Die Islamische Heilsfront (, Kürzel FIS, ) war eine islamistische Partei in Algerien. Nach deren Wahlsieg in den ersten freien Wahlen von 1991 stoppte das Militär die Liberalisierung des politischen Systems und verbot und zerschlug die Partei. Dies führte zum Algerischen Bürgerkrieg, bei dem die FIS mit ihrem militärischen Arm selbst beteiligt war.
Vorgeschichte
Im Algerienkrieg setzte die als sozialistische Kaderpartei organisierte FLN die Unabhängigkeit Algeriens von der Kolonialmacht mit Waffengewalt durch. Die FLN etablierte einen Einparteienstaat nach dem Muster des Ostblocks und richtete die Staatsideologie an Säkularismus, Sozialismus und Blockfreiheit aus. Die durch westliche Bildungssysteme gegangene FLN-Elite sah die Religion des Islam als Mittel der Mobilisierung gegen die christliche Kolonialmacht Frankreich und verwendete religiöse Legitimationen und religiöse Sprache, auch wenn sie selbst als sozialistische Partei keine religiöse Bewegung darstellte. Nach dem Sieg im Unabhängigkeitskrieg erfolgten Enteignungen des verbliebenen muslimischen Stiftungswesens. Die Ablösung Ahmed Ben Bellas durch Houari Boumedienne brachte eine verstärkte Arabisierungspolitik, bei denen auf ägyptische Lehrkräfte zur Lehrerausbildung zurückgegriffen wurde, von denen viele verfolgte Anhänger der Muslimbrüder waren. Unter Boumedienne erhielten die Islamisten die Dominanz über Kultur und Teile des Schulwesens, eine organisierte islamistische Bewegung wurde jedoch von staatlicher Seite nicht toleriert.Gilles Kepel : Jihad – The Trail of Political Islam. 4. Auflage, London 2006, 2016 S. 162 f.
Die FLN erbte vom Kolonialstaat eine sprachlich geteilte Bevölkerung, da Bildung und qualifizierte Beschäftigung an französische Sprachkenntnisse gebunden waren. Neben dem einheimischen, arabischen Dialekt fungierte Französisch als Lingua franca und Statussymbol der gehobenen Schichten. Die algerische Regierung vollzog eine Arabisierungspolitik, welche versuchte, Französisch durch das bisher in Algerien kaum präsente Hocharabisch zu ersetzen. Als Mitte der Siebzigerjahre die ersten vollkommen auf Arabisch ausgebildeten Studenten auf den Arbeitsmarkt kamen, war für sie kaum Bedarf vorhanden. Ebenso stieß die Landreform, welche Boumedienne durch die Hinzuziehung der kommunistischen PAGS forcierte, auf Widerspruch aus den ländlichen Eliten und dem islamischen Klerus. Der algerische Staat reagierte 1976 auf den beginnenden Dissens mit der Erhebung des Islam zur Staatsreligion in der neuen Nationalcharta. Ebenso wurde Glücksspiel verboten, eine islamische Wochenendregelung eingeführt und die enge Kontrolle religiöser Institutionen durch den Staat weiter institutionalisiert.Hugh Roberts : The Battlefield Algeria 1988–2002 - Studies in a Broken Polity. London 2003, S. 157, S. 8–18.
