Hermeneutik (gr. hermeneutiké techné; dt.: Auslegungs-, Übersetzungskunst) bezeichnet sowohl die literarisch-philologische Kunstlehre der Textinterpretation als auch die philosophische Theorie der Auslegung und des Verstehens überhaupt. Im Gegensatz zur textdeutenden Hermeneutik im Allgemeinen (Auslegung juristischer, religiöser, historischer, kurz: prosaischer bzw. wissenschaftlicher Texte) beschäftigt sich die „literarische Hermeneutik“ speziell mit literarischen – das heißt: poetischen – Texten (der sogenannten „schönen Literatur“). In der „ästhetischen Interpretation“, die sich das eigene Symbolsystem der Poesie (im Gegensatz zum Symbolsystem prosaisch-wissenschaftlicher Texte) zum Gegenstand der Reflexion macht, wird die literarische Hermeneutik erst ihrem Gegenstand gerecht. Die Interpretation ist als der Vollzug des Versuchs zu verstehen.
Grundlagen der literaturwissenschaftlichen Hermeneutik Ziel der literaturwissenschaftlichen oder genauer literaturhistorischen Hermeneutik ist das angemessene Verständnis bzw. die angemessene Interpretation eines literarischen Textes. Die literaturwissenschaftliche hermeneutische Textauslegung hat dabei ein anders geartetes Ziel als der normale Leser, dessen vorrangiges Interesse in der Regel nicht dem historischen Kontext gilt und der sich für gewöhnlich mit einem individuellen oder subjektiven Textverständnis begnügt.Uwe Spörl: Hermeneutik (als literaturwissenschaftliche Methode). In: Uwe Spörl: Basislexikon Literaturwissenschaft. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-506-99003-9, S. 129 f.
Ein grundlegendes Problem jedes Verständnisprozesses eines literarischen Textes ist die Tatsache, dass es prinzipiell keine feststehenden Fakten gibt, die für sich ohne einen erneuten Verstehensprozess erschließbar oder zugänglich sind. Dieser sogenannte hermeneutische Zirkel bedeutet demnach, dass der Leser in einer methodisch geleiteten, intersubjektive Geltung beanspruchenden Textauslegung eines Textes (oder Textteils) a auch die damit im Zusammenhang stehenden Texte b, c und d verstanden haben muss, die wiederum nur verstehbar sind, wenn auch a verstanden wurde.Uwe Spörl: Hermeneutik (als literaturwissenschaftliche Methode). In: Uwe Spörl: Basislexikon Literaturwissenschaft. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-506-99003-9, S. 129 f. Vgl. auch Jeremy Hawthorne: Hermeneutik. In: Jeremy Hawthorne: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Ein Handbuch. Übersetzt von Waltraud Korb. Francke, Tübingen/Basel 1994, ISBN 3-8252-1756-6, S. 119f.
In normalen Kommunikationssituationen wird eine derartige Fundamentalproblematik selten relevant oder ist durch einfaches Nachfragen leicht zu beheben. Befinden sich jedoch der Autor und der Leser eines Textes in unterschiedlichen historischen, sprachlichen oder kulturellen Kontexten bzw. Umgebungen, ist dieses grundlegende Problem nur sehr schwer zu beseitigen, da hier die kulturelle und sonstige Differenz zwischen Autor/Text und Leser „immer wieder erneut die Nichttrivialität der Verstehensanstrengung belegt.“Uwe Spörl: Hermeneutik (als literaturwissenschaftliche Methode). In: Uwe Spörl: Basislexikon Literaturwissenschaft. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-506-99003-9, S. 129 f. Siehe dazu auch Jeremy Hawthorne: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Ein Handbuch. Übersetzt von Waltraud Korb. Francke, Tübingen/Basel 1994, ISBN 3-8252-1756-6, S. 121f.
