mini|Rubens: Selbstbildnis mit seiner Ehefrau, 1609/10 mini|Maria Theresia in einem Kleid aus Brabanter Klöppelspitze (Gemälde von Martin van Meytens, um 1752)

Im Zusammenhang mit Textilien und Kleidung ist Spitze ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche dekorative Elemente, die nur aus Garn oder aus Garn und Stoff bestehen. Allen Erscheinungsformen der Spitze ist gemeinsam, dass sie durchbrochen sind, d. h., zwischen den Fäden werden Löcher unterschiedlicher Größe gebildet, so dass sich ein Muster ergibt. Daher ist z. B. ein nur mit einem Motiv bestickter Stoff keine Spitze.

Das Wort Spitze leitet sich vom , ab, was „Garngeflecht“ bzw. „in Zacken auslaufende Borte“ bedeutet.Vgl. Ingrid Loschek: Reclams Mode und Kostümlexikon. 5., aktualisierte und erweiterte Ausgabe. Stuttgart 2005, Stichwort „Spitze“.

Meistens wurden und werden Spitzen als Randverzierung an Kleidungsstücken verwendet; es gibt aber auch „entre-deux-Spitzen“ als Einsatz zwischen zwei Stoffstücken, flächige Spitzenstoffe (sog. Plains) und vor allem seit Ende des 19. Jahrhunderts eigenständige, von Kleidung unabhängige Objekte aus Spitze, z. B. als Fensterdekoration wie Macramés, Florentiner oder als Tischwäsche.

Heute werden Spitzen für die Bekleidung hauptsächlich für Dessous, Nachtwäsche, Damenoberbekleidung, Brautkleider und Trachten verwendet. Außerdem findet Spitze Verwendung bei der Fertigung von Tischwäsche, Gardinen und liturgischen Gewändern. Die Region um Plauen bildet das deutsche Zentrum maschinengestickter Spitze (siehe Plauener Spitze), während die Region um St. Gallen als Schweizer Textilzentrum gilt (siehe St. Galler Spitze).

Es werden zwei Arten von echten Spitzen unterschieden: die Nadelspitze und die Klöppelspitze. Technisch gesehen hat sich die Nadelspitze aus der Durchbrucharbeit entwickelt, die Klöppelspitze aus dem Geflecht.

Die Herstellung von Spitze wurde sowohl für Kroatien und Zypern als auch für Frankreich als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.

Geschichte mini|Venezianische Spitze, 1690–1710

Die ersten Nadelspitzen (Reticella) wurden im 15. Jahrhundert in Norditalien gefertigt und erlangten im Verlauf des 16. Jahrhunderts weite Verbreitung. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich daraus die Nadelspitzen-Technik, die zunächst in Venedig und Mailand gepflegt wurde. Spitzen wurden an Ärmelmanschetten angesetzt und dienten als Kragen für Männer und Frauen. Der aufwendigen Herstellung wegen waren Nadelspitzen so extrem teuer, dass nur die Reichsten sie sich leisten konnten. Ihre Beliebtheit beim französischen Adel sorgte für einen beträchtlichen Kapitaltransfer nach Italien, dem Ludwig XIV. dadurch gegensteuerte, dass er die Spitzenherstellung in Frankreich förderte.

mini|Italienische Spitze auf Tüllgrund, 1700–1710

Um 1700–1710 löste die billigere, weil schnellere Klöppeltechnik die Nadelspitze weitgehend ab. Waren die Spitzen anfangs noch dicht gemustert, setzte sich im Verlauf des Jahrhunderts der Tüllgrund mit eingearbeitetem oder appliziertem Muster immer mehr durch. Tüllgrundspitzen waren noch einmal schneller und billiger herzustellen als dicht gemusterte, so dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts sich auch weniger wohlhabende Bürger Spitze zum Sonntagsstaat leisten konnten.

Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts entstand die Häkeltechnik, die in Irland von Heimarbeiterinnen zu höchster Vollendung entwickelt wurde. Occhispitze, die etwa zur gleichen Zeit entstand, spielte nur als häusliche Freizeitbeschäftigung eine Rolle.

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man Klöppelspitze und Lochspitze auch maschinell fertigen, so dass die traditionellen Spitzentechniken vom Aussterben bedroht waren. Breitere Verwendung besitzen heute praktisch nur noch maschinell gefertigte Spitzen in Form maschineller Bohrspitze (Lochspitze), maschinengestickte Tüllspitze, Ätzspitze oder die gröbere Macramé-Spitze.

