mini|Dietrich Fischer-Dieskau Albert Dietrich Fischer-Dieskau (* 28. Mai 1925 in Berlin; † 18. Mai 2012 in Berg) war ein deutscher Sänger (Bariton), Dirigent, Maler, Musikschriftsteller und Rezitator. Fischer-Dieskau gilt als einer der bedeutendsten Lied-, Konzert- und Opernsänger des 20. Jahrhunderts. Mit über 400 Schallplatten ist er der Sänger, von dessen Interpretationen die meisten Einspielungen auf Tonträgern überhaupt existieren dürften.Marquis Who’s Who in the World. 2004.

Leben und Wirken Dietrich Fischer-Dieskau wurde als Sohn eines Altphilologen und einer Lehrerin geboren. Sein Großvater war der Pfarrer und Hymnologe Albert Fischer. Die Eltern förderten das Talent des Sohnes, indem sie ihm bereits als 16-Jährigem eine Gesangsausbildung ermöglichten, zunächst bei Georg A. Walter, danach ab 1942 bei Hermann Weißenborn an der Hochschule für Musik. Sein Bruder war der Kirchenmusiker Klaus Fischer-Dieskau. Ein weiterer Bruder, Martin, wurde auf Grund seiner Behinderung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von den Nazis ermordet.

mini|links|Dietrich Fischer-Dieskau (1970)

Fischer-Dieskau wurde zur Wehrmacht eingezogen und geriet in Italien in amerikanische Kriegsgefangenschaft, während der er seine Gesangsstudien autodidaktisch weiter betrieb. Seine ersten Konzerte gab er in einem amerikanischen Gefangenenlager in Italien. Nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft debütierte er 1947 im Deutschen Requiem von Brahms bei einer Aufführung in Badenweiler, nachdem der ursprünglich vorgesehene Baritonsolist wegen einer Erkrankung nicht hatte auftreten können.Nadine Zeller: Karriere begann in Badenweiler. Fischer-Dieskaus Debüt. In: Badische Zeitung, 25. Mai 2012 (gedruckte Ausgabe); abgerufen am 30. Mai 2012.

Fischer-Dieskaus eigentliche Karriere begann dann im Januar 1948, als er noch Student bei Hermann Weißenborn war und erstmals Schuberts Winterreise für den RIAS sang. Im selben Jahr wurde er an die Städtische Oper Berlin verpflichtet, wo er u. a. den Marquis Posa in Don Carlos und den Wolfram im Tannhäuser verkörperte. Im Jahr darauf fand die erste Schallplattenaufnahme statt: Vier ernste Gesänge von Brahms. Im gleichen Jahr gastierte er auf den Opernbühnen in München und Wien. Eine weitere Station war 1951 die Wiedergabe der Lieder eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler bei den Salzburger Festspielen unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler.Das Konzert und weitere Auftritte Dietrich Fischer-Dieskaus bei den Salzburger Festspielen Im selben Jahr hatte Fischer-Dieskau sein Festivaldebüt in Edinburgh mit den Brahms-Liedern.Weitere Auftritte Dietrich Fischer-Dieskaus in der Scottish Opera in Edinburgh 1952 war er zum ersten Mal in den USA auf Tournee, zwei Jahre später debütierte er bei den Bayreuther Festspielen als Wolfram im Tannhäuser.Aufführung und weitere Auftritte Dietrich Fischer-Dieskaus bei den Bayreuther Festspielen Am 30. Mai 1962 wirkte Fischer-Dieskau im Rahmen der Einweihung der neuen Kathedrale von Coventry bei der Uraufführung des War Requiem von Benjamin Britten mit. Er sang an der Seite des britischen Tenors Peter Pears.Le grand baryton allemand Dietrich Fischer-Dieskau est mort. lemonde.fr, 18. Mai 2012; abgerufen am 18. Mai 2012. Fischer-Dieskau gilt auch als Förderer der Musik des 20. Jahrhunderts, so von Hans Werner Henze und Aribert Reimann.„Jahrhundertsänger“: Dietrich Fischer-Dieskau ist tot. Spiegel Online, 18. Mai 2012; abgerufen am 18. Mai 2012. Fischer-Dieskaus langjähriger und wichtigster Liedbegleiter am Klavier war Gerald Moore, mit dem er mehrmals Schuberts Liederzyklus Winterreise einspielte. Auch mit Wolfgang Sawallisch am Klavier gab er viele Konzerte und nahm mit ihm mehrere Schallplatten auf.

