Die Operation Ichi-gō (jap. , Ichi-gō sakusen, dt. ‚Operation Nr. 1‘; ) war eine großangelegte Operation der Kaiserlich Japanischen Armee während des zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges: Ab Mitte April 1944 gingen die japanischen Einheiten in Südchina, die seit 1942 keine größere Operation gegen die chinesischen Truppen unternommen hatten, zur Offensive über, wobei sie binnen weniger Monate große Teile der chinesischen Armee in den drei südlichen Provinzen Guangxi, Hunan und Henan einkesselten und vernichteten; bis Dezember 1944, als der Vormarsch der beteiligten Armeen vor der heftig verteidigten Stadt Nanning ins Stocken kam, hatten die japanischen Truppen mehrere wichtige Städte eingenommen. Die taktischen Ziele der Operation wurden vom Kaiserlichen Hauptquartier deswegen als weitgehend erreicht betrachtet. Langfristig erwies sich die Operation als nahezu wertlos, da trotz der Eroberung der wichtigen südchinesischen Flugplätze, von wo aus die amerikanischen B-29-Bomber Luftangriffe gegen Japan flogen, die Bombardierung der japanischen Hauptinseln von den kurz zuvor eroberten Marianen fortgesetzt werden konnte. Die zusätzlich gewonnene direkte Landverbindung zwischen den japanisch besetzten Gebieten im Nordosten Chinas und jenen in Indochina und Burma erwies sich aufgrund umfassender Partisanenaktivität ebenfalls als deutlich weniger nützlich als geplant.

Ziele der Operation mini|links|Ein japanischer Panzer und mehrere Lastwagen während der Operation Ichi-gō

Anfang 1944 wurde vom Kaiserlichen Hauptquartier in Tokyo der Plan von General Umezu Yoshijirō (Befehlshaber der Kwantung-Armee) zur Durchführung freigegeben, eine großangelegte Offensive in Südchina zu starten, um Zugänge nach Burma zu öffnen.Gordon L. Rottman: World War II Japanese Tank Tactics. 2009, S. 39.

General Umezu, welcher zu der Zeit auch Oberbefehlshaber aller Streitkräfte in Nordchina war und dem Generalstab der Kaiserlichen Armee angehörte, setzte im Februar 1944 zusammen mit dem Stab der Regionalarmee Nordchina die Ziele der geplanten Offensive fest: Im März wurde im Hauptquartier der Kwantung-Armee in Xinjing der Operationsstab zusammengesetzt; unter seinen Mitgliedern befanden sich General Ōkido Sanji, Marschall Sugiyama Hajime, General Hata Shunroku und General Okamura Yasuji.John Toland: The Rising Sun. 1992, S. 617–618.

Als Ziel der Operation Ichi-gō wurde bei einer Stabssitzung festgesetzt, dass die Vernichtung der drei wichtigsten chinesischen Verbände in den drei Provinzen Südchinas als Prioritätsziel eingestuft werden sollte. Weiterhin sollten auch die kleineren chinesischen Verbände eingekesselt und vernichtet werden, die wichtigsten Städte dieser drei südlichen Provinzen gesichert werden, sowie eine Nachschub- und Verstärkungsroute nach Nordburma erstellt werden. Damit konnten die im Norden Burmas kämpfenden japanischen Truppen der Regionalarmee Burma, versorgt und, wenn nötig, auch über Südchina evakuiert werden.

Die Truppen, die unter der Leitung des Oberkommandos der China-Expeditionsarmee an dieser Offensive teilnehmen sollten, waren die 11. und die 12. Armee sowie die 3. Panzerdivision, die zuvor zur Kwantung-Armee gehört hatte und mit 800 Ha-Gō- und Chi-Ha-Panzern ausgerüstet war. Diese Truppen setzten sich aus 17 Divisionen mit insgesamt über 400.000 Mann zusammen. Die Streitmacht umfasste außerdem 12.000 Fahrzeuge und rund 6.000 Artilleriegeschütze sowie 70.000 Pferde und Maultiere.

mini|General Hata Shunroku, am 2. Juni 1944 zum Feldmarschall ernannt, war Oberbefehlshaber der übergeordneten China-Expeditionsarmee und Leiter der Operation Ichi-gō

