Borretsch (Borago officinalis), auch Boretsch geschrieben, auch als Gurkenkraut oder Kukumerkraut bezeichnet, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Borago innerhalb der Familie der Raublattgewächse (Boraginaceae). Sie wird als Gewürz- und Heilpflanze verwendet und trägt daher das Artepitheton „officinalis“. Sie ist ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet und wird seit dem späten Mittelalter in Mitteleuropa kultiviert.
Namensherkunft mini|links|Illustration mini|links|Habitus
Für die gebräuchliche Bezeichnung Borretsch oder Boretsch (von mittelhochdeutsch boretsch; Synonym: lateinisch borago, geschrieben häufig auch borrago,Vgl. etwa Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 137. gelegentlich auch Porrich und BorrichOtto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 164 („Borago – porrich, ..borrich Borrago – borraze, scharlach“).) gibt es eine Reihe unterschiedlicher Erklärungen. Einige Autoren leiten Borretsch vom lateinischen Wort borra, „Gewebe aus rauer Wolle“, ab und vermuten eine Beziehung zu den behaarten Stängeln und Blättern. Andere Autoren sind der Meinung, der Name stamme vom arabischen abu r-rach, „Vater des Schweißes“, und verweisen auf die in der Volksmedizin genutzte schweißtreibende Wirkung des Borretsch. Gelegentlich wird Borretsch auch auf das keltische Wort borrach (= Mut) zurückgeführt.
Der im Volksmund gelegentlich verwendete Name Gurkenkraut leitet sich vom charakteristischen Gurkengeschmack der Blätter ab. Weitere volkstümliche Bezeichnungen für die Art sind Augenzier, Blauhimmelstern, Herzblümlein, Herzfreude, Liebäuglein und Wohlgemutsblume. Daneben existieren die mittelhochdeutschen Trivialnamen Bernarga, Bernarghe, Borach, Borahe, Borets, Borrasie, Borrassye, Burrase, Burrasie, Porrasie, Porstasie, Puretsch, die mittelniederdeutschen Namen Barasie oder Baratze sowie die Bezeichnungen Beragä (Pinzgau), Burres, Burretsch, Gegenstrass, Guckunnerkraut (Augsburg), Porich, Porrist und Wohlgemuth (Ostpreußen).Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, Seite 61, .Vgl. auch Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg (Druck: Bonitas-Bauer), Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 801: „Borragen Bureth Borago“, in Oeconomia von 1579.
Beschreibung mini|Behaarte runzelige Laubblätter mini|Ausschnitt eines Blütenstandes und blaue Blüte mini|Blütenstand und Blüte
Vegetative Merkmale Borretsch ist eine einjährige krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von bis zu 70 Zentimetern. Stängel und Laubblätter sind borstig behaart.
Von den Laubblättern sind die unteren Stängelblätter rosettig gehäuft, die oberen wechselständig und in Blattstiel und -spreite gegliedert. Der Blattstiel ist 2 bis 8 Zentimeter lang und ist bei den oberen Blättern oft undeutlich. Die einfache, derbe, dunkelgrüne Blattspreite ist bei einer Länge von 3 bis 10, selten bis zu 15 Zentimetern sowie bei einer Breite von meist 2 bis 5 (0,5 bis 8) Zentimetern lanzettlich bis eiförmig. Die Blattspreite ist oft wellig und etwas runzelig und beiderseits behaart.
Generative Merkmale Die Blütezeit reicht von Mai bis September. Der Blütenstiel ist 0,5 bis 2 Zentimeter lang. Wenige abstehende bis nickende Blüten sind in etwas beblätterten, ziemlich armblütigen Wickeln angeordnet, die aber oft zu umfangreichen Doldenrispen zusammengesetzt sind.
Die zwittrigen Blüten sind fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Die fünf Kelchblätter sind verwachsen, die Kelchzipfel sind linealisch, dicht rauhaarig sowie während der Anthese sternförmig zurückgeschlagen. Die Kronblätter sind anfangs rosafarben und färben sich erst später während der Anthese durch die Änderung des pH-Werts leuchtend blau. Die Kronzipfel sind lanzettlich mit spitzem oberen Ende, die Kroneröhre ist sehr kurz. Die fünf Kronblätter tragen in der Blütenmitte Schlundschuppen. Die blau-lilafarbenen Staubblätter stehen so eng aneinander, dass sie einen Streukegel bilden. Die Staubbeutel sind etwa 7 Millimeter lang. Der Fruchtknoten ist oberständig und befindet sich ebenso wie der Griffel im Inneren dieses Streukegels.
