf. CDOs werden oft in mehreren Tranchen vermarktet, wobei die obersten Tranchen () gegenüber den übrigen () bevorrechtigt sind.
Anlegerrisiko Einige Merkmale der ABS-Anleihen wirken zwar risikomindernd (Granularität, Ringfencing und Risikostreuung), doch beinhalten die Portfolios ein systematisches Risiko, das etwa aus einem Marktrisiko und/oder Zinsrisiko bestehen kann und alle im Portfolio vorhandenen Forderungen/Wertpapiere gemeinsam treffen kann. Bei der Subprime-Krise ab August 2007 gab es in den USA eine Immobilienblase, welche die Mortgage Backed Securities durch Zwangsversteigerungen () traf. Die Finanzkrise ab 2007 hat gezeigt, wie vulnerabel die verheißene – und durch Ratingagenturen bestätigte – Anlegersicherheit tatsächlich sein kann.Hans E. Büschgen, Das kleine Börsen-Lexikon, 2012, S. 231 Ähnlich ist die Situation bei einem Hochzinsniveau, weil viele Kreditnehmer ihre Kreditzinsen nicht mehr bezahlen können und damit das Finanzrisiko des Portfolios erhöhen.