mini|Emma, Lady Hamilton in einem der bekanntesten Porträts von George Romney, ca. 1785
Emma, Lady Hamilton (* 26. April 1765 (?) in Ness (Cheshire) als Amy Lyon, getauft 12. Mai 1765 in Great Neston (Cheshire); † 15. Januar 1815 in Calais) war ein englisches Modell, sowie eine Künstlerin und Gesellschaftsdame um 1800. Sie entstammte einfachsten Verhältnissen, und ihr gelang der gesellschaftliche Aufstieg bis in die vornehmsten Kreise. Sie war unter anderem die Geliebte und seit dem 6. September 1791 Ehefrau des britischen Botschafters in Neapel sowie zwischen 1798 und 1805 die Mätresse des britischen Admirals Horatio Nelson in einer damals unerhörten und weithin skandalisierten Dreiecksbeziehung. Aufgrund ihrer Schönheit und Liebesbeziehungen war sie am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine europaweite Berühmtheit. Mit den Attitüden – Darstellungen antiker Statuen und Gemälde als lebende Bilder – wurde sie auch als Künstlerin bekannt und bereits zu Lebzeiten vielfach porträtiert und nachgeahmt. Nach Nelsons Tod geriet sie in Armut, floh 1814 aus dem Londoner Schuldgefängnis nach Frankreich und starb Anfang des Folgejahres schwer erkrankt in Calais.
Ihr Leben wurde bis in die Gegenwart vielfach Gegenstand von Romanen, Porträts und Filmen.
Leben Abstammung, Jugend und erste Liebhaber Emma Hamilton wurde als Amy Lyon in dem kleinen Ort Ness bei Great Neston (heute nur als Neston bezeichnet), Cheshire, Nordwest-England geboren. Als ihr Geburtsjahr wird meist 1765 angenommen. Ein anonymer zeitgenössischer Autor gibt es zwar als 1761 an, doch gilt diese Quelle allgemein als unzuverlässig. Sie selbst sagte, dass ihr Geburtstag der 26. April sei. Der Taufname Amy wurde mehrmals geändert (Amyly, Emly, Emyly, Emily) und schließlich der Name Emma beibehalten. Nach dem schon einen Monat nach der Taufe erfolgten Tod ihres Vaters, des Hufschmieds Henry Lyon, wurde die kleine Emma von ihrer ehrgeizigen und willensstarken Mutter Mary Lyon (geborene Kidd), einer Dienstmagd, in deren Heimatdorf Hawarden in Flintshire gebracht. Dort lebten die beiden im Haus von Marys Mutter Sarah Kidd, und Mary verdingte sich als Kohlenhausiererin.
Etwa 1777 wurde die junge Emma Kindermädchen im Haus des Arztes Honoratus Leigh Thomas in Hawarden. Etwa ein Jahr später ging sie mit ihrer Mutter nach London. Ihre dortigen frühen Stationen sind nur durch spärliche und oft zweifelhafte Quellen dokumentiert, sodass viele ihrer Tätigkeiten in ihren ersten Londoner Jahren unklar sind. Zuerst arbeitete sie 1778 als Kindermädchen beim Chirurgen Richard Budd am Chatham Place Nr. 14 nahe der Blackfriars Bridge. In dessen Haushalt lernte sie ein etwa gleichaltriges Dienstmädchen namens Jane kennen, die Schauspielerin werden wollte und später den Schauspieler William Powell heiraten sollte. So dürfte Emma erste Erfahrungen in der Schauspielkunst gesammelt haben. Die beiden Mädchen genossen aber auch das ausschweifende Nachtleben Londons und vernachlässigten ihren Dienst, sodass sie bald von Mrs. Budd entlassen wurden. Dann wurde Emma Hausmädchen beim Musik- und Theaterdirektor Thomas Linley, der zusammen mit seinem Schwiegersohn Richard Brinsley Sheridan das Drury Lane Theatre erworben hatte. Damals dürfte sie ihren ersten Musikunterricht erhalten und wohl auch ihr schauspielerisches Talent vertieft haben. Nach dem Tod zweier Kinder war die Familie Linley tief erschüttert. Emma verließ sie und wurde angeblich Prostituierte des Londoner Nachtlebens, doch gibt es darüber nur unzuverlässige Quellen. Sie soll bei einer Halbweltdame namens „Madame Kelly“ gearbeitet und dort den jungen Marineoffizier John Willet Payne kennengelernt haben, dessen Mätresse sie kurzzeitig geworden sei. Erst während dieser Beziehung habe sie ihre „Unschuld“ verloren. Eine Version gibt als Grund für ihre Einwilligung in die Affäre an, dass sie dabei einen Verwandten unterstützte, der gegen seinen Willen Matrose werden sollte. Payne sollte sich bei der Admiralität für seine Befreiung vom unfreiwilligen Schiffsdienst einsetzen und im Gegenzug Emma zur Geliebten erhalten.