Die Operation Ichi-gō hatte zwei Unteroperationen: Die erste erhielt den Codenamen Operation Ko-gō (, Ko-gō Sakusen, auch: , Keikan Sakusen, dt. ‚Chinesische-Hauptstadt-Operation‘); dabei sollte ab April 1944 die Eisenbahnstrecke Peking-Wuhan auf dem Gebiet der Provinz Henan gesichert werden, um eine Nachschublinie für die zweite Phase der Operation Ichi-gō zu öffnen. Bei der Ko-gō-Offensive sollten auch während des Vormarsches die chinesischen Truppen unter General Tang Enbo in der Gegend um Luoyang eingekesselt und aufgerieben werden. Die Vernichtung dieses chinesischen Verbands war für die Operationsführung der Kwantung-Armee in Xinjing als Prioritätsziel eingestuft worden.

Der Deckname der zweiten Unteroperation war To-gō (, To-gō Sakusen, auch: , Shōkei Sakusen, dt. ‚Hunan-Guangxi-Operation‘): dabei sollten die japanischen Truppen durch die Provinzen Hunan und Guangxi bis an die Grenze Französisch-Indochinas sowie nach Hongkong, welche beide unter japanischer Kontrolle standen, vorrücken, und die von dem XX Bomber Command der 20th Air Force der USAAF benutzten Flugplätze in Südchina ausschalten, die für Luftangriffe auf Japan benutzt werden konnten (Operation Matterhorn). Die Operation To-gō wird im Japanischen auch als Tairiku Datsū Sakusen () oder Kontinent-Durchquerungsoperation bezeichnet.Larry M. Wortzel: Dictionary of contemporary Chinese military history. ABC-CLIO, 1999, S. 121.

Operation Ko-gō Beginn der Offensive Am 19. April 1944 begann die Operation Ichi-gō mit dem Angriff der 11. und der 12. Armee, der durch die 3. Panzer-Division unterstützt wurde.Bernard Millot: The Pacific War. 1967, S. 776. Zunächst erfolgte der Angriff der 11. Armee, die bei besten Wetterbedingungen östlich von Luoyang gegen die chinesische Front vorstieß.Gordon L. Rottman: World War II Japanese Tank Tactics. 2009, S. 40. Gegen 13:00 Uhr des folgenden Tages hatten die Einheiten des 13. Panzerregiments den rechten Flügel der chinesischen Verteidigung durchbrochen und rückten auf die Kleinstädte Linru und Baisha sowie in den Kreis Jia vor, während das 17. Panzerregiment weiter nach Süden abschwenkte. Generalissimus Chiang Kai-shek und der stellvertretende Kommandant des 1. Militär-Bezirks, General Tang Enbo, befahlen kurz nach dem Beginn der feindlichen Operationen, die bereits eingebrochenen japanischen Panzerverbände durch Flankenangriffe abzuschneiden und zu vernichten.John King Fairbank: The Cambridge history of China: Republican China 1912-1949, Part 2. 1998, S. 706. Die isolierten Gegenangriffe einzelner chinesischer Divisionen, die jedoch über keine Panzerabwehrkanonen verfügten, trafen das auf der Flanke eingesetzte japanische 3. motorisierte Infanterieregiment, dessen Vormarsch Richtung Süden hierdurch beträchtlich verlangsamt werden konnte. Der Einsatz des 17. Panzerregiments konnte die Chinesen jedoch wieder zurückschlagen.Gordon L. Rottman: World War II Japanese Tank Tactics. 2009, S. 41. Am 22. April konnten japanische Vorausverbände des 13. Panzerregiments einige strategisch wichtige Dörfer in Henan widerstandslos besetzen und sich bis zum 25. April auf 20 Kilometer an Luoyang heranarbeiten.John Toland: The Rising Sun. 1992, S. 430.

mini|hochkant|Tang Enbo, Stellvertretender Kommandant des chinesischen 1. Militärbezirks und der 31. Armeegruppe

