Die Situationistische Internationale (S.I.) war eine 1957 gegründete linke Gruppe europäischer Künstler und Intellektueller (darunter politische Theoretiker, Architekten, freischaffende Künstler), die vor allem in den 1960er Jahren aktiv war. Die Situationisten beeinflussten die politische Linke, speziell im Umfeld des Pariser Mai 1968, die Entwicklung der Methoden der Kommunikationsguerilla und die internationale Kunstszene, insbesondere die Popkultur. Die Zahl der Mitglieder lag zwischen zehn und 25.Orlich, Max: Situationistische Internationale. Eintritt, Austritt, Ausschluss, Bielefeld, 2011, S. 161. Über die Zeit waren insgesamt ca. 70 Personen beteiligt. 1972 gab die Gruppe ihre Selbstauflösung bekannt.
Konzept Die Situationisten setzten sich für die Umsetzung der Versprechen der Kunst im Alltagsleben ein. Sie forderten unter anderem die Abschaffung der Ware, der Lohnarbeit, der Technokratie und der Hierarchien. Zudem entwickelten sie ein Konzept der „theoretischen und praktischen Herstellung von Situationen“, in denen das Leben selbst zum Kunstwerk werden sollte. Einige Situationisten waren in den Ausbruch der Studentenunruhen vom Mai 1968 verwickelt, die auf ganz Frankreich übergriffen und dort, anders als in Deutschland, weite Teile der Arbeiterklasse erfassten. Situationistische Ideen waren in den folgenden Jahren weit verbreitet und haben international in Kunst, Politik, Architektur und vor allem in der Popkultur Spuren, die sich bis in die Gegenwart ziehen, hinterlassen. Ihre Aktionsformen wurden unter anderem im Fluxus und in der Performancekunst aufgegriffen.
Der Situationistischen Internationale werden einige bekannte Slogans der Zeit zugeschrieben: „Verbieten ist verboten!“ (Il est interdit d’interdire, stammt in Wirklichkeit aber von Jean Yanne). „Unter dem Pflaster liegt der Strand.“ (Sous les pavés, la plage). „Arbeit? Niemals.“ (Ne travaillez jamais).
Geschichte Zur Vorgeschichte Die situationistische Bewegung begann Anfang der 1950er-Jahre im Frankreich von Sartre und Camus und war eng verbunden mit der Person von Guy Debord. Debord war die zentrale Figur in der Entwicklung der situationistischen Theorie und so etwas wie die graue Eminenz der Gruppe. Mit 19 Jahren fielen ihm 1951 beim Cannes Film Festival zunächst die avantgardistischen Lettristen auf, eine Künstlergruppe in der Tradition der Surrealisten, die man sonst nachts in heruntergekommenen Pariser Cafés antraf. Sie nahmen wegen der Uraufführung eines Filmes von Isidore Isou am Festival teil. Als junge Vertreter eines radikal romantischen Bohème-Lebensstils verursachten sie durch ihr Auftreten und ihren Film wegen der postulierten und eindrücklich zelebrierten Zerstörung des herkömmlichen Kinos in Cannes einen Skandal. Debord war fasziniert und schloss sich ihnen bald an.
Die Lettristen gaben die Zeitschrift Potlach heraus (benannt nach dem Potlatch, einem Gabenritual in nordwestamerikanischen indigenen Gemeinschaften), in der sich spätere Thesen und Ideen der Situationisten bereits abzeichneten. Einige Lettristen, u. a. Debord, schlossen sich nach einer Spaltung der Gruppe zur politischeren „Lettristischen Internationale“ zusammen, dem Vorläufer der Situationistischen Internationale. Yves Klein kannte die Lettristen seit dem Beginn der 1950er, René Magritte korrespondierte mit ihnen.
Gründung Die eigentliche Situationistische Internationale wurde dann am 28. Juli 1957 in Cosio d’Arroscia (50 km nordöstlich von Monaco) gegründet. Es vereinigten sich dabei die vom Maler Asger Jorn gegründete „Mouvement pour un Bauhaus Imaginiste“, die die Rolle des Künstlers in der Industriegesellschaft erforschte, die „Londoner Psychogeographische Gesellschaft“ von Ralph Rumney und die zuvor genannte „Lettristische Internationale“ mit dem Ziel der Schaffung einer Organisation zur praktischen Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und Leben.