Dennoch geht die hermeneutische literaturwissenschaftliche Textauslegung davon aus, dass durch eine „akkumulierende Perpetuierung“ derartiger Verständnisprozesse sowie durch verschiedene methodische Vorgehensweisen und Strategien, die die Verstehens- und Deutungsergebnisse des jeweiligen Textinterpreten in einer Weise abgesichert werden können, die zu einer plausiblen und intersubjektiv akzeptierten Textdeutung oder -auslegung führen. Dabei werden Plausibilitätskriterien für intersubjektiv annehmbare Interpretationsergebnisse formuliert, die vor allem folgende Momente hervorheben:
Annahme einer (Autor-)Intention als regulativer Idee
philologisch kontrolliertes Vorgehen (z. B. Textvergleiche, Überprüfung von Wortverwendungsweisen, Übersetzungen usw.)
Einbeziehung der Rezeptionsgeschichte
Rekonstruktion des Entstehungszusammenhangs des Textes einschließlich des (historischen) Erwartungshorizontes
Verwendung (literatur-)wissenschaftlicher Terminologie und Kenntnisse
Ausrichtung auf argumentative Schlüssigkeit und Konsistenz.
Dabei wird in der hermeneutisch orientierten Literaturwissenschaft davon ausgegangen, dass durch derartige bzw. vergleichbare Methoden und Strategien der hermeneutische Zirkel zu einer eventuell nicht abschließbaren Spirale umgebaut werden kann.Uwe Spörl: Hermeneutik (als literaturwissenschaftliche Methode). In: Uwe Spörl: Basislexikon Literaturwissenschaft. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-506-99003-9, S. 130. Siehe auch Rainer Baasner: Hermeneutik. In: Horst Brunner, Rainer Moritz (Hrsg.): Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Schmidt, Berlin 2006, ISBN 3-503-07982-3, S. 159–164, hier S. 162–164.
Allerdings gibt es in der literaturwissenschaftlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts verschiedene, mehr oder minder deutliche bzw. begründete Versuche oder Ansätze, diese Form der literarischen Hermeneutik abzulehnen. Während in der gegenwärtigen literaturwissenschaftlichen Theorie und Methodologie die Zurückweisung hermeneutischer Deutungstheorien durchaus verbreitet ist, ist das Verfahren der hermeneutischen Textauslegung in der wissenschaftlichen Interpretationspraxis Spörl zufolge „kaum eliminierbar“.Vgl. Uwe Spörl: Hermeneutik (als literaturwissenschaftliche Methode). In: Uwe Spörl: Basislexikon Literaturwissenschaft. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-506-99003-9, S. 130. Ähnlich die Ausführungen von Rainer Baasner: Hermeneutik. In: Horst Brunner, Rainer Moritz (Hrsg.): Literaturwissenschaftliches Lexikon · Grundbegriffe der Germanistik. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Schmidt Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-503-07982-3, S. 159–164, hier S. 163f.
Dabei werden auch unterschiedliche Interpretationen bzw. Interpretationsergebnisse, die derartigen konsensfähigen Verfahrensweisen folgen, als möglich und gleichwertig betrachtet, solange sie die oben genannten Kriterien erfüllen.Rainer Baasner: Hermeneutik. In: Horst Brunner, Rainer Moritz (Hrsg.): Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Schmidt, Berlin 2006, ISBN 3-503-07982-3, S. 159–164, hier S. 163f.
Philologische und ästhetische Interpretation Interpretation (lat. interpretatio: Deutung, Übersetzung, Erklärung) bezeichnet den Prozess und auch das Resultat der Auslegung bzw. Deutung mündlicher, schriftlicher und allgemein zeichenhafter sowie symptomatischer Äußerungen auf der Basis von Verstehen bzw. hermeneutischer Bemühung; sie umspannt den Bereich der Kommunikation menschlichen Lebens überhaupt (die Alltagshermeneutik ist eines ihrer Gebiete). Im engeren Sinne bedeutet Interpretation die Auslegung schriftlicher (theologischer, juristischer, historischer, literarischer usw.) Werke in methodisch reflektierter bzw. wissenschaftlich disziplinierter, nicht nur naiverweise, und zwar nach Maßgabe der Hermeneutik als der „Kunstlehre des Verstehens“, mit der Grundregel des „hermeneutischen Zirkels“, spiralenförmig vom Teil zum Ganzen und zurück führend; im engsten Sinne bedeutet „Interpretation“ die Deutung von Kunstwerken.
