Die Erdzither, englisch ground zither, französisch cithare en terre, ist ein einfaches Saiteninstrument, bei dem eine einzelne Saite über einen mittigen Steg (Holzstab) oder über zwischen zwei in den Erdboden gesteckte Pfosten gespannt und in beiden Formen an den Enden am Boden verankert ist. Eine in der Mitte ausgehobene Grube, die als Resonanzkörper dient, ist mit einem Holzbrett, einem Rindenstück, einem Palmblatt oder einem anderen als Membran dienenden Material abgedeckt. Der Holzstab oder eine kurze Schnur zwischen der Saitenmitte und der Membran überträgt die Schwingungen der beiden durch Anschlagen der Saite hervorgebrachten Grundtöne. Die gemäß der Schallerzeugung mit den Resonator-Musikbögen verwandte Erdzither gehört instrumentenkundlich zu den Brettzithern und steht wie der Erdbogen am Ursprung der geschichtlichen Entwicklung der Saiteninstrumente.
Erdzithern sind regional aus Zentralafrika, Madagaskar und Südostasien bekannt und werden hauptsächlich noch in Vietnam gespielt, wo beide Formen unter dem Namen trống quân vorkommen. mini|Oben Erdzither Typ 3: Eine Schnur verbindet Saite und Membran über dem Erdloch. Unten Typ 2: Ein Stab ist zwischen Saite und Membran eingeklemmt. Skizzen der vietnamesischen Erdzithern trống quân von Gaston Knosp, 1912.
Herkunft und Bauform Seit den ältesten bekannten Höhlenmalereien vom Beginn des Jungpaläolithikums vor über 40.000 Jahren in den Höhlen im Maros-Pangkep Karst auf der indonesischen Insel Sulawesi wurden auf den Höhlenwänden hauptsächlich Jagdtiere dargestellt. Die frühere Ansicht, diese seien als Jagdmagie zu interpretieren, wird heute angezweifelt, auch wenn die Sinnfrage solcher Malereien weiterhin mit der Suche nach ihrem mutmaßlichen Nutzen verknüpft wird. Aus derselben Zeit sind die ältesten identifizierbaren Musikinstrumente – Flöten aus Tier- oder Vogelknochen mit mehreren Fingerlöchern – überliefert. Für die Einführung der paläolithischen Musikinstrumente wird nach allgemeiner Ansicht ein Entwicklungsmodell vorgeschlagen, wonach generell Nützlichkeitsüberlegungen im Vordergrund standen. Demnach hatten alle Musikinstrumente primär mit der Ausübung der Jagd zu tun, entsprachen also in ihrer Form Waffen (Jagdbogen – Mundbogen), dienten den Jägern als Verständigungsmittel über größere Entfernungen (Tierhörner), sollten Tierstimmen imitieren (wie die Gefäßflöte), um Tiere anzulocken oder um Tiere zu erschrecken (wie das Schwirrholz), damit sie in eine Falle laufen.Bo Lawergren: The Origin of Musical Instruments and Sounds. In: Anthropos, Band 83, Heft 1/3, 1988, S. 31–45, hier S. 34, 38
Die für Erdbögen und Erdzithern als Resonanzraum fungierenden Erdlöcher entsprechen den Gruben von Tierfallen und die Saite oder Schnur, die bei beiden Instrumenten in der Mitte der labilen Membran befestigt ist, könnte auch so angebracht gewesen sein, dass das Tier bei Kontakt die Schlinge löst und durch die Abdeckung in das Erdloch einbricht. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass Musikinstrumente zuerst bei magischen Ritualen gebraucht wurden, da zeremonielle Bestattungen mutmaßlich ebenfalls bereits vor 30.000 bis 50.000 Jahren stattfanden.Bo Lawergren, 1988, S. 41 Eine solche Theorie mit drei Entwicklungsschritten vertritt Erich Moritz von Hornbostel (1933): „Es dürfte schwer fallen, einen Klangerzeuger zu finden, der nicht ursprünglich eine rituelle oder magische Bedeutung besaß, und der nicht für eine unbestimmte Zeit als weltliche Unterhaltung für Erwachsene diente, bevor er schließlich zu den Kindern überging.“Erich Moritz von Hornbostel, 1933, S. 129
Curt Sachs (1929, gekürzt 1940) teilt die Musikinstrumente nach ihrem Alter in drei Schichten ein, gemessen an ihrer Häufigkeit und Verbreitung. Hierfür verwendet er das Bild eines in einen See geworfenen Kieselsteins. Die erste von einer Reihe kreisförmiger Wellen ist die höchste und bewegt sich am weitesten von ihrem Zentrum entfernt. Demnach hat sich die älteste (paläolithische) Schicht der Musikinstrumente praktisch weltweit verbreitet, gefolgt von den in mehreren Kontinenten, aber nicht allgemein vorkommenden Instrumenten. Zu dieser mittleren Schicht zähl Sachs neben Schlitztrommel, Stampfrohr und Schneckenhorn auch Erdbogen, Erdzither und Musikbogen.Curt Sachs, 1940, S. 63