Währenddessen trat die japanische 12. Armee unter Generalleutnant Uchiyama Heitarō am 20. April gegen den linken Flügel der chinesischen Front an und traf dort auf erbitterten Widerstand.John King Fairbank: The Cambridge history of China: Republican China 1912-1949, Part 2. 1998, S. 708. Erst mit dem Durchbruch der 6. Panzerbrigade durch die weiter südlich gelegenen Stellungen der Chinesen gelang es der 12. Armee, die feindlichen Verteidigungslinien aufzuweichen. Durch die in der chinesischen Front entstandene Lücke konnten die nationalistischen Truppen umgangen und an einigen Stellen die Front deutlich eingedrückt werden. Bis zum 25. April nahm die 12. Armee schließlich einige Dörfer östlich Luoyangs ein, wobei den zur Verteidigung konzentrierten chinesischen Truppen durch die japanischen Panzertruppen schwere Verluste zugefügt wurden. Fast gleichzeitig erfolgte von Westen her der Angriff einiger Einheiten der 11. Armee, die Luoyang erreichen sollte. Die Panzerkolonnen des 13. Panzerregiments stießen südlich von Luoyang vor, um sich mit den Spitzen der 12. Armee zu vereinen und Luoyang einzukesseln. Das Treffen der beiden in einer Zangenbewegung vorgehenden japanischen Großverbände erfolgte am 30. April. Mit der Eroberung der wichtigen Stadt Xuchang, deren Eisenbahnlinie die einzige Versorgungsroute für die chinesischen Truppen im Kreis Luoyang bildete, waren die Nachschub- und Kommunikationslinien der nationalistischen Truppen in Luoyang abgeschnitten und etwa 390.000 Soldaten eingekesselt.Gordon L. Rottman: World War II Japanese Tank Tactics. 2009, S. 42.

Auf chinesischer Seite herrschte in diesen Tagen größte Verwirrung, da schon die ersten japanischen Luftangriffe, die am 19. April parallel mit dem Vormarsch begonnen hatten, die Verbindung zwischen den verschiedenen Fronteinheiten unterbrochen hatten, sodass eine Koordinierung der Gegenangriffe der Kuomintang-Truppen unmöglich war. Die operative nationalistische Reservegruppe bei Luoyang, die aus 30.000 Mann in drei Divisionen bestand, konnte nicht eingesetzt werden, da die Front innerhalb weniger Stunden von den japanischen Verbänden eingedrückt wurde. General Tang Enbo und der ihm unterstellte Kommandeur der chinesischen 31. Armeegruppe, General Wang Zhonglian erkannten bald die Gefahr, die seinen eingeschlossenen Truppen im Kesselraum Luoyang drohte, und ersuchte deshalb bei Chiang Kai-shek um die Erlaubnis, mit seinen Truppen einen Ausbruch aus dem Kessel zu versuchen. Dies wurde von dem Generalissimus verweigert, da der chinesische Stab der Ansicht war, die Stadt Luoyang sei unbedingt zu halten. General Tang wurde angewiesen, jeden Meter Boden zu verteidigen. Am 1. Mai meldete der Befehlshaber der chinesischen Truppen im Kreis Jia, dass er sofort nach Osten ausweichen müsse, da er von den japanischen Verbänden des 13. und 17. Panzerregiments angegriffen werde und seine Truppen über keine schweren Waffen oder Panzer verfügten und bat um entsprechende Instruktionen. Da er bis zum Morgen des 2. Mai keine Antwort erhalten hatte, deutete er dies als Verweigerung seines Ersuchens und bereitete daher die Verteidigung von Jia vor. Am Mittag wurden die ersten chinesischen Verteidigungslinien in Jia von dem japanischen 13. Panzerregiment durchbrochen, wobei die Chinesen starke Verluste erlitten.Gordon L. Rottman: World War II Japanese Tank Tactics. 2009, S. 43–44. Bis zum Abend des 2. Mai führte ein weiterer Vorstoß des 13. Panzerregiments zu einer Vereinigung mit der motorisierten Aufklärungsabteilung der 3. Panzerdivision, die von Süden her den Kreis angegriffen hatte, wodurch sich der Ring um die in Jia stationierten 12.000 Mann der Guangxi- und 13. Armee schloss. Noch am selben Tag befahl Generalleutnant Yamaji Hideo, Kommandeur der 3. Panzerdivision, dass die Ausräumung dieses Kessels der motorisierten Aufklärungsabteilung übertragen werde. Das 13. und das 17. Regiment, durch Infanterietruppen der 12. Armee begleitet, sollte sich um die Vernichtung der in Linru und Baisha stehenden gegnerischen Truppen kümmern. Zu diesem Zweck stießen sie weiter vor und konnten am 3. Mai bei Linru einen weiteren Kessel um die restlichen Teile der 13. Armee schließen.John King Fairbank: The Cambridge history of China: Republican China 1912-1949, Part 2. 1998, S. 709.