1960 bildete sich mit Al-Qiyam eine islamistische politische Gruppe um bekannte islamische Kleriker, welche 1966 vom Staat verboten wurde. Während der Achtzigerjahre kam es zu einem Boom staatlich nichtregistrierter privater Moscheen, welche eine Bühne für salafistische und radikale Prediger bildeten. An den Universitäten des Landes verzeichnete der Islamismus großen Zulauf und islamische Wohlfahrtsbewegungen konzentrierten ihre innere Mission auf die Bildungseinrichtungen des Landes.M. Aït-Aoudia : La naissance du Front islamique du salut : une politisation conflictuelle (1988–1989). Critique internationale, no 30 (1), 2006, 129–144. doi:10.3917/crii.030.0129. Ab 1981 kam es auch zu Gewalttaten von zivilen islamistischen Aktivisten gegen als unislamisch wahrgenommene Praktiken wie Prostitution, Alkoholausschank, westlichen Medienkonsum und politische Gegner der Islamisten.Hugh Roberts : The Battlefield Algeria 1988–2002 – Studies in a Broken Polity. London 2003, S. 157, S. 20 f. 1982 kam es nach der Ermordung eines trotzkistischen Studenten durch Islamisten am Campus der Universität Algier zu großen Solidaritätsdemonstrationen von Islamisten. Ziele der Demonstrationen waren die Wiederöffnung der nach dem Mord geschlossenen Gebetsräume, die Abschaffung der Koedukation sowie die Forderung nach einer schariakonformen Gesellschaft. Führer der Bewegung waren Kamar Kharban (ein Veteran des Afghanistan-Kriegs),Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 46. die populären Geistlichen Abdellatif Soltani, Achmed Sahnoun und der Hochschullehrer Abbassi Madani. Im selben Jahr gründete der Islamist Moustapha Bouyali mit dem Mouvement Islamique Armée eine islamistische Terrorgruppe, welche versuchte, einen Guerillakrieg gegen den säkularen Staat der FLN loszutreten. Die islamistische Guerilla wurde durch öffentliche Fatawa radikaler Prediger wie Ali Belhadj und Abdelbaki Sahraoui religiös-politisch gerechtfertigt. Die Regierung unter Chadli und Hamrouche ließ dabei den Islamisten Raum und versuchte gleichzeitig die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Nach dem Mord kam es zu Verhaftungen von Aktivisten und Anführern wie Madani und Soltani. Jedoch blieb die Strafverfolgung auf ein bescheidenes Maß beschränkt. Ebenso verabschiedete die Regierung 1984 eine Novellierung des Familienrechts, welche die Stellung der Frau gemäß der Scharia unter der des Mannes stellte und somit eine Kernforderung der Islamisten erfüllte.Hugh Roberts : The Battlefield Algeria 1988–2002 – Studies in a Broken Polity. London 2003, S. 157, S. 20–23.
Der Afghanistankrieg stärkte durch den Sieg über die Sowjetunion, welche als Verbündete der FLN gesehen wurde, das Prestige der Islamisten. Zwischen 300 und 2.800 Algerier kehrten als Kriegsveteranen nach Ende des Krieges nach Algerien zurück. Viele dieser Kämpfer übernahmen Schlüsselstellen in der islamistischen Bewegung. Ebenso verbreitete sich der Kleidungsstil der Afghanistankämpfer unter der Jugend, welche damit ihre Ablehnung des algerischen Staates ausdrückte.Martin Evans, John Phillips : Algeria – Anger of the Dispossesed. New Haven 2007, S. 135 ff. Die FIS war auch in Bosnien aktiv und verband Algerien mit Frankreich, Deutschland und Bosnien, wobei die Schleusung von muslimischen Kämpfern durch Europa nach Bosnien eine Rolle spielte.Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 47–49.
Parteigeschichte Im Zuge der politischen Liberalisierung unter Chadli Bendjedid gründeten islamistische Aktivisten die Islamische Heilsfront im Februar 1989 und machten die Parteigründung am 10. März 1989 öffentlich. Als prominente Führungsfiguren traten der Präsident der Partei, ein Hochschullehrer an der Universität Algier und der islamische Prediger Ali Belhadj hervor. Im September 1989 wurde die Partei von Staatschef Bendjedid offiziell anerkannt. Dies rief innerhalb der herrschenden FLN Kritik hervor, welche eine Anwendung des Verbotes von Parteien auf religiöser Basis forderten.John Ruedy : Modern Algeria – The Origins an Development of a Nation. Bloomington 2005, S. 251 f. Die Leitung der Partei lag formal in einem 43-köpfigen Beratungsgremium, der Madschlis asch-Schura.M. Aït-Aoudia : La naissance du Front islamique du salut : une politisation conflictuelle (1988–1989). Critique internationale, no 30,(1), 2006, 129–144. doi:10.3917/crii.030.0129. Die Partei trat bei ihrer Entstehung als straff organisierte Organisation mit Verbreitung in ganz Algerien in Erscheinung. Die wöchentliche Parteizeitung Al Munqidh erreichte im Oktober 1989 eine Auflage von 200.000. Als es 1989 nahe Tipaza zu einem Erdbeben kam, leisteten FIS-Aktivisten effektiv und öffentlichkeitswirksam Katastrophenhilfe im Gegensatz zu den staatlichen Hilfsmaßnahmen. Keine der anderen durch das Mehrparteiensystem zugelassenen Konkurrenten der FLN konnten einen Apparat vorweisen, welcher die Staatspartei hätte ersetzen können. Die FIS brachte im ersten Halbjahr 1990 durch regelmäßige Demonstrationen diese Fähigkeit in das Bewusstsein der Öffentlichkeit.Gilles Kepel : Jihad – The Trail of Political Islam. 4. Auflage, London 2006, 2016 S. 166 ff.