Seine wesentlichen Stationen waren danach Auftritte an der Carnegie Hall in New York, der Deutschen Oper Berlin, der Wiener Staatsoper,Auftritte mit Dietrich Fischer-Dieskau an der Wiener Staatsoper der Bayerischen Staatsoper in MünchenAuftritte mit Dietrich Fischer-Dieskau an der Bayerischen Staatsoper und am Royal Opera House in London.Aufführungen mit Dietrich Fischer-Dieskau im Royal Opera House/Covent Garden in London Sein Repertoire umfasste etwa dreitausend Lieder von etwa hundert verschiedenen Komponisten.

mini|Ehrengrab auf dem Friedhof Heerstraße in Berlin-Westend

Seit 1983 war Dietrich Fischer-Dieskau Professor an der Hochschule der Künste in Berlin. Er war seit 1956 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, seit 1984 Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und seit 1991 Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg. Am 31. Dezember 1992 beendete er in München seine aktive Karriere als Sänger mit einer Silvester-Gala, als deren letztes Stück die Schlussfuge Tutto nel mondo è burla aus Verdis Falstaff erklang.

Dietrich Fischer-Dieskau starb zehn Tage vor seinem 87. Geburtstag, am 18. Mai 2012, in seinem Haus in Berg am Starnberger See (Himbselweg 16), wo er abwechselnd mit dem von ihm seit 1958 bewohnten Haus Buchthal im Berliner Westend (Lindenallee 22)Nikolaus Bernau: Die unerkannte Moderne. Wie in Berlin eine expressionistische Villa wiederentdeckt wurde. (PDF; 1,5 MB) In: Die Zeit, Nr. 50/2016, S. 27; lenzwerk.com gewohnt hatte.Kai Luehrs-Kaiser: Dietrich Fischer-Dieskau – Tod eines Jahrhundertsängers. Welt Online, 18. Mai 2012; abgerufen am 9. November 2019. Manuel Brug: Der Nachlass des größten Liedsängers aller Zeiten. Welt Online, 13. August 2015; abgerufen am 9. November 2019. Die Beisetzung erfolgte am 25. Mai 2012 im engsten Familienkreis auf dem Friedhof Heerstraße in Berlin-Westend. In: B.Z., 30. Mai 2012; abgerufen am 24. Februar 2023. Die letzte Ruhestätte von Dietrich Fischer-Dieskau ist als Ehrengrab des Landes Berlin gewidmet. Da Fischer-Dieskau seit dem Jahr 2000 Ehrenbürger von Berlin war, ist die Widmung – im Unterschied zur großen Mehrzahl der Berliner Ehrengräber – zeitlich nicht befristet.Ehrengrabstätten des Landes Berlin (Stand: August 2021). (PDF; 2,2 MB) Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, S. 19; abgerufen am 24. Februar 2023. Anerkennung und weitere Erhaltung von Grabstätten als Ehrengrabstätten des Landes Berlin. (PDF; 205 kB). Abgeordnetenhaus von Berlin, Drucksache 17/3105 vom 13. Juli 2016, S. 2; abgerufen am 9. November 2019.

Privates Im Jahr 1949 heiratete Fischer-Dieskau in erster Ehe die Violoncellistin Irmgard Poppen. Aus dieser Verbindung stammen drei Kinder, die ebenfalls künstlerisch tätig sind: der Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau (* 1951), der Dirigent Martin Fischer-Dieskau (* 1954) und der Violoncellist Manuel Fischer-Dieskau (* 1963). Irmgard Poppen starb bei der Geburt des Sohnes Manuel.Dietrich Fischer-Dieskau – Tod eines Jahrhundertsängers; Nachruf. In: Die Welt vom 18. Mai 2012. Abgerufen am 1. Juli 2017. Es folgte (1965–1967) eine Ehe Fischer-Dieskaus mit der Schauspielerin Ruth Leuwerik, dann eine dritte Ehe (1968–1975) mit Kristina Pugell, der Tochter eines amerikanischen Gesangspädagogen. Von 1977 bis zu seinem Tod im Jahr 2012 war Dietrich Fischer-Dieskau in vierter Ehe mit der Sängerin Julia Varady verheiratet. Der Diplomat Thomas Fischer-Dieskau ist sein Neffe.

Im Jahr 2015 verkaufte die Erbengemeinschaft Varady/Fischer-Dieskau das Berliner Wohnhaus des Sängers, das Haus BuchthalBettina Schneuer: Zurück zur alten Spitze: Das Haus Buchthal nach der Renovierung. ad-magazin.de, 15. Oktober 2019, 09:07 Uhr. Elke Linda Buchholz: Die Villa Buchthal: Vom Kristall zum Kubus. tagesspiegel.de, 28. November 2016. im Westend (Lindenallee 22).Ein Kristall, verborgen in neuer Sachlichkeit: die Entdeckung und Sanierung von Haus Buchthal in Berlin. Ausstellungs-Katalog. Galerie AEDES, Berlin 2016

