Abu Gosch (; oder, der arabischen Phonetik genauer folgend, ; in lateinischer Schrift mitunter Abu Ghosh; älter auch ) ist ein arabisches Dorf in Israel, etwa 10 Kilometer westlich von Jerusalem an der Haupt-Nationalstraße 1 von der Küste nach Jerusalem gelegen. Mit rund Einwohnern (Stand ) bei 1,89 km2 Fläche ist es heute vor allem als kulinarisches und kulturelles Zentrum bekannt, insbesondere für seine zahlreichen Hummus-Restaurants.
Das Gebiet im Judäischen Bergland war bereits im späten 7. Jahrtausend v. Chr. besiedelt. Der am Ortsrand gelegene antike Ort auf dem Tell Dēr el-ʿĀzar wird seit dem 19. Jahrhundert mehrheitlich mit dem biblischen Kirjat-Jearim identifiziert, wo nach alttestamentlicher Überlieferung die Bundeslade nach ihrer Rückgabe durch die Philister untergebracht gewesen sein soll. Archäologische Ausgrabungen belegen eine Besiedlung des Tells vor allem während der Eisenzeit, der hellenistischen, frührömischen und byzantinischen Zeit. In byzantinischer Zeit entstand auf dem Tell eine Kirche. In frühislamischer Zeit wurde am Fuß des Tells eine große Karawanserei errichtet, die vom 9. bis ins 11. Jahrhundert und erneut während der Zeit der Mamluken genutzt wurde. Zwischen diesen Phasen identifizierten Kreuzfahrer im Mittelalters Abu Gosch als Emmaus und errichteten über der Quelle der Karawanserei die Auferstehungskirche, die heute von französischen Benediktinern betreut wird.
In osmanischer Zeit (1516–1917) war Abu Gosch Sitz eines einflussreichen arabischen Clans, der für den Schutz der Straße nach Jerusalem zuständig war und zeitweise beträchtliche politische Macht in der Region ausübte. Während des Palästinakriegs 1948 verhielt sich das Dorf neutral bis pro-zionistisch, was jedoch nicht verhinderte, dass ein Großteil der Bevölkerung zeitweise vertrieben wurde. Abu Gosch ist eines der wenigen arabischen Dörfer, in denen ein großer Teil der Bewohner in ihre Heimat zurückkehren konnte, wobei sie erhebliche Landverluste hinnehmen mussten.
Die besondere Geschichte des Ortes prägt bis heute sein Selbstverständnis und seine Wahrnehmung in der israelischen Öffentlichkeit. Seit den 2010er Jahren wird eine umstrittene Ortserweiterung geplant, bei der Bewohner befürchten, dass die neuen Wohngebiete vorrangig an jüdische Israelis verkauft werden und den Charakter des Ortes verändern könnten.
Geschichte
Ausgrabungen
Die wissenschaftliche Untersuchung von Abu Gosch begann 1870. In diesem Jahr erhoben französische Franziskaner und griechisch-orthodoxe Christen beide Anspruch auf die Kirche St. Georg in Lod. Die damaligen Landesherren übereigneten daraufhin ersatzweise die Kreuzfahrerkirche von Abu Gosch an Frankreich, nachdem kurz zuvor Melchior Vogüé eine erste Beschreibung derselben veröffentlicht hatte.
mini|Abu Gosch und Umgebung. Ausgrabungen:Blau: Khalaily u. a.: SteinzeitRot: Finkelstein u. a.: Bronze-/EisenzeitBereits gesamte Bronzezeit laut bis byzantinisch.Gelb: De Vaux u. a.: Frührömisch, frühislamisch bis Mittelalter.
Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten waren daher Untersuchungen (in der Umgebung) dieser Kreuzfahrerkirche.Später auch Besonders hervorzuheben sind die Grabungen von Roland de Vaux und Ambroise Marie Steve in den 1940ern. Auf ihnen beruht im Wesentlichen unser heutiges Wissen über die Nutzung des Orts von der frühislamischen bis zur Mamlukenzeit.
Den Benediktinern, denen ab dem frühen 20. Jahrhundert die Kreuzfahrerkirche als Klosterkirche diente, fielen in der Umgebung Feuerstein-Artefakte und Steingefäße auf, was René Neuville publizierte.Vergleiche Daraufhin erfolgten mehrere Ausgrabungen prähistorischer Siedlungen. Hervorzuheben sind hier besonders die Grabungen von Hamoudi Khalaily und Ofer Marder für die israelische Antiquitätenbehörde in den 1990ern.
