mini|Bernhard Albrecht Moll: Porträt der Mutter, Wien 1783 (Royal Ontario Museum, Toronto) Ein Scherenschnitt ist ein figuratives, meist aus Tonpapier oder -karton herausgeschnittenes, gegenständliches oder ornamentales Bild, und wird auch Schattenbild oder Silhouette genannt.
Der Fachbegriff für die kunsthandwerkliche Technik der Herstellung von Scherenschnitten lautet Psaligraphie (vom griechischen [psalídi] = Schere und [gráphein] = schreiben, zeichnen), sinngemäß also das Zeichnen mit einer Schere. Manchmal wird fälschlicherweise auch das Verfahren selbst, also die Tätigkeit, als Scherenschnitt bezeichnet; korrekte Bezeichnungen dafür lauten Scherenschnittkunst oder Silhouettenschnitt. International werden statt Begriffen, die vergleichbar mit Silhouettenschneider oder Scherenschnittkünstler sind, auch oft vereinfachend die Bezeichnungen Silhouetteur und Silhouettist für die Ausübenden dieser Kunst verwendet.
Dabei werden mit geeigneten Scheren und Klingen entweder freihändig oder entlang von vorgezeichneten Umrisslinien, normalerweise aus einem einzigen Blatt, teilweise sehr filigrane und komplizierte Motive ausgeschnitten. Das kann z. B. auch die mit Hilfe eines Pantografen übertragene und verkleinerte Kontur von einem Schattenriss sein.
Als Material wurde und wird traditionell hauptsächlich schwarzes Papier verwendet, welches üblicherweise nach Fertigstellung der Silhouette zwecks Fixierung für eine Rahmung auf einen kontrastierenden weißen Trägerkarton geklebt wird.
Allgemeines Nachdem Papier durch neue Herstellungsverfahren entsprechend billiger geworden war, wurde begonnen die Anwendungsbereiche über die ursprünglichen Einsatzzwecke hinaus, wie Schreiben, Zeichnen, Malen und Drucken, auf weitere Anwendungsbereiche auszudehnen. Als eines dieser Gebiete entstand dann die Papierkunst. Neben dem künstlerischen Einfärben, Bemalen und Bedrucken können das kunstvolle Zerschneiden von Papier – also die zweidimensionale Schnittkunst – und die dreidimensionale Faltkunst unterschieden werden. Diese Techniken können miteinander kombiniert oder zusammen mit weiteren, wie dem kunstvollen Zerreißen oder Zerknittern, vorkommen.
Weitere Richtungen der Papierschnittkunst beziehungsweise verwandte Anwendungen sind die Collage, viele nationale und regionale Varianten des Schattenspiels oder Schattentheaters, handgefertigte Formen des Papiertheaters, frühe Formen der kinematographischen Animation, eher triviale Anwendungen wie Puzzlespiele, Tangram u. dgl., sowie die vielfältigen Ausprägungen, meist ornamentaler und dekorativer Art, in der Volkskunst. Außerdem verwandt, da vom Prinzip her identisch, ist auch das Laubsägen, bei dem mit einer Spezialsäge aus dünnen Holzplatten Motive herausgearbeitet werden.
mini|Kinderkunstwerk aus Papierschnipseln Das Papierschneiden als künstlerische Betätigung kann von jedem mehr oder weniger sofort ausgeübt werden und führt recht einfach, schnell und preiswert zu ansprechenden ästhetischen Ergebnissen, zum Beispiel mittels der Falttechnik (s. dort). Daher ist das Basteln mit Papier und Schere auch ein wichtiges Element der Früherziehung und bei Kindern beliebt. Durch die eigentlich unbegrenzte Vielfalt von Farben und Formen und der Möglichkeit der Kombination mit anderen Techniken wie Kleben und Malen die Fantasie regt es die Kreativitätan. Es kann zu vielfältigen, ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen, wie Girlanden, Mobiles oder Lampions. Es werden dadurch die Feinmotorik, die Auge-Hand-Koordination, die Konzentrationsfähigkeit gefördert, sowie das Sozialverhalten, beispielsweise durch das gemeinsame Anfertigen von Collagen, verbessert.
Geschichte Der Scherenschnitt, ursprünglich in Nordchina beheimatet, ist eine der ältesten Volkskünste Chinas und seit der Zeit der Nördlichen Dynastie (4. bis 6. Jahrhundert) belegt. Scherenschnitte wurden zwischen Papier- oder Textillagen am Fenster oder vor Lichtquellen postiert. Stil und Farbgebung hatten je nach Provinz und Zeit eine eigene Spezifik. In: chinarundreisen.com.