Die einst hohe ökonomische Bedeutung handgefertigter Spitze existiert heute praktisch nicht mehr. Von wenigen Spezialanfertigungen im Tourismus‑, Museums‑, Schul‑, Schmuck‑ und Kunstbereich erfolgt die Produktion handgefertigter Spitze heute fast ausschließlich als Freizeittätigkeit durch Laien. Die Weitergabe der teils äußerst komplizierten Herstellungstechniken erfolgt dabei – zumeist ehrenamtlich – in speziellen Vereinen, Schulen und Kursen verschiedener Bildungseinrichtungen und Museen, neuerdings auch vermehrt via sozialer Medien. Dennoch sind insbesondere komplexere und nur mit extrem hohem zeitlichen Aufwand zu erlernende und herzustellende Formen der Nadel- und Kombinationsspitze, wie Point de Venise oder Duchessespitze, akut vom Aussterben bedroht.

Arten von Spitze/Stickerei (Auswahl) Handgearbeitete Spitze Punto a groppo mini|hochkant|Punto a groppo

Der Terminus Punto a groppo (wörtlich: „Knotenstich“; Schreibweise gelegentlich auch gruppo, gropo, gropari) bezeichnet eine Form von Spitze, die in Italien in der Zeit vom 15. bis 17. Jahrhundert verbreitet war. Im späten 19. Jahrhundert haben einige Autoren auf die Ähnlichkeit der Technik zu Makramee hingewiesen. Während Makramee mit bloßen Händen geknüpft wird, kam beim Punto a groppo wahrscheinlich aber eine Nadel zum Einsatz; auch erzeugen beide Techniken charakteristische Erscheinungsbilder, die bei ausreichend gut erhaltenen Arbeitsproben leicht voneinander unterschieden werden können.

Punto a groppo war eine hoch entwickelte Technik und wurde insbesondere bei der Anfertigung liturgischer Gewänder und anderer liturgischer Textilien eingesetzt. Für die Verwendung in weltlicher Kleidung etwa war diese Spitze zu grob.

Als Ausgangspunkt der Entwicklung gilt der Osten Europas (Byzanz). In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts – generell einer Zeit der Wiederbelebung mittelalterlicher Spitze – erscheinen an Textilien geknüpfte Spitzenränder aus Leinen‑, Seiden‑, Gold- oder Silberfäden, die in Quasten enden. Als ältester Beleg für die Existenz von Punto de groppo gilt ein Eintrag im Sforza-Inventar von 1493. Giovanni Antonio Taglientes Werk Essempio di recammi (1515) gilt als die erste gedruckte Sammlung von Handarbeitsmustern, die auch Punto de groppo berücksichtigen. 1548 folgte der von Mathio Pagan in Venedig publizierte Specchio di Pensieri. Die Technik scheint insgesamt aber wenig verbreitet gewesen zu sein, nur wenige Arbeitsproben sind überliefert. Als Zeitraum des Höhepunkts galten die Jahre von 1550 bis 1620 und als Zentren die Romagna, Genua, Neapel, Sizilien und die Ionischen Inseln.

Der Bedeutungsverlust des Punto a groppo fiel zusammen mit dem Aufstieg anderer Techniken, besonders der Klöppel- und der Reticellaspitze. Während andere Techniken der Anfertigung von Spitze nach 1600 aus Italien nach Frankreich und in die Niederlande gelangten, finden sich Beispiele für Knüpfspitze in den folgenden Jahrhunderten zunächst ausschließlich in Italien.

Es wird vermutet, dass Puncetto eine Weiterentwicklung von Punto a groppo darstellt. Puncetto ist eine Spitze, die im 19. und 20. Jahrhundert in der Toskana gefertigt wurde und in der Textur leichter als Punto a groppo war.

Reticella Die sehr wahrscheinlich aus der Durchbruchstickerei (ital. punto tagliato, franz. point coupé) entstandene Reticella (auch Reticello; „Netzchen“, von ) ist eine der ältesten Formen der Nadelspitze; die meisten anderen Nadelspitzen haben sich aus ihr entwickelt. Sie ist relativ simpel und für andere Techniken grundlegend, sodass sie als gute Einstiegstechnik für Interessierte gilt, die Nadelspitze entweder erlernen oder studieren wollen. Weil sie oft nicht auf Pergament, sondern als Durchbrucharbeit (punto tagliato) gefertigt wird, gilt sie in der Fachliteratur nicht als Spitze im eigentlichen Sinne, sondern als Übergangsform zwischen Durchbruchstickerei und Spitze.