Kurze Zeit nach der Ansiedlung der Benediktiner gelangte der damals am Rand des Orts liegende Tell Dēr el-ʿĀzar in den Besitz der Schwestern des hl. Joseph von der Erscheinung, die dort ein Sanatorium bauen wollten. Auch hier machten die Schwestern die ersten Funde, besonders aus der hellenistischen Zeit bis zur frühislamischen Zeit, außerdem stießen sie auf Ruinen einer byzantinischen Kirche. Wieder folgten zunächst Untersuchungen dieser Kirche.
Davon abgesehen blieb der Tell lange weitgehend unerforscht – mit Ausnahme von zwei veröffentlichten und einem unveröffentlichten Survey. Dies ist bemerkenswert, denn mit seinen 6 ha Fläche gehört er zu den größten eisenzeitlichen Tells in der Region Palästina. Zudem liegt er strategisch wichtig nahe Jerusalem auf der Hauptroute zur westlichen Küste. 1995 bis 1996 führte Gabriel Barkay eine Rettungsgrabung durch, deren Ergebnisse jedoch ebenfalls nie publiziert wurden.Mit Ausnahme einer unveröffentlichten Masterarbeit und einer zweiseitigen Zusammenfassung in 2016 kündigte Thomas Römer an, dass er und Christophe Nicolle (beide Collège de France) gemeinsam mit Israel Finkelstein (Universität Tel Aviv) diesen gut erhaltenen Tell ausgraben würden. Nach Ortslage, Größe des Tells und biblischer Überlieferung habe sich dort „zweifellos eine wichtige Stadt und ein religiöses Zentrum“ befunden. Ihr Ziel sei es, die politische Ordnung Israels während der Eisenzeit besser zu verstehen und Erkenntnisse über die religiöse Rolle zu gewinnen, die der Ort gespielt hatte. Nach einigen Vorveröffentlichungen erschien 2025 ihr Abschlussbericht. Laut den Ausgräbern waren vor dem Mittelalter die Hochzeiten des Orts die Eisenzeit IIB–IIC, die frühere hellenistische Zeit, die frührömische Zeit und die byzantinische Zeit. Zwischen diesen Phasen scheint der Ort ebenfalls schwach besiedelt, aber nicht bedeutend gewesen zu sein.
Prähistorische Zeit
Ausgrabungen von Monique Chevallier in den 1960ern und die von Khalaily und Marder in den 1990ern im Norden Abu Goschs ergaben, dass der Ort spätestens im späten 7. Jahrtausend v. Chr. besiedelt war. Die Bewohner lebten dort in einem Dorf von etwa 1,5 ha in gut gebauten Steinhäusern und begruben ihre Toten unter diesen Häusern (ein üblicher Befund für das steinzeitliche Palästina). Sicher lebten sie von der Jagd; zudem ist es möglich, dass sie in Abu Gosch bereits im präkeramischen Neolithikum anfanghaft Ziegen domestizierten.
Eine weitere, kleinere Ausgrabung in den 2010er-Jahren fand nahe der Ausgrabungsstätte von Roland de Vaux und Ambroise Marie Steve weitere steinzeitliche Siedlungsspuren; die Ausgräber datieren sie auf das 6. oder 5. Jahrtausend v. Chr.
Eisenzeit bis frührömische Zeit
Seit Edward Robinson wird Abu Gosch mit dem Ort Kirjat-Jearim identifiziert, laut biblischen Zeugnis eine chiwwitische Ortschaft und ein Grenzort Judas. In Kirjat-Jearim soll laut biblischem Zeugnis die Bundeslade nach der Rückgabe aus Händen der Philister untergebracht gewesen sein ().(online) Ist das richtig, diente der Ort dem Namen nach zu urteilen möglicherweise zeitweise als Sakralort für kanaanäische Gottheiten – ein alternativer Ortsname in der Bibel lautet nämlich „Kirjat Baʿal“ („Stadt Baals“, und öfter). Außerdem wird der Ort „Baʿalah“ („Baalin“, ) genannt – vielleicht eine Bezeichnung für eine weibliche Gottheit wie Anat oder Aschera. Ein dritter alternativer Name ist „Baʿale Jehuda“ („Baʿale Judas“, ). Den Plural erklärt der Exeget Mark Leuchter damit, dass verschiedene Menschengruppen verschiedene Kulte, deren Gottheiten als „Baʿale“ zusammengefasst wurden, nebeneinander am selben Ort praktiziert hätten.
