mini|Bill Laswell beim Moers Festival 2006 William Otis „Bill“ Laswell (* 12. Februar 1955 in Salem, Illinois) ist ein US-amerikanischer Bassist, Komponist, Arrangeur und Produzent. Er betreibt mehrere Plattenlabel und war der Produzent mehrerer mit dem Grammy ausgezeichneter Alben.
Die Diskografie (siehe Weblinks) der unter seinem Namen oder dem Namen einer der Bands, mit denen er spielt, veröffentlichten Alben und jener, die er für andere Musiker produzierte, umfasst bis Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts bereits weit mehr als 200 Einträge. Seit den 1990ern sind rund ein Dutzend Veröffentlichungen pro Jahr mit ihm als Musiker oder Produzent – oft auch beides – eher die Regel als die Ausnahme.
Seine Rolle bei der Entwicklung insbesondere der elektronischen Musik und des Ambient machte Bill Laswell zu einem einflussreichen Musiker und Produzenten des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts.
Œuvre Bill Laswell begann seine musikalische Laufbahn als Bassist in Funk-Bands. Nach seiner Übersiedlung nach New York war er bald auch als Produzent mit Künstlern wie Brian Eno und David Byrne an der Entwicklung des Ambient und mit Herbie Hancock an der Verbindung des Jazz mit Hip-Hop und elektronischer Musik beteiligt. Er gründete mit Sonny Sharrock, Peter Brötzmann und Ronald Shannon Jackson die Free-Jazz-Band Last Exit und entwickelte seine eigene, stark von indischer Musik beeinflusste Form der Worldmusic, wobei der heutzutage als der profilierteste Tabla-Spieler geltende Zakir Hussain über Jahrzehnte sein musikalischer Wegbegleiter wurde. Sein Bassspiel ist vor allem von Dub und Funk geprägt.
Charakteristika Eine eindeutige stilistische Zuordnung von Laswells Produktionen – den unter seinem Namen veröffentlichten, den Einspielungen mit verschiedenen Bands und seinen Beiträgen bei anderen Künstlern – ist nicht möglich. Dennoch gibt es eine Reihe von verbindenden Elementen, die eine Charakterisierung ermöglichen.
Vielfalt Über seine Vorgehensweise, z. B. die klassische indische mit westlicher elektronischer Musik zu verbinden, sagt er: „Ich komme aus keiner Tradition, weder einer klassischen oder einer anderen […] Ich habe keine Kultur, ich habe keine Tradition, und ich habe keine Schule die mich lehrte wie etwas zu sein hat. Ich mutiere einfach und zerstöre Dinge und schaffe ein Durcheinander und Menschen mögen es oder eben nicht. Meine Kultur ist auf der anderen Seite, hat noch nicht einmal begonnen.“ Egal ob er ein Dub-, ein Ambient-, ein Worldmusic- oder ein Jazz-Album einspielt, immer finden sich darauf auch Elemente anderer musikalischer Stile. Der Unterschied besteht in der Gewichtung.
Groove Ein wesentliches Charakteristikum von Bill Laswells Musik ist das rhythmische Fundament aus Funk beziehungsweise Hip-Hop, Dub und – vor allem indisch geprägter – Percussion. Sein Bassspiel bewegt sich zwischen Funk und Dub und auch als Produzent arbeitet er meist mit Bassisten wie Bootsy Collins, Robbie Shakespeare oder Jah Wobble, die einen vergleichbaren Zugang haben. Der Groove, das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug/Percussion, ist der Kern von Laswells Musik, der Zuhörer, die sich darauf einzulassen bereit sind, durchaus in ihren Bann ziehen kann (vgl. psychedelische Musik).
Komplexität Allen Produktionen gemeinsam ist auch eine Komplexität der Arrangements, die der Musik eine „Tiefe“ verleiht, die sie von den meisten Worldmusic-Produktionen und von kommerziell orientiertem Pop unterscheidet. Die stilistischen Mittel, derer Laswell sich dabei bedient, sind so unterschiedlich wie die musikalischen Stile, mit denen er arbeitet: Von der meditativen Stimmung indisch geprägter Rhythmik und Harmonien (siehe auch Harmonik) (z. B. die Alben der Asana-Reihe) über hypnotische Dub-Produktionen (z. B. die Dub-Chamber-Reihe) bis hin zur Intensität der von Funk und Rock mitbeeinflussten Alben (z. B. mit dem Band-Projekt Praxis).