Ein weiteres Kriterium neben der geographischen Verbreitung, um das Alter eines Musikinstruments einzuschätzen, ist die Einfachheit seiner Konstruktion und der damit produzierten Musik. Demnach müsste beispielsweise die idiochorde Bambusröhrenzither (wie die nordostindische gintang), bei der die Saite aus demselben Material wie der Saitenträger besteht (idiochord), weil sie mit einem Messer aus seiner Oberfläche herausgelöst wurde, zu den ältesten Musikinstrumenten gehören. Dies hält Hornbostel (1933) für nicht plausibel, weil eine solche Konstruktion nicht als Jagdbogen gebraucht werden kann und sich folglich auch der Mundbogen nicht aus einem Saiteninstrument mit starrem Saitenträger entwickeln konnte. Für die im Einzelnen komplexe Weiterentwicklung und Unterscheidung von Mundbögen und MusikbögenVgl. Gerhard Kubik: Das Khoisan-Erbe im Süden von Angola. Bewegungsformen, Bogenharmonik und tonale Ordnung in der Musik der ’ und benachbarter Bantu-Populationen. In: Erich Stockmann (Hrsg.): Musikkulturen in Afrika. Verlag Neue Musik, Berlin 1987, S. 82–196, hier S. 115 sieht Curt Sachs (in Geist und Werden der Musikinstrumente, 1923) für den Resonator-Musikbogen den Ursprung bei der Erdzither und beim Schlagbrett.
Die Erdzither ist die einfachste und wohl älteste aller Brettzithern, falls der Erdboden als „Brett“ verstanden wird.Jeremy Montagu: Origins and Development of Musical Instruments. Scarecrow Press, Lanham (Maryland) 2007, S. 142 Drei Typen von Erdzithern werden unterschieden:
mini|Trogzither aus der Demokratischen Republik Kongo, Ende 19. Jahrhundert. Entspricht dem Typ 1 der Erdzither. Typ 1: Die Erdzither besteht in ihrer einfachsten und wohl ältesten Form aus mehreren parallelen Pflanzenfasersaiten, die über ein Erdloch gespannt und an den Rändern am Boden befestigt sind. Diese Anfang des 20. Jahrhunderts auf Java und bei den Bubi auf der zu Äquatorialguinea gehörenden Insel Bioko (damals Fernando Póo) beschriebene Erdzither besaß keine Membran über dem Erdloch und diente als Kinderspielzeug. Nach Beobachtungen von Oskar Baumann (1888) kannten die Bubi keine auf dem Festland verbreiteten Membranophone und Schlitztrommeln, aber einen Mundbogen, dessen Saite sie mit einem Stäbchen anschlugen.Oskar Baumann: Versuch einer Monographie von Fernando Póo. (Dissertation) Verlag von Eduard Hölzel, Wien 1888, S. 47
Typ 2 (Mittelstabspannung): Bei der weiteren Entwicklung der Erdzither wird die Saitenschwingung von der Mitte der Saite über einen kurzen Stab auf die Membranabdeckung auf dem Erdloch übertragen. Diese Form gab es auf der indonesischen Insel Madura, auf der Malaiischen Halbinsel, in Vietnam und auf Madagaskar. Die Besonderheit der auf Madagaskar von der Volksgruppe der Merina unter dem Namen amponga fandrotrarana („Quecken-Gras-Trommel“) früher gespielten Erdzither sind zwei Erdlöcher nebeneinander. Das einzige andere Gebiet, in dem eine solche Erdzither mit zwei Erdlöchern vorkam, warNach Johann Sebastian Brandts Buys: De toonkunst bij de Madoereezen. Java-Instituut, Weltevreden (Jakarta) 1928 die Insel Madura an der Nordküste von Java.Curt Sachs: The Musical Instruments of Madagascar. In: Translingual Discourse in Ethnomusicology, 6, 2020, S. 1–103, hier S. 39 (zuerst veröffentlicht als: Les Instruments de Musique de Madagascar, Paris 1938) Curt Sachs (1938) verweist auf das gemeinsame Vorkommen eines ungewöhnlichen Instrumententyps auf Madagaskar und Madura vor dem Hintergrund eines seit dem 1. Jahrtausend zu beobachtenden Kulturtransfers vom Malaiischen Archipel nach Madagaskar. So kam etwa die madegassische Bambusröhrenzither valiha von dort.