Emma soll 1781, nur mit einem leichten Schleier bedeckt, im als medizinische Einrichtung ausgegebenen „Tempel der Gesundheit“ des schottischen Quacksalbers James Graham posiert habenRoy Porter (ODNB Bd. 23, S. 198) hält diese Geschichte für spätere Legendenbildung.. In diesem nahe der Themse zwischen der Royal Terrace und dem Adelphi Theatre gelegenen „Tempel“ konnten sich wohlhabende unfruchtbare Paare gegen angemessene Bezahlung in ein „himmlisches Bett“ legen, dessen Benutzung die Zeugungsfähigkeit wiederherstellen sollte.
Damals lernte Emma wohl auch den berühmten englischen Porträtmaler George Romney kennen, der einen Hang zu antiken Themen hatte und im Laufe der Zeit mehr als 40 Bildnisse von ihr schuf. Obwohl sein erstes bekanntes Porträt von ihr von 1782 stammt, dürfte er sie schon früher gemalt haben. Die Beziehung zwischen dem Maler und seinem Modell blieb jedoch platonisch.
Im damaligen Großbritannien gingen reiche Adlige nicht selten ein flüchtiges Verhältnis mit einer jungen Dienstmagd oder Schauspielerin ein. Nur selten gelang es diesen relativ mittellosen Frauen aufgrund ihrer Attraktivität und ihrer geistigen Fähigkeiten, eine solche Beziehung in eine Heirat zu verwandeln und in die Oberschicht aufzusteigen.
Emma war eine große, schlanke Schönheit mit langem kastanienbraunen Haar. 1781 machte sie die Bekanntschaft des reichen jungen Dandys Sir Harry Fetherstonhaugh, der sie in das prachtvolle Landhaus Up Park seines Vaters in Sussex einlud. Weil dort oftmals Sir Harrys Mutter auftauchte, wohnte seine neue Mätresse vorwiegend im nur einige Meilen entfernten Rosemary Cottage. Emma führte nun eine Zeitlang ein sorgenfreies und zügelloses Leben, wurde eine gute Reiterin und soll ab und zu nackt auf dem Esstisch getanzt haben. Sie nahm auch an Sir Harrys ausgelassenen Abendgesellschaften teil und lernte dabei im September 1781 ihren späteren Geliebten, den 32-jährigen Adligen Charles Francis Greville, kennen. Doch Fetherstonhaugh wurde ihrer langsam überdrüssig und verstieß sie schließlich im Dezember 1781, als er erfuhr, dass sie schwanger war, obwohl dieses Kind – das später als „Little Emma“ bekannt wurde – höchstwahrscheinlich von ihm stammte. Sie erhielt von ihm kaum genug Geld für die Heimreise nach Hawarden. Ihre alte Großmutter empfing sie zwar freundlich, war aber sehr arm. So befand sich Emma in großen finanziellen Nöten. Von ihrem ehemaligen Geliebten Fetherstonhaugh erhielt sie auf ihre Briefe keine Antwort. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich um Hilfe an Greville und nannte sich in dieser Korrespondenz Emily Hart. Ihre Briefe belegen, dass sie viele Rechtschreibfehler machte und nahezu Analphabetin war.Von Emmas Kindheit bis zum Ende ihrer Beziehung mit Fetherstonhaugh: Gilbert Sinoué, Emma. Das Leben der Lady Hamilton, dt. Taschenbuchausgabe München 2005, S. 5–24.