Varianten Die Unterteilung in unterschiedliche Varianten richtet sich im Wesentlichen nach dem verwendeten Material und der angewendeten Technik.
Weißschnitt ist die Bezeichnung für Silhouetten, die, so wie die frühen europäischen Scherenschnitte, aus weißem Papier angefertigt werden. Des Weiteren wird aber auch bei der Buchherstellung ein ungefärbter Buchschnitt als Natur- oder Weißschnitt bezeichnet.
Schwarzschnitt ist als Begriff wenig gebräuchlich, da da mit Scherenschnitt inzwischen meistens die schwarze (Porträt-)Silhouette assoziiert wird. So wird das Silhouettenschneiden gelegentlich auch als „Schwarze Kunst“ bezeichnet. Die Begriffe Weiß- und Schwarzschnitt werden manchmal vereinfachend für die Techniken Weißlinien- beziehungsweise Schwarzlinienschnitt beim Holzschnitt verwendet.
Buntschnitt wird selten als Bezeichnung für die aus farbigem Papier hergestellten Scherenschnitte benutzt, die praktisch nur in der Volkskunst vorkommen. Der Begriff Farbschnitt sollte für diese nicht verwendet werden, da er eine Variante der Schnittverzierung bei der Buchherstellung bezeichnet. Aufgrund der Art der Herstellung aus einem einzigen Blatt sind Scherenschnitte allerdings nie bunt, sondern immer einfarbig. Eine Ausnahme würde bei der Verwendung von Batikpapier, Marmorpapier oder bunt bedrucktem Papier auftreten; diese werden aber kaum verwendet, da unruhige Farbverläufe die Konturen und Details der Silhouette verwischen und die Muster und Farben unter Umständen nicht mit der Form und der Natur des Motivs harmonieren würden.
„Einlinienschnitt“, hier gibt es nur eine einzige Schnittkante an der Außenseite. Darunter fällt die klassische Porträtsilhouette. Auch sehr detaillierte Motive können auf diese Weise hergestellt werden und manche Puristen arbeiten ausschließlich auf diese Art. Sehr geübte Silhouettisten können so ohne Vorzeichnung zum Beispiel eine einfache Porträtsilhouette freihändig in einem einzigen Arbeitsschritt anfertigen, das heißt ohne die Schere einmal abzusetzen.
„Viellinienschnitt“, bei ihm werden sogenannte Innen- oder Binnenschnitte eingesetzt, das heißt aus der Fläche werden Bereiche herausgeschnitten, was es ermöglicht, viel mehr Details in die Darstellung einzubringen. Bei der freihändigen Technik werden dafür sehr spitze Scheren verwendet oder vorher Nadelstiche gesetzt, um eine saubere Perforation für den Anfang des Schnittes zu gewährleisten.
Hohlschnitt oder Negativschnitt ist eine selten vorkommende Sonderform, bei der zum Beispiel eine einfache Porträt-Silhouette statt aus dem Blatt heraus-, in das Blatt hineingeschnitten wird, das heißt. es gibt dann nur eine innere Schnittkante. Bei Benutzung eines weißen Blattes und eines schwarzen Hintergrunds ist dies dann nur durch genaues Hinsehen von der Standardversion zu unterscheiden.
Daneben existieren weitere seltene Varianten wie die der Collage, bei der mehrere einzeln ausgeschnittene Elemente zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden, oder die Kombination mit anderen Techniken wie dem Kolorieren und dem Applizieren von andersartigen und/oder -farbigen Papieren oder Textilien und anderer Materialien um einen räumlichen, natürlicheren oder lebhafteren Eindruck hervorzurufen.
Material mini|Farbiger, texturierter Karton Grundsätzlich kann für die Herstellung von Scherenschnitten jedes dünne Material verwendet werden, welches sich mit Schere, Messer oder ähnlichen Werkzeugen zerteilen lässt. Auch wenn in China bereits vor der Erfindung des Papiers Gold- und Silberfolien zerschnitten, und Möbel mit den einzelnen Elementen verziert wurden, oder Figuren für das Schattentheater auch aus Leder geschnitten waren, eignen sich derartige Materialien nur bedingt für das künstlerische Silhouettenschneiden.