mini|Tell Dēr el-ʿĀzar. Am Fuß Abu Gosch; rechterhand im Hintergrund Telz-Stone
Im frühen 8. Jahrhundert v. Chr., noch bevor das südliche Königreich Juda erstarkte, wurde eine künstliche Plattform aufgeschüttet und diese mit massiven Mauern umwallt. Die Ausgräber um Finkelstein setzen bei ihrer Deutung an der biblischen Erzählung von der Bundeslade an. Sie rekonstruieren die Geschichte so, dass sie ursprünglich mit der Unterbringung der Lade in Kirjat-Jearim endete, und halten Kirjat-Jearim für einen Ort an der Grenze zwischen dem Nordreich Israel und dem Südreich Juda (vergleiche ; ). Daher interpretieren sie die Plattform als Grenzheiligtum zur Unterbringung der Bundeslade. Das Heiligtum würde nach dieser Deutung gleichzeitig die Dominanz des Nordkönigreichs über sein Vasallenkönigreich im Süden signalisiert haben. Im Laufe der Jahrzehnte hätte sich um das Heiligtum herum eine Siedlung entwickelt. Die Bundeslade wäre nach dieser Rekonstruktion wahrscheinlich erst spät in den Jerusalemer Tempel überführt worden; Finkelstein und Römer schwanken zwischen dem späten 8. Jahrhundert unter Hiskija und dem späten 7. Jahrhundert unter Joschija.
Yigal Levin widersprach dieser Rekonstruktion: Seiner Ansicht nach war Abu Gosch kein Grenzort, sondern lag klar in judäischem Gebiet, und war es auch im frühen 8. Jahrhundert Judäern zuzutrauen, einen solchen Ort zu gründen.
Auch gefunden wurden in der Nähe des Tells einige Gräber, beginnend in der Eisenzeit und mindestens bis in die frührömische oder byzantinische Zeit.
Zur Zeit des Babylonischen Exils scheint Kirjat-Jearim verlassen oder entvölkert, aber nicht zerstört worden zu sein. Vermutlich im 3. Jahrhundert v. Chr., möglicherweise aber auch erst zur Zeit der Makkabäer, wurde die Plattform repariert und dann wahrscheinlich als römisches Militärlager genutzt. Sicher belegt ist diese Nutzung für das 1. Jahrhundert n. Chr. Nach dem Jüdischen Krieg in diesem Jahrhundert wurde Kirjat-Jearim weitestgehend verlassen.
Byzantinische Zeit
mini|Im Artikel erwähnte Orte
Während der byzantinischen Zeit entstand auf dem Tell Dēr el-ʿĀzar eine Kirche und/oder ein Kloster, die vermutlich nach dem biblischen Eleazar aus der Ladeerzählung benannt wurde (daher der Name „Dēr el-ʿĀzar“). Zur selben Zeit wurde auch in Imwas (Emmaus) im Westen eine bereits ältere Kirche wiederaufgebaut. Eine weitere Kirche entstand im 4./5. Jahrhundert wenige Kilometer östlich in Bayt Naqquba / Bet Neqofa, eine vierte wenige Kilometer westlich im heutigen Telz-Stone. Im Jahr 2021 wurde in Abu Gosch nordwestlich des Tells ein weiterer Bau freigelegt (die Veröffentlichung erfolgte erst 2025), bei dem es sich möglicherweise ebenfalls um eine byzantinische Kirche handelt. Wahrscheinlich dienten diese entlang der Route von der Küste nach JerusalemZum Verlauf der Route vergleiche gelegenen Kirchen auch der Versorgung christlicher Pilger.
Nach Finkelstein bleibt unklar, ob die Kirche(n) mit einer Siedlung verbunden waren oder isoliert standen. Die Ausgrabung von 2021 konnte er allerdings noch nicht berücksichtigen; auch die Ergebnisse vierer kleiner Ausgrabungen von 2010 bis 2015, die ebenfalls Siedlungsspuren für die byzantinische Zeit freilegten, scheint er nicht berücksichtigt zu haben. Unklar ist laut Finkelstein außerdem, wann die Kirche auf dem Tell aufgegeben wurde. Möglicherweise wurde sie zumindest zu Beginn der frühislamischen Zeit, für die sich spärliche Besiedlungsspuren nachweisen lassen, weitergenutzt. Der nordwestlich gelegene Bau scheint zu Beginn des 8. Jahrhunderts ohne erkennbare Zerstörung aufgegeben worden zu sein, ebenso die Kirche in Bayt Naqquba, wo allerdings eine Siedlung um den Kirchenbau herum die liturgische Nutzung noch eine Zeit lang überdauerte.
Frühislamische Zeit bis Mamlukenzeit