mini|hochkant|Herbert Wehner (1966) mini|Herbert Wehner auf dem SPD-Landesparteitag in Hamburg 1981 mit Thea Asmus (im Hintergrund Rolf Meinecke). Bis 1985 hatte der Tabakpfeifensammler Wehner über 150 Einzelstücke zusammengetragen

Richard Herbert Wehner (* 11. Juli 1906 in Dresden; † 19. Januar 1990 in Bonn) war ein deutscher Politiker (KPD 1927–1942, SPD ab 1946). Er war 1949 bis 1983 Mitglied des Bundestages, von 1966 bis 1969 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen und danach von 1969 bis 1983 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.

Nach anfänglicher Mitgliedschaft in der sozialdemokratischen Jugendorganisation SAJ wechselte Herbert Wehner zunächst 1923 zu den jungen Anarchosyndikalisten der SAJD, die er 1926 verließ, um Mitglied einer anarchistischen Organisation zu werden. Nachdem er auch diese wieder verlassen hatte, trat er 1927 der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei, war 1930 bis 1931 kurzzeitig deren Landtagsabgeordneter in Sachsen und stieg im Exil zum Mitglied des Zentralkomitees der KPD auf. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland gehörte er ab 1933 der Widerstandsbewegung an, organisierte Untergrundarbeit und befand sich von 1935 bis 1946 im Exil, von 1937 bis 1941 im Hotel Lux in Moskau. Den stalinistischen Säuberungen entging Wehner nicht. Er erlebte sie nicht nur als Zeuge, sondern er wurde auch selbst in eine Untersuchung verwickelt und machte seinerseits Angaben zum Verhalten anderer deutscher Kommunisten. 1941 wurde er nach Schweden geschickt, um von dort aus den kommunistischen Widerstand gegen das NS-Regime in Deutschland anzuleiten. 1942 wurde Wehner verhaftet und erlebte das Kriegsende in einem schwedischen Gefängnis. In dieser Zeit wurde er unter dem Vorwurf, sich dem Parteiauftrag entzogen zu haben, aus der KPD ausgeschlossen.

1946 nach Hamburg gekommen, wo er auch als Redakteur tätig wurde, wurde Wehner zu einem der führenden Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Wegen seiner Vergangenheit blieb er aber offiziell meist in der zweiten Reihe, etwa als stellvertretender Partei- und Fraktionsvorsitzender. Auch wenn er erst spät zu den Reformern stieß, unterstützte er als Parteiorganisator maßgeblich den Wechsel der Partei weg von einer Klientelpartei hin zu einer Volkspartei und das Bekenntnis zu Westintegration, Marktwirtschaft und Bundeswehr (Godesberger Programm). Nachdem die SPD 1982 die Macht im Bund verloren hatte, kandidierte Wehner bei der folgenden Bundestagswahl 1983 nicht mehr für den Bundestag, womit er auch sein Amt als Fraktionsvorsitzender aufgab.

Leben mini|Gedenkplakette am heutigen Haus Spenerstraße 13 in Dresden-Striesen Herbert Wehner wurde als Sohn des Schuhmachers Robert Richard Wehner (1881–1937) und dessen Ehefrau, der Schneiderin Alma Antonie Wehner, geborene Diener (1881–1945), im Haus Spenerstraße 13 im Dresdner Stadtteil Striesen geboren. Sein Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg und trat danach in einen lockeren Zusammenschluss von sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Soldaten ein.

Herbert Wehner war evangelisch und dreimal verheiratet: 1927 heiratete er die Schauspielerin Lotte Loebinger (1905–1999). In zweiter Ehe war er ab 1944 mit Charlotte Burmester, geborene Clausen, verheiratet, der Witwe des kommunistischen Widerstandskämpfers Carl Burmester.. In: Website der Stadt Hamburg, Pressearchiv, 25. Februar 2009 (Artikel mit Informationen zum Tod von Carl Burmester). Nach deren Tod 1979 heiratete er 1983 ihre Tochter – also seine Stieftochter – Greta Burmester, damit auch diese versorgt sei. Sie hatte ihrem Stiefvater schon Jahrzehnte als Sekretärin und Betreuerin gedient und dafür ihren Beruf aufgegeben. Nach Wehners Tod und der Wiedervereinigung Deutschlands zog Greta Wehner nach Dresden und gründete im Mai 2003 die Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung.