Typ 3 (Doppelstabspannung): Der dritte, ausgereifteste und damit Curt Sachs zufolge der jüngste Erdzithertyp besteht aus einer langen Saite, die über zwei entfernte Pfosten gespannt und dahinter am Boden befestigt ist. Ungefähr in der Mitte wird die Saite durch eine an der Membran befestigte Schnurschlinge etwas nach unten gezogen. Die Membran aus einem flexiblen Material (Rindenstück, Palmblätter) deckt das Erdloch ab und wird am Rand mit Steinen beschwert. In beiden klassischen Formen wird die Erdzither heute noch in Vietnam verwendet.
Hornbostel erkennt eine strukturelle Beziehung zwischen der über zwei Pfosten dicht über dem Boden horizontal gespannten Erdzither und einem an zwei Schlingen horizontal aufgehängten Schlagbalken, der aus einer sehr alten Kulturschicht stammen soll. Eine hypothetische Zwischenstufe sei ein langes Bambusrohr, das auf zwei gegabelten Pfosten dicht über dem Boden und neben einem Erdloch ruht. Bei dieser Anordnung ist das Erdloch mit einem Brett überdeckt, auf dem mit den Füßen gestampft wird. Aus dem festen Brett wird demnach mit fortschreitender Entwicklung eine flexible Abdeckung und aus dem festen Bambusrohr ein biegsamer Stab, der nun über dem Erdloch angeordnet ist. In diesem Modell wird die in einer frühen Zeit eingeführte Schnurverbindung zwischen Abdeckung und Stab zu einer Stimmschlinge und zur ältesten Form eines Saiteninstruments.Erich Moritz von Hornbostel, 1933, S. 136
Weiterentwicklung mini|Einsaitige idiochorde Bambusröhrenzither guntang aus Bali, Indonesien. Tropenmuseum Amsterdam, vor 1939. mini|Kerbstegzither der Fang in Kamerun vom Typus der mvet aus Raphia mit vier idioglotten Saiten und einer Kalebasse als Resonator. Länge etwa 110 cm, vor 1956. mini|Siebensaitige Bambusröhrenzither ding goong der Xơ Đăng (Sedang), einer ethnischen Minderheit in der Provinz Kon Tum im zentralvietnamesischen Bergland.
Mit Einfachheit als Kriterium ergibt sich für die Entstehung der Musikbogentypen nach Hornbostel die zeitliche Abfolge: 1) Am Anfang steht der Mundbogen ohne Stimmschlinge und Resonator, 2) derselbe Mundbogen mit einer Stimmschlinge zwischen Saite und Bogenstange, 3) ein Musikbogen, dessen Bogenstange in Kontakt mit einem am Boden liegenden Gefäß als Resonator gebracht wird und 4) ein Musikbogen mit fest verbundenem Kalebassenresonator. Daraus ergibt sich für Curt Sachs und Erich Moritz von Hornbostel der Typus (3) des Musikbogens als direkter Nachfolger der Erdzither. Strukturelle Gemeinsamkeiten der beiden Saiteninstrumente sind ihre Länge, ihre Position nahe und parallel zum Erdboden, der mittig unter der Saite befindliche Resonator (Gefäß – Erdloch) und das Anschlagen der Saite mit zwei Schlägeln, wobei sich dieser Musikbogentyp bereits von der als ursprünglicher betrachteten Ortsgebundenheit befreit hat und – falls er nicht gerade gespielt wird – transportabel geworden ist. Die Mundbogentypen erscheinen hierbei als indirekte Nachfahren. Die Verbindung von Erdzither und Musikbogen in diesem Modell setzt stillschweigend voraus, dass die Erdzither an die erste Stelle bei der Entstehung der Saiteninstrumente gesetzt wird.Erich Moritz von Hornbostel, 1933, S. 138