Die literarische Interpretation (wissenschaftlicher Natur) unterscheidet zwischen rein „philologischer Interpretation“ erklärungsbedürftiger Aussagen, das heißt semantischer und grammatischer Klärung zeitgenössischer bzw. uns fremd gewordener vergangener Texte, und „ästhetischer Interpretation“.vgl. Gisbert Ter-Nedden: Leseübungen. Einführung in die Theorie und Praxis der literarischen Hermeneutik (= Mut zur Literatur. Band 3). Fernuniversität, Hagen 1987, S. 32 ff.
Die philologische Interpretation geht, logisch gesehen, der ästhetischen Interpretation voraus; die philologische Interpretation, notwendige Voraussetzung eines jeglichen Textverständnisses, erläutert die unverständlichen Stellen eines zeitgenössischen oder tradierten Textes, beginnend bei den allereinfachsten Worterklärungen („Fiale“: Türmchen, „Maschine“ in einem Poetik-Text des 18. Jahrhunderts: Deus ex machina, Theatermaschinerie, wunderbare Auflösung eines Handlungsknotens). Die philologische Interpretation vollzieht – in methodisch reflektierterer und gesteigerter Form – im Grunde nur den Verstehensversuch, um den es schlicht jedem verständnisvollen Leser zu tun ist: Sie nähert sich dem Textsinn („meaning“Eric D. Hirsch: Validity in interpretation. Yale Univ.Pr., New Haven [u. a.] 1967, S. 17 ff.), indem sie sich in die Sprach-, Formen-, Vorstellungs- und Gedankenwelt des jeweiligen Autors einliest. Dieses Weggehen vom Text verlässt jedoch nicht die Immanenz des Textes bzw. die werkimmanente Interpretation im logischen Sinn, denn sie kehrt mit dem gewonnenen Wissen zum Text – als dem Parameter des textadäquaten Verstehens – zurück. Verstehen ist logischerweise die Voraussetzung für Einverständnis oder Kritik. „In der Hermeneutik“ sucht man „nicht die Wahrheit, sondern den Verstand der Worte.“Johann Georg Walch: Philosophisches Lexicon. Thoemmes Publ., Bristol 2001, ISBN 1-85506-895-8 (Nachdr. d. Ausg. Leipzig 1730). Sp. 163. „Nicht erst im Einverständnis gelingt Kommunikation, sondern bereits im Verstehen, weil ihre Leistung eben darin besteht, die Freiheit zum Einverständnis wie zum Widerspruch zu eröffnen.“Gisbert Ter-Nedden: Leseübungen. Einführung in die Theorie und Praxis der literarischen Hermeneutik (= Mut zur Literatur. Band 3). Fernuniversität, Hagen 1987, S. 33.
Interpretation nach Umberto Eco Umberto Eco unterscheidet in seinen Überlegungen zu Grenze und Gültigkeit von InterpretationenUmberto Eco: Die Grenzen der Interpretation („I limiti dell'interpretazione“). Dtv, München 1992, ISBN 3-423-04644-9. zwischen einer intentio operis, einer intentio auctoris und einer intentio lectoris. Zwar kann es ohne das Engagement der Rezipienten (intentio lectoris) überhaupt keine Interpretation eines Werks (und seiner intentio operis) geben, aber die Absichten des Rezipienten müssen sich allein auf die Rekonstruktion des Werksinnes richten und dürfen sich nicht verselbstständigen; geschieht dies, so kommt es zu einer „Abdrift“, einer Entfernung vom Sinn des Werks (intentio operis).Umberto Eco: Die Grenzen der Interpretation („I limiti dell'interpretazione“). Dtv, München 1992, ISBN 3-423-04644-9, S. 76 f., 425 ff.