mini|hochkant|Segensgestus auf einer Christusikone
Segen (, auch segon, segin, segen,Rudolf Schützeichel: Althochdeutsches Wörterbuch. 6. Auflage, Niemeyer, Tübingen 2006, ISBN 978-3-484-64031-3, S. 292. entlehnt aus , ab dem späten 2. Jahrhundert auch ‚Kreuzzeichen‘) bezeichnet in vielen Religionen ein Gebet oder einen Ritus, wodurch Personen oder Sachen Anteil an göttlicher Kraft oder Gnade bekommen sollen. Der christliche Begriff Segen, fachsprachlich auch Benediktion, entspricht dem lateinischen Wort , abgeleitet von aus und , also eigentlich ‚von jemandem gut sprechen, jemanden loben, preisen‘. Im Kirchenlatein bedeutete später auch ‚segnen, benedeien, den Segen aussprechen über usw.‘Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Band 1, Spalte 809; dort auch Belege.Damit entspricht es den griechischen Verben und . Vergleiche dazu:
Ziel des Segens bzw. Segnens (lateinisch ) ist die Förderung von Glück und Gedeihen oder die Zusicherung von Schutz und Bewahrung. Der Segen erfolgt mittels Worten und Gebärden (z. B. Handauflegung, Segensgestus, Kreuzzeichen, Salbung), die die wohltätige Zuwendung eines Gottes zu der gesegneten Person oder der gesegneten Sache symbolisieren (siehe Segenszeichen).
Im weiteren Sinne und davon abgeleitet wird das Wort Segen auch verwendet, um Freude über ein Geschenk oder eine Situation zu beschreiben („Dieses Kind ist ein Segen für uns“) oder um Fülle auszudrücken (Erntesegen, Geldsegen). Als Gegenteil des Segens wird schon im Buch Genesis der Fluch verstanden . Auch wird das Wort „Segen“ umgangssprachlich ironisch für eine unwillkommene oder allzu reichliche Gabe verwendet.duden.de: Segen 3.b.
Judentum Das hebräische Wort für ‚segnen‘ erscheint erstmals am fünften Tag der Schöpfungsgeschichte, bei der Erschaffung der Seetiere und der Vögel. Die Schöpfung des sechsten Tages, die Tiere des Landes und den Menschen, segnet Gott in derselben Weise. „Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und vermehrt euch und bevölkert das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf dem Land vermehren“ .
Im Judentum spielen die Geschichte des Segens, sein individueller oder kollektiver Verlust bzw. seine Bewahrung eine existenzielle Rolle (siehe dazu: Bracha).
In Numeri wird der aaronitische Segen eingeführt: „Der segne dich und behüte dich, der lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Die Segensformel wird bis heute in Judentum und Christentum verwendet.
mini|Jakobssegen: Jakob segnet Josefs Söhne (nach einem Gemälde Rembrandts, 1656)
Im Alten Testament spielt der Segen in den Erzählungen um den Patriarchen Jakob eine herausragende Rolle. Im Buch Genesis ist beschrieben, wie Jakob seinen älteren Zwillingsbruder Esau um den Erstgeborenensegen des Vaters Isaak bringt (). Später erbittet Jakob nach seinem Kampf mit dem Engel von seinem Kontrahenten einen Segen, worauf ihm dieser den Namen Israel erteilt. Als Großvater segnet Jakob seine Enkel Ephraim und Manasse durch Handauflegung (), wobei er den jüngeren Ephraim an erster Stelle segnet (). Auf seinem Sterbebett segnet er jeden einzelnen seiner Söhne; diese Segenssprüche für die zukünftigen zwölf Stämme Israels nennt man den Jakobssegen ().
Es können zwei Arten von Segen unterschieden werden: ein „priesterlicher Segen“ mit „absteigendem“ Charakter, der die Anrufung des Segens darstellt, der von Gott auf den Menschen herabkommt, etwa , und ein Segen, der von der Erde zum Himmel, zu Gott „aufsteigt“; dabei ist Segnen gleichbedeutend mit dem Lob Gottes und dem Dank für seine Barmherzigkeit und Treue, beispielsweise in .Dikasterium für die Glaubenslehre: Fiducia supplicans, auf vatican.va, 18. Dezember 2023, Nr. 15.
Christentum Der Segen, den Gott Abraham laut dem Alten Testament zugesprochen haben soll, ist nicht auf Israel beschränkt, sondern gilt im Neuen Testament nun auch für alle anderen Völker:
Jesus segnet die Kinder (; ; ): „Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab. Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.“ . Durch das Bewusstsein seiner Kindschaft und das Bekenntnis zu seinen Eltern erlangen das Kind und auch die Eltern Zutritt in das Reich Gottes. Für Matthäus ging es bei der Segnung der Kinder demnach nicht um eine Handlungsweise, sondern um das Wesen der Gläubigen.
Paulus verstand den Begriff „Gnade“ als den zentralen Segensbegriff. Dieser sei in zwei Richtungen wirksam: Menschen empfangen diese Gnade von Gott (vgl. & ) und Menschen geben Gott Gnade (vgl. & ). Das Segnen Gottes durch Menschen lässt sich im Sinne einer Antwort des Menschen auf zuvor von Gott Erfahrenes deuten. Daraus ergibt sich das Sinnbild eines Gespräches zwischen Gott und dem von ihm Angenommenen; ein Gespräch, in dem beide dieselbe Sprache sprechen.
