mini|Titelblatt des Erstdrucks

Die Goldberg-Variationen sind ein Werk Johann Sebastian Bachs (BWV 988) für Cembalo. Im von Bach selbst veranlassten Erstdruck aus dem Jahr 1741 wurde es als Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen bezeichnet.Gregory Butler: Neues zur Datierung der Goldberg-Variationen, Bach-Jahrbuch 74 (1988). doi:10.13141/bjb.v19882590 Die Benennung nach Johann Gottlieb Goldberg entstand posthum aufgrund einer Anekdote.Über Johann Sebastian Bachs Lebens, Kunst und Kunstwerke, Bärenreiter-Verlag, Kassel et altera 1974, S. 91–93, siehe auch die Onlinefassung

Die Goldberg-Variationen stellen einen Höhepunkt barocker Variationskunst dar. Das Werk zeichnet sich durch einen planvollen Gesamtaufbau mit regelmäßig eingefügten, in den Oberstimmen streng kanonischen Sätzen aus. Den inneren Zusammenhang der Variationen untereinander liefert das gemeinsame Bassthema. Jeder Einzelsatz besitzt einen eigenen Charakter. Die Haupttonart ist G-Dur.

Entstehung und Namensgebung Die genaue Entstehungszeit des Werkes ist unbekannt. Es wurde im Herbst 1741Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach. 2. Auflage. Frankfurt am Main 2007, S. 406. in Nürnberg von Balthasar Schmid (1705–1749) gestochen und verlegt. Bachs Autograph existiert nicht mehr. Große Beachtung fand daher ein 1975 aufgefundenes, einwandfrei Bach zuzuschreibendes Handexemplar des Erstdruckes, das neben kleinen Korrekturen auch 14 Kanons in Bachs Handschrift enthält.Christoph Wolff: Bach's Handexemplar of the Goldberg-Variations: A New Source. JAMS 29, 1976.

Der Name Goldberg-Variationen (auch Goldberg’sche Variationen) etablierte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Er wurde nach einem anekdotischen Bericht in Johann Nikolaus Forkels Über Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke von 1802 gebildet. Laut Forkel sei Bachs Aria mit verschiedenen Veränderungen für den russischen Gesandten am Dresdner Hof, den mit der Familie Bach befreundeten Grafen Hermann Carl von Keyserlingk, verfasst worden. Der in dessen Diensten stehende Cembalist Johann Gottlieb Goldberg, ein hochbegabter Schüler Wilhelm Friedemann Bachs und Johann Sebastian Bachs, sollte dem Grafen daraus vorspielen:

Dieser Bericht geht wahrscheinlich auf Informationen der beiden ältesten Bachsöhne zurück.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 11. Eine weitere Quelle wurde nicht aufgefunden. Zwei wichtige Argumente lassen am Wahrheitsgehalt des Berichts zweifeln: Die gedruckte Fassung der Variationen enthält einerseits keine Widmung, etwa eine förmliche Widmung an Keyserlingk. Zum anderen war Johann Gottlieb Goldberg 1740 erst 13 Jahre alt und damit technisch kaum in der Lage, dieses anspruchsvolle Werk adäquat zu bewältigen.

Daher ist der Wahrheitsgehalt von Forkels Bericht umstritten. Forkel habe einen späteren, romantischen Kunstbegriff des beginnenden 19. Jahrhunderts auf Bachs Motive und die Kunstauffassung seiner Epoche angewendet.Heinz Hermann Niemöller: Polonaise und Quodlibet. In: Musik-Konzepte. 42, 1985, S. 4 u. 5. Sein Bericht widerspricht allerdings nicht der heute meist vertretenen Meinung, die Komposition sei von Anfang an als Teil – und krönender Abschluss – der Clavierübung geplant worden.Christoph Wolff, Frankfurt am Main, S. 407. Doch selbst hierbei gibt es keine Sicherheit; denn der Druck von Teil IV der Clavier-Übung von 1741 wurde – anders als Teil II und III und genauso wie Teil I von 1731 mit seinen Vorveröffentlichungen – nicht in die laufende Nummerierung Bachs aufgenommen. Allerdings legen identische, sich nur in der Rechtschreibung unterscheidende Formulierungen auf den Titelblättern die Zusammengehörigkeit sämtlicher Clavier-Übungen nahe. Auf dem Titelblatt von Bachs OPUS 1 heißt es: Clavir-Ubung / bestehend in / Præludien, Allemanden, Couranten, Sarabanden, Giguen, / Menuetten, und anderen Galanterien ; / Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget / von / Johann Sebastian Bach […]Werner Neumann: Bilddokumente zur Lebensgeschichte Johann Sebastian Bachs. Kassel u. a. 1979, S. 214–217.