Geliebte von Charles Greville mini|Emma, Lady Hamilton, Porträt von George Romney
Unter der Bedingung, dass Emma außer zu ihrer Mutter alle ihre früheren Kontakte, insbesondere zu Fetherstonhaugh, vollständig abbrach, erklärte sich Greville zu ihrer Aufnahme in seiner Londoner Wohnung und zur Finanzierung ihres Lebensunterhaltes bereit. Er wollte nicht, dass ihr früheres manchmal anstößiges Leben bekannt und seinem Ruf schaden würde. Daher nannte sie sich weiterhin Hart und lebte als Grevilles Mätresse ab Februar 1782 in seinem bescheidenen Haus in Edgware Row im Londoner Vorort Paddington Green. Auch ihre Mutter wohnte dort als Haushälterin und Köchin. Wie ihre Tochter änderte auch Mary Lyon ihren Familiennamen, und zwar in Mrs. Cadogan nach einem ehemaligen Dienstgeber, vermutlich weil auch sie alle Spuren ihres vergangenen Lebens verwischen wollte. Greville bezog ein für seine vornehme Herkunft geringes jährliches Einkommen von 500 Pfund Sterling. Entsprechend sparsam musste Emma wirtschaften, ein zurückgezogenes Leben führen und mit 20 Pfund pro Jahr als persönliches Budget auskommen, was sie anstandslos akzeptierte. Der Lord brachte ihr feine Sitten bei, suchte ihre Rechtschreibung zu verbessern, finanzierte ihren Gesangsunterricht und erweckte ihr Interesse an Literatur, Kunst und antiken Münzen. Er sorgte auch für den Unterhalt ihrer Tochter Little Emma, die am 12. März 1782 zur Welt kam und sofort zu den Großeltern nach Hawarden gebracht wurde. Ab nun porträtierte auch Romney regelmäßig Grevilles junge Geliebte bei wiederholten Sitzungen in verschiedenen, aber nie unzüchtigen Posen. Der Maler bewunderte sein Modell offenbar aufrichtig.
Grevilles Liebe zu Emma erkaltete bald, und er hoffte, eine reiche Erbin als Gattin zu finden, um seiner tristen wirtschaftlichen Situation zu entkommen. Dazu musste er aber zuerst die Liaison zu seiner Mätresse beenden. Im August 1783 kam sein wohlhabender Onkel mütterlicherseits, Sir William Hamilton, seit 1764 britischer Botschafter im Königreich Neapel, auf Besuch und fühlte sich sofort von Emmas Schönheit angezogen, wollte jedoch zunächst keine weitergehende Gunst von ihr erlangen. Während sich Greville mit seinem Onkel auf dessen Güter in Schottland begab, reiste Emma mit ihrer Mutter im Juni 1784 nach Hawarden, um ihre kleine Tochter abzuholen und dann einen etwa zweimonatigen Kuraufenthalt einzuschieben. Danach musste sich Little Emma wieder von ihrer Mutter trennen und wohnte ab Dezember 1784 in einem Pensionat. Greville drängte nun seinen kinderlosen verwitweten Onkel in vielen Briefen, ihn als Universalerben einzusetzen und Emma als Mätresse zu sich nach Neapel zu holen. Damit hätte Greville einer Heirat mit einer vermögenden Dame nichts mehr im Wege gestanden, gleichzeitig hätte er aber auch Emma sicher versorgt. Dass Sir William sie heiraten würde, schien schon wegen seiner Stellung als Botschafter ausgeschlossen. Der Diplomat machte seinen Neffen zwar zu seinem Erben, sträubte sich aber lange mit der Rücksicht eines Gentlemans auf Emmas aufrichtige Liebe zu Greville, sie aus London wegzuführen. Doch schließlich gab er den beharrlichen Bitten seines Neffen nach.Beziehung mit Greville: G. Sinoué, 2005, S. 24–63.
Leben in Neapel bei Hamilton Greville eröffnete seiner Geliebten, dass er aus geschäftlichen Gründen längere Zeit nach Schottland verreisen müsse und sie einstweilen mit ihrer Mutter auf Einladung Hamiltons nach Neapel zwecks weiterer Gesangsausbildung ziehen solle. Höchstens sechs Monate würde ihre Trennung dauern. Den wahren Grund für ihre Reise verschwieg er ihr, obwohl ihr die Entfremdung von ihrem Geliebten nicht entgangen sein konnte. Ungern stimmte sie Grevilles Vorschlag zu. Am 13. März 1786 verließen Emma und ihre Mutter London und wurden vom Maler Gavin Hamilton (der nicht mit Grevilles Onkel verwandt war) begleitet. Über Genf und Turin reisten sie nach Rom, wo sich der Maler verabschiedete, da die italienische Metropole seine Wahlheimat war. In Neapel am 26. April 1786 angekommen, wurden Emma und ihre Mutter im Palazzo Sessa, der herrschaftlichen Residenz des britischen Botschafters, empfangen und einquartiert.