Rezeption Nach seinem Tod würdigte Le Monde die Gesangskunst Fischer-Dieskaus als „an ein Wunder grenzend“ („cela tenait du miracle“): „Sobald er den Mund öffnete, glaubte man ihm. Kein Wort, keine Absicht, keine Nuance entging seiner Diktion“ („dès qu’il ouvrait la bouche, on y croyait. Pas un mot, pas une intention, pas une nuance n’échappait à sa diction“).Le grand baryton allemand Dietrich Fischer-Dieskau est mort. lemonde.fr, 18. Mai 2012. In einem Nachruf im Guardian bezeichnete der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim, langjähriger Liedbegleiter Fischer-Dieskaus, den Bariton als „revolutionären darstellenden Künstler“ („revolutionary performer“), denn als erstem Sänger überhaupt sei es ihm gelungen, in Personalunion in Oper, Oratorium und Lied gleichermaßen außergewöhnliche Leistungen zu erbringen:

Die New York Times bezeichnete Dietrich Fischer-Dieskau in einer Rezension seiner Memoiren Nachklang – Ansichten und ErinnerungenBibliografische Angaben siehe Schriften (als Autor) als „intellektuellsten und analytischsten Sänger“ („most intellectual and analytical of singers“). Er habe durch seinen – von manchen als übertrieben empfundenen – Deklamationsstil mit der auf gleichmäßig-melodischen Schönklang abhebenden Gesangstradition gebrochen, weshalb sein Gesang „unweigerlich Kontroversen hervorrufe“ („controversy Mr. Fischer-Dieskau inevitably arouses“).W. L. Taitte: A Voice to Shatter Tradition. In: The New York Times, 24. September 1989, Teil 7, S. 25.

Sein Kollege René Kollo lobte Fischer-Dieskau als „stimmlich einfach prädestiniert für das Lied“ und vom Wesen her als „sehr reizend, sehr hilfreich, sehr freundschaftlich“.Anke Schäfer: „Stimmlich einfach prädestiniert für das Lied“: René Kollo zum Tod von Dietrich Fischer-Dieskau. Interview auf Deutschlandradio Kultur, Sendung Fazit, 18. Mai 2012. Brigitte Fassbaender sagte, der Sänger sei „ein hoch empfindsamer Mensch von großer geistiger Klarheit“ gewesen. „Für alle, die mit ihm gearbeitet haben, war er immer in hohem Maße auch Vorbild. Er war einfach eine natürliche, große Autorität.“Ulrike Timm: „Ein kluger Intellektueller, der sich nicht zufriedengab mit der Opernbühne“: Sängerkollegin Brigitte Fassbaender zum Tod von Dietrich Fischer-Dieskau. Interview auf Deutschlandradio Kultur, Radiofeuilleton, 18. Mai 2012.

Ehrungen

Schriften

Als Autor Auf den Spuren der Schubert-Lieder. Werden, Wesen, Wirkung. Brockhaus, Wiesbaden 1971, ISBN 3-7653-0244-9. Wagner und Nietzsche: der Mystagoge und sein Abtrünniger. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1974, ISBN 3-423-01429-6. Robert Schumann: Wort und Musik. Das Vokalwerk. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1981, ISBN 3-421-06068-1. Töne sprechen, Worte klingen. Zur Geschichte und Interpretation des Gesangs. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1985, ISBN 3-492-02826-8. Nachklang. Ansichten und Erinnerungen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1987, ISBN 3-421-06368-0. Wenn Musik der Liebe Nahrung ist. Künstlerschicksale im 19. Jahrhundert. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1990, ISBN 3-421-06571-3. Fern die Klage des Fauns. Claude Debussy und seine Welt. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1993, ISBN 3-421-06651-5. Schubert und seine Lieder. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1996, ISBN 3-421-05051-1 (Taschenbuchausgabe: Franz Schubert und seine Lieder. Insel, Frankfurt 1999, ISBN 3-458-34219-2). Carl Friedrich Zelter und das Berliner Musikleben seiner Zeit. Eine Biographie. Nicolai, Berlin 1997, ISBN 3-87584-652-4. Die Welt des Gesangs. Metzler, Stuttgart 1999, ISBN 3-476-01638-2. Zeit eines Lebens. Auf Fährtensuche. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2000, ISBN 3-421-05368-5. Musik im Gespräch. Streifzüge durch die Klassik mit Eleonore Büning. Propyläen, München 2003, ISBN 3-549-07178-7. Goethe als Intendant. Theaterleidenschaften im klassischen Weimar. dtv, München 2006, ISBN 3-423-24581-6. Johannes Brahms. Leben und Lieder. List, Berlin 2008, ISBN 978-3-548-60828-0. Jupiter und ich. Begegnungen mit Furtwängler. Berlin Univ. Press, Berlin 2009, ISBN 978-3-940432-66-7. Das deutsche Klavierlied. Berlin University Press, Berlin 2012, ISBN 978-3-86280-021-6.

Als Herausgeber Texte deutscher Lieder. dtv, München 1968, ISBN 978-3-423-30095-7.