Wehner starb am 19. Januar 1990 im Alter von 83 Jahren, nachdem er viele Jahre an Multiinfarktdemenz gelitten hatte, welche durch seinen Diabetes ausgelöst worden war.Meyer: Herbert Wehner. 2006, S. 476. Es handelte sich um eine diabetische Durchblutungsstörung des Stammhirnes. Zur Ehrung seiner Lebensleistung fand am 25. Januar 1990 ein Trauerstaatsakt in Bonn statt. In: Bundesministerium des Innern, 1. Januar 2012 (Trauerstaatsakt für Wehner am 25. Januar 1990). Seine sterblichen Überreste fanden ihre letzte Ruhe neben denjenigen seiner zweiten Frau Charlotte Burmester auf dem Burgfriedhof in Bonn-Bad Godesberg.

Ausbildung und frühe politische Betätigungen Wehner besuchte eine Seminarvor- und Realschule. Noch zu seiner Schulzeit war Wehner Mitglied in der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), Ortsgruppe Striesen-West geworden. 1923 trat er aus, um Mitglied der anarchosyndikalistischen Jugendgruppe Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands (SAJD) zu werden. Als Grund für seinen Entschluss, der Sozialdemokratie zunächst den Rücken zu kehren, gab er später an, die SPD habe den Einmarsch der Reichswehr in sein Heimatland Sachsen unterstützt und damit Verrat an der Einheitsfront begangen. Die Reichsregierung unter Gustav Stresemann hatte in diesem Jahr Truppen nach Sachsen geschickt, um die Koalition aus SPD und KPD in der sächsischen Landesregierung zu beenden. Innerhalb der SAJD wurde er 1925 u. a. zur V. Reichskonferenz als Delegierter entsendet. Mit der Gesamt-SAJD geriet er schnell in Konflikt. Unter anderem warb er für den bewaffneten, revolutionären Kampf (den die SAJD in der Mehrheit ablehnte) und wandte sich gegen einen gewerkschaftlichen Kurs, der ihm als zu reformistisch galt. Unter Wehners Einfluss trat die gesamte Gruppe Dresden-Ost im Februar 1926 aus der SAJD aus, formierte sich als „Anarchistische Tatgemeinschaft“ neu und trat geschlossen der Roten Hilfe bei. Diese anarchistische Gruppe, die sich als bakuninistisch verstand, gab im Jahr 1926 die Zeitung „Revolutionäre Tat“ heraus, deren Artikel zum überwiegenden Teil von Wehner stammten.

Nach der mittleren Reife 1924 begann Wehner eine kaufmännische Lehre in Dresden. Wegen seiner radikalen politischen Betätigung verlor er 1926 seine Anstellung.

Im August 1925 lernte er Erich Mühsam auf einer antimilitaristischen Kundgebung in Dresden kennen. Gemeinsame Arbeit unter anderem an Solidaritätskampagnen für den Rätekommunisten Max Hölz intensivierten ihr Verhältnis. Mitte 1926 zog Wehner, der volks- und betriebswirtschaftliche Studien betrieb, in Mühsams Wohnung und wirkte an dessen Zeitung Fanal mit. Ebenso engagierte sich Wehner in dieser Zeit mehrfach als Redner für die Anarchistische Vereinigung Berlin (AVB) und wirkte an der Zeitung Der Freie Arbeiter mit, dem Organ der Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands. Im Frühjahr 1927 wandte sich Wehner dann jedoch gegen Mühsam, da dieser ihm eine journalistische Mitarbeit im Fanal verwehrte. Nach Wehners Auszug im März bezichtigte Mühsam Wehner, die Kasse und die Mitgliedkarteien der AVB entwendet zu haben.Jürgen Jenko: Die anarcho-syndikalistische Bewegung (FAUD) in Dresden. Bochum 2004, Magisterarbeit, S. 61.Helge Döhring: Kein Befehlen, kein Gehorchen! Die Geschichte der syndikalistisch-anarchistischen Jugend seit 1918. a propos Verlag, Bern 2011, S. 199–205.