Mitglieder der S.I. waren Künstler und Künstlerinnen aus 10 Ländern wie etwa der Ungar Attila Kotányi, Jacqueline de Jong, Guillaume Faye, Hans Platschek, Ivan Chtcheglov, Raoul Vaneigem, Giuseppe „Pinot“ Gallizio, Piero Simondo, Elena Verrone, Edoardo Sanguineti, Alexander Trocchi, Uwe Lausen, Dieter Kunzelmann (Kommune 1), der wegen Nationalsituationismus ausgeschlossen wurde,„Situationistische Revolutionstheorie“ – Communistische Aktualität und linke Verblendung (PDF; 178 kB) von Biene Baumeister Zwi Negator, abgerufen am 26. September 2008. sowie die Mitglieder der Münchner Künstlergruppe SPUR (die in München 1959 nach erbitterten Diskussionen über die Rolle der Malerei mit der S.I. fusionierten, aber 1961 wieder ausgeschlossen wurden), oder Michèle Bernstein, Mustapha Khayati aus Tunesien, Abdelhafid Khatib aus Algerien, René Viénet und Gretel Stadler.
Aktivitäten Die Situationistische Internationale beschäftigte sich mit Malerei, Theorie, Geschichte und Stadtplanung.
Bei ihrer traditionelleren künstlerischen Arbeit nutzten die Situationisten neben der Malerei (Tachismus, Informel) häufig auch das Mittel der Collage, arbeiteten viel mit vorgefundenem Material, das sie leicht abänderten, übermalten oder neu kombinierten. Bilder wie die „Lockung“ von Asger Jorn (ein „umgestaltetes“ romantisches Landschaftsbild, in das Jorn grobe, angedeutete, freundliche Figuren in den Farbtönen der Landschaft hineinmalte), erzielen heute Preise von bis zu 800.000 Euro. Debord erstellte avantgardistische Filmcollagen und Filme wie „Durchgang einiger Personen durch eine kürzere Zeiteinheit“.
In der Zeit ihres Bestehens wanderte der Fokus der Arbeit von der Kunst zur Politik, künstlerische Arbeiten verstanden sich zunehmend als Visualisierungen geschichtlicher und kultureller Prozesse. Immer wieder kam es zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Gruppe, die zu Austritten, Ausschlüssen, Abgrenzungen und Abspaltungen führten: Jede Konzession an herrschende Normen, jedes Zurücktreten hinter die revolutionären Maximalforderungen galt als Verrat. Das Verhältnis von Kunst und Politik sowie die Rolle der Malerei wurden immer wieder diskutiert.
Constant Es wurden von 1957 an verschiedene Aktionen und Ausstellungen geplant und teils realisiert, von denen zum Beispiel „New Babylon“ (1960) von Constant (mit vollem Namen Constant Nieuwenhuys) große Aufmerksamkeit erregte: Er konzipierte eine Stadt für einen „spielerischen“, mobilen Menschen, den die Automatisierung aus seiner geregelten Berufswelt geworfen hatte und der nun seine Kreativität entfalten konnte. Constant entwarf damit eine moderne Gegenwelt zu den Konzepten von Le Corbusier. 1959 schlug er vor, die Börse von Amsterdam niederzureißen, um an ihrer Stelle einen Spielplatz zu errichten. Für eine mit seinem Bekannten Pinot Gallizio befreundete Gruppe von Sinti und Roma in Alba, Norditalien entwarf er schon 1956 den Plan eines mobilen Camps.Roberto Ohrt, Phantom Avantgarde, Edition Nautilus, Hamburg, 1990, S. 118f. Constants Arbeiten bewegten sich zwischen Malerei und Architektur. Seine sehr konkreten Vorschläge und sein Konzept, nur neue Gebäude zu verwenden, stießen in der Gruppe auch auf Kritik. Debord war beispielsweise eher an den Ablagerungsspuren der Zeit in der Stadt, an den Schichten von Erinnerung interessiert. Es kam daraufhin zum Bruch mit der Gruppe. Constant wurde sein künstlerischer Erfolg zum Vorwurf gemacht und es wurden ihm egoistische Strategien unterstellt.
Die Welt als Labyrinth Ein Projekt in den Niederlanden 1960 („Die Welt als Labyrinth“), ein Labyrinth im Auftrag des Amsterdamer Stedelijk Museums, entfachte ebenfalls eine Kontroverse. Das Labyrinth war als „kombinierte, noch nie gesehene Umwelt durch Verquickung innerer und äußerer Züge…“ geplant, wohnlicher Innenraum und städtischer Außenraum gingen ineinander über. Nebel, Regen oder Wind wurden künstlich erzeugt, Klänge von Tonbändern, Türen sollten Gelegenheiten zum Verirren vermehren. Das Projekt scheiterte schließlich an den Sicherheitsbedingungen des Museums – nur ein Vorwand nach Ansicht der Situationisten, die bereits Aktionen im Rahmen des Labyrinths geplant hatten, die die Ausstellungsbedingungen selbst thematisieren sollten.