Die Klausenfrucht zerfällt in Klausen, die ausgereift etwa 5 Millimeter lang und dunkel-braun sind. Die Klausen tragen eine halbkugelig vorgewölbte als weißer Ölkörper ausgebildete Pseudostrophiole.
Die Chromosomengrundzahl beträgt x = 8; es liegt Diploidie vor mit einer Chromosomenzahl von 2n = 16.
Ökologie mini|Zwei Blüten, die zunächst rosafarbene Blüte färbt sich später blau mini|Honigbiene auf einer Borretschpflanze mit offenen und geschlossenen Blüten mini|Klausen, deutlich ist das weiße Elaiosom zu erkennen mini|Sorte mit weißen Blüten
Bei Borretsch handelt es sich um einen mesomorphen Therophyten und eine Halbrosettenpflanze.
Die Blüten sind protandrisch (= vormännlich). Das bedeutet, dass zuerst die Staubblätter reifen und den Pollen freigeben, und anschließend nach Verwelken der Staubblätter die Narbe reift und mitgebrachten Pollen bestäubender Insekten aufnehmen kann. Mit diesem Mechanismus wird die Wahrscheinlichkeit von Selbstbestäubung verringert.
Der in den Blüten enthaltene Farbstoff wirkt als Indikator. Wie Lackmus verfärbt er sich rot, wenn er in saure Lösungen kommt. Bei älteren Blüten ist eine leichte Rotfärbung zu beobachten.
Die blauen Blüten verfügen über leuchtende Strichsaftmale, die für bestäubende Insekten sichtbar, für den Menschen jedoch ohne Hilfsmittel nicht erkennbar sind. Neben Bienen suchen vor allem Hummeln die Blüten auf. Die bestäubenden Insekten fliegen die nickenden Blüten von unten an und halten sich dabei an den Schlundschuppen fest. Berühren sie die Außenseite des Streukegels einer im vormännlichen Stadium befindlichen Blüte, öffnet sich der Streukegel, und Pollen rieselt auf das Insekt herab. Bei Blüten, die im weiblichen Stadium sind, ist der Griffel aus dem Staubblattkegel herausgewachsen. Insekten, die pollenbestäubt eine solche Blüte besuchen, drücken dort den Pollen auf die Narbe des Griffels.
Die Diasporen sind die Klausen. An der Basis der Klausen befindet sich ein sogenanntes Elaiosom, ein Protein. Durch dieses Elaiosom sind die reifen Samen für Ameisen als Nahrung interessant. Herabfallende Klausen werden durch Ameisen eingesammelt und in die oft weit entfernten Baue verschleppt. Das Elaiosom wird dort von den Ameisen abgelöst und der unbeschädigte Samen wieder aus dem Bau heraustransportiert. Diese Ausbreitungsstrategie wird als Myrmechorie bezeichnet.
Vorkommen Der Borretsch kommt ursprünglich in Nordafrika, Süd- und Osteuropa und in Westasien vor und ist in Nord- und Südamerika, in Australien, Neuseeland und auf den Azoren und Kanaren ein Neophyt. Er ist im Mittelmeergebiet beheimatet und kommt dort vor allem auf Brachflächen vor. Er hat ursprüngliche Vorkommen in Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, im früheren Jugoslawien, Griechenland, Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen. Borretsch wird in den gemäßigten Gebieten angebaut. Aufgrund dieser gezielten Einführung zählt man sie zu den ethelochoren Pflanzen. Als Gartenflüchtling ist Borretsch an einigen Orten verwildert. Verwildert wurde sie noch im Inntal bei Samedan in Höhenlagen von 1400 bis 1700 Metern beobachtet.
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3 (mäßig feucht), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 3 (schwach sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 4 (nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).
Nach Mitteleuropa gelangte der Borretsch im späten Mittelalter. Er wurde zuerst in Frankreich kultiviert und gelangte von dort aus nach Deutschland. Im 16. Jahrhundert wurde die Pflanze in Bauerngärten häufig angebaut. Angepflanzt wird er auch heute noch in Kräutergärten. Es existiert eine Kulturform mit weißen Blüten.
Taxonomie Die Erstveröffentlichung von Borago officinalis erfolgte 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus I, Seite 137.
Inhaltsstoffe Borretsch enthält kleine Mengen (etwa 2–10 mg pro Kilogramm getrocknete Pflanze) verschiedener Pyrrolizidinalkaloide (Amabilin, Intermedin, Lycopsamin, Supinin, Thesinin). Amabilin, Intermedin, Lycopsamin und Supinin gelten als toxisch für die Leber. Daher ist nach Angaben des Bundesinstituts für RisikobewertungVolker Mrasek: Das Ende der grünen Soße?, Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 17. September 2013. ein regelmäßiger Genuss von Borretsch nicht zu empfehlen. Ein gelegentlicher Verzehr gilt als unbedenklich, ebenso ein Verzehr der Blüten und Samen sowie des aus den Samen gepressten Borretschöls, da diese die erwähnten Alkaloide nicht oder nur in Spuren enthalten.
Borretsch enthält außerdem Schleimstoffe, Gerbstoffe, Harz, Saponin, Kaliumnitrat, Kieselsäure, diverse Fettsäuren sowie ätherisches Öl. Der Vitamin-C-Gehalt der frischen Pflanze beträgt 149,3 mg pro 100 g Frischegewicht.
Borretschsamen enthalten zwischen 26 % und 38 % Öl. Dieses hat mit 17 % bis 28 % den höchsten bekannten Anteil an Gamma-LinolensäureNational Non-Food Crops Centre. , abgerufen im Februar 2011 und enthält außerdem 35–38 % Linolsäure, 16–20 % Ölsäure, 10–11 % Palmitinsäure, 3,5–5,5 % Gadoleinsäure (11Z-Eicosensäure), 3,5–4,5 % Stearinsäure, 1,5–3,5 % Erucasäure, etwa 1,5 % Nervonsäure, sowie unter einem Prozent von Arachinsäure, Behensäure, Palmitoleinsäure, Vaccensäure, Myristinsäure, Eicosadiensäure und Alpha-LinolensäureSabine Krist, Gerhard Buchbauer, Carina Klausberger: Lexikon der pflanzlichen Fette und Öle. 2. Auflage, Springer, 2013, ISBN 978-3-7091-1004-1, S. 89 f..
Verwendung Borretsch in der Heilkunde Als Heilpflanzen werden verwendet: Borretschblüten (Boraginis flos, Flores boraginis) Sie enthalten Bornesit, Allantoin, Schleimstoffe, Kaliumsalze (bis zu 17 %). In der Volksheilkunde wird die Arzneidroge angewendet bei Harnverhaltung, Fieber, Verschleimung der Atemwege, Durchfall sowie ferner bei Entzündungen, Rheumatismus, klimakterischen Beschwerden und zur Blutreinigung.
Borretschkraut, auch Gurkenkraut genannt (Boraginis herba) Die Arzneidroge enthält Gerbstoffe (ca. 3 %), Kieselsäure (1,5–2,2 %), Schleimstoffe (bis zu 11 %) und Pyrrolizidinalkaloide. Wegen des hohen Pyrrolizidin-Gehalts sollte die Arzneidroge nicht mehr pharmazeutisch angewendet werden, da diese Verbindungen genotoxisch und karzinogen wirken. Auch bei der Verwendung als Küchengewürz ist Vorsicht angesagt.
Borretschsamenöl (Boraginis officinalis oleum raffinatum, Boraginis oleum, DAC) Es enthält Fettsäureglyceride mit einem hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren, insbesondere Gamma-Linolensäure. Es wird bei atopischen Ekzemen (Neurodermitis) eingesetzt.
Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass ein Extrakt aus Borretsch Amoebozoa abtötet.
Borretsch symbolisierte Fröhlichkeit und Lauterkeit im Denken. Plinius schrieb: „ich, Borretsch, bringe immer Freude“. Borretsch hatte den Ruf, die Lebensgeister zu wecken. So hieß es bei John Gerard in The Herball, or Generall Historie of Plantes (1597):