Einflüsse
Musik die aus der Literatur bekannte Cut-up Technik (vgl. Brion Gysin und William S. Burroughs), die Neue Musik (z. B. Karlheinz Stockhausen, Arnold Schönberg) und die Avantgarde (John Cage, John Zorn und Brian Eno, mit denen er mehrere Produktionen realisierte), Funk, Hip-Hop, Rock, Elektronische Musik (v. a. verschiedene Spielarten von Electro Funk, Techno, Industrial und Ambient) bis hin zu Reggae und Dub, Jazz, vor allem Free Jazz (Ornette Coleman) und Fusion (Miles Davis, John McLaughlins Mahavishnu Orchestra und Weather Report), Worldmusic im wörtlichen Sinn, nämlich authentische Musik und Musiker vor allem aus dem indischen, arabischen und afrikanischen Raum.
Magie und Spiritualität
Laswells Musik hat eine magische-spirituelle Qualität. Er ist dabei auf keine spezielle Religion oder esoterische Schule festgelegt, sondern bedient sich – wie auch in musikalischer Hinsicht – bei Traditionen aus der ganzen Welt. Es finden sich Elemente aus dem indisch-hinduistisch-buddhistischen Raum bis hin zu westlich-esoterischen Traditionen.
Hörbar ist das zum Beispiel in seinem oft hypnotischen Dub-Bass (siehe auch Trance), den Elementen aus der indischen Musik (den Tablas Zakir Hussains, der Violine L. Shankars), dem Saxophon Pharoah Sanders oder auch den Aufnahmen der Gnawa-Musiker aus Marokko (siehe auch Sufismus).
Am augenscheinlichsten drückt sich dieser Aspekt seiner Musik bereits in der Namensgebung von Bands, Alben und einzelnen Aufnahmen aus. Einige Beispiele: Asana (Titel einer Reihe meditativer Alben), Asanas sind die Körperübungen des Yoga. Arcana (Band um Laswell und Tony Williams), bezeichnet allgemein Geheimwissen, bekannt als Bezeichnung im Tarot. Divination (eine weitere Reihe von Ambient-Alben), mit Titeln wie Akasha (Sanskrit: Raum, im Hinduismus und später in europäischen esoterischen Traditionen das sogenannte „fünfte Element“, Äther oder der Geist) oder Sacrifice (religiöses Opfer). Funkcronomicon (1995, Axiom Funk), eine Anspielung auf das fiktive mythische Buch Necronomicon aus H. P. Lovecrafts Romanen. Hashisheen (1998, The End of Law), erzählt die Geschichte der mittelalterlichen Sekte der Assassinen des Hassan-i Sabbah. Nagual Site (1998, Bill Laswell mit Sacred System), unsere Welt ist bestimmt von Ursache und Wirkung, Nagual ist die andere Seite – unbekannt, unvorhersehbar und unkontrollierbar (vgl. Carlos Castaneda). Seven Centers (1998, Chakra, Bill Laswell: Bass und Produktion), die sieben Titel des Albums sind den sieben Energiezentren, gemäß der indischen Tradition Chakren genannt, des menschlichen Körpers gewidmet.
Musikindustrie und Unabhängigkeit
Bill Laswell ist ein scharfer Kritiker der Musikindustrie, in der Profit die höchste Maxime sei und Integrität, Visionen und künstlerischer Ausdruck – wesentliche Elemente der Kreativität – als störend empfunden würden. Das Geschäftsmodell der Musikindustrie beruhe darauf, Trends zu erkennen und darauf abgestimmte Produkte anzubieten, die sich in kontrollierbaren Genres vermarkten lassen. Ein Konzept, dem Laswells Zugang des beständigen Übertretens stilistischer und kultureller Grenzen diametral entgegengesetzt ist.
Die Labels Axiom und innerhythmic wurden als Konsequenz daraus von ihm als Plattformen gegründet, in deren Rahmen er unabhängig und ohne künstlerische Beschränkungen arbeiten kann. Darüber hinaus hat Laswell einige seiner Songs auf dem experimentierfreudigen New Yorker Plattenlabel WordSound veröffentlicht, z. B. zusammen mit Dr. Israel (als „Dubadelic“) oder mit Mick Harris von Napalm Death (als „Equations Of Eternity / E.O.E.“).
Kritik
Während Laswells Stärken in seinen Fähigkeiten als Musiker – als Bassist – und profilierter Produzent liegen, wird seine Neigung, sich bei einzelnen Produktionen in studiotechnischen Details zu verlieren, manchmal als seine größte Schwäche kritisiert. Auf Kritik stößt bei manchen auch, dass seine Produktionen mitunter zu kopflastig und intellektuell seien. Und nicht zuletzt finden oft „Puristen“ verschiedener Stile wenig Gefallen an der Radikalität, mit der er sich aus dem Repertoire unterschiedlicher Richtungen bedient und damit seine Form der Fusion oder Worldmusic schöpft.