Galerie Van de Loo Die Münchner „Galerie van de Loo“ organisierte Ausstellungen von einigen Situationisten. Dabei wurden Vorwürfe gegenüber dem Galeristen laut, er versuche die Gruppe in „wirkliche Künstler“ und „Theoretiker“ zu spalten, indem er individuelle Künstlerkarrieren fördere und die dahinterstehende Theorie ignoriere.
Finanzierung Finanziert wurden die Situationisten lange Zeit hauptsächlich durch den Verkauf der Arbeiten von Asger Jorn und anderen Künstlern; des Weiteren waren viele unter ihnen nebenerwerbstätig. Zudem sorgte ein wohlhabender Freund und Gönner von Debord, der Filmproduzent Gérard Lebovici, dafür, dass seine Filme gedreht und aufgeführt werden konnten.Thomas Y. Levin: »Ciné qua non«: Guy Debord und die filmische Praxis als Theorie, „7. Guy Debord als Filmemacher“
Theorie Die Gruppe hielt regelmäßig internationale Konferenzen ab, bei denen Theorien ausgearbeitet, diskutiert und erprobt wurden.
In ihrer Zeitschrift „internationale situationiste“ präsentierte die S.I. ihre Ideen, kommentierte die Weltlage und persönliche Affären und beschimpfte und verhöhnte die gesamte politische und kulturelle Elite der Zeit, darunter oftmals besonders diejenigen, die öffentlich mit ihnen sympathisierten oder scheinbar ähnliche Ansichten vertraten (wie etwa den Regisseur Jean-Luc Godard). Die Zeitschrift wurde 1961 in Deutschland beschlagnahmt und einige Mitglieder wurden verhaftet. Erbitterte Feinde der Situationisten waren Soziologen und Kybernetiker wie Abraham Moles, aber auch die vielen dogmatischen, teils stalinistischen kommunistischen Gruppierungen der Zeit.
Debord verfasste 1957 den „Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisations- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situatonistischen Tendenz“ sowie die „Vorschläge für ein Aktionsprogramm der SI“. Als sein Hauptwerk gilt „Die Gesellschaft des Spektakels“ (1967). Die Erlebnisse und Diskussionen mit den Lettristen in Paris sind Thema von Debords „Mémoires“, einem Künstler-Buch, dessen erste Auflage nach Debords Anweisungen in Sandpapier gebunden werden sollte.
Raoul Vaneigem betonte in seinem „Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen“ von 1967 besonders die Wichtigkeit der Gabe, der Subjektivität, der Poesie und des Spiels. Für ihn bot die Moderne nur noch eine würdelose, rationalisierte Form des „Überlebens“, kein wirkliches „Leben“.
Asger Jorn verfasste u. a. das Buch „Open Creation and its Enemies“ (in Anlehnung an Poppers „The Open Society and its Enemies“), in dem er ein Ideal freier menschlicher schöpferischer Tätigkeit und Gestaltung entwickelte und untersuchte, was dieser heute entgegensteht.
Der „Straßburg-Skandal“ 1966 erschien in Straßburg das Pamphlet „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, das Studierende vom lokalen Büro der „UNEF“ auf Kosten der Universität Straßburg in einer 10.000er-Auflage gedruckt hatten. Darin übten die Situationisten fundamentale Kritik am Studierenden als unmündig und abhängig gehaltenem Mitglied der Gesellschaft, am Studierendenstatus, an der Selbstherrlichkeit einer studentisch-alternativen Subkultur, an Religion und am ganzen Wirtschaftssystem. Sie verspotteten die Blindheit gegenüber der Ökonomisierung der Bildung in der Broschüre, für die eine angebliche „Gesellschaft zur Würdigung des Anarchismus“ als Herausgeber fungierte:
Die für den Druck verantwortlichen Studenten wurden daraufhin von der Hochschule exmatrikuliert, die Broschüre aber fand weite Verbreitung unter den 1968 revoltierenden Studierenden und wurde auch in andere Sprachen übersetzt. Unterdessen legte der Rektor der Straßburger Universität ihren Verfassern empört eine psychiatrische Behandlung nahe.
Mai 1968