Als Akzidentien werden in der Musiknotation Versetzungszeichen und Vorzeichen bezeichnet, die eine Veränderung der Tonhöhe eines diatonischen Tons (Stammtons) anzeigen. Versetzungszeichen galten früher nur für den unmittelbar nachfolgenden Ton, später dann für alle entsprechenden Tonhöhen innerhalb eines Taktes, während Vorzeichen am Beginn eines Systems die Tonart festlegen und für einen Abschnitt oder ganzes Stück gelten. Zu den gebräuchlichen Zeichen gehören das Kreuz (♯), das B (♭) und das Auflösungszeichen (♮) sowie deren Doppelvarianten. Zeichen für Veränderungen unterhalb eines chromatischen Halbtons lassen sich bereits im 16. Jahrhundert nachweisen (z. B. bei Nicola Vicentino) und werden seit dem 20. Jahrhundert z. B. in der Musikethnologie zur Notation von Musiken, deren Intonationssystemen sich von denen der westlichen Tonalität unterscheiden, sowie zur Notation mikrotonaler Abweichungen in der Neuen Musik verwendet.
mini|Versetzungszeichen: Kreuz, Be, Auflösungszeichen
Geschichte der Versetzungszeichen
mini|Handschrift des Introitus Nos autem in Quadratnotation mit b-förmiger Vorzeichnung vor dem B im obersten Zwischenraum des vierlinigen Systems mit C-Schlüsselung. Musica ficta Seit der Antike ist in der europäischen Musiktheorie das Prinzip der heptatonischen (siebenschrittigen) Diatonik vorherrschend, die ihre melodische Spannung aus dem Wechsel von verschieden großen Tonabständen (Ganzton- und Halbton-Schritten) bezieht. Für die sieben Stammtöne setzte sich im Mittelalter zunehmend die Benennung mit den ersten sieben Buchstaben des aus dem lateinischen übernommenen Alphabets A-B-C-D-E-F-G durch, wobei die Tonbuchstabenfolge B/C und E/F Halbtonschritte implizieren.
Für die als Musica ficta bezeichnete gelegentliche Hoch- oder Tiefalteration der Stammtöne, beispielsweise zur Erzielung eines zu den Tönen B/C bzw. E/F analogen leittönigen Anschlusses eines (annähernd) halbtönig zum „Cis“ erhöhten C an eine Finalis D oder zur Vermeidung unsanglicher Tritonussprünge bedurfte es in der mittelalterlichen Einstimmigkeit keiner Zusatzzeichen, da sich in der weitgehend schriftlos vermittelten Gesangspraxis Intonationsvarianten der Stammtöne aus dem jeweiligen musikalischen Kontext ergaben und sich die Ausführenden an den lokalen oder regionalen Tradierungskonventionen orientieren konnten.
Versetzungszeichen als Folge der Mehrstimmigkeit mini|Deutsche Orgeltabulatur (1583) mit Verwendung der Druckletter h für das b quadratum und einer kleinen Schleife (fe) für ein erhöhtes F (Fis). Unter den neuen Anforderungen der Mehrstimmigkeit an die korrekte Intonation simultaner Zusammenklänge bildeten sich etwa ab dem Spätmittelalter „Versetzungszeichen“ im Notentext heraus, die sich anfangs nur auf die zwei Intonantionsvarianten des Stammtons B bezogen. Waren zuvor Intonationsvarianten der Stammtöne im einstimmigen Singen aus dem musikalischen Kontext ableitbar, waren diese durch die Praxis der Notation mehrstimmiger Sätze in isolierten Einzelstimmen für die Ausführenden nicht mehr unmittelbar nachvollziehbar. Aus der Notwendigkeit zur grafischen Differenzierung entwickelten sich zunächst zwei Zeichen, die eine korrekte Intonation des Tonbuchstabens B beim Zusammentreffen von F und B bzw. B und E zur Vermeidung simultaner Tritonusreibungen ermöglichen sollten:
Während das aufgrund der Schreibweise b rotundum („rundes B“) und wegen dessen Zugehörigkeit zum hexachordum molle der mittelalterlichen Hexachordlehre auch als b molle („weiches B“) bezeichnete B einen Halbton über dem Nachbarton A liegt, beträgt der Tonschritt zwischen dem Nachbarton A und dem eckig geschriebenen b quadratum („quadratisches B“) wegen dessen Zugehörigkeit zum hexachordum durum auch als b durum („hartes B“) bezeichnete B einen Ganzton. Durch das b rotundum wurde die Intonation des Simultanklangs F/B bzw. B/F, durch das b quadratum des Simultanklang B/E bzw. E/B unmissverständlich als reine Quarte bzw. Quinte bestimmbar.