Die Partei speiste sich aus zwei ideologischen Strömungen. Einerseits aus dem Salafismus, dessen Vertreter die Errichtung eines islamischen Staates durch politische Methoden oder bewaffneten Kampf anstrebten. Daneben gab es eine algeristische Strömung, welche die Durchdringung der Gesellschaft durch islamische Prinzipien mittels innerer Mission und Information der Bevölkerung anstrebte und auf den algerischen Hochschullehrer Malek Bennabi zurückgeht. Die Aktivisten der FIS speisten sich aus den inoffiziellen, nicht vom Staat kontrollierten Moscheen und islamischen Wohlfahrtsorganisationen, welche in den 80er-Jahren deutlichen Zulauf erhalten hatten. Madani und Belhadj waren beide Beteiligte dieser Bewegung gewesen, welche bereits vor der Parteigründung rund 400.000 Demonstranten in Algier auf die Straße brachten. Die FIS reklamierte für sich die wahren Werte des Unabhängigkeitskampfes, welche von der FLN verraten worden seien. Die FLN wurde als von Frankreich kontrollierte politische Kraft dargestellt. Aufgabe der FIS sei es, in Algerien ein islamistisches System zu errichten und die durch westliche und sozialistische Ideen bestimmten FLN-Eliten abzulösen. Die FIS selbst stellte politischem Pluralismus eine Absage, nach Aussage von Madani von 1990 würde es nach Machtübernahme der FIS keine erneuten Wahlen geben.Martin Evans, John Phillips : Algeria – Anger of the Dispossesed. New Haven 2007, S. 146–151.
Im Juni 1990 erreichte die FIS bei den Kommunalwahlen in zahlreichen Gemeinden, vor allem in den Vororten der Hauptstadt Algier eine Mehrheit und konnte so Bürgermeisterposten und Räte auf kommunaler Ebene besetzen. Dadurch erhielt die Partei in den Vierteln Auftrieb und konnte die auf kommunaler Ebene verfügbaren staatlichen Finanzmittel nutzen. Die FIS sorgte in den von ihr kontrollierten Gebieten für eine Angleichung von Kleidung, Verhalten und Medienkonsum an die von ihr propagierten islamistischen Verhaltensnormen. Ebenso leistete die FIS karitative Arbeit und ging mit ad-hoc mobilisierten Sicherheitskräften gegen Korruption und Kriminalität vor. Der Zentralstaat unter Kontrolle der FLN sperrte den von der FIS übernommenen Gemeinderäten die Finanzmittel und zog seine Sicherheitsbehörden aus den betroffenen Gebieten zurück. Die lokalen Kader der FIS konnten die Unterstützung von Handwerkern, Kleinhändlern und teils größeren Privatunternehmen mobilisieren, um ihren Finanzbedarf zu decken.Luis Martinez : The Algerian Civil War 1990–1998. London 2000, S. 23–25, S. 33, S. 38–40.
Während des Zweiten Golfkriegs 1990/91 kam es in Algerien zu einer weit verbreiteten Stimmung der Solidarität mit dem irakischen Staat unter Saddam Hussein. Zu Beginn des Konflikts verurteilte die FIS die Besetzung Kuweits als rechtswidrig und stellte Saddam Hussein aufgrund seines Säkularismus negativ dar. Mit der sich abzeichnenden US-Militärintervention vollzog die FIS eine politisch Wende und sprang auf die pro-irakische Stimmung in der Bevölkerung auf. Die FIS beteiligte sich an Antikriegsdemonstration und Ali Belhadj versuchte, Freiwillige für den Kampf gegen die westlichen Truppen im Irak zu organisieren. Der Parteichef Abbasi reiste hierzu nach Jordanien, um dort eine militärische Infrastruktur einzurichten. Hierdurch konnte die FIS gegenüber der FLN-Regierung unter Präsident Chadli und Premierminister Mouloud Hamrouche weiter an Stimmen gewinnen. Nach der Niederlage Saddam Husseins rechnete das FLN-Establishment mit einem Popularitätsverfall der FIS in der Bevölkerung.Martin Evans, John Phillips : Algeria – Anger of the Dispossesed. New Haven 2007, S. 161 ff.