Die Bezeichnung Reticella lässt sich in Italien seit 1591 nachweisen. Die Technik selbst erscheint dort unter anderem in Musterbüchern von Matteo Pagano (1554), Cesare Vecellio (1591), Giacomo Franco (1596) und Isabella Parasole (1597). Pagano verwendete 1554 noch die Bezeichnung rete.

Als wichtigste Quelle für die Einzelheiten der Reticellatechnik gilt das 1890 publizierte Vorlagenbuch Needle-made laces der österreichischen Textilexpertin Thérèse de Dillmont. Als eine Art Gerüst, das als Basis für die Füllstiche dient, werden bei der Reticella Gründungsfäden (sogenannte „Stege“, fils de trace) benötigt. Diese Stege werden entweder auf einem Stück Pergament gestochen, auf dem das Muster aufgezeichnet ist, oder auf einem leinwandbindig gewebten baumwollenen oder leinenen Stoff, aus dem nach dem Setzen der Stege ein großer Teil der Kett- und Schussfäden so herausgezogen wird, dass offene Felder entstehen („doppelter Durchbruch“; doppelt deshalb, weil Kett- und Schussfäden entfernt werden).

Bei beiden Methoden werden die Stege dann mit verschiedenen Varianten von Schling-, Wirbel- und Webstichen umstickt und verbunden. Bei der Pergamentmethode müssen die einzelnen Werkstücke später zusammengenäht werden. Bei der Durchbruchmethode entfällt dieser Schritt; die britische Textilhistorikerin Doris Campbell Preston gab 1938 dieser Methode, die sie für weniger arbeitsaufwendig und auch für authentischer hielt, den Vorzug. Auch in anderen Quellen wird die Durchbruchmethode als die einzig authentische bezeichnet.

Als Muster finden sich fast ausschließlich abstrakte geometrische Formen.

Die letzte Entwicklungsstufe der Reticella war das punto in aria („Stich in der Luft“), eine Technik, bei der keine Stoffgrundlage mehr verwendet wurde, sodass die Spitze aus der bis dahin vorgegebenen quadratischen Form befreit war. Vom 17. Jahrhundert an wurde die Reticella durch Techniken wie die Venezianische, die Burano- und die Alençonspitze vollständig verdrängt; danach erschien sie – nun oft als „griechische“ oder „spanische“ Spitze bezeichnet – ein weiteres Mal im 19. Jahrhundert, als eine neue gesellschaftliche Mittelklasse nach bezahlbarer Spitze verlangte.

Nadelspitze (französisch: Guipure)

Nadelspitzen sind die vom Arbeitsaufwand her anspruchsvollsten Spitzen. Ihre Herstellung erfordert jahrelange Übung, gute Augen, hochwertiges Garn, viel Licht, eine ruhige Hand und sehr viel Zeit und Geduld.

Die Herstellung von Nadelspitze erfolgt in mehreren Schritten: Zunächst wird auf einen Karton, Pergament oder Papier das spätere Muster gezeichnet. In einem zweiten Schritt wird der Rand dieses Kartons dann auf einen in mehrere Lagen gelegten Leinen- oder Baumwollstoff geheftet, so dass eine stabile, aber biegsame und leicht nachgiebige Unterlage entsteht. In einem dritten Schritt werden auf der Vorderseite des Kartons über der Musterzeichnung die Trassierfäden mit Überfangstichen befestigt, die durch Karton und Stoffschichten führen. Da die Überfangstiche später wieder entfernt werden müssen, werden sie häufig in einem etwas dünneren, andersfarbigen Garn ausgeführt. Die Trassierfäden bilden später das Gerüst der Spitze. In einem vierten Schritt wird dieses Grundgerüst aus Trassierfäden dann in Knopflochstich umstickt. Danach werden in einem fünften Schritt weitere Verbindungsfäden gezogen und die Flächen dazwischen mit ebenfalls aus dem Knopflochstich abgeleiteten Füllstichen ausgefüllt. In einem sechsten Schritt können dann auf Teile des Grundgitters zusätzliche Trassierfäden gelegt und umstickt oder ganze zusätzliche Lagen von Spitze angearbeitet werden, wodurch eine reliefierte oder sogar dreidimensionale Oberfläche erreicht wird. In einem siebten Schritt werden die anfangs um die Tressierfäden gelegten Fassstiche rückseitig aufgeschnitten. Danach werden Papier- und Stofflagen entfernt und in einem letzten Schritt die Reste der Fassstiche sorgfältig herausgezupft. Eventuell kann die fertige Nadelspitze nun auch noch zusätzlich bestickt oder anderweitig nachbearbeitet werden.