Die ursprünglich im Kontext der Mehrstimmigkeit entstandene Notationspraxis der eindeutigen Vorzeichnung wurde dann auch in rein einstimmigen Kompositionen zur Norm. Das b rotundum ist der direkte Vorläufer unseres heutigen Versetzungszeichens , während sich aus dem b quadratum später sowohl das Auflösungszeichen als auch das Kreuz entwickelten. Aus der Bezeichnung b molle leiten sich auch fremdsprachige Tonbezeichnungen, wie bemolle (italienisch) und bémol (französisch) für um einen Halbton erniedrigte Stammtöne ab.
Einflüsse der Instrumentalnotation und Benennung alterierter Töne im deutschsprachigen Raum Ausgehend vom deutschsprachigen Raum ist es aufgrund des dort bis weit ins 18. Jahrhundert reichenden Einflusses der Orgeltabulatur und deren Besonderheit in der grafischen Darstellung des b quadratum mittels eines dem Buchstaben „h“ ähnelnden Zusatzzeichens (b) bzw. B)) zu einer Aufspaltung in die Tonbuchstaben B für b rotundum und H für b quadratum gekommen.Manfred Hermann Schmid: Notationskunde. Schrift und Komposition 900 – 1900. (= Bärenreiter Studienbücher Musik, Band 18). Bärenreiter-Verlag, Kassel 2012, ISBN 978-3-7618-2236-4, S. 223.
Erhöhungen eines Tones wurden in der Orgeltabulatur durch eine dem Tonbuchstaben angefügte e-förmige Schleife (fe) angezeigt, die von den Tironischen Noten der antiken lateinischen Stenografie übernommen wurde und dort die Endsilbe „-is“ bzw. -„es“ bezeichnet, was im deutschsprachigen Raum bei Erhöhung zu Tonbezeichnungen wie „Fis“ oder „Cis“, und bei Erniedrigung anderer Töne als B zu „Des“ oder „Ges“ führte.
Arten von Versetzungszeichen Man unterscheidet: das Kreuz () für die Erhöhung um einen Halbton; an den Notennamen wird das Suffix „-is“ gehängt (z. B. C → Cis, H → His) das Doppelkreuz () für die Erhöhung um zwei Halbtöne, an den Notennamen wird das Suffix „-isis“ gehängt (z. B. C → Cisis, H → Hisis) das B () für die Erniedrigung um einen Halbton, an den Notennamen wird das Suffix „-es“ gehängt (z. B. C → Ces, aber: H → B, A → As, E → Es) das Doppel-b () für die Erniedrigung um zwei Halbtöne, an den Notennamen wird das Suffix „-eses“ gehängt (z. B. C → Ceses, A → Asas oder Ases, H → Heses) Ein Auflösungszeichen () hebt die Wirkung eines Vor- oder Versetzungszeichens im Takt auf.
Sämtliche Versetzungen gehen vom Stammton aus, nicht von einem evtl. vorgezeichneten Ton. Bei einer Vorzeichnung mit einem wird aus einem Fis mit einem Versetzungszeichen ein Fes, kein F.
Doppelakzidenzien treten dort auf, wo der Grundton bereits durch eine Vorzeichnung um einen halben Ton verändert wurde; einen nicht vorgezeichneten Ton mit einem Doppelakzidens zu versehen, entspricht nicht der musikalischen Praxis, da hierfür der enharmonische Ton verwendet wird (z. B. Fisis bei A-Dur (Fis, Cis und Gis sind vorgezeichnet) wäre korrekt, bei a-Moll (keine Vorzeichen) wäre es G).
Viertelton- und Sechsteltonversetzungszeichen Versetzungszeichen für Viertel- und Sechsteltöne werden in der Viertelton-Musik, für die Notation von orientalischer Musik (etwa von auf dem Dastgah-System beruhender persischer Musik) und allgemein für mikrotonale Musik verwendet. Es existiert bisher kein einheitliches Zeichensystem wie bei den Halbtonversetzungszeichen, die verwendeten Zeichen sind i. d. R. Modifikationen der Halbtonzeichen Kreuz () und b ().