Die meistbenutzte schwarze Papiervariante ist ein Tonpapier, bei dem das Papier nicht erst nach seiner Herstellung, sondern bereits der Papierbrei eingefärbt wurde. Durch das komplette Durchfärben werden helle Schnittkanten vermieden. Es ist bei gleicher Grammatur etwas stabiler als vergleichbare Sorten, lässt sich aber dennoch gut mit Messern und Scheren schneiden. Es sollte mattschwarz sein, um störende Lichtreflexionen zu verhindern, die sich sonst die Konturen auflösen und die Illusion eines Schattens beeinträchtigen könnten.
Das für Anfänger und Kinder zum Basteln besser geeignete normale Buntpapier kann ein Flächengewicht von über 200 g/m² aufweisen. Damit befindet es schon im Bereich von Karton und ist recht stabil und einfach handhabbar. Das typische Scherenschnittpapier wiegt nur zwischen 40 und 60 g/m² und ermöglicht so sehr feine und genaue Schnitte. (zum Vergleich: das Gewicht von normalem Drucker- bzw. Kopierpapier liegt bei 80–100 g/m²)
Eine besondere Variante ist Papier, das eine schwarze und eine weiße Seite aufweist. Auf letztere können Vorzeichnungen aufgebracht werden, anhand derer dann das entsprechende Motiv ausgeschnitten wird. Darüber hinaus ist im Fachhandel gummiertes Scherenschnittpapier erhältlich, das nach dem Befeuchten mit einem Schwamms selbstklebend ist und so leicht auf einem kontrastierenden Hintergrund fixiert werden kann.
Werkzeug
Es kann grundsätzlich jeder Gegenstand benutzt werden, mit dem man dünne Materialien zerteilen kann und so wurden in der Volkskunst zum Beispiel Bügelscheren in Form von Schafscheren benutzt.
Der künstlerische Silhouettenschnitt stellt allerdings einige besondere Ansprüche an die verwendeten Werkzeuge:
Schere mini|Kleine Schere Für das freihändige Arbeiten sind nur Scheren geeignet und die Wahl der richtigen richtet sich nach den vorhandenen Fähigkeiten, der Art des Projekts und nach persönlichen Vorlieben. So werden beispielsweise auch Scheren mit abgewinkelten Klingen aus medizinischen Operationsbestecken und dergleichen verwendet.
Normale Papier- und Haushaltsscheren können durchaus für Schnitte im Randbereich verwendet werden; für Binnenschnitte und feinere Arbeiten kommen diese aber nicht mehr in Frage. Dafür sind am besten sogenannte Stickscheren aus dem Handarbeitsbereich geeignet, da die Schneiden normalerweise recht scharf, und die Klingen oft sehr spitz sind.
Im Fachhandel sind Spezialscheren erhältlich, die fast ausschließlich für feine Arbeiten beim Silhouettenschnitt eingesetzt werden. Die Länge der Klingen beträgt bei diesen nur ungefähr 1 cm.
Messer mini|Federmesser Für Arbeiten bei denen das Blatt aufliegt, kommen nur skalpellartige Werkzeuge mit sehr scharfen und spitzen Klingen in Betracht.
Das können Japan- oder Stanley-Messer, aber auch sogenannte Cutter aus dem handwerklichen Bereich sein, bei denen sich die Klingen an Sollbruchstellen abbrechen und dann herausschieben lassen, wenn sie abgenutzt sind. Unabhängig von der verwendeten Variante sollten die Klingen grundsätzlich immer auswechselbar sein.
Die am häufigsten benutzten Ausführungen werden auch Federmesser genannt und werden unter anderem von der Werbebranche beim Folienschneiden, oder beim Modellbau eingesetzt. Diese ermöglichen bei einfacher Handhabung sehr genaue Schnitte sowie präzises Arbeiten bei feinen Details.
Technik mini|Freihändige Anfertigung einer Porträtsilhouette
Beim Scherenschnitt wird Papier oder ein anderes flaches Material mittels einer Schere oder anderer spezieller Schnittinstrumente (z. B. für Ausschnitte) so bearbeitet, dass entweder der verbleibende Umriss oder die Ausschnitte oder beides ein anschauliches Bild ergeben, das realistisch oder schematisch (Ornamente) sein kann. Dabei gibt es die klassische Silhouette, bei der ein ungefaltetes Blatt (oder mehrere übereinanderliegende) zerschnitten wird. Diese Scherenschnitte sind meist schwarz und werden vor einem kontrastierenden hellen Untergrund gezeigt. Sind sie hell, werden sie vor einem kontrastierenden dunklen Grund gezeigt. Benannt ist sie nach dem französischen Finanzminister Étienne de Silhouette (1709–1767), einem Liebhaber von Scherenschnitten.