mini|Aldo Moro rahmenlos|rechts|hochkant|klasse=notpageimage skin-invert-image|Unterschrift von Aldo Moro

Aldo Moro (; * 23. September 1916 in Maglie, Apulien; † 9. Mai 1978 in Rom) war ein italienischer Politiker der Democrazia Cristiana. Ab den 1950er Jahren nahm er politische Spitzenpositionen ein und war von 1963 bis 1968 und von 1974 bis 1976 Ministerpräsident des Landes. Als solcher bemühte er sich um eine Zusammenarbeit zwischen dem rechten und linken politischen Lager (compromesso storico). Er wurde von der Terrororganisation Rote Brigaden entführt und von Mario Moretti ermordet. Um den nie vollständig aufgeklärten Fall Moro ranken sich Spekulationen über eine Involvierung staatlicher und geheimdienstlicher Akteure.

Leben Familie und Jugend mini|Geburtshaus Moros mit 1998 eingeweihter Statue in Maglie – umstritten, weil Moro hier eine Zeitung der kommunistischen Partei unter dem Arm hältDavid Moss: Prelude: A Long Preparation for Dying? The Life of Aldo Moro, 1916–1978. In: Ruth Glynn, Giancarlo Lombardi (Hrsg.): Remembering Aldo Moro: The Cultural Legacy of the 1978 Kidnapping and Murder. Routledge, Abingdon / New York 2012, S. 18–27, hier S. 20. Der zweitgeborene Moro hatte drei Brüder und eine Schwester. Er wuchs in einer kleinbürgerlichen Familie auf, die vom tiefen katholischen Glauben der Mutter geprägt war. Seine Eltern arbeiteten – wie schon sein Großvater väterlicherseits – in der Volksschulbildung. Sein Vater Renato, dessen Familie aus Apulien stammte, war Lehrer und später Schulinspektor, seine aus Kalabrien stammende Mutter Lehrerin mit kulturellen und philosophischen Interessen. Beide zeigten Loyalität gegenüber dem Staat, aber keine besondere Verehrung für Benito Mussolini oder das Regime des Faschismus. 1920 zog die Familie nach Tarent und 1934, als Aldo Moro erstes Engagement in der katholischen Jugend gezeigt und die Schulbildung am Liceo Archita abgeschlossen hatte, nach Bari.David Moss: Prelude: A Long Preparation for Dying? The Life of Aldo Moro, 1916–1978. In: Ruth Glynn, Giancarlo Lombardi (Hrsg.): Remembering Aldo Moro: The Cultural Legacy of the 1978 Kidnapping and Murder. Routledge, Abingdon / New York 2012, S. 18–27, hier S. 20; Piero Craveri: Moro, Aldo. In: Dizionario biografico degli Italiani. Band 77. Istituto della Enciclopedia italiana, Rom 2012.

Studium, Familie und akademische Karriere Aldo Moro, der sehr religiös war, studierte ab 1934 Rechtswissenschaft an der Universität Bari, schloss 1938 summa cum laude ab und wurde anschließend Mitarbeiter der Universität. Sein akademischer Lehrer war der Strafrechtler Biagio Petrocelli. Im selben Jahr wurde Moro Mitglied des Laienzweigs bzw. dritten Ordens der Dominikaner;Alessandro Cortesi: Aldo Moro OPL (1918–1978). In: Wort und Antwort. Band 54, 2013, S. 179–183, hier S. 179. er war ab 1935 Mitglied und von 1939 bis 1941 Vorstandsvorsitzender des Nationalverbandes der katholischen Studentenschaft Federazione Universitaria Cattolica Italiana (FUCI). 1941 wurde Moro Dozent für Rechtsphilosophie und Kolonialpolitik und im selben Jahr in den Weltkrieg eingezogen, aber im Süden eingesetzt, weshalb er keine Kampfhandlungen erlebte. Im April 1945 heiratete er die in katholischen Gruppen aktive Gymnasiallehrerin Eleonora Chiavarelli (1915–2010); sie hatten drei Töchter und zuletzt den 1958 geborenen Sohn Giovanni. 1947 wurde Moro ordentlicher Professor für Strafrecht an der Universität Bari.David Moss: Prelude: A Long Preparation for Dying? The Life of Aldo Moro, 1916–1978. In: Ruth Glynn, Giancarlo Lombardi (Hrsg.): Remembering Aldo Moro: The Cultural Legacy of the 1978 Kidnapping and Murder. Routledge, Abingdon / New York 2012, S. 18–27, hier S. 20.