Aufbau und Struktur Satzüberschriften des Originaldrucks (Bachs spätere Zusätze in seinem Handexemplar in Klammern) Aria Variatio 1. a 1 Clav. Variatio 2. a 1. Clav. Variatio 3. Canone all Unisuono à 1 Clav. Variatio 4. à 1 Clav. Variatio 5. a 1 ô vero 2 Clav. Variatio 6. Canone alla Seconda a 1 Clav. Variatio 7. à 1. ô vero 2 Clav. (al tempo di Giga) Variatio 8. a 2 Clav. Variatio 9. Canone alla Terza. a 1 Clav. Variatio 10. Fugetta. a 1 Clav. Variatio 11. a 2 Clav. Variatio 12. Canone alla Quarta. Variatio 13. a 2 Clav. Variatio 14. a 2 Clav. Variatio 15. andante. Canone alla Quinta. a 1 Clav. Variatio 16. a 1 Clav. Ouverture Variatio 17. a 2 Clav. Variatio 18. Canone alla Sexta. a 1 Clav. Variatio 19. à 1 Clav. Variatio 20. a 2 Clav. Variatio 21. Canone alla Settima. Variatio 22. a 1 Clav. alla breve Variatio 23. a 2 Clav. Variatio 24. Canone all Ottava a 1 Clav. Variatio 25. a 2 Clav. („adagio“) Variatio 26. a 2 Clav. Variatio 27. Canone alla Nona. a 2 Clav. Variatio 28. a 2 Clav. Variatio 29. a 1 o vero 2 Clav. Variatio 30. a 1 Clav. Quodlibet. Aria da Capo è Fine

Der einleitenden Aria folgen – in zwei Teile unterteilt – 30 Variationen, die sich jedoch kaum an der Melodie der Arie, sondern nahezu ausschließlich an ihrer 32-taktigen Basslinie orientieren. Jede dritte Variation enthält einen Kanon, wobei das Intervall der kanonischen Stimmen stetig wächst. Die aufsteigende Intervallfolge ist vom Einklang über Sekunde, Terz, Quarte usw. bis zur None angeordnet.

Die 16. Variation – eine Ouverture – markiert den Beginn des zweiten Teiles der Variationenreihe. Die 30. Variation weicht von der strengen Anordnung ab. Statt eines Dezimenkanons setzt Bach hier ein Quodlibet ein, das zwei Volkslieder kunstvoll kontrapunktisch ineinander verwebt.

Ein da Capo der im Erstdruck nicht nochmals wiedergegebenen Aria schließt den Zyklus ab.

Dadurch ergibt sich folgende Großdisposition:

1. Teil: 16 Sätze 2. Teil: 16 Sätze Aria 3 Variationen 3 Variationen 3 Variationen 3 Variationen 3 Variationen 3 Variationen 3 Variationen 3 Variationen 3 Variationen 3 Variationen Aria Binnengliederung der zehn Dreiergruppen freie Variation freie Variation Kanon bzw. Quodlibet

Der symmetrische Aufbau und die schematische Binnengliederung bilden das Gerüst für vielfältige musikalische Gestalten (Bach im Handexemplar: verschiedene Verænderungen). Die Varietas der Variationen kommt beispielsweise durch unterschiedliche Satztypen, Tempi, Taktarten, Tongeschlechter, Spielweisen und die unterschiedliche Gestaltung der Intervallkanons zustande.

Einzelanalysen Aria mini|Klavierstück ohne Titel, notiert von Anna Magdalena Bach in ihrem zweiten Notenbüchlein. Es ist bis auf Kleinigkeiten identisch mit der Aria der Goldberg-Variationen.

mini|Aria der Goldberg-Variationen in wohltemperierter Stimmung (Werckmeister III) auf einem Digitalpiano mit digitalisiertem Cembaloklang gespielt