Biografie und musikalische Entwicklung Bill Laswells Vater reparierte Ölförderanlagen, und der Arbeit folgend zog die Familie oft um. Auf den jungen Bill Laswell machte der häufige Wechsel der Umgebung, der Menschen und auch deren Musik, einen starken Eindruck. Er begriff, wie er selbst Jahre später in New York erzählte, dass es keine verschiedenen „Musiken“ gibt. Die Form mag unterschiedlich sein, der Kern ist derselbe.
In den späten 1960ern lebte er in Detroit und besuchte dort erste Konzerte: Jimi Hendrix, The Stooges, Archie Shepp, Pharoah Sanders und Funkadelic, Musiker die der Teenager als beinahe irreal und mystisch wahrnahm.
Nachdem er Funk, Rock und die zu dieser Zeit aktuelle psychedelische Musik gehört hatte, erlebte er mit 14 Jahren das, was er in einem Interview einmal als seine Initiation bezeichnete. Er hatte eine Eintrittskarte für ein Konzert mit dem Sitar-Spieler Ravi Shankar an der Universität von Ann Arbor bekommen. Auf dem Weg zum Konzert nahm er zum ersten Mal in seinem Leben ein mit LSD versetztes Getränk ein und erlebte sein erstes Konzert mit indischer Musik folglich als die „großartigste psychedelische Musik“, die er jemals gehört hatte.Bass - Time - Continuum Philzone.com interviews Bill Laswell, 2002.Bill Laswell im Triptikon vom 5. Januar 2019.
Als erstes Instrument lernte Laswell Gitarre. Er wechselte aber bald zum Bass und spielte schließlich in verschiedenen Funk-Bands in und um Detroit. Eine andere Arbeit übte er nie aus.
1977/78 übersiedelte er nach New York City, wo er sich als Studiomusiker und bei Live-Gigs schnell in der Underground-Musikszene etablierte. Kurz darauf gründete er mit dem Keyboarder Michael Beinhorn und dem Schlagzeuger Fred Maher die Band Material. Ursprünglich als Begleitband des Gitarristen Daevid Allen geschaffen, begann die Gruppe bald auch eigene Aufnahmen zu produzieren. Stilistisch war Material damals im Spannungsfeld zwischen Industrial, Electro Funk, Funk und Jazz angesiedelt.
1979 erschien die erste Material-EP, Temporary Music 1.
Die 1980er Neben seiner Tätigkeit bei Material begann Bill Laswell auch mit Solo-Projekten und veröffentlichte 1982 die erste Platte unter eigenem Namen, Baselines, beim Label Celluloid, dessen Mitbesitzer und Mitbetreiber er war. Seinen Status als eine der Schlüsselfiguren der New Yorker Musikszene sicherte ihm seine Mitwirkung bei Aufnahmen Brian Enos, David Byrnes, John Zorns, Fred Friths und der Golden Palominos.
Ein Meilenstein war 1983 der Erfolg des von ihm gemeinsam mit Herbie Hancock und Beinhorn (Future Shock) produzierten und mitkomponierten Stücks Rockit,John Doran: Bill Laswell Interviewed: Bass. How Low Can You Go? in: The Quietus vom 15. Juli 2009. wo er auch am Bass zu hören ist. In der Folge wurde Bill Laswell zu einem gefragten Studiomusiker und Produzenten, auch weit über den New Yorker Underground hinaus. Er spielte unter anderem Bass bei Laurie Anderson (Mr. Heartbreak, 1984), Gil Scott-Heron (Re-Ron, 1984) und Peter Gabriel (So, 1986). Außerdem produzierte er Alben für Mick Jagger (She’s the Boss, 1985, Jaggers erstes Solo-Album), Yoko Ono (Starpeace, 1985), Public Image Ltd (Album 1986), Motörhead (Orgasmatron, 1986), Iggy Pop (Instinct, 1988), die Ramones (Brain Drain, 1989) und für viele andere.
Gleichzeitig führte er das Band-Projekt Material weiter, und es kam zur Zusammenarbeit mit Künstlern wie Herbie Hancock, Afrika Bambaataa, Fela Anikulapo Kuti, Manu Dibango und Nona Hendryx. 1985 verließ Michael Beinhorn die Gruppe.