Frühe politische Karriere Nach dem Sturz Mussolinis 1943 begann sich Moro für Politik zu interessieren und gründete die Zeitung La Rassegna. Er sympathisierte zunächst mit dem Partito Socialista Italiano (PSI), insbesondere mit deren gemäßigtem („rechtem“) Flügel, wandte sich dann aber aufgrund seines ausgeprägten katholischen Glaubens der Christdemokratie zu. 1945 wurde er Präsident des Absolventenverbands der Katholischen Aktion Italiens und Herausgeber der Zeitschrift Studium.Antonello Di Mario: L’attualità di Aldo Moro negli scritti giornalistici, 1937–1978. Tullio Pironti, Neapel 2007, Kapitel 6: Il Movimento laureati e la direzione di „Studium“, S. 83 ff. In der Democrazia Cristiana (DC) wurde er dem von Giuseppe Dossetti begründeten linken Flügel zugerechnet, der für eine gemeinwohlorientierte und staatsinterventionistische Variante der Christdemokratie stand.Carlo Masala: Die Democrazia Cristiana 1943–1963. Zur Entwicklung des partito nazionale. In: Wolfram Kaiser, Michael Gehler, Helmut Wohnout (Hrsg.): Christdemokratie in Europa im 20. Jahrhundert (= Arbeitskreis Europäische Integration. Historische Forschungen. Band 4). Böhlau, Wien 2001, S. 348–369, hier S. 360–361. Der Erzbischof von Bari Marcello Mimmi, der auf Moro bereits 1934 aufmerksam geworden war, überzeugte diesen, sich 1946 für die Verfassunggebende Versammlung zur Wahl zu stellen. Seitdem vertrat Moro bis zu seinem Tod den Wahlkreis Bari im italienischen Parlament.David Moss: Prelude: A Long Preparation for Dying? The Life of Aldo Moro, 1916–1978. In: Ruth Glynn, Giancarlo Lombardi (Hrsg.): Remembering Aldo Moro: The Cultural Legacy of the 1978 Kidnapping and Murder. Routledge, Abingdon / New York 2012, S. 18–27, hier S. 20. Richard Drake: The Aldo Moro Murder Case. Harvard University Press, Cambridge MA / London 1995, S. 4.

Der Camera dei deputati gehörte er ab der ersten Sitzungsperiode 1948 an. Von Juli 1948 bis Januar 1950 war Moro Staatssekretär im Außenministerium. Im Gegensatz zum entschieden pro-amerikanischen Außenminister Carlo Sforza (PRI)Richard Drake: The Aldo Moro Murder Case. Harvard University Press, Cambridge, MA, London 1995, S. 15. stand er dem Beitritt Italiens zur NATO 1949, so wie andere Vertreter des linken Flügels der DC, kritisch gegenüber. Stattdessen favorisierte er eine Union neutraler europäischer Staaten unter amerikanischem Schutz. Ein NATO-Beitritt verhindere Italiens Streben nach größerer internationaler Autonomie und einer Mittlerposition in Konflikten.Marta Dassù: Italo-Soviet Relations. The Changing Domestic Agenda. In: Gregory Flynn (Hrsg.): The West and the Soviet Union. Politics and Policy. Palgrave Macmillan, Houndmills, London 1990, S. 109–155, hier S. 121 f. Zu Moros Kritik des NATO-Beitritts in seinen Briefen aus der Geiselhaft siehe Richard Drake: The Aldo Moro Murder Case. Harvard University Press, Cambridge, MA, London 1995, S. 214. Der entscheidenden Parlamentsabstimmung in dieser Frage blieb er fern, was er mit der Geburt seines zweiten Kindes begründete. Anschließend war sein Verhältnis zum Ministerpräsidenten und DC-Parteipräsidenten Alcide De Gasperi, der sich sehr für den NATO-Beitritt eingesetzt hatte, belastet.