Die Aria ist der einzige Satz des Werkes, von dem es eine frühere, handschriftliche Fassung gibt. Diese weicht nur in unwichtig erscheinenden Kleinigkeiten von der gedruckten Aria ab.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 81. Sie wurde von Anna Magdalena Bach ohne Titel in ihr zweites, 1725 begonnenes Notenbüchlein eingetragen. Dabei gelangte der Satz auf zwei bis dahin freie Leerseiten zwischen Auf- und Abgesang eines schon früher notierten Liedes. Seit Arnold Schering aufgrund von stilkritischen Untersuchungen die Meinung vertrat, Bach könne nicht der Autor der Aria oder ihrer Vorlage sein, hält die Auseinandersetzung um deren Herkunft an. Dabei spielt auch der vermutliche Zeitpunkt der Niederschrift eine Rolle. Anna Magdalenas Handschrift lässt vermuten, sie habe die Noten zwischen 1735 und 1741 eingetragen. Damit kann der titellose Satz in direkter zeitlicher Verbindung mit der Komposition des Variationenwerkes gesehen werden. Gegen Bachs Urheberschaft wird vor allem das überreiche, ausführliche Auszieren von Melodie und Unterstimmen nach französischer Manier angeführt, für Bachs Urheberschaft spricht die besondere Qualität des weit ausgesponnenen Bassfundaments, dessen ersten acht Takten Bach in seinem Handexemplar durch die Niederschrift von vierzehn Kanons weitere große Bedeutung gegeben hat.Christoph Wolff: Bach's Handexemplar of the Goldberg-Variations: A New Source. JAMS 29, 1976, S. 229–231. Auch versteckte melodische Anspielungen an die Variation 30, das Quodlibet, wurden angeführt.Günter Hartmann: BWV 988: Bergamasca-Variationen? oder Das aus dem Rahmen fallende Quodlibet. Lahnstein 1997, an diversen Stellen der Streitschrift eigene Erkenntnisse und hilfreiche Zitate nebst Notenbeispielen, besonders S. 74–78.

Der italienische Name Aria meint in diesem Falle nicht etwa eine stilisierte Opernarie, sondern einen Typ von Instrumentalsatz, wie er im italienischen und deutschen Barock etwa seit Girolamo Frescobaldi (Aria detta la Frescobalda von 1627) des Öfteren als Thema für Instrumentalvariationen genommen wurde. Dabei hat neben der meist gesanglichen Melodie vor allem das harmonische Gerüst über einem oft ostinaten Bass konstituierende Bedeutung.Wolfgang Ruf: Arie, I. Begriff Terminologie und Frühgeschichte bis zum 16. Jahrhundert. In Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite, neubearbeitete Ausgabe, Sachteil 1, Kassel et altera 1994, Spalte 812 Vergleichbares zeigt beispielsweise Georg Friedrich Händels reichverzierte Air als Thema nachfolgender Variationen in dessen 1720 veröffentlichter Cembalo-Suite d-Moll (HWV 428). Nach Christoph Wolff weist der Anfangsteil der Bassstimme mit dem Ostinato-Bass von Händels Werk Chaconne avec 62 veriations HWV 442 eine Ähnlichkeit auf.

Die Aria der Goldberg-Variationen ist zweiteilig (forma bipartita aus jeweils wiederholten 16+16 Takten). Die Zahl der 32 Takte korrespondiert mit der Zahl der 32 Sätze. Die Aria gleicht dem Satztyp einer gravitätischen Sarabande.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 85, vergl. Bachs Sarabande in der Französischen Suite G-Dur Ihre reiche, genau ausgeschriebene Ornamentik verweist auf François Couperin.

Ein besonderes Gewicht erhält diese Aria, weil sie nicht nur dem Zyklus voransteht und dessen Fundamentalbass liefert, sondern das Werk auch in einem da Capo beschließt. Damit folgt Bach einer barocken Praxis, in der die variierte Melodie in der letzten Variation noch einmal klar herausgestellt wird.Vergl. Aria Eberliniana pro dormente camillo varita von Johann Christoph Bach aus dem Jahre 1680, Faksimile in Johann Christoph Bach. ARIA EBERLINIANA. Neue Bachgesellschaft e. V., Leipzig 1992. Beachte dagegen die Ähnlichkeiten und Unterschiede dazu in Ludwig Beethovens Fünfzehn Variationen mit einer Fuge op. 35 (1802) und Robert Schumanns Impromptus über ein Thema von Clara Wieck op. 5 (1832)

Fundamental-Noten Die Aria und die meisten Variationen besitzen Basslinien, die auf 32 Fundamental-NotenBezeichnung entsprechend den Fundamental-Noten der 14 Kanons in Bachs Handexemplar zurückgeführt werden können. Bei Variatio 18 wurden einige Fundamental-Noten in die Oberstimmen versetzt. Manchmal erscheinen diese auf die beiden Stimmen von zwei Klaviaturen verteilt wie in Variatio 20 oder geraten beim Überkreuzen der Hände in höhere Stimmlagen wie in Variatio 17. Wie in der nachfolgend gezeigten Idealform kommen sie allerdings nirgends vor. Manchmal sind sie vom Taktanfang fortgerückt oder werden durch andere Töne der dazugehörigen Akkorde ersetzt.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 32f.

Fundamental–Noten

Die 32 Takte lassen sich in gleich große Abschnitte teilen. Jeweils am Ende der Teile steht eine Kadenz. Harmonische Grobgliederung Takte 1–8 Takte 9–16 Takte 17–24 Takte 25–32 Kadenz in G Kadenz in D Kadenz in e Kadenz in G