+ Beispiele135pxErhöhung um einen Viertelton135pxErhöhung um drei Vierteltöne175pxErniedrigung um einen Viertelton170pxErniedrigung um drei Vierteltöne
Weitere Beispiele für Viertelton- und Sechsteltonnotationen mit Angabe der Abweichungen in Cent: 800px|links
Warnakzidenzien Aus Gründen der Klarheit werden gelegentlich eigentlich überflüssige Versetzungszeichen dennoch als Warnakzidenzien (auch Erinnerungsvorzeichen genannt) gesetzt, beispielsweise in folgenden Fällen: wenn im Takt vorher eine andere Versetzung galt; wenn in einer anderen Stimme gleichzeitig oder kurz vorher (im selben Takt) eine andere Versetzung gilt (z. B. bei einem Querstand); wenn übergebundene Noten, die die Alteration beibehalten, durch einen Zeilenwechsel getrennt werden, so wird das Versetzungszeichen am Beginn der neuen Zeile wiederholt. Warnakzidenzien werden gelegentlich dadurch kenntlich gemacht, indem man sie einklammert, kleiner druckt oder oberhalb der betreffenden Note setzt.
Abgrenzung zu Vorzeichen Versetzungszeichen unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht von der Verwendung der gleichen Zeichen als Vorzeichen und unterliegen eigenen Regeln:Beispielsweise dargestellt in: Wieland Ziegenrücker: ABC Musik. 6. Auflage. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-7651-0309-4, S. 40. Versetzungszeichen stehen direkt vor einer bestimmten Note. Im Unterschied dazu stehen Vorzeichen unmittelbar nach dem Schlüssel (vor der Taktangabe). Versetzungszeichen gelten nur für genau die bezeichnete Tonhöhe, nicht für alle Oktavbereiche. Ein Versetzungszeichen gilt nur in demjenigen Takt, in dem es notiert ist. Außer bei übergebundenen Noten gilt nach dem nächsten Taktstrich also wieder die vorgezeichnete Tonhöhe. Demgegenüber gelten Vorzeichen bis zum Ende des jeweiligen Musikstücks, es sei denn, sie werden durch eine neue Vorzeichnung aufgehoben.
Benennung von Versetzungszeichen Im Deutschen gelten folgende Regeln: Bei der Erhöhung durch ein Kreuz wird der Name des Stammtons um das Suffix „-is“ erweitert, die erhöhten Töne heißen also cis, dis, eis (sprich e-is), fis, gis, ais (sprich a-is), his. Erniedrigung wird in den meisten Fällen durch das Suffix „-es“ gekennzeichnet, Ausnahmen machen die Stammtöne e, a und h. Im Einzelnen sind die erniedrigten Töne so benannt: ces, des, es, fes, ges, as, b (statt hes). Durch ein Doppelkreuz doppelt erhöhte Töne werden mit cisis, disis, eisis, fisis ... bezeichnet. Doppelte Erniedrigung durch ein Doppel-b ergibt die Tonnamen ceses, deses, eses, feses, geses, asas oder ases, heses (statt bes). Diese doppelten Alterationen treten fast immer nur kurzfristig als Versetzungszeichen auf, als Vorzeichen nur bei seltenen Tonarten wie Fes-Dur. Im Sprachgebrauch ist es auch üblich, die vorübergehenden Versetzungszeichen etwas unscharf „Vorzeichen“ zu nennen. Zur besseren Unterscheidung sollten in diesem Fall die am Beginn des Notensystems stehenden Vorzeichen „Generalvorzeichen“ genannt werden.
Im englischen und romanischen Sprachraum werden die Stammtonnamen selbst nicht erweitert, sondern bekommen nachgestellte Attribute: : engl. sharp, franz. dièse, ital. diesis : engl. flat, franz. bémol, ital. bemolle.
Siehe hierzu: Anderssprachige Tonbezeichnungen
Bezeichnungen alterierter Töne Stammton / Ceses Ces C Cis Cisis Deses Des D Dis Disis Eses Es E Eis (gesprochen: E-is) Eisis Feses Fes F Fis Fisis Geses Ges G Gis Gisis Asas oder Ases As A Ais (gesprochen: A-is) Aisis Heses B H His Hisis
Die Benennung der alterierten Töne geschieht unabhängig von möglichen enharmonischen Verwechslungen. So ist z. B. der Ton His, den man durch Erhöhung des H erhält, in reiner Stimmung und damit in der harmonischen Funktion ein anderer Ton als das C. In gleichstufiger Stimmung werden diese beiden Töne allerdings auf den gleichen Ton abgebildet, wodurch z. B. die Tasten der Klaviatur jeweils mehrere Tonnamen erhalten. HisCDeses HisisCisDes CisisDEses DisEsFeses DisisEFes EisFGeses EisisFisGes FisisGAsas Gis—As GisisAHeses AisBCeses AisisHCes
Darstellung in Computersystemen
Nationale und historische Notationskonventionen