1927 wurde Wehner Mitglied der KPD und noch im selben Jahr hauptamtlicher Sekretär der Roten Hilfe Deutschlands in Dresden. Es folgte ein schneller Aufstieg innerhalb der Parteiorganisation. Er wurde im Juni 1930 in den Sächsischen Landtag gewählt und war dort bis 1933 der jüngste Abgeordnete überhaupt.Ilko-Sascha Kowalczuk: Walter Ulbricht. Der deutsche Kommunist (1893–1945). C.H. Beck, München 2023, ISBN 978-3-406-80660-5, S. 328. Im Landesparlament wurde er – gefördert von Rudolf Renner, dem politischen Leiter des KPD-Bezirks Sachsen – sofort stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Auch in der sächsischen Parteiorganisation übernahm Wehner seit 1929 wichtige Funktionen. Dieser rasche Aufstieg endete allerdings abrupt, als Renner im Februar 1931 abgelöst wurde. Der neue Bezirkschef Fritz Selbmann sorgte Anfang März 1931 nicht nur für Wehners Entfernung aus allen Parteifunktionen, sondern auch für dessen Abberufung aus Sachsen. Wehner legte im Juni 1931 – nach wiederholten Aufforderungen der Partei – auch sein Landtagsmandat nieder und übersiedelte nach Berlin. Dort erhielt er keine politische Parteifunktion, sondern übernahm als Angestellter der von August Creutzburg geleiteten Organisationsabteilung des Zentralkomitees ein Jahr lang nachrangige Aufgaben, bevor er im Juli oder August 1932 zum Technischen Sekretär des Politbüros ernannt wurde.Siehe Meyer, Christoph, Herbert Wehner. Biographie, 3. Auflage München 2006, S. 49. Als solcher bereitete er die Sitzungen des Politbüros vor und führte dabei Protokoll.

Nach dem Reichstagsbrand ging Wehner in den Untergrund, wo er als Leiter des „Verbindungswesens“ für die Weitergabe der Anweisungen der Parteiführung an die Parteibezirke verantwortlich war.Siehe Müller, Reinhard, Herbert Wehner – Moskau 1937, Hamburg 2004, S. 36. Bis zum Herbst 1933 verließen alle führenden Mitglieder der KPD mit Ausnahme des Thälmann-Nachfolgers John Schehr Deutschland. Der noch von Schehr im Oktober 1933 eingesetzten Inlandsleitung gehörte neben Wilhelm Kox, Siegfried Rädel, Robert Stamm, Lambert Horn und einigen anderen auch Wehner an.Siehe Mammach, Klaus, Widerstand 1933–1939. Geschichte der deutschen antifaschistischen Widerstandsbewegung im Inland und in der Emigration, Köln 1984, S. 48. Als Oberberater leitete Wehner wichtige Parteibezirke wie Berlin-Brandenburg und Wasserkante an. Ab Juni 1934 war er in gleicher Funktion im Saargebiet tätig, wo er mit dem für den KJVD zuständigen Oberberater Erich Honecker zusammenarbeitete.Siehe Scholz, Michael F., Herbert Wehner in Schweden 1941–1946, Berlin 1997, S. 16–17. 1935 wurde Wehner in Prag verhaftet und in die Sowjetunion abgeschoben. Hier nahm er am VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale teil. Wehner, der 1934/35 die Gruppe um Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck bei den Auseinandersetzungen mit der „linken“ Mehrheit der Parteiführung (Hermann Schubert, Fritz Schulte, Wilhelm Florin, Franz Dahlem und andere) unterstützt hatte, wurde auf der Brüsseler Konferenz in das Zentralkomitee gewählt und gleichzeitig Kandidat des Politbüros. Er verließ die Sowjetunion im November 1935 mit dem Auftrag, die neue politische Linie bei den KPD-Abschnittsleitungen in Westeuropa durchzusetzen.Siehe Müller, Moskau 1937, S. 57.

Moskauer Exil (1937 bis 1941) Im Januar 1937 wurde Wehner nach Moskau beordert. Sein Deckname, unter dem er auch eine Reihe von Beiträgen in der in Moskau erscheinenden deutschsprachigen Parteizeitung Deutsche Zentral-Zeitung (DZZ) veröffentlichte, war Kurt Funk. Er wohnte im Emigranten-Hotel Lux. Wehner entging Stalins Großem Terror, dem sehr viele deutsche Exil-Kommunisten zum Opfer fielen. Historische Forschungen haben ergeben, dass er seinerseits in Moskau sowjetischen Dienststellen Material über politische „Verfehlungen“ deutscher Kommunisten zur Verfügung stellte, die dann Opfer des Großen Terrors wurden.

Die belastenden Unterlagen in Moskau wurden in zwei Büchern von Reinhard Müller und danach vom Spiegel nach Wehners Tod dokumentiert. Die wichtigsten Sachverhalte betreffen folgende Personen: Helmut Weiß, ein nach Moskau emigrierter junger jüdischer Dresdner Schriftsteller, KPD-Mitglied, wurde zu zehn Jahren Gulag verurteilt, nachdem Wehner 1937 die „entsprechende Instanz“, das hieß nach den Umständen die stalinistische Geheimpolizei NKWD, aufgefordert hatte, Weiß und sein „schädliches Buch“ zu untersuchen.Reinhard Müller: . In: Der Spiegel. Special, 7/2006.