Aufstieg an die DC-Spitze Nachdem Dossetti die Politik verlassen hatte, gründete Moro gemeinsam mit Amintore Fanfani, Mariano Rumor und Paolo Emilio Taviani den Parteiflügel Iniziativa Democratica,Eliana Versace: Fanfani, Amintore. In: Roy P. Domenico, Marc Y. Hanley (Hrsg.): Encyclopedia of Modern Christian Politics. Greenwood Press, Westport, CT / London 2006, S. 202–204, hier S. 203. dem (mit der wichtigen Ausnahme Giulio Andreottis) die meisten aufstrebenden jungen Parteifunktionäre angehörten und die nach dem Tod De Gasperis 1954 jahrelang die Führung innerhalb der Partei übernahmen.Carlo Masala: Die Democrazia Cristiana 1943–1963. Zur Entwicklung des partito nazionale. In: Michael Gehler u. a.: Christdemokratie in Europa im 20. Jahrhundert. Böhlau, Wien 2001, S. 348–369, hier S. 360. Ab 1955 war Moro mehrfach Minister: Zwischen dem 6. Juli 1955 und dem 15. Mai 1957 Justizminister, danach bis 1959 Bildungsminister; in dieser Zeit wurde 1958 Staatsbürgerkunde (educazione civica) als Unterrichtsfach eingeführt.Massimo Drago: Educazione civica. Edizione Alpha text, Mailand 2012, S. 7.

1959 wurde er Nationaler Sekretär (entspricht etwa einem Parteivorsitzenden) der DC und blieb es bis Januar 1964. Wie Giovanni Gronchi und Amintore Fanfani trat Moro für eine Öffnung der DC nach links (apertura a sinistra) und die Bildung einer Mitte-links-Koalition mit der PSI ein.Dietmar Stübler: Italiens Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Die Positionen der Parteien in den Debatten der Abgeordnetenkammer (1957). In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Band 48, 2000, S. 607–623, hier S. 610. Auf dem 7. DC-Parteitag (1962) erklärte er, dass dem Markt „durch politische Entscheidungen der Weg gewiesen werden“ müsse. Allerdings war seine Linie innerparteilich von links wie von rechts umstritten; der von Andreotti angeführte rechte, klassisch wirtschaftsliberale Flügel Primavera setzte sich gegen die Verstaatlichung des Energiesektors unter Moro zur Wehr, während der linke Flügel Base sich als wahrer Erbe Dossettis verstand, Moros Politik als zu pragmatisch ablehnte und eine Transformation der Gesellschaftsordnung vom Leitbild des liberalen, bürgerlichen Mittelstands hin zur Arbeiterklasse forderte. Die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien sorgte jedoch dafür, dass nicht mehr Technokraten, sondern Parteifunktionäre die Führungspositionen in der Wirtschaft übernahmen und durch die Öffnung zur Linken auch mit Politikern der Sozialisten besetzt wurden, sodass bis in die 1980er Jahre unter breitem Konsens ein System politischer Patronage die italienische Wirtschaft regierte.Carlo Masala: Die Democrazia Cristiana 1943–1963. Zur Entwicklung des partito nazionale. In: Michael Gehler u. a.: Christdemokratie in Europa im 20. Jahrhundert. Böhlau, Wien 2001, S. 348–369, hier S. 361.

Amtszeiten als Ministerpräsident Nach der Parlamentswahl im April 1963 gelang es Moro beinahe, eine Mitte-links-Regierung zu bilden. Die Kabinettsliste stand bereits fest und das Programm war weitestgehend ausgehandelt, da verweigerte die PSI ihrem Vorsitzenden Pietro Nenni die Gefolgschaft und ließ die Koalition scheitern. Nach einem weiteren halben Jahr der DC-AlleinregierungHans Woller: Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert. Beck, München 2010, S. 283. einigten sich im Dezember 1963 DC, PSI, Partito Socialista Democratico Italiano (PSDI) und Partito Repubblicano Italiano (PRI) auf die Bildung der sogenannten „organischen“ Mitte-links-Regierung; Moro wurde Ministerpräsident. Pietro Nenni von der PSI war sein Stellvertreter. Die Regierung plante, das Universitäts- und Schulsystem (unter anderem durch Einführung einer neunjährigen Pflichtschule) zu reformieren.Paola Bernasconi: Zwischen Aktivismus und Gewalt. Die Wurzeln des italienischen Neofaschismus. In: Massimiliano Livi u. a. (Hrsg.): Die 1970er Jahre als schwarzes Jahrzehnt. Politisierung und Mobilisierung zwischen christlicher Demokratie und extremer Rechter.Campus, Frankfurt/New York 2010, S. 171–189, hier S. 178. Die Verwaltung sollte teilweise auf die Ebene der Regionen dezentralisiert werden, außerdem war ein Programm für das wirtschaftlich schwache Süditalien (mezzogiorno) vorgesehen. Zudem stand der Städtebau auf der Agenda.Friederike Hausmann: Kleine Geschichte Italiens von 1943 bis heute. Wagenbach, Berlin 2002, S. 70.