Der Segen besitzt außerdem auch eine soziale Funktion: Wer andere Menschen als gesegnet bezeichnet, definiert dadurch deren Beziehung zu dem gemeinsamen Gott. Daraus wurde gefolgert, dass sich Segenempfangende und Segenspendende mit Gott in einer Segenssphäre befinden. Da selbst Gott sich im Alltag segnen lässt, spielen Statusunterschiede zwischen den Menschen hier keine Rolle (vgl. ).
mini|Ein Bischof segnet ein Kind durch die Bezeichnung mit dem Kreuz
Das Christentum versteht die Segnung als Lobpreis Gottes und Bitte um seine Hilfe und seinen Segen. Ein Segen wird meist mit der Geste des Kreuzzeichens vollzogen, manchmal ist er auch mit der Handauflegung verbunden. In der katholischen und orthodoxen Kirche wird der Segen oft durch die Besprengung mit Weihwasser begleitet (vgl. auch Asperges).
Die Begrifflichkeit, mit der Segenshandlungen bezeichnet werden, ist im Deutschen nicht einheitlich, teilweise widersprüchlich. Die Übersetzung lateinischer Termini in den liturgischen Büchern der römisch-katholischen Kirche ist uneinheitlich.Benediktionale. Studienausgabe für die katholischen Bistümer des deutschen Sprachgebietes. Freiburg 2014, S. 22 Anm. 5. Die Begriffe consecratio ‚Weihe‘, dedicatio ‚Widmung‘ und benedictio ‚Segnung‘ werden in den Quellen meist eindeutig unterschieden, jedoch kommen diese Differenzierungen im deutschen Begriff Weihe nicht zum Ausdruck.Andreas E. Graßmann: Das Patrozinium. Eine kirchenrechtliche Darstellung mit besonderer Berücksichtigung des titulus ecclesiae gemäß c. 1218 CIC/83. Frankfurt a. M. u. a. 2017, S. 326f.; er verweist auf: Rüdiger Althaus: c. 1169. In: Münsterischer Kommentar zum Codex Iuris Canonici (MKCIC); Gerlinde Katzinger: Der Altar im kanonischen Recht. Rechtsgeschichtliche und liturgierechtliche Anmerkungen. In: Wilhelm Rees, Sabine Demel, Ludger Müller (Hrsg.): Im Dienst von Kirche und Wissenschaft. Festschrift für Alfred E. Hierold zur Vollendung des 65. Lebensjahres. Berlin 2007, S. 639–662. In der römisch-katholischen Liturgie ist eine Benediktion eine Segnung mit einer „Wirkung bleibender Art, die auch rechtliche Folgen haben kann“. Menschen werden zu einem besonderen Dienst vor Gott bestimmt (Abtsbenediktion, Jungfrauenweihe), Räume und Dinge werden für den gottesdienstlichen Gebrauch ausgesondert. In diesen Fällen wird meist von der Benediktion als Weihe gesprochen.Benediktionale. Studienausgabe für die katholischen Bistümer des deutschen Sprachgebietes. Freiburg 2014, S. 14.Reiner Kaczynski: Die Benediktionen. In: Bruno Kleinheyer, Emmanuel von Severus, Reiner Kaczynski: Sakramentliche Feiern II. Pustet, Regensburg 1984, ISBN 3-7917-0940-2 (Gottesdienst der Kirche, Handbuch der Liturgiewissenschaft, Teil 8), S. 233–274, hier S. 240, 265–270.
Speziell bei römisch-katholischen Kirchen und Kapellen spricht man von Benediktion, wenn aus rechtlichen oder anderen Gründen eine förmliche Kirchweihe nicht möglich ist und der Beginn der Nutzung und das Datum der Kirchweihe weit auseinander liegen; in diesem Fall soll die Kirche mit Beginn der Nutzung in einem einfacheren Ritus benediziert (gesegnet) werden.
In der römisch-katholischen, den orthodoxen, der anglikanischen, den evangelisch-lutherischen Kirchen und ähnlichen Traditionen werden die meisten Segnungen durch Bischöfe, Priester oder Diakone vollzogen. Je näher eine Segens- oder Weihehandlung der Feier der Eucharistie steht, desto höher sind die Weihen, die dafür nötig sind.Benediktionale, Nr. 18. Auch Laien können segnen, etwa segnen Eltern ihre Kinder,man spricht dann auch vom „Volkssegen“ J. J. Ammann: Volkssegen aus dem Böhmerwald. In: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Jahrgang 1, 1891, S. 197–214, 307–314, sowie Jahrgang 2, 1892, S. 165–176. Ordensobere die Angehörigen ihres Konvents. Die meisten christlichen Gottesdienste enden mit der Spendung des Schlusssegens durch den Liturgen.
Die in der römisch-katholischen Kirche gebräuchlichen Texte und Riten von Segnungen sind in einem liturgischen Buch, dem Benediktionale, enthalten. Segnungen werden dort verstanden als Zeichenhandlungen, die „das Leben der Einzelnen und der menschlichen Gemeinschaft in seinen verschiedenen Phasen und Bereichen aus dem Glauben deuten und gestalten“ sollen. Vor allem örtliche oder regionale Segenstraditionen, die Anlass zu Missverständnissen oder zum Aberglauben geben, sollen verbessert oder ersetzt werden.Benediktionale. Studienausgabe für die katholischen Bistümer des deutschen Sprachgebietes. Freiburg